Gastbeitrag: Psychopathie

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Hallo an euch:-)


Auf meiner Seite Feel_me habe ich meine Reihe zum Thema „Narzissmus“ ist nun vorerst beendet.
Die narzisstische Persönlichkeitsstörung gehört zu den Cluster-B-Persönlichkeitsstörungen. Dazu wird es zukünftig auch einen langen und informativen Beitrag geben.
Bevor ich allerdings weiter mit meiner persönlichen Geschichte fortfahre, möchte ich mich einem Thema widmen, dass hier einen Platz finden soll.
Ich habe dazu einen Gastautor, der sich mit dieser Thematik besser auskennt und danke ihm herzlich für seinen informativen Text.
Es handelt sich hierbei um Alexander Kirton, der zu den Projektleitern der Aktion Avantgarde zählt.

Heute stellen wir mal die Psychopathie in den Fokus.
Auch dieses Thema soll hier einen Platz finden.
Den allgemeinen Begriff der „Psychopathie“ verwendete man ursprünglich für jene Persönlichkeitsauffälligkeiten, die man heute unter dem Begriff „Persönlichkeitsstörung“ zusammenfasst.
1980 wurde diese Bezeichnung mit Einführung des DSM-III durch „Persönlichkeitsstörung“ ersetzt.
Im forensisch-psychiatrischen Sprachgebrauch von heute, ist die Bedeutung von Psychopathie eng begrenzt und bezeichnet ausschließlich eine extrem schwere Form der antisozialen Persönlichkeitsstörung.
Alexander Kirton hat zu diesem Thema einen Text verfasst, den ich hier gerne teilen möchte.
Herzlichen Dank.

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ALEXANDER KIRTON:

PSYCHOPATHIE – EINE FASZINIERENDE ABWEICHUNG VON DER NORM

Zu den aus dem Bereich der Psychologie stammenden und meist falsch verwendeten Begriffen gehört neben der narzisstischen Persönlichkeitsstörung und der Empathie auch die Psychopathie. Noch immer wird im Alltagsgebrauch die Psychopathie als ein Synonym für den einst gebräuchlichen Terminus der Schwachsinnigkeit missbraucht und nicht selten auch als Bezeichnung für das abgrundtief Böse und/oder für das dem vermeintlich normalen Menschen Unverständliche. So meint der Hobbypsychologe, als solcher ein typischer Vertreter des geistigen Pöbels, befähigt zu sein, Psychopathen zehn Meilen gegen den Wind riechen und diese selbstredend auch mit vortrefflicher Genauigkeit im Bekanntenkreis ausfindig machen zu können. Wäre dies der Fall, so gäbe es keinen Bedarf für Kriminalpsychologen. Auch ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass der Psychopath sehr präzise die schwächsten Glieder im Rudel erkennt, als das Rudel den Psychopathen. Doch was ist nun die Psychopathie und was macht den Psychopathen dem Pöbel überlegen?

Es reicht wohl kaum aus, zu sagen, die Psychopathie sei eine schwere Form der antisozialen Persönlichkeitsstörung, um dem Leser einen befriedigenden Einblick in den Abgrund der menschlichen Seele zu gewähren, ohne ihm zeitgleich zu erläutern, um was es sich nun handelt. Dementsprechend möchte ich mich hierbei auf ein sehr zu empfehlendes Werk der Kriminalpsychologin Lydia Benecke namens ,,Psychpathinnen – Die Psychologie des weiblichen Bösen“ aus dem Jahre 2018 stützen. Auf Seite 217 ist die antisoziale Persönlichkeitsstörung wie folgt beschrieben:

,,Gekennzeichnet durch ein tiefgreifendes Muster von Missachtung und Verletzung der Rechte anderer, das seit dem fünfzehnten Lebensjahr auftritt. Mindestens drei der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

1. Versagen, sich in Bezug auf gesetzmäßiges Verhalten gesellschaftlichen Normen anzupassen, was sich in wiederholten Begehen von Handlungen äußert, die einen Grund für eine Festnahme darstellen.
2. Falschheit, die sich in wiederholtem Lügen, dem Gebrauch von Decknamen oder dem Betrügen anderer zum persönlichen Vorteil oder Vergnügen äußert.
3. Impulsivität oder Versagen, vorausschauend zu planen.
4. Reizbarkeit und Aggressivität, die sich in wiederholten Schlägereien oder Überfällen äußert.
5. Rücksichtslose Missachtung der eigenen Sicherheit oder der Sicherheit anderer.
6. Durchgängige Verantwortungslosigkeit, die sich in wiederholtem Versagen zeigt, eine dauerhafte Tätigkeit auszuüben oder finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.
7. Fehlende Reue, die sich in Gleichgültigkeit oder Rationalisierung äußert, wenn die Person andere Menschen gekränkt, misshandelt oder bestohlen hat.“

Der Diagnostik der Psychopathie dient die Psychopathie-Checkliste des kanadischen Kriminalpsychologen Robert D. Hare. Abhängig von der Gewichtung unterschiedlicher Kriterien sind hierbei bis zu 40 Punkte zu erreichen, während bereits ab 25 Punkten ein hoher Psychopathiewert konstatiert wird. Die oben aufgeführten Aspekte der antisozialen Persönlichkeitsstörung werden hier mit den folgenden Kriterien ergänzt:

1. trickreich sprachgewandter Blender mit oberflächlichem Charme
2. erheblich übersteigertes Selbstwertgefühl
3. pathologisches Lügen (Pseudologie)
4. betrügerisch-manipulatives Verhalten
5. Mangel an Gewissensbissen oder Schuldbewusstsein
6. oberflächliche Gefühle
7. Gefühlskälte, Mangel an Empathie
8. mangelnde Bereitschaft und Fähigkeit, Verantwortung für eigenes Handeln zu übernehmen
9. Promiskuität
10. viele kurzzeitige eheähnliche Beziehungen *
11. polytrope (vielgestaltige) Kriminalität

[* besonders häufig bei Psychpathinnen anzutreffen]

Liegt eine derartige Störung vor, muss daraus nicht zwangsläufig delinquentes Verhalten resultieren. Viele Psychopathen werden nie straffällig und nutzen ihre Risikobereitschaft, ihre Skrupellosigkeit und ihre Verlogenheit dazu, die Sprossen der Erfolgsleiter im Bereich der Wirtschaft oder der Politik zu erklimmen. Auch im Bereich der Medien sind laut des britischen Psychologen Kevin Dutton Psychopathen (im Vergleich zu anderen Berufssparten) überproportional stark repräsentiert. Bedenkt man, dass es sich bei Psychopathen oftmals um notorische Lügner handelt, so sollte dies wohl kaum verwunderlich sein.

Dass nicht jeder Psychopath durch Delinquenz in Erscheinung tritt und somit die geistige Devianz des betroffenen Individuums nicht selten den Mitmenschen unentdeckt bleibt, ist auf die sehr wohl vorherrschende Heterogenität der Interessen unter Psychopathen zurückzuführen. Zwar gilt das Interesse primär sich selbst – hier sollte es nicht überraschen, dass es sich bei den meisten Psychopathen auch um Narzissten handelt -, doch ist das Selbst eines jeden Menschen auf unterschiedliche Art und Weise zufriedenzustellen. Manche präferieren Intrigen, manche das Morden, manche das Überfallen von Banken, manche den Posten des Bankvorstandes.

Doch ähneln sich Psychopathen in einer Sache sehr und hierin sind sie dem geläufigen Nicht-Psychopathen überlegen: In der Kunst des Analysierens und in der Kunst des Manipulierens – Stichwort: Empathie.

Wie der Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt in seinem Buch ,,Die dunklen Seiten der Empathie“ zu erläutern wusste, handelt es sich bei der Empathie in erster Instanz nicht um das Mitfühlen, sondern um das Miterleben einer Situation, in welcher sich das Gegenüber befindet. Geblendet wird der Mensch nur zu gerne vom eigenen Wunschdenken, von den eigenen Moralvorstellungen und heutzutage besonders gerne von der geistigen Selbstbeschneidung im Namen der politischen Korrektheit. ,,Das kann nicht sein, weil es nicht in mein Weltbild passt.“ Der Psychopath unterliegt derartigen Zwängen nicht und verlässt sich auf seine kognitive Empathie, also auf die Kompetenz, die Empfindungen des Gegenübers rational zu analysieren. Hier findet ein Zusammenspiel des kognitiven Empathen (Psychopath) und des emotionalen Empathen (Nicht-Psychopathen) statt. Während der Psychopath die Schwächen seines Gegenübers analysiert, erkennt er, wie dieser erfolgreich zu manipulieren ist – und wie sollte das besser gehen, als durch Impulse an die emotionale Ebene des Nicht-Psychopathen? Devote Menschen sind in jeglicher Hinsicht ein gefundenes Fressen für den an den eigenen Profit denkenden Psychopathen, unabhängig davon, wie dieser Profit definiert ist.

Eine Frage bleibt jedoch offen: Wie entsteht eine Psychopathie? Ist sie vererbbar, oder voll und ganz auf das soziale Umfeld zurückzuführen? Versucht man dem Problem auf den Zahn zu fühlen, findet man sich flink bei der Henne und dem Ei und auch ich möchte mich hierbei nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, obgleich es nicht uninteressant, ja nahezu verlockend ist, sich der Spekulation hinzugeben, wohl wissend, dass es nur eine Spekulation ist.

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