Montagslyriker 7: Wort und Tat für Save the Children

Dieser Beitrag enthält Werbung, unbezahlt*
Hallo an euch am heutigen Montag:-)


Hier geht es weiter mit der siebten Runde der Montagslyriker und wir steuern dem Ende der Runde entgegen. Aber es liegen noch ein paar Wochen vor uns und es stehen noch ein paar kreative Köpfe in den Startlöchern.
Heute Abend wird es wieder lyrisch und ein wenig dunkler;-)
Unser heutiger Dichter wurde vom Weltschmerz inspiriert, aber auch guter Sex und die Liebe treiben ihn an und verführen ihn zum Schreiben.
Neben der schreibenden Tätigkeit ist er auch musikalisch unterwegs, also haben wir heute einen Allrounder, der unsere Bühne rocken wird und später gerne noch für Fragen und Antworten bereitsteht oder einfach nur um über Philosophie, Kunst und Politik zu diskutieren:-)
Die Einnahmen seiner verkauften Bücher gehen zu 100% an Save the Children und dies ist eine so schöne Geste, das ich es dringend erwähnen möchte:-*
Egotour gibt es hier also keine, denn als Dichter lässt er lieber sein Werk und seine Worte und Taten für sich sprechen und liebt die Anonymität. Seine Kunst steht im Fokus und heute Abend darf er auf unserer Bühne auch selbst zu Wort kommen.
Mein werter Kollege Matthias Breimann und ich freuen uns sehr, dass wir ihn heute vorstellen und seine Kunst präsentieren dürfen und nun lehnen wir uns zurück und lauschen:

Nordplatzdichter

75965098Bild: Nordplatzdichter
1. Nenne den Schmerz beim Namen. Wer ist der Dämon, der dich zum Schreiben verführte?
Ein mühsam kultivierter und jetzt nicht mehr loszuwerdender Weltschmerz, Angst in zu engen Räumen, existenzialistische Krisen, guter Sex und die große Liebe, tibetischer Buddhismus, sowie eine unendliche Begeisterung für die ästhetischen Möglichkeiten des menschlichen Geistes.

2. Wer dich kennenlernen will muss wissen, dass du …
Ich bin äußerst perfektionistisch. So sehr, dass es ab und an schon an Besessenheit grenzen kann. Außerdem bin ich schnell gelangweilt und daher sehr albern. Viel von dem was ich sage, ist als Humor intendiert, kann aber von außen wirken, als hätte ich den Verstand verloren. Was noch? Ich esse keine Tiere, die nicht versuchen mich zu essen und bin immer gerne zu haben für angeregte Diskussionen über Philosophie, Kunst oder Politik. Allerdings: wer rechts von der CDU steht, wird mich wohl nie kennen lernen. Mit derart geneigten Menschen rede ich nur, wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt und auch dann lieber auf große Distanz, am besten durch ein Megafon.

3. Welche Götter verehrst du?
Schwierig sich hier einzuschränken. Da ich Musiker bin, sind viele meiner lyrischen Vorbilder tatsächlich eher als Sänger bekannt. Ich verehre Tom Waits, Nick Cave, Mark Lanegan und Jim Morrison. Im geschriebenen Wort sind meine Helden Sartre, Camus, die griechischen Philosophen (fast ausnahmslos), William S. Burroughs, Jack Kerouac, Aksel Sandemose, aber auch TerryPratchett.

4. Was tust du, um dein Werk bekannt zu machen?
Ich veröffentliche meine Texte auf Instagram, schreibe und verkaufe Bücher (die Einnahmen gehen zu 100% an Save the Children) und verstecke die eine oder andere Flaschenpost in der Innenstadt Münsters. Ausschau halten lohnt sich!

5. Und nun, zeige dich!
Ich bleibe als Dichter anonym. Mir ist es wichtig, dass die Arbeit für sich steht. Daher hier ein paar Stillleben, von denen ich das Gefühl habe, dass sie mich repräsentieren können und einige Gedichte.

Meine Bücher:
Nadelöhr (2015)
Gerissener Faden (2018)
Goldene Pillen und Hartgeldsonaten (Arbeitstitel / 2020)

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Cocktailkarte

Es regnet
tagsüber kostet es wenig
nachts kostet es viel
ein Bier kostet 3.50
eine Schüssel mit Reis und Rindfleisch 7.50

und deine Kellnerin kann dich tatsächlich sehen
sie ist ein Engel
mit einem Magen voller Taubenfedern

und ich bin zu Hause
Frauen sind glühenden Winde, rennen
unsichtbar durch meine Wohnung
verrücken dabei alle Möbel
ein Klangspiel von reißenden Ketten und
rostigen Türangeln weht durch
ihre gläsernen Gesichter

Meine tanzende Geliebte
du wütende Brandung gegen mein Herz
du bist eine Chemikalie
die mit schwarzen Zungen reagiert
wie nervöser Phosphor

Es regnet
tagsüber jaulende Köter
singende Hexen bei Nacht
eine Ohrfeige kostet 3.50
ein Rufmord 7.50

und deine Freunde tranken sich allesamt blind
sind Nebelschläger
die ihren schattigen Doppelgängern die Arme brachen

und ich bin zu Tisch
dunkle Stunden und Butterbrote
in einem hermetisch vernagelten Haus, wo
ein eisengrauer Ozean in Duschen, Waschbecken
und Kloschüsseln zum Sturm ansetzt
Schwingen ziehender Möwen sind
Tinte, Salz und toten Muscheln

Frau meiner Träume
die in roter Erde badet
du bist eine Chemikalie
die in geschlossenen Schubladen reagiert
wie Schwarzlicht auf gewetzten Messern

Es regnet
tagsüber himmlische Sicheln
nachts panische Wolken
eine trotzige Silbe kostet 3.50
ein Hassfick 7.50

und ein junger Mann muss sich übergeben
erbricht Feuerschwalle
aus dem Magmakessel seiner Innereien

und ich bin zu Bett
stehe auf den Laken mit dreckigen
Füßen, spüre die
Autophagie meiner Negativität, während
eine unbeschriebene Seite an meinen Fingern
zieht wie das geblähte Segel
eines Bootes im Strudel am Grunde einer Schnapsflasche

Titanin meines Kosmos
die die Strahlen der Sterne reitet wie wilde Pferde
du bist eine Chemikalie
die seit zehn Jahren nicht mehr zu Hause war
und sich dennoch kein bisschen verändert hat
bestellst immer noch das Gleiche
von der Cocktailkarte

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Luciferin (Rettet unsere Seelen)

Ohne Kompass und Machete in den Urwäldern der absoluten Leere
wo MDMA im Boden steckt wie kristallines Gras
in invertierten Fotografien vom Bildrand in die Erde wächst
zertanzt unter den von Lehm geküssten Füßen
der berauschten Tänzerinnen
die schwingen wie im Wind aufgehängte Messer
flüssig auf weißen, zitternden Ebenen.
Das Beben, das Fließen
sind das Wesen aller Dinge.

Was auch immer sie sind
bin ich nicht.

Ohne Schuhe und Seile in den Gebirgsmassiven der absoluten Leere
wo die Geschichten schlecht sind und keine Enden haben
über den roten Schein der LEDs in die Herzkammern der Äste kriechen.
„Wir können nicht lachen, daher verbrennen wir unsere Körper von Innen.“
Luciferin fließt in durchsichtigen Adern, ein Rascheln wie von trockenem Papier
ein kaltes Licht im eisigen Dampf eines morgendlichen Atemzuges
Flammen, die man mit der Zunge berühren darf.
Das Keuchen und das Schwitzen
sind das Wesen aller Dinge.

Was auch immer wir sind
sind wir nicht.

Ohne Federn und Schnäbel über die Steilküsten der absoluten Leere
wo die Brandung tausend trübe Augen hat
mit diamantenen Zähnen blinde Ufer küsst.
Jemand schwebt in der waagerechten
steckt die Füße in die Dunkelheit am Waldrand
und läuft wankenden Schrittes durch einen Vorhang eiserner Wolken
endlich unendlich, endlich hohl.
Der Abschied und die Wiedergeburt
sind das Wesen aller Dinge.

Was auch immer wir sind
ist das Nichts.

Die Aufzehrung unserer Körper
ist deren größter Genuss.
Wir steigen auf und ab
in den Kehlen
treiben hin und her
in den Spiegelwassern
der absoluten Leere
einander brauchend
sind wir ewige, windige Distanz
über kahlen Baumwipfeln.
Ein warmes Zimmer
ein Bett
eine Person, die einen hin und wieder liebt.
Gib mir eine Hosentasche voller Angelhaken
damit wir nicht verwehen
und eine Hand
deren Finger sich aus aus schwarzen Wellen aufrichten
zum Gruß an die Mönchsgesänge im Akzent der absoluten Leere:
„Rettet unsere Seelen!“

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Gott der Türschwellen (zu lesen für jene, die gehen)

Bitte bleib
und wenn du nicht bleiben kannst
weil du hingehen musst
wo Wolkentürme Schankräume fluten
der schwarze Himmel sich
im Schimmel an den Wänden fortsetzt
und der Mund eines Geistes
an der Theke wortlose Lieder singt
dann bete ich für dich zum Gott der Türschwellen:

Ich wünsche dir einen Sonnensturm
ein Rütteln an deinen Fensterläden
und rote Handabdrücke auf deinem Hintern

Ich wünsche dir einen Strauß transparenter Halluzinationen
Ranken von Efeu an den Handgelenken
und geifernde Höllenhunde in Hinterhöfen

Ich wünsche dir ein Gewitter schwarzer Müllsäcke
Rattenkot auf Gebetsbüchern
und ewige Jugend unter deinen Fingernägeln

Ich wünsche dir Leberflecken, die schön sind wie Wüstenrosen
eine Schubkarre voller Diamanten
und silberne Drähte in deinem Kiefer

Ich wünsche dir rotierende Sägen hinter der Stirn
Träume von Neonschwimmern in Fabrikhallen
und einen Mund voller Zahnräder

Ich wünsche dir Orchideen, die riechen wie Gummi
gelbe Plastikfedern in deinem Kopfkissen
und einen Schal aus getrocknetem Feuer

Ich wünsche dir, dass dein Seelenlicht ins Pissoir fällt
schöne Momente, billige Schlüsselanhänger
und einen Zerberuskopf über deinem Bett

Ich wünsche dir gerissene Mauern
rote Monolithen im Zucken einer Kerzenflamme
und zu laute Sänger in Schlangengruben

Ich wünsche dir einen Morgenstern am Gaumenzäpfchen
verregnete Sonntage vor dem Kamin
und Liebesbriefe von wilden Frauen und traurigen Männern

Ich wünsche dir nasse Rosen in nassen Händen
Kinder, die lächeln wie Stacheldraht
und betrunkene Nachbarn, die mit den Türen knallen

Ich wünsche dir Schatten, die mit heißen Nadeln tätowieren
Telefonate mit all deinen Perversionen
und warme, ehrliche Zärtlichkeit

Ich wünsche dir sichtbare Knochen
Schwingen aus vernähten Perlen
und einen Nebel, der sich auf die Haut legt wie nasses Klopapier

Ich wünsche dir implodierende Blutgefäße und explodierende Trinkgefäße
Ich wünsche dir eine Dämmerung, die glüht wie die Zigarre eines Irren
Ich wünsche dir Lungen voller Qualm im Kinderzimmer
und ich wünsche dir Rost
Ich wünsche dir tausend rote Blüten
Ich wünsche dir Rost, Rost, Rost, Rost, Rost

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2 Gedanken zu „Montagslyriker 7: Wort und Tat für Save the Children

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