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The Ocean Collective: Ein Interview mit Robin Staps

Im Jahr 2001 entdeckte Robin Staps eine alte Aluminium-Fabrik, die seit dem Zweiten Weltkrieg stillgelegt war. Innerhalb von nur zwei Monaten verwandelte er die Kellerräume in einen Komplex namens Oceanland, bestehend aus einem Studio, einem Proberaum und einigen Schlafbereichen.

Zwei Jahrzehnte später ist The Ocean Collective zu einer international bekannten Band geworden, die große Erfolge feiert.

Im Oktober führten wir ein Gespräch mit dem Frontmann Robin Staps über die laufende Tour, vergangene Jahre und seine lebensverändernde Erfahrung in Puerto Rico, wo er beim Schwimmen beinahe ertrunken wäre.

 

The Ocean Collective

Ein Interview mit Robin Staps

 

 

Hi Robin, wo seid ihr gerade und wie geht es euch?

Wir sind gerade in Glasgow unterwegs. Morgen geht’s weiter nach Leeds, dann Manchester und schließlich London. Ich fühle mich etwas müde, daher habe ich mir heute Abend mal ein gemütliches Hotelbett gegönnt. 🙂

 

Wie lang geht eure Tour noch? 

Bis Ende Oktober. Dann geht es erstmal für ein paar Tage nach Hause. Im November spielen wir noch einmal im Kolumbien. Dann haben wir bis Ende Februar ein wenig Zeit zum Ausruhen. 

 

Eure Verschmelzung von Progressive Metal mit klassischen Elementen ist wirklich faszinierend und einzigartig. Kannst du uns ein wenig mehr darüber erzählen, wie ihr von einem stillgelegten Kellerraum in Berlin zu Cellos auf der Bühne gekommen seid?

Das hat sich tatsächlich entwickelt. Ich habe schon immer davon geträumt, eine Musik zu erschaffen, die sowohl kraftvoll als auch episch ist. Dabei fand ich es besonders reizvoll, Instrumente jenseits der üblichen Rockbesetzung einzubeziehen. Vor allem das Cello hat eine unglaubliche Wucht, wenn man es richtig einsetzt. Also haben wir relativ früh begonnen, solche Instrumente in unsere Musik zu integrieren. Allerdings war es uns wichtig, nicht in die Falle des opernhaften Metals zu tappen, der oft mit der Kombination von klassischer Musik und harten Gitarren verbunden wird. Wir wollten keinen bombastischen Sound erzeugen, der unsere Musik überlagert. Daher haben wir uns entschieden, jedes Instrument sparsam einzusetzen, meistens in Form von Solos. Wir setzen also kein großes Orchester auf die Bühne. Eine Ausnahme bildet unser letztes Album, auf dem wir opulente Bläserarrangements verwendet haben. Aber das passt gut zur Atmosphäre des Albums, das eine ganz andere Klangpalette bietet. Es geht auch darum, gelegentlich neue Wege zu erkunden und sich kreativ auszudrücken.

 

Spielst du selber Blasinstrumente? 

Leider nein! Aber ich habe mir fest vorgenommen, mir mal eine schwarze Posaune zu kaufen. Damit werde ich dann meine Bandkollegen gelegentlich nerven. (lacht)

 

Es gibt wahnsinnig viele Bands: Wie schafft man es, als Band gesehen, wahrgenommen und gehört zu werden? 

Wir machen uns da nicht so viele Gedanken drüber. Das passiert automatisch, wenn man etwas macht, was ein bisschen anders ist, als das, was die anderen machen. Ich denke, das trifft auf uns auch zu. Wir machen auch keine Alben mit dem Anspruch, dass wir uns von anderen Bands abheben wollen. Wir schreiben Musik, die wir fühlen, die in uns ist und rauswill. Erst im nächsten Schritt machen wir uns Gedanken darüber, wie das vielleicht ankommt und wahrgenommen werden könnte. Beim Songwriting denke ich gar nicht darüber nach. Ich glaube auch, dass das wichtig ist. Einfach sein Ding machen und das auch konsequent sowie kontinuierlich. Klar sollte man mit jeder Platte auch versuchen, was anders zu machen, aber es sollte auch immer eine bestimmte Richtung erkennbar bleiben. Und wenn man dann auch noch Leute um sich herum hat, die da mitziehen, funktioniert das meistens sehr gut. 

 

Musik und auch der Zugang zu Musik hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Vor allem durch das Internet und die sozialen Medien. Fluch oder Segen? Und welche Rolle spielen die sozialen Medien für euch persönlich? Wie wichtig sind Instagram, Spotify, YouTube, TikTok für euch?

Die sozialen Medien sind extrem wichtig. Dadurch kann man als Band seine Hörerschaft selbst aufbauen und natürlich auch an sich binden. Und das kann einem dann auch niemand wegnehmen. Mit einer guten Community ist man auch weniger auf externe Gelder, externe Konzerne und große Labels mit großen Budgets angewiesen. Man kann als Band viel mehr selbst machen. Dadurch ist man unabhängiger. Das ist schon ziemlich cool. Andererseits bringt es eben auch viel Arbeit und Verpflichtungen mit sich. Es ist sehr zeitaufwendig, wenn man ständig in den sozialen Medien präsent sein will und auch sollte. Diese Zeit hat man dann nicht zum Musik machen und für sonstiges. Es ist auch anstrengend, wenn man sich nach einem Konzert noch die Zeit nehmen muss, alles zu teilen, was die Leute gepostet haben. Aber sie freuen sich dann, wenn sie erwähnt werden und andere, die nicht dabei waren, kriegen einen guten Einblick. Dafür lohnt es sich dann. Privat bin ich aber fast kaum in den sozialen Medien unterwegs. Höchstens mal, wenn ich auf Reisen bin und dann was teile. Aber aus meinem privaten Leben teile ich eigentlich sonst wenig. Im Vordergrund steht der Bandaccount. Es ist eben auch part of the job.

 

Ihr seid gerade on tour. Vor drei Jahren wäre das ja undenkbar gewesen. Wie wichtig ist für euch das Live-Geschäft und hat euch die Pandemie stark getroffen? Wie war das für euch? Hatte diese Zeit Einfluss auf die Art und Weise, wie und welche Musik ihr heute macht?

Ja. Es hat auf jeden Fall Einfluss darauf gehabt, was wir für Musik machen. Unser aktuelles Album Holocene ist während der Pandemie entstanden. Darüber hinaus ist auch noch ein anderes Album während dieser Zeit entstanden. Das haben wir tatsächlich noch nicht einmal aufgenommen. Es war eine produktive Zeit. Und ich habe es auch ein wenig genossen, zu Hause zu sein. In den letzten zehn Jahren wurde das nämlich zunehmend schwieriger. 2019, also kurz vor der Pandemie, waren wir sehr viel auf Tour und da war es dann, zumindest am Anfang, wirklich mal schön zu Hause sein zu dürfen. Irgendwann wurde es dann aber beängstigend, weil man einfach auch nicht wusste, was passieren wird und ob die Welt, wie wir sie kannten, überhaupt nochmal so werden kann. 

2021 gab es Livestreams, damit hatten wir dann die Möglichkeit auch mal wieder gemeinsam Musik zu machen. Was davor fast ein Jahr lang gar nicht ging. Das war extrem wichtig für uns als Band. 

2022 haben wir dann ein neues Album rausgebracht und hatten dann auch mal Zeit uns auf Projekte zu konzentrieren, für die vorher einfach kaum Zeit da war. Wir haben z.B. ein Fotobuch veröffentlicht, von unseren Touren 2019. Das war ein sehr zeitaufwendiges Projekt, das niemals zustande gekommen wäre, wenn es die Pandemie nicht gegeben hätte. 

 

Irgendwann wurde es dann ja zum Glück besser. Das erste, richtige Konzert nach der Pandemiezeit, erinnerst du dich daran? 

Ja, das war in Antwerpen, im Herbst 2022. Es war auch ausverkauft und das war echt großartig. Da dachte man dann auch: Ja, es geht wieder. Das gibt es alles noch und es geht doch noch irgendwie. Dann kam wieder Hoffnung auf. 

 

Eine schöne Erinnerung. Aber kommen wir mal zu einer Erinnerung, die nicht ganz so schön sein dürfte. Du bist letztes Jahr auf Puerto Rico beim Schwimmen fast ertrunken. Dabei wolltest du nach einem langen Tag wahrscheinlich nur ein wenig das Wasser genießen. Schön, dass er dir gut geht. Hat diese Erfahrung Spuren hinterlassen? Sieht man das Leben anders, wenn man mit dem Schrecken davonkommt? 

Ja, schon irgendwie. Ganz kurz mal zum Vorfall: Ich bin tatsächlich schwimmen gegangen und eigentlich bin ich auch ein guter Schwimmer. Aber dann kam die Welle. Und normalerweise, bei solchen Rip Curls, schwimmt man parallel zur Küste und kommt dann raus, aber das war da nicht möglich. Am Ende war ich drei Stunden im Wasser. Es wurde immer dunkler um mich herum, bis irgendwann die Küstenwache kam. Mit Helikopter und Boot. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich wirklich halb ertrunken. Ich hätte mich keine zehn Minuten länger über Wasser halten können. Das waren meine letzten Kräfte. Und es ist beängstigend gewesen. Fährst du gegen einen Baum, ist es vorbei. In dieser Situation ist das was anderes. Es zieht sich hin und dich verlässt deine Kraft und du fängst einfach an zu denken. Und zwar denkst du über alles Mögliche nach. Sind die Dinge, die ich tue, meine Zeit wert? Du stellst fest, dass alles endlich ist und alles jederzeit vorbei sein kann. Ich dachte aber auch an ganz banale und seltsame Dinge, wie die Frage: Was passiert jetzt mit dem neuen Album? Wie wird das veröffentlicht, wenn ich hier jetzt ertrinke? Die Festplatten sind bei mir. Meine Notizen kann doch niemand lesen. Also ganz skurrile Gedanken schießen einem da durch den Kopf. Das Ergebnis davon war, dass ich danach viele Dinge bewusster wahrgenommen habe. Es rückt vieles in Perspektive, was wichtig ist und was vielleicht weniger. Und heute feiere ich jetzt zweimal Geburtstag im Jahr. Einmal den offiziellen und einmal eben diesen. 

 

Die Liebe zum Meer bzw. zum Ozean? Hat sie einen Riss bekommen? 

Nein. Ich habe meine Liebe zum Ozean definitiv nicht verloren. Das Meer hatte für mich immer eine faszinierende Kraft. Deswegen ja auch der Bandname. Den Ozean habe ich immer mit Schönheit und positiven Erfahrungen sowie Erinnerungen verbunden. Aber ich hatte auch stets eine Ehrfurcht davor. Und das war eine solche Ehrfurcht-Erfahrung. Aber an der Liebe zum Ozean hat das nichts verändert. 

Danke Robin.

 

Weitere Informationen zur Band The Ocean Collective findet ihr in den sozialen Netzwerken. 

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Beitragbild/Design: Michaela Lotz

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