Montagslyriker 10: Juan Tomas Lauga/ Part2: “LESEZEIT”

Hallo, an euch kreativen Seelen und Lesefreunde:)

Der Montagabend ist wieder da und somit stehen auch die Montagslyriker wieder bereit. 

Mein werter Kollege Matthias Breimann und ich sind heute aber mal ganz still, denn heute ist Lesezeit. 

Letzte Woche haben wir euch einen wunderbaren Autor vorstellen dürfen und heute Abend lassen wir ihm literarisch noch ein wenig Raum. Zwei Geschichten hat er uns mitgebracht und ihr dürft euch jetzt zurücklehnen und mitlesen. 

Herzlichen Dank an Juan Tomas Lauga!

Die Montagslyriker wünschen euch viel Spaß bei der Lesestunde:-) 

Juan Tomas Lauga – Instagram

 

Talfahrt

Der Dezember ging aufs Ende zu. Und damit auch das Jahrzehnt. Die Zwanziger standen vor der Tür. Sie klopften an. Draußen schneite es seit Tagen unablässig. Ein weißes Rauschen, dass ich nur am Rande wahrnahm. Ich saß in meiner Wohnung, die zum ersten Mal seit Monaten von mir geputzt worden war.

„Bald ist Weihnachten“, dachte ich, „Bald ist Silvester.“

Es war still in meinem Zimmer. Selbst mein Tinnitus ließ nichts von sich hören. Es war so still, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Gefühl für das völlige Nichts bekam. Die Leere, die man in sich spürt, wenn man absolut tatenlos ist. Wenn das Herz aus einer jammervollen, es nicht besserwissenden, tragischen Pflicht heraus das Blut weiter durch den lethargischen Körper pumpt und sich die Lunge mechanisch und nicht wirklich lebendig mit Luft füllt und sich wieder leert. Das Hirn ist noch da, um in diesem stürmischen Nichts den Kapitän zu geben. Es gibt alles auf, außer dem Maschinenraum, um, jegliche Verluste in Kauf nehmend, irgendwie diesen Sturm zu überstehen. Schon sonderbar, so ein windstiller Sturm. Schon sonderbar, wie ich dasaß. Alles ordentlich aufgeräumt. Die Stifte auf meinem Schreibtisch nach Farbe sortiert. Laptop, Karaffe, Vase, College-Block. Symmetrisch zueinander. Das Bett neu bezogen und gemacht. Die Klamotten in meiner Kommode gebügelt und gefaltet nach Hosen, Shirts, Pullovern, Socken und Unterwäsche sortiert. Kein Staubkorn in den Ecken meines Zimmers. Das Bad hatte ich blank geputzt, strahlend weiß. Die Küche genauso. Keine Schuhe, die im Flur verteilt rumlagen, keine Krümel auf dem Sofa im Wohnzimmer. Keine leeren Sektflaschen, keine vollen Aschenbecher auf dem Wohnzimmertisch. Alles steril. Alles sauber und akkurat. Ich hatte mich auf diesen Tag gefreut. Ich hatte mich mit Lena vertragen. Mit Schiffer vertragen. Hatte Mahnungen der Universität versteckt. Alles was daran erinnerte, dass ich studierte aus dem Sichtbereich verbannt. In Schubladen und Mülleimern verstaut und weggeschmissen. Ich hatte mir ein Hemd angezogen, eine Jeans. War beim Friseur gewesen.

„Bald wäre Weihnachten gewesen“, dachte ich.

Als Mensch erlebt man häufig den Tod. Nicht den Tod seiner Mitmenschen meine ich, sondern den eigenen. Die Kindheit, die Schule, das Studium. Alles beginnt und endet, bis das Leben an sich, irgendwann und immer zu früh, endgültig endet. Jede dieser Etappen geht mit einer fundamentalen Veränderung der Lebensumstände einher, sodass man vom Tod der vorherigen Version seiner selbst sprechen kann. Die Täter sind auf den ersten Blick vielfältig. Freunde, Frauen, ich selbst. Doch in erster Linie ist es die Zeit, die mich immer wieder aufs Neue getötet hat. Gleichgültig wie sie ist. Sie tötete mich, alle paar Jahre, manchmal auch alle paar Tage und aus der Leiche stieg ein neues Ich empor. Neugeboren und voller Tatendrang, erfüllt von der Überzeugung, verstanden zu haben. Und ich war dankbar dafür, hielt es für etwas Gutes. Bis etwas passierte, das mich hinabstieß. Dieses Mal sollte ich nicht so einfach emporsteigen.

Ich saß in meinem Zimmer. Es konnte gar nicht mir gehören. Das war nicht ich, der darinsaß. Ordentlich gestriegelt und gebürstet. „Eine ordentliche Wohnung bedeutet eine ordentliche Seele“, hatte meine Großmutter immer gesagt. Eine schäbige Lüge. Wo der Tod ist, der echte, reale Tod, da ist das Chaos. Er fegt über einen hinweg. Trägt das Schweigen der Zeit mit sich und legt seinen Fingerknochen auf die klagenden Lippen der Hinterbliebenen. Man verstummt. Die Seele verstummt dann.

„Hinterbliebenen“, dachte ich, „Komisches Wort. Klingt ein wenig wie zurückgeblieben. Wie verlassen. Als wenn die Toten auf einer Reise in eine neue Zukunft wären. Allein und jeder für sich.“

Ich war nicht allein in meiner Wohnung. Etwas umgab mich. Eine Präsenz, die mich verhöhnte, mich quälen wollte. Ein frierender Dämon, der sich die Schatten zu eigen machte an diesem siebzehnten Dezember, um seine Zähne tief in meinen Geist zu graben. Er hatte nicht die Absicht jemals wieder loszulassen. Das spürte ich. Er kroch über den Holzboden. Schmiegte sich an die Wände und schnurrte unablässig. Es erzeugte eine Resonanz in mir, die die Stille noch leiser machte. Ich blickte mich in meinem Zimmer um. Ich wurde wütend. Das war alles nicht echt. Das war alles nicht ich. Ich war kein Mensch, der in einer ordentlichen Wohnung wohnte. Ich war kein Mensch, der ordentlich aussah, dessen Zimmer nach Lavendel und nicht nach Alkohol und Rauch roch. Das war alles eine Lüge! Und wenn alles eine Lüge war, dann auch das, was der Kommissar zu mir gesagt hatte, der mir gegenübersaß. Dieser frierende Dämon.

„Sie lügen“, sagte ich, „Sie lügen doch.“

„Herr Jupiter“, sagte der Kommissar, „Ich kann verstehen, dass das schwer zu verkraften ist.“

„Was gibt es da zu verkraften?“, fragte ich, „Eine Lüge muss man nicht verkraften. Man muss sie enttarnen. Als das sehen, was sie ist.“

„Hier gibt es leider nichts zu enttarnen.“

„Sie halten die Klappe. Aus ihrem Mund kommen nichts als Lügen.“

„Ich nehme meinen Beruf sehr ernst.“

„Einen Scheiß nehmen sie ernst.“

Konnte es vielleicht sein, dass er sich irrte? Das hier eine Verwechslung bestand? Kein Mensch ist perfekt. Jeder macht mal einen Fehler. Wenn er nur bereit wäre seinen Fehler einzugestehen, dann wäre ich bereit ihm zu verzeihen. Darauf hätte ich mich eingelassen. Das wäre gerecht gewesen, fand ich.

„Brauchen Sie einen Seelsorger?“, fragte der Kommissar, „Wir pflegen bei uns gute Kontakte zu einigen hervorragenden Psychologen.“

„Ich brauche keinen scheiß Seelenklempner“, antwortete ich, „Sie brauchen einen. Was fällt Ihnen ein, hier einfach so reinzumarschieren? Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, dass ich meine Eltern erwarte. Wir wollten gemeinsam Weihnachten feiern.“

Ich verstummte. Der Kommissar sah mich an. Er war schon etwas älter und trug eine Hornbrille. Er war nicht in Uniform gekommen, sondern in Zivil. Seine schwarzen Haare waren bereits von einigen grauen Strähnen durchsetzt. In seinem Gesicht zeigten sich erste Falten, die von einer Müdigkeit zeugten, die über den Stress einiger Jahrzehnte Polizeiarbeit hinausging. Er seufzte.

„Herr Jupiter. Sie wissen es offenbar schon selbst. Sie müssen es aber auch akzeptieren.“

Seine Stimme lag schwer in der Stille. Ob ich wollte oder nicht. Dieser Satz erdrückte mich.

„Was muss ich denn akzeptieren?“

Der Kommissar rückte seinen Stuhl zurecht und räusperte sich.

„Wie ich Ihnen eingangs bereits mitgeteilt habe, Herr Jupiter“, sagte er, „Ihre Eltern hatten einen Helikopterabsturz. Sie sind tot.“

„Verschwinden Sie!“, schrie ich, „Verschwinden Sie! Sie Bastard! Sie lügender Hurensohn! Verschwinden Sie!“

„Sie brauchen dringend Hilfe. Sonst geht es bergab mit Ihnen.“, sagte der Kommissar, stand auf und verließ meine Wohnung.

Ich verweilte noch einen Moment auf meinem Stuhl in meinem Zimmer. Als ich die Wohnungstür dumpf zufallen hörte, stürzte ich ins Bad. Ich schaffte es noch gerade so den Toilettendeckel anzuheben, da erbrach ich. Es war nicht das Übergeben, das man von einer Lebensmittelvergiftung kennt. Wenn ein sauer riechender Schwall halbverdauten Essens aus einem herausstößt und ins Wasser platscht. Es war ein Würgen und Schnappen. Alles, was ich herausbekam, waren Speichel und Magensäure, die mein Kinn hinunterliefen. Mein Magen zog sich zusammen, verkrampfte und verknotete sich, genauso wie meine Seele es tat. Mit vorgebeugtem Rücken und auf den Knien, den Mund weit geöffnet, spie ich meine Eltern aus mir heraus. Meine Fingerknöchel traten weiß hervor, als ich mich am Rand der Toilettenschüssel festklammerte. Ich würgte, röchelte, stöhnte. Ich bezwang mich selbst. Nach eineinhalb Stunden des Kotzens, ohne wirklich erbrochen zu haben war ich zerbrochen. Ich kauerte vor der Toilettenschüssel auf den Kacheln.

„Mama und Papa sind tot“, dachte ich, „Sie sind fort.“

Ich schloss meine Augen. Das weiße Licht des Badezimmers schien durch meine geschlossenen Lider hindurch, stach in meine Iris und erfüllte meinen Kopf mit roter Dunkelheit. Leere. Ich selbst fühlte den kalten Boden nicht mehr. Fühlte die Magensäure nicht mehr auf meinen Zähnen, fühlte keine Haare in meinem Gesicht. Ich sehnte mich nach meiner Kindheit zurück. Nach Sommerferien und Nachmittagen mit Freunden auf dem Bolzplatz. Ich sehnte mich nach kaltem Eistee, nach etlichen, unermüdlichen Stunden des Fußballspielens. Mit dem Fahrrad unter der tiefstehenden Sonne durch Spielstraßen und Fußgängerzonen fahren. Verfolgungsjagd spielen. Auf Trampolinen springen und schauen wer einen Salto schaffte. Ich sehnte mich nach den Gerüchen meiner Kindheit. Den Gerüchen einer sauberen Vorstadt, in der es keine Probleme gab, außer Schürfwunden und Hausaufgaben. Spielplätze, meine Freunde und meine Mutter, die zu Hause auf mich wartete und Fischstäbchen mit Spinat und Pommes kochte. Meine Mutter. Mama. Manchmal, wenn ich verletzt und weinend nach Hause kam und meine Mutter mich bereits durch das Küchenfenster sah, kam sie herausgestürzt. „Maxi! Warst du wieder fleißig?“, pflegte sie besorgt zu rufen. Dann nahm sie mich in die Arme. Gab mir ein Pflaster für die Wunde und tröstete mich. Das würde sie nie wieder tun.

Ich starb den Tod meiner Eltern. Aber anders als sie, die in einem alpinen Sturm vom Angesicht der Existenz gefegt wurden, verblieb ich. Mit einem schlagenden Herzen und bebender Lunge. Tot und lebendig. Nach diesem Ereignis umso uneinsichtiger darin bestärkt, an nichts zu denken, im Nichts zu sein und Nichts aus mir zu machen, außer einen im morbiden Luxus eines beträchtlichen Erbes versinkenden Alkoholiker. So ging das zweite Jahrzehnt meines Lebens, das zweite Jahrzehnt eines neuen Jahrtausends zu Ende und ein fürchterliches Drittes nahm seinen Anfang, noch bevor Silvesterraketen und Champagnerflaschen es begrüßen durften. Schreckliche Dinge würden mir geschehen. Schreckliche Dinge würden der Welt geschehen. Bis hierhin bin ich vielleicht blind gewesen. Taub. Aber ich war auch glücklich und umgeben von Freunden. Es gab keine Sturmwolken am Horizont, kein elektrisches Knistern in der Luft, keine Propheten, die einen kommenden Weltuntergang prophezeiten. Das Chaos ist das Chaos. Völlig gleichgültig gegenüber der Gleichgültigkeit.

 

Glanzlose Langeweile

 

Ich erinnere mich an jedes einzelne Gespräch. Ganz besonders an eine Unterhaltung, während einem der schönsten Oktobertage, die ich in den letzten Jahren erleben durfte.

„Das Leben ist ein Bonbon. Am Anfang schmeckt es süß und manchmal prickelt es auch. Am Ende bleiben aber nur Zahnschmerzen und ein fader Geschmack auf der Zunge“, sagte ich und zündete eine Zigarette an. Sie hing aus meinem Mund, nur von meinen rissigen Lippen gehalten. Im Schatten der Kathedrale, in einer schmalen Gasse, setzte ich mich mit meinem Freund Schiffer an einen Tisch im Außenbereich unseres Stammlokals.

„Schwacher Vergleich. Das Leben ist kein Bonbon. Es ist eine Ausrede. Eine Ausrede nicht zu denken. Jeden Tag erfinden wir neue, zeitraubende Ausreden. Unsere ganze Zeit ist danach ausgerichtet beschäftigt zu sein und uns das Denken abzunehmen. Die Tage erst habe ich mit jemandem gesprochen, der dieses Jahr schon fünf Mal umgezogen ist. Aus Langeweile hat er gesagt. Ist das nicht dämlich?“

Schiffer zündete sich auch eine Zigarette an. Er balancierte das kostbare Gift zwischen seinen Fingern und stieß den Rauch durch seine Nase aus. 

„Was weißt du schon über Dämlichkeit?“, fragte ich, „Du bist so tief in deiner eigenen Dummheit versunken, du kannst Dämlichkeit nicht einmal erkennen, wenn dein Hund seinem eigenen Schwanz nachjagt. Viel eher würdest du darin eine Metapher fürs Leben sehen.“ 

„Finde ich auch gar nicht so unpassend ehrlich gesagt“, antwortete Schiffer.

„Das habe ich mir gedacht.“

Die Kellnerin brachte Espresso und Wasser. 

„Vielen Dank“, sagte Schiffer, „was denken Sie denn über das Leben?“, fragte er die Kellnerin.

„Tut mir leid, ich muss arbeiten“, sagte sie und verschwand wieder im inneren des Cafés. 

„Siehst du?“, Schiffer zog bestätigt an seiner Zigarette. 

„Was für eine Überraschung, dass eine junge Frau während der Arbeit nicht mit einem Kerl wie dir Reden möchte. Außerdem kenne ich sie irgendwoher. Sie mag keine Pseudophilosophen“, ich trank meinen Kaffee in einem Zug aus. 

„Erfahrungen aus erster Hand, wie?“, fragte Schiffer und zwinkerte mich an. 

„Halt die Klappe. Wie läuft es denn bei dir mit den Frauen?“ 

„Könnte kaum besser sein. Drei katastrophale Dates in einer Woche. Erst vorgestern war ich mit einer Clara essen. Kannst du dir vorstellen, dass sie sich mit einem Zahnstocher die Fingernägel geputzt hat? Es war ein Desaster!“ 

Erstaunt drückte ich meine Zigarette aus. 

„Clara? Meinst du die Schneiderin?“ 

„Ja! Woher kennst du sie?“ 

„Ich war Mittwoch mit ihr essen“ 

„Hatte Sie Zahnstocher dabei?“ 

„Nein. Bargeld hatte sie auch nicht“ 

„Komisch. Ich musste gestern auch bezahlen“ 

„Wollte sie danach was trinken gehen?“, fragte ich. 

„Nein, wollte sie nicht. Mit dir denn?“ 

„Nein“

Wir saßen daraufhin schweigend an unserem Tisch. Laubblätter umspielten im herbstlichen Wind meine Füße. 

„Ich glaube wir wurden astrein verarscht“, sagte ich, „Sekt bekommt mir nicht gut. Raubt mir meine Urteilskraft“ 

„Nicht in dieser Sache. Sie hat uns an der Nase herumgeführt“, antwortete Schiffer. 

„So spielt das Leben, was?“ 

„Das könnte es doch sein. Das Leben ist ein Spiel. Man kann nur nicht seinen Spielstand speichern“

„Das ist der größte Mist, den ich heute gehört habe“, ich lehnte mich zurück, „hast du Lust was zu trinken? Verkatert trinkt es sich am besten“

Schiffer rieb sich die Hände, „wenn ich dazu jemals nein sage, jagst du mir eine Kugel rein“ 

„Mit Vergnügen Schiffer. Manchmal würde ich nichts lieber tun“ 

Wir riefen die Kellnerin heran und bestellten eine Flasche Wein. 

„Merlot, bitte“, sagte ich, „und eine Käseplatte“ 

„Heute sind wir dekadent, wie?“, fragte Schiffer. 

Ich wich verlegen Schiffers Blick aus. 

„Die Arbeit“, sagte ich.

Noch schluckte das Bonner Münster das Sonnenlicht. Das kleine Café in der Gasse lag im Schatten. Ich war vom vorigen Abend noch etwas zerknittert. Meine Augen verschwanden unter meiner Stirn, beträchtlichen Augenringen und Kopfschmerzen. Mein Hemd lugte unter einem zerbeulten Sakko hervor und meine Haare hatte ich unter meiner Schiebermütze gebändigt. Schiffer wiederum trug einen grünen Rollkragen, auf dem noch einige Alkoholflecken Geschichten vermuten ließen, die wir bereits vergessen hatten. Er verbarg sie, indem er einen faltenfrei gebügelten Trenchcoat trug. Seine Haare waren ordentlich gepflegt und ein schweres Parfüm überdeckte den Geruch nach Bier und abgestandenem Rauch der durchzechten Nacht. Straßenreiniger, die die letzten Spuren des Nachtlebens verwischten, fegten über die Pflastersteine der Gasse. Gegenüber dem Café hatte eine junge Künstlerin die Eingangstür ihres Ateliers geöffnet, als eine Amsel durch die offene Tür und gegen eine ihrer Leinwände flog. Die Farbe darauf war noch frisch, sodass der Abdruck des Vogels rot auf der Leinwand verblieb und sich nahtlos in ihre Malerei einfügte. Wir hatten das Geschehen beobachtet. Die Künstlerin verschwand im inneren und kehrte den toten Vogel auf eine so selbstverständliche Art aus ihrem Atelier, dass man meinen könnte, dass ihr das regelmäßig passiert. Sie besah sich des Tatorts und verschränkte überraschend zufrieden die Arme. 

„Interessant“ dachte ich.

„Unfassbar, manchen kommt die Kunst einfach so zugeflogen“, sagte Schiffer, „weißt du wie lange ich manchmal auf meinen Laptop starre, bevor ich auch nur einen Satz rausbringe?“ 

„Manchmal?“, fragte ich, „Es vergeht kein Tag, an dem du mich nicht damit vollheulst, dass du keine Inspiration findest“

„Du weißt eben nicht, wie das ist, wenn man schreibt“, antwortete Schiffer beleidigt. 

„Da schreibst du einen Bestseller und hebst ab, als wärst du Hemingway. Nimm dir ein Vorbild an mir. Ich heiße Jupiter und bin trotzdem down-to-earth“

„Deswegen bist du kein Schriftsteller. Dein schlechter Humor widert mich an“ 

„Du langweilst mich Schiffer“

„Das sagst du häufig. Trotzdem rufst du ständig an“

„Langeweile ist die Mutter der Aufregung“, sagte ich.

„Und der Alltag ist der Vater“, fügte Schiffer hinzu.

ich hob mein Glas, „auf gute Eltern also!“

„Auf die Langeweile!“, sagte Schiffer und wir stießen an. 

„Die Langeweile ist schon so eine Sache“ sagte Schiffer, nachdem er sein Glas geleert hatte, „ich glaube die Sesshaftigkeit war ein großer Fehler“ 

„Was meinst du damit?“, fragte ich. 

„Es war der erste Schritt zur Langeweile. Überleg doch mal. Mit der Sesshaftigkeit begann alles. Davor ging es nur darum zu überleben. Erst als die Menschen angefangen haben sich niederzulassen, hatten sie den Raum nichts zu tun“ 

ich überlegte, „ich glaube es hat schon mit der Entdeckung des Feuers begonnen. Für mich ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Langeweile. Erst wenn du durch und durch kein Tier mehr bist, sprich erst wenn du über Vernunft und Bewusstsein verfügst, kann dir auch langweilig sein. Ich glaube nicht, dass einer Gazelle jemals langweilig ist. Genauso wenig kann sie rational handeln, weil sie zugleich auch nicht irrational handeln kann. Das Feuer hat uns damals endgültig von den Tieren getrennt und damit das Fundament für Bewusstsein und Langeweile geschaffen“

„Vielleicht“, sagte Schiffer, „ich könnte aber schwören, dass meinem Hund letztens langweilig war. Er lag nur rum und hat immer wieder geseufzt. Genauso wie ich“

„Hunde imitieren ihre Herrchen. Woher soll er überhaupt wissen, dass ihm langweilig ist?“, fragte ich. 

„Muss man denn wissen, um Langeweile zu verspüren? Kann Langeweile nicht genauso ein Urgefühl sein wie Hunger, Durst oder Geilheit?“, zufrieden holte Schiffer eine Zigarette aus der Schachtel. 

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht“, antwortete ich. 

„Dir war wohl noch nicht langweilig genug“ 

„Dabei leben wir in der Zeit der großen Langeweile“ 

„Wir werden eben für unsere Geschäftigkeit im letzten Jahrhundert belohnt“, sagte Schiffer. 

„A propos. Als ich letztens im Zug saß, habe ich mich mit jemandem unterhalten, der mir allen Ernstes erzählt hat, wie gerne er Frontsoldat im zweiten Weltkrieg gewesen wäre. Kannst du dir das vorstellen?“ 

„Nicht wahr!“ 

„Doch, doch! Er hat mir einen vorgejammert, wie eintönig sein Leben ist. Jeden Tag nine-to-five, am Wochenende dann in den Club. Ein, zwei Mal Urlaub im Jahr und all die Verantwortung! Ein Alptraum sei das, hat er gesagt. Da wäre es einfacher ein Soldat zu sein“ 

„Da siehst du was Langeweile mit einem machen kann“, sagte Schiffer. 

„Ja. Langeweile und der Unwille mit der eigenen Freiheit umzugehen. Stell dir vor, das geht so weit, dass man sich Nazistrukturen herbeisehnt. Befehle und Hierarchie!“ 

„Freiheit führt also auch zu Langeweile“

Die Tische am Bürgersteig vor dem Café füllten sich mit Gästen. Zigarettenrauch und Belanglosigkeiten waberten um die Menschen. Apfelkuchen wurde gegessen, Wein wurde getrunken. Die Oktobersonne tauchte die Hauswand in goldenes Licht. Sie reflektierte von den großen Fensterscheiben und Fahrräder klapperten über die Pflastersteine der Straße. Das deutsche Leben floss träge vor sich hin.

„Wusstest du, dass die Feuer in Australien eine Fläche so groß wie Deutschland verwüstet haben?“, fragte Schiffer. 

„Ja. Die Koalas stehen kurz vor dem Aussterben“, antwortete ich, „eine Schande“ 

„Ich glaube nicht, dass sie aussterben werden. Es gibt doch tausende Koalas in Zoos auf der ganzen Welt“ 

„Wusstest du, dass es Gruppierungen gibt, die Zoos verbieten wollen?“, fragte ich. 

„Ja. Eine Schande“, sagte Schiffer. 

„Eine Fläche so groß wie Deutschland. Stell dir vor, das wäre hier in Europa passiert. Es sähe schlimmer aus als nach dem ersten Weltkrieg“ 

„Ob es schlimmer aussehen würde, weiß ich nicht, aber die Verwüstung wäre größer“ 

„Das wäre schlimmer“, antwortete ich. 

„Ja, das wäre es“, sagte Schiffer.

ich rückte meinen Stuhl zurecht. Die hölzernen Beine scharrten über den Boden. 

„Ganz schön ungemütlich“, sagte ich, „und der Tisch wackelt auch“ 

„Der Espresso vorhin war auch schon mal besser“, sagte Schiffer. 

„Ich kenne den Besitzer. Er sagt, dass sie nicht mehr aus Venezuela beziehen. Kinderarbeit“, antwortete ich. 

Schiffer betrachtete seine Schuhe, „Schlimm, wenn man bedenkt wie viele der Dinge, die wir genießen von Kindern hergestellt werden“

„Ja wirklich. Noch schlimmer ist es, dass es mir nicht einmal wirklich leidtut“ 

„Tut es nicht?“, fragte Schiffer. 

„Nicht wirklich, sonst würde ich ja auf all diese Dinge verzichten. Keinen Kaffee trinken, meine Kleidung wechseln. Keine Schokolade, kein Handy und auch kein Auto. Ich finde die allermeisten Leute sehr scheinheilig, wenn sie sich darüber beklagen, wie schwer es die Menschen in Entwicklungsländern haben. Dem liegt eine Doppelmoral zugrunde, die ich abstoßend finde“ 

Schiffer nahm sein Glas in die Hand und drehte den Stiel zwischen seinen Fingern, „sind wir Opfer dieses Systems?“, fragte er.

„Schiffer, das ist wirklich eine beschissene Frage. Wie können wir Opfer sein, wenn wir nicht leiden?“ 

„Wir leiden unter Langeweile“ 

„Langeweile und Existenzangst“, ich trank einen großen Schluck Wein. Die Flasche war fast leer. 

„Außerdem“ führte ich aus, „sind wir für unsere Langeweile selbst verantwortlich. Wenn wir wollten, könnten wir das ändern. Wir könnten in diese Länder gehen, unsere Leben hinter uns lassen und 20 Stunden am Tag in irgendwelchen Kobaltminen ackern, bis wir umfallen. Wir könnten die Welt bereisen, uns in Gefahr begeben. Wir könnten zur Armee und für unser liebes Vaterland die Demokratie in fernen Ländern verteidigen“ 

„Wir könnten“, Schiffer goss den restlichen Wein in sein Glas, „noch eine Flasche bestellen“

„Liebend gern. Der Merlot ist hervorragend“ 

Wir riefen die Kellnerin heran und bestellten eine zweite Flasche. 

„Ich habe eine Frau gekannt, der so langweilig war, dass sie den Marathon des sables gelaufen ist“, sagte Schiffer.

„Nie gehört“, sagte ich. 

„Das ist ein Ultramarathon in der Sahara. 230 Kilometer durch die Wüste. Über 40 Grad Celsius Durchschnittstemperatur. Sie ist dabei gestorben. Hat sich in einem Sandsturm verirrt und wurde Wochen später von Beduinen gefunden. Mit dem Kopf im Sand“ 

„Tragisch“ 

„Tragisch von wegen. Es war absehbar. Die Frau war leichtsinnig und verzweifelt. Sagte, sie würde sterben vor Langeweile“ 

„Wie ironisch“ 

„Da sagst du was“

Die Kellnerin brachte den Wein. Sie fragte, ob wir etwas essen würden. Die Küche sei nun geöffnet. 

„Nein danke uns ist gerade nicht nach essen zumute“, sagte Schiffer. 

„Was macht dein neues Buch?“, fragte ich. 

„Es schreibt sich wie von selbst“ 

„Als nächstes der deutsche Buchpreis?“ 

„Ich bin auf der Bestsellerliste der New York Times. Ich glaube dem deutschen Buchpreis bin ich entwachsen“, Schiffer schnaubte. 

„Entschuldige die Frage“ 

„Angenommen“ 

„Vielleicht ist das doch mal eine Idee. Ein Buch ohne Handlung“ 

„Was soll das bringen?“, fragte Schiffer. 

„Hat dein Leben denn eine Handlung?“, erwiderte ich amüsiert, „Gibt es einen Marionettenspieler über dir, der die Fäden in der Hand hält und dich in immer neue Abenteuer schickt? Oder sind wir Spielbälle des Zufalls?“

„Tropfen im chaotischen Ozean des Universums“, sagte Schiffer. 

„Genau das meine ich.“ 

„Ein Buch über nichts also!“

„Bravo!“ rief ich. 

„Auf die guten Ideen!“, rief auch Schiffer und hob sein Glas. 

„Da fliegt er wieder.“ 

„Lieber fliegen, als in der Gosse liegen!“ 

„Es hat schon seinen guten Grund, dass du kein Dichter bist“, sagte ich. 

„Ich höre da bloß Neid bei dir raus“, antwortete Schiffer.

 

 

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