Mittagszeit in der Innenstadt. Von überallher strömen Menschen irgendwohin. Sie drängen sich von A nach B. Sie drängeln sich an mir vorbei. Schubsen mich von einer Seite auf die andere Seite, wie es ihnen beliebt. Sie streifen mich. Sie ignorieren mich. Laufen schnellen Schrittes, ihr Ziel anvisierend, an mir vorbei. Augen geradeaus und ruckzuck. Manche sehen mich, nehmen mich wahr. Ein Hallo, ein Lächeln. Dies zu erwidern ist mir selbst überlassen.

Die Stadt lebt und bebt. Ein enormer Geräuschpegel. Verkehrslärm: hupende Autos, quietschende Reifen, dröhnende Motoren. Menschenlärm: schnelle Schritte, klackernde Absätze auf Asphalt, Gegacker, hyänenhaftes Lachen, Stimmengewirr in unterschiedlichen Sprachen. Alles in eine Wolke aus Gerüchen gehüllt. Schweiß, Parfüm, Zigarettenrauch, Essensdüfte jeglicher Spezialitäten: Chinesisch, Türkisch, Deutsch, Amerikanisch, Italienisch und so weiter und so fort.

Vor Stunden hatte der Regen nachgelassen. Die Sonne, zwar etwas angeschlagen am heutigen Tage, brachte trotzdem die Kraft auf, schwarzen Asphalt wieder in grauen Asphalt zu verwandeln. Meine Füße schmerzten in den neuen Schuhen. Ein Spaziergang zum Einlaufen war angedacht, jedoch artete es etwas aus und wurde zu einer Stadtführung. Die Schmerzen waren nun also der Preis, den ich für meine Gutmütigkeit zahlen musste.

Die kleine Mauer aus bunten Steinen, in der schattigen Straße, lud mich ein. Freundlich sah sie mich an und ich wollte ihr tatsächlich etwas Gesellschaft leisten. Sie sah einsam aus. Einsamer als ich, dachte ich, während ich mir still und leise die Frage stellte, welchen Preis ich für diese gute Tat des Tages würde zahlen müssen.

Da saß ich nun im Schatten. Setzte die sowieso unnötige Sonnenbrille ab , um alles um mich herum besser betrachten zu können. Der leichte Wind blies mir einzelne Haarsträhnen ins Gesicht. Immerwieder versuchte ich sie zurück nach hinten zu streichen. Doch der Wind war unbarmherzig und ich wiederholte die Bewegung ein paar Male. Irgendwann war es mir zuwider. Ich kramte in meiner Handtasche nach einem Haarband und band mir das Haar zu einem Zopf. Die Handtasche einer Frau ist doch was ganz Besonderes, fiel mir wieder auf. Meine, ganz speziell. Sollte ich mal gekidnappt werden, kann ich, dank ihr, sicher gut und gerne ein paar Jahrzehnte überleben. Sollte meine Handtasche aber mal ohne mich gekidnappt werden, überlebe ich keine ganze Stunde. Zum Glück werden Handtaschen nicht so häufig ohne Besitzer gekidnappt. Meinen skurrilen Gedanken nachgehend, vernahm ich, dass irgendwo in der Nähe ein Spielplatz zu sein schien. Ich hörte Kindergeschrei, Babygeplärre und mütterliches Namen rufen. Ich starrte gleichgültig auf die Straße. Wippte mit den Füssen etwas hin und her, als plötzlich, wie aus dem Nichts, eine Katze an mir vorbeisprang und weghuschte. Meine Blicke versuchten ihr zu folgen, aber so schnell sie aufgekreuzt war, so schnell war sie auch wieder verschwunden. Irritiert blickte ich umher. Blickte von links nach rechts. Blickte sogar nach oben. Hätte ja sein können, dass sie über mir schwebt. Hätte ich nicht wissen können, hätte ich nicht nachgeschaut. Enttäuscht blickte ich wieder geradeaus und da war es, das Vieh. Nicht die Katze, ER. Der Albtraum, der mich die letzten Nächte, Wochen vom Schlaf abgehalten hat.

Er, Der, nicht Meiner, nicht mehr.

Ich sah seine Umrisse, die mir so vertraut sind, wie mein Gesicht. Groß, das Haar etwas länger als bei unserer letzten Begegnung, der letzten Begegnung. Das blaue Hemd kannte ich. Wie oft habe ich es mir wohl übergeworfen, um aus der Küche noch etwas zu trinken zu holen, als Eventualität für die Nacht. Ich hätte meinen Kopf gerne zum Zerplatzen gebracht. Wie einen Luftballon, der mit der Spitze einer Nadel berührt wird, aber nichts da.

Meine Atmung ging stoßweise. Mein Körper war paralysiert. Mein Blick starr geradeaus, fokussiert, nur ihn im Blick. Für ein paar Sekunden, gefühlt mehrere Ewigkeiten, wurde alles um mich herum schwarz und still. Ich sah nur sein braunes Haar, welches ich sooft und so gerne zwischen meinen Fingern gespürt habe und das blaue Hemd. Urplötzlich, wie die Katze, war er weg. Die Welt nahm wieder ihre Farben und Formen und Töne an und auf. Ein Abbiegen um die Ecke und wieder war er weg. Erneut fühlte ich mich verlassen. Erneut war er sich keiner Schuld bewußt. Dieses Mal vielleicht sogar zurecht. Das also war der Preis für meine Gutmütigkeit. Nur weil ich gewillt war etwas Einsamkeit zu bekämpfen. Jählings merkte ich auch, dass es tatsächlich um mich herum etwas dunkler geworden war und über die Bäume wehte ein frischer Wind entlang. Es sah aus, als ob es gleich regnen würde, aber vielleicht lag es auch nur an mir, dass es so schien. An diesem Tag regnete es nämlich wirklich nicht mehr und auch nicht am nächsten Tag. Zumindest draußen nicht.

Ein Gedanke zu “Gutmütigkeiten – verschönt mich damit in alle Ewigkeiten!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s