Schreibatelier Mia- Lesson 3: Erzählperspektive – der auktoriale Erzähler

Ich begrüße euch am heutigen Freitag in meinem kleinen Schreibatelier Mia:-)


Heute beschäftigen wir uns mit den Erzählperspektiven. Jedoch werde ich nicht alle auf einmal behandeln, sondern ich werde jeder Perspektive gebührende Konzentration und Aufmerksamkeit schenken. Auf diese Weise kann sich jeder Schreibwillige mit der einzelnen Perspektive vertraut machen und bringt dann auch nichts durcheinander. Wir kennen sie zwar alle, aber dennoch vermischen wir beim Schreiben oft die Perspektiven. Eine Maßnahme, damit dies nicht passiert, sehe ich darin, die Perspektiven einzeln zu betrachten. Hierbei kann sich der Schreibende zunächst an jeder einzelnen Perspektive erproben, damit wir ein Gespür für die jeweilige Perspektive bekommen.

Beginnen möchte ich mit dem auktorialen Erzähler:
Aus dem Lateinischen übersetzt heißt auctor = Urheber oder Berichterstatter.
Der auktoriale Erzähler ist auch bekannt als allwissender Erzähler. Sowohl der Autor, wie auch der Leser befinden sich immer innerhalb der Geschichte. Der auktoriale Erzähler zwar ebenfalls, aber er ist nicht Teil des Geschehens. Er steht vielmehr außerhalb des Geschehens und berichtet lediglich. Der auktoriale Erzähler nennt die Figuren beim Namen und bezeichnet sie als ER/SIE. Da er so absolut unabhängig vom Geschehen steht, hat er auch alle Freiheiten, um die Geschichte zu erzählen.

Der auktoriale Erzähler und seine Eigenschaften:
Die beste Eigenschaft, die dieser Erzähler mitbringt, ist die, dass er allwissend ist. Das bedeutet, dass er über alles Bescheid weiß. Er kennt die gesamte Geschichte und alle Figuren von der Haarspitze bis zum großen Zeh.
Er weiß, wie es hinter verschlossenen Türen und Schränken aussieht und er weiß, welcher Ziegelstein vom Dach fallen wird und wem dann letztlich auch auf den Kopf und er weiß sogar, wann das passieren wird.
Da er alles weiß, kann der auktoriale Erzähler zwischen den verschiedenen Handlungssträngen hin- und herhüpfen. Er kann auch durch alle Zeiten reisen und ist immer und überall bestens informiert.
Ganz wichtig ist hierbei auch zu erwähnen, dass er sogar in die Köpfe aller Figuren hineinschauen kann. Er weiß, was alle denken und fühlen und weiß auch, wann wer lügt!! Vor allem in Dialogen ist das ein sehr brauchbares Talent, denn gesprochene Worte müssen nicht immer die Gedankenwelt der jeweiligen Figur wahrheitsgemäß wiedergeben. Der auktoriale Erzähler kennt die Wahrheit und die Lüge. So können wir, als Schreiber, den Dialog so gestalten, dass wir die Lüge in den Dialog packen, aber dennoch die Wahrheit als Gedankengang offenlegen.
Ebenfalls zu erwähnen ist die Tatsache, dass der auktoriale Erzähler Wertungen vornehmen kann. Es steht ihm vollkommen frei Handlungsweisen oder Charakterzüge der Figuren zu bewerten. Dies passiert durch Kommentare, Deutungen, oder ironische, aber auch sarkastische Vorträge, wenn er denn mag:-)
Zusätzlich dazu, kann er mit dem Leser direkt kommunizieren, wenn er denn möchte, wie beispielsweise:
Sie, werter Leser, sehen das vielleicht anders, aber ich bin überzeugt davon, dass auch Sie gerne diese Fähigkeit beherrschen würden.

Der auktoriale Erzähler und seine Wirkung und Verwendung:
Dadurch, dass der auktoriale Erzähler Teil der Geschichte ist, aber außerhalb des Geschehens steht, entsteht zwangsläufig eine gewisse Distanz zum Geschehen. Dies überträgt sich auch auf den Leser, denn dieser erlebt die Geschichte dann durch das Hören-Sagen-Prinzip. Dies jedoch führt auch dazu, dass er dadurch auch eine engere Verbindung zum Leser aufbauen kann. Dies kann er sogar durch die Kommentare und Wertungen verstärken. Hier stecken dann der auktoriale Erzähler und der Leser unter einer Decke:-)
Dadurch, dass der auktoriale Erzähle in die Köpfe und in die Herzen der Figuren schauen kann, verkürzt sich die Distanz zu dem Geschehen und zu den Figuren. So kann der Leser schneller Antipathie oder Sympathie für die einzelnen Figuren entwickeln.
Der Nachteil bei alldem ist, dass die auktoriale Erzählperspektive auch berichtartige Eigenschaften mit sich bringt. Ein Bericht ist in der Regel nicht besonders spannend, deswegen sollte darauf geachtet werden, wann und wie dem Leser jedwedes Wissen vermittelt wird.
Auch Wertungen und Kommentare haben ihre Tücken. Schnell kann es passieren, dass dieser Erzähler als Moralapostel oder Besserwisser erscheint.

Diese zwei Kritikpunkte sind vielleicht auch der Grund, warum wir bei dieser Perspektive durchaus auch vorsichtig sein sollten. Diese Perspektive bietet sich an, wenn es mehrere Handlungsstränge und viele Charaktere gibt.
Die Möglichkeit der Wertung und des Kommentierens sind jedoch sehr reizvoll, solange wir beim Schreiben darauf achten, dass wir nicht nur berichten und es vermeiden Wertungen und Kommentare einzuflechten, die diesen Erzähler unsympathisch wirken lassen.

 

 

Der auktoriale Erzähler im Fallbeispiel:
Kleider machen Leute, Gottfried Keller
An einem unfreundlichen Novembertag wanderte ein armes Schneiderlein auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen, reichen Stadt, die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgendeiner Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihn ordentlich von diesem Drehen und Reiben.
Denn er hatte wegen des Falliments irgendeines Seldwyler Schneidermeisters seinen Arbeitslohn mit der Arbeit zugleich verlieren und auswandern müssen. Er hatte noch nichts gefrühstückt als einige Schneeflocken, die ihm in den Mund geflogen, und er sah noch weniger ab, wo das geringste Mittagbrot herwachsen sollte. Das Fechten fiel ihm äußerst schwer, ja schien ihm gänzlich unmöglich, weil er über seinem schwarzen Sonntagskleide, welches sein einziges war, einen weiten, dunkelgrauen Radmantel trug, mit schwarzem Samt ausgeschlagen, der seinem Träger ein, edles und romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange, schwarze Haare und Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser, aber regelmäßiger Gesichtszüge erfreute.

 

Fingerübung:
Schreibe einer kurze Passage aus der Sicht des auktorialen Erzählers über folgende Szene:
Ein kleiner Junge bewirft zwei Katzen mit Steinen. Plötzlich kommt seine Mutter um die Ecke und fragt ihn, was er macht. Der kleine Junge antwortet: Ich schaue nur den Katzen beim Spielen zu.
Beruhigt geht die Mutter wieder davon.
Achtet darauf, auch einen möglichen Kopfmonolog des kleinen Jungen einzubauen!:-)

 

Ich wünsche euch viel Spaß beim Erproben und wer Fragen hat, darf dies gerne in die Kommentare schreiben oder mich auch persönlich kontaktieren.
Nächste Woche geht es dann weiter mit der nächsten Perspektive:-)

Eure Mia

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