Da ich gestern als Beitrag das Märchen „Gevatter Tod“ von den Brüdern Grimm hatte, möchte ich heute noch zusätzlich ein Gedicht mit euch teilen, dass sich ebenfalls mit diesem Märchen beschäftigt. Die Schriftstellerin Anne Sexton veröffentlichte 1971 ihren Gedichtband Transformations. Verschiedene Märchen der Brüder Grimm hat sie darin umgearbeitet und umgeformt und zu gesellschaftskritischen Gedichten verarbeitet. Gevatter Tod ist eines davon und ich möchte es heute mal als Anschauung, original und in übersetzter Form, vorstellen.

 

Anne Sexton:

Gevatter Tod

 

Spute dich, Gevatter Tod,
Mister Tyrannei,
jede Nachricht von dir
hat etwas vom Tanz,
vom Zappeln des Fischs,
vom kleinen Tanz des Genitals.

Mal angenommen, ein Mann hat
zwölf Kinder
und verflucht das nächste
bei der Taufzeremonie.
Gott wird nicht Gevatter sein,
dieses Skelett, das in seinen Knochen daherkommt wie ein Brathuhn
oder in seiner Selbstgefälligkeit wie mit einem Hakenkreuz.
Der Teufel wird nicht Gevatter sein,
der in seinen Straßen daherkommt wie eine Hure.
Nur der Tod, sein Finger auf unserem Rücken,
wird zu der Zeremonie erscheinen.

Der Tod mit einer Trumpfkarte in der Hand
verspricht dem dreizehnten Kind:
Mein Patenkind, du wirst Arzt sein,
der einzige mit Durchblick, der einzige, der niemals irrt,
wenn du mir aufs Stichwort gehorchst.
Wenn ich am Kopf des Sterbenden steh,
wird er unziemlich sterben und zu mir kommen.
Wenn ich an seinen Füßen steh,
wird er noch einmal über den Glitzer nasser Straßen laufen.
Und so geschah es.

Daher war dieser Doktor nie ein Anfänger.
Er wusste, wer gehen würde.
Er wusste, wer bleiben würde.
Dieser Doktor,
dieser Dreizehnte, Auserwählte
heilte auf Stroh oder auf hoher See.
Er konnte nicht zur Wahl antreten.
Er war nicht Bürgermeister.
Er war berühmter als der König.
Er verhökerte seine fingernägel für Gold,
während die aussätzigen sich in Prinzen verwandelten.

Sein Durchblick
kam zum zug
als der sterbende König ihn rief.
Gevatter Tod stand am Kopf,
und der Tanz war aus.
Dieser Doktor,
der Dreizehnte, Auserwählte
drehte den König wie einen Schuhkarton
vom Kopf-zum Fußende um,
und so, meine Lieben,
blieb er am Leben.

Darauf sprach der Gevatter Tod:
Nur ein einziges Mal, du tapsige Kuh,
drück ich ein Auge zu.
Beim nächsten Mal, Patenkind,
pack ich dich am Schlafittchen
und nehm dich selber mit.
Dem Doktor war das recht.
Er dachte: Ein Hund geht nur einmal auf den Leim.

Es geschah
aber,
dass die Königstochter im Sterben lag.
Der König bot seine Tochter zur Frau,
wenn sie gerettet würde.
Der Tag war so düster wie das Führerhauptquartier.
Gevatter Tod stand wieder am Kopf.
Die Prinzessin war reif wie eine Mandarine.
Ihre Brüste schurrten hoch und nieder wie eine Katze.
Mich hats erwischt! Mich hats erwischt!
rief der Dreizehnte, Auserwählte,
der sich verliebt hatte
und sie deshalb drehte wie einen Schuhkarton.

Gevatter Tod
stieß ihn um wie einen Campingstuhl
und schlang ihm ein Seil um den Hals
und führte ihn in eine Höhle.
In dieser Höhle, murmelte der Gevatter Tod,
sind allen Menschen Kerzen zugeteilt,
die Zoll um Zoll ihre Tage zählen.
Deine Kerze ist hier.
Und da stand sie,
nicht länger als eine Wimper.
Der Dreizehnte, Auserwählte
zappelte wie ein wildes Kaninchen am Haken
und flehte, dass sie wieder angezündet werden sollte.
Sein weißer Kopf hing herunter wie eine Reisetasche,
und sein Genital wurde blau, wie eine Blutblase,
und der Gevatter Tod, so steht es geschrieben,
legte ihm den Finger auf den Rücken
für den großen Blackout,
das große Nein.

 

Godfather Death:

 

Hurry, Godfather death,
Mister tyranny,
each message you give
has a dance to it,
a fish twitch,
a little crotch dance.

A man, say,
has twelve children
and damns the next
at the christening ceremony.
God will not be the godfather,
that skeleton wearing his bones like a broiler,
or his righteousness like a swastika.
The devil will be not the godfather
wearing his streets like a whore.
Only death with its finger on our back
will come to the ceremony.

Death,with a one-eyed jack in his hand,
makes a promise to the thirteenth child:
My Godchild, physician you will be,
the one wise one, the one never wrong,
taking your cue from me.
When I stand at the head of the dying man,
he will die indelicately and come to me.
When I stand at his feet,
he will run on the glitter of wet streets once more.
And so it came to be.

Thus this doctor was never a beginner.
He knew who would go.
He knew who would stay.
This doctor,
this thirteenth but chosen,
cured on straw or midocean.
He could not be elected.
He was not the mayor.
He was more famous than the king.
He peedled his fingernails for gold
while the lepers turned into princes.

His wisdom
outnumbered him
when the dying king called him forth.
Godfather death stood by the head
and the jig was up.
This doctor,
this thirteenth but chosen,
swiveled that king like a shoebox
from head to toe,
and so, my dears,
he lived.

Godfather death replied to this:
Just once I`ll shut my eyelid,
you blundering cow.
Next time, Godchild,
I`ll rap you under my ankle
and take you with me.
The doctor agreed to that.
He thought: A dog only laps lime once.

It came to pass,
however,
that the king`s daughter was dying.
The king offered his daughter in marriage
if she were to be saved.
The day was a dark as the Führer`s headquarters.
Godfather death stood once more at the head.
The princess was as ripe as a tangerine.
Her breasts purred up and down like a cat.
I`ve been bitten! I`ve been bitten!
cried the thirteenth but chosen
who had fallen in love
and thus turned her around like a shoebox.

Godfather death
turned him over like a camp chair
and fastened a rope to his neck
and let him into a cave.
In this cave, murmured Godfather death,
all men are assigned candles
that inch by inch number their days.
Your candle is here.
And there it sat,
no bigger than an eyelash.
The thirteenth but chosen
jumped like a wild rabbit on a hook
and begged it be relit.
His white head hung out like a carpet bag
and his crotch turned blue as a blood blister,
and Godfather death, as it is written,
put a finger on his back
for the big blackout,
the big one.

 

5 Gedanken zu “Anne Sexton: Godfather Death

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