Dear S.

Rauchend sitze ich, mit Kopfschmerzen, auf dem Dach meiner alten Schule. Schreibe Sätze, mit Bleistift, auf kariertes Papier. Die tiefe Nacht umhüllt meine einsame Gestalt. Unter mir schlafen, im Dunkeln, die geschlossenen Räume voll von Erinnerungen an damals. Eine Zeit ohne dein Du. Vor mir die lichtüberflutete Stadt. Leuchtet mich an, lächelt mich an, schreit mir ins Gesicht, macht sich über mich lustig, so vermute ich. Glückliche Menschen, glückliche Paare, ein SIE und ein ER, sind dort, leben dort. Ich bin hier. Eine SIE ohne ein ER. Meine Begleiter: nur Dunkelheit, nur Nacht, nur Einsamkeit, Alleinsein und die Sehnsucht. Sehnsucht nach dir. Sehnsucht nach dem was war. Sehnsucht nach dem Glücklichsein. Sehnsucht nach dem Ganzsein. Im Schein der großen Straßenlaterne erblicke ich auf dem Fußweg die Betrunkenen. Sie torkeln, reden mit sich selbst, stützen sich an Backsteinwänden ab. Sie suchen Halt, darin unterscheiden wir uns wohl nicht. Einer singt aus Leibeskräften, fröhlich, den Frank Sinatra Song I did it my way! I did it my way too, heute nacht! Sitze hier oben und weine meine stillen Tränen, die niemand sehen soll. Zu weit bin ich gekommen, zu gut habe ich in der letzten Zeit gespielt. Ein Zurück ist unmöglich ohne zerfleischt zu werden.Ich würde gerne mit ihnen tauschen, mit den Jugendlichen, die des Nachts in den teuren Autos ihrer Eltern durch die Stadt brausen. Bei geöffneten Fenster, der Bass dröhnt heraus. Dringt in mein Ohr. Sorglos und glücklich fahren sie lärmend durch die Stadt und stören die nächtliche Ruhe, rauben der Umgebung, hier und da, für Sekunden den Schlaf. Verschwinden dann im Nichts. Gerne würde ich ihnen was mitgeben ins Nichts. Soviel würde ich ihnen gerne mitgeben ins Nichts! Mir gegenüber ein dunkles Haus mit verriegelten Fenstern und einem verwahrlosten Garten. Es birgt Geheimnisse, die mich nicht interessieren. Meine Seele, mein Herz, mein Kopf- alles ist gefüllt, randvoll, mit so vielen Bildern und Gedanken und Gefühlen. Meine roten Augen sind voller ehrlicher Tränen, die ich für dich, für mich, für uns und wegen dir, wegen mir und wegen uns weine. Meine Lippen formen sekündlich neue Flüche, doch eins bleibt auch heute nacht gewiss oder eben heute nacht gewisser denn je: Ich vermisse dich! Du fehlst mir!

2 Gedanken zu “Ehrlich…

  1. Vielleicht ist die Sehnsucht eine großartige Einladung, dein Ganzsein, welches Dir niemand geben und darum auch niemand nehmen kann, zuzulassen? Es vollkommen neu zu entdecken, selbst im Gefühl seiner scheinbaren Abwesenheit? Ein Ganzsein, welches an keine Bedingungen geknüpft ist? Ein Ganzsein, welches die Unvollkommenheit vollkommen umarmt?

    So wie der Ozean alle Wellen umfasst, zulässt, erlaubt, ausnahmslos, darin besteht sein Ganzsein. Keine Welle wird ausgegrenzt. Da ist nur diese tiefe allumfassende Annahme aller Wellen, egal in welcher Form sie sich manifestieren. Ist es nicht auch das, was wir meinen, wenn wir uns nach Liebe sehnen? Wenn wir das mit einem anderen Menschen erleben, wenn sich also zwei „Wellen“ begegnen, dann ist das eine herrliche Gnade, ein göttliches Geschenk, eine heilige Begegnung. Dafür dürfen wir dankbar sein. Doch unsre Liebe ist nicht begrenzt auf eine bestimmte Welle. Nicht begrenzt auf einen bestimmten Beziehungsstatus. Wie kann das sein, wenn der ganze Ozean das Lied der Liebe singt? Rumi, der große persische Mystiker und Dichter, sagte es ganz passend: „Give up to grace. The ocean takes care of each wave ‚til it gets to shore.“ und “ ‚You are not a drop in the ocean. You are the entire ocean in a drop.“ – will und die Sehnsucht nicht da hin führen?

    Gruß,
    Mark

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