Toxische Positivität

“Du musst positiv denken!” Dieser Satz erzeugt in mir nicht nur Brechreiz, sondern auch Wut. Er ist so abgedroschen wie ein “Guten Morgen, gnädiges Fräulein”

Was hier als gut gemeinter Rat daherkommt, findet man heutzutage immer häufiger. Das positive Mindset bei so manchen Leuten könnte schlimmer und verlogener gar nicht sein. “Good vibes only” bitte oder aber auch toxische Positivität. 

 

Toxische Positivität: Was ist das?

Forschungen haben ergeben, dass positives Denken einen positiven Effekt auf die Gesundheit hat. Soweit so gut. Doch positives Denken, auch das kam bei diesen Forschungen heraus, ist limitiert. Und nicht nur das, es ist kein Patentrezept und auch kein Lebenskonzept. Auf Dauer kann es sogar mehr schaden als nutzen. So werden ernste Probleme einfach mal wegbagatellisiert. 

Wir kennen sie alle, diese Sätze, die uns helfen sollen, wenn wir mal wieder so richtig am Boden sind:

“Ist doch nicht so schlimm, sehe es doch positiv.”

“Alles nicht so schlimm, es könnte schlimmer sein.”

“Reg dich nicht auf, nutze diese Energie für etwas Gutes.”

“Alles hat seinen Grund. Du wirst es bald sehen.”

Natürlich sind solche Sätze dazu da, um uns zu trösten. Sie sollen uns zeigen, dass auch andere Menschen Probleme haben und alles viel schlimmer sein könnte. Wenn man aber gerade den Job verloren hat, der Vermieter einem mit Zwangsräumung droht und man eben erst erfahren hat, dass der Partner eine Affäre mit dem Postboten hat, ist es schwer daran irgendwas Positives zu sehen. Mag sein, dass es später noch kommt, aber gerade im Augenblick bestimmt nicht. Positives Denken hat sicher eine Berechtigung, aber es funktioniert eben nicht auf Knopfdruck. Außerdem will jedes Gefühl gelebt werden und dazu gehört auch Trauer und Wut. 

Wie bei allem im Leben, kann man es mit dem positiven Mindset auch übertreiben. Persönliche finde ich auch, dass viele Menschen, die ein derartiges propagieren, ziemlich unecht wirken. Kauft man ihnen wirklich ab, dass sie so entspannt damit umgehen würden, wenn man ihnen das Bankkonto leerräumt? Ich denke kaum. 

Es scheint oft so, als würden sie sich selbst dazu zwingen, ständig dämlich vor sich hinzugrinsen. Mag sein, dass sie einen Werbedeal mit einer Zahnpasta-Marke haben, denn anders kann man sich das nicht wirklich erklären. 

Es kann nicht gesund sein, seine negativen Gefühle ständig nur zu verleugnen. Und natürlich wird mir jetzt jeder Dauergrinser erklären wollen, dass es sich hierbei nur um das positive Mindset handelt. Aber eigentlich handelt es sich genau darum: toxische Positivität.

 

Warum toxische Positivität auf Dauer enorm ungesund ist

Kein Mensch auf dieser Welt kann immer nur glücklich, zufrieden und entspannt sein. Nicht mal der Dalai Lama, da bin ich mir sicher. Unter Anbetracht der weltlichen Geschehnisse. Es gibt eben immer wieder Momente, die einfach nicht gut sind. Und dazu kommt noch, dass wir alle ziemliche Durchschnittsmenschen sind und mit dem Dalai Lama rein gar nichts zu tun haben. Wir haben also alle ganz banale Probleme. Wenn wir nun von uns selbst oder auch von unserem Gegenüber erwarten, immer fröhlich und positiv zu sein, führt das unweigerlich dazu, dass Gefühle unterdrückt werden. Und oft spielt man dieses Spiel des Grauens auch mit, denn wer will schon der Spielverderber sein. Also fangen wir dann auch an, blöde vor uns hinzugrinsen, doch empfinden im Inneren eine tiefe Trauer über das leere Bankkonto und weil der Partner jetzt mit dem Postboten zusammen gezogen ist und die Kücheneinrichtung gleich mitgenommen hat. 

Unterdrückte Gefühle sind bekanntlich nicht gesund. Sie verschwinden nicht einfach wie der Rauch einer Zigarette. Sie verpuffen auch nicht einfach so. Man kann sie zur Seite drücken, aber nicht auflösen. Auf lange Sicht gesehen, sitzt man am Ende auf einem Berg an unterdrückten Gefühlen und im schlimmsten Fall explodiert oder implodiert man dann. Die Folge davon kann eine Depression sein, die man dann wahrscheinlich auch mit einem positiven Mindset wegdenken soll. Oder schlimmer noch, man wird aggressiv und verprügelt am Ende den Vermieter, der einem an diesem Tag eigentlich nur sagen wollte, dass er sich das mit der Zwangsräumung anders überlegt hat. Dann aber doch nicht mehr und eine Klage wegen Körperverletzung kommt dann noch obendrauf. Aber bitte dabei immer positiv denken. Es könnte eine neue Erfahrung werden, die man da macht. So häufig stehen wir Durchschnittsmenschen eben dann doch nicht vor Gericht. 

Die Gesellschaft fordert von uns, dass wir immer gut drauf sind. Bitte keine unangenehmen Gefühle nach außen tragen. Und bloß niemanden mit echten Problemen belästigen. Das führt häufig dazu, dass Menschen, die ernste Probleme haben, sich selten Hilfe holen und an ihrem Leid ersticken. Am Ende will natürlich niemand was geahnt, gesehen oder bemerkt haben. Aber wie auch, man war damit beschäftigt das eigene Dauergrinsen zu pflegen und jedem good vibes only zu wünschen. 

 

Was man dagegen tun kann? 

Auch wenn es schwerfällt, aber zu seinen Gefühlen stehen ist immer ein guter Anfang. Jedes Gefühl will empfunden und gelebt werden. Wir sind auch keine Miesepeter, wenn wir mal weinen und Tränen zeigen. Und wir sind auch keine schwachen Menschen, wenn wir uns Hilfe holen, weil bei uns selbst das vermeintlich positive Mindset nicht funktioniert. Ich habe tatsächlich noch nie davon gehört, dass man eine Essstörung, eine Depression oder eine Krebserkrankung einfach wegatmen und wegdenken kann, aber ich habe schon einiges darüber gehört, was passiert, wenn Menschen ihre Gefühle über eine lange Zeit hinweg unterdrücken.

6 Gedanken zu „Toxische Positivität

  1. Ohne innere und äußere, gesunde Konfrontation im Sinne von face the facts ist derart permanente Positivität wie Du schreibst wahrlich ungesund denn zwanghaft weil Gefühle die wahrgenommen werden möchten unterdrückt werden. Wirkliche Authenzität im Handeln und auch bzgl. der eigenen Selbstwahrnehmung haben fallen bei diesem auf rosaroten Wolkenschweben ins Bodenlose.
    Herzlichen Dank für die Klarsicht in deinen Zeilen

  2. Hi Mia, ich habe es endlich geschafft 😉
    Der Beitrag in voller Länge hat mir gut gefallen und ein, zweimal hat er mir sogar ein Grinsen ins Gesicht gezaubert:-)

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