Shirley Holmes: Zwischen Galgenhumor und Gesellschaftskritik

Shirley Holmes (Foto: Christoph Mangler)

Shirley Holmes über Ernsthaftigkeit, Zusammenhalt und ihr neues Album „Mein bestes Selbst“ – laut, nahbar und voll ehrlicher Energie.

 

Mit Mein bestes Selbst, erschienen am 14. Februar, meldeten sich Shirley Holmes eindrucksvoll zurück. Das Berliner Trio liefert ein Album, das laut ist, unbequem und trotzdem eingängig – irgendwo zwischen rotzigem Punk, klarem Standpunkt und einer guten Portion Charme. Wer reinhört, bleibt hängen.

Wir wollten wissen: Was ist seitdem passiert? Wie tickt die Band heute? Müssen Künstler Missstände thematisieren – und was können wir alle tun, um ein bisschen Farbe in diese oft graue Welt zu bringen?

Euer Album “Mein bestes Selbst” ist am 14. Februar erschien und hat sehr viel positives Feedback erhalten. Wie war das für euch dieses Album endlich mit der Welt teilen zu dürfen? 

Das ist emotional intensiv oder „sehr deep“ oder wie auch immer du es nennen willst, vor allem bei den allerersten Tour-Konzerten in Dresden, Erfurt, Hamburg und Bremen gab es neben der grundsätzlichen Vorfreude auf die Abende auch eine recht ansehnliches Level an Lampenfieber, was die neuen Songs betrifft, eine Mischung aus Spannung und Hoffnung, ob unsere Fans uns die „neue Ernsthaftigkeit“ in der Musik ab- oder übelnehmen. Wir haben jedenfalls bei der Setlist schon darauf geachtet, dass sich die Verzweiflung über die gesellschaftliche Lage und die Weltlage, Galgenhumor und Dancefloor Commitment einigermaßen die Waage halten. In jedem Fall tut es gut, dass die Songs jetzt „draußen“ sind.

Was bedeutet der Titel „Mein bestes Selbst“ für euch? Ist er eher eine Ermutigung oder eine Reflektion über die Herausforderungen, die euch zu diesem Album geführt haben?

Es war das, was sich nach Fertigstellung des Albums beim Blick auf die Gesamtheit der Songs als Klammer am stimmigsten anfühlte: Zu akzeptieren, dass die Beunruhigung, die sorgenvollen und düsteren Gedanken nun mal da sind und sich nicht immer untergraben, „überfühlen“ oder übertünchen lassen. Ein besseres, cooleres, lässigeres Selbst gibts im Moment – für uns – eben nicht.

Ihr habt erwähnt, dass es euch nicht immer leicht fiel, das Album zu bewerben, während die Welt um euch herum oft düster wirkte. Welche Reaktionen von Fans haben euch während dieser Zeit am meisten berührt?

Wenn Menschen vor uns stehen und aus vollem Herzen sagen, dass ihnen die Songs helfen, ihnen aus der Seele sprechen, dass sie berührt sind, sich wiederfinden und abgeholt fühlen durch die Musik, die Texte und die Energie. Das ist wirklich sehr schön und unsere eigenen düsteren Gedanken allemal wert. 

Was ist für euch das Wichtigste, was ihr euren Fans mit auf den Weg geben möchtet – sowohl durch die neue Musik als auch durch eure Tour?

Dass das, was angesichts der oft empfundenen Ohnmacht hilft, sehr oft im Kleinen liegen kann – im verständnis- und respektvollen, offenherzigen und freundlichen Umgang miteinander im Alltag – klingt immer so banal, ist es in der Umsetzung aber eben nicht. Liebe, Wärme, Mitgefühl und ein bisschen mehr Ambiguitätstoleranz halt, wie es in unserem Song „Verstärkung“ heißt. Und naja, klingt auch so abgelutscht, aber bleibt halt einfach richtig und wichtig: Gemeinsam sind wir stark. Es geht um Zusammenhalt, ums füreinander da sein. Zugewandheit. Wenn wir gesellschaftspolitisch etwas verändern wollen, müssen wir das auch im Kleinen tun, im alltäglichen Miteinander, das sollte initial und substanziell von uns allen kommen. Wenn wir es untereinander nicht reißen, kann auch auf der Ebene der Politik nix passieren. Wir haben vieles selbst in der Hand. Jede*r einzelne und im Umgang mit den anderen Wesen auf diesem kleinen Planeten. Spread love. Make Empathy great again.

Eure Musik spricht oft von Ausbruch und Freiheit. Gibt es für euch eine spezifische Definition von „Freiheit“? Wie spiegelt sich diese in eurem kreativen Prozess und in eurem Alltag wider?

Vermutlich haben wir alle unterschiedliche Definitionen von „Freiheit“. Spontane Wortkette: Ungebunden, leicht, unbeschwert, selbstbestimmt, Weite, raus aus dem Hamsterrad, tschüss ständige Erreichbarkeit und so called duties, Schwere und so weiter. Ein persönlicher Traum von mindestens einer Person in der Band ist die innere Freiheit, sich den vermuteten Erwartungen anderer – der Posse, der Familie, der Gesellschaft – zu entziehen. Schwierige Kiste aber… Das reine Musikmachen, wenn der Kopf aus ist und man einfach nur mit den Melodien mitfliegt, ist ein Stück Freiheit. Ein großes. Im Alltag ist davon nicht so viel da, aber we’re working on it.

Künstler können oft als Spiegel der Gesellschaft fungieren. Welche Verantwortung habt ihr als Band, Themen wie Ungerechtigkeit oder gesellschaftliche Probleme in eurer Musik anzusprechen?

Grundsätzlich haben wir doch erstmal als Individuen und Teile der Gesellschaft alle die Verantwortung, gut und besser miteinander umzugehen, wie wir es ja bereits betont haben. Und auch Missstände anzusprechen, das sollte nicht nur an Künstler*innen sozusagen ausgelagert werden. Aber natürlich ist verständlich, dass es eine besondere Erwartung an Menschen gibt, die auf einer Bühne stehen, die verlängerte Reichweite zu nutzen. Das empfinden wir auch selbst so und versuchen, unserer eigenen Erwartung auch gerecht zu werden. Allerdings sollte daraus kein Zwang entstehen, Kreativität und Kunst dürfen und sollten auch weiterhin für sich selbst stehen können, ohne einen gesellschaftlichen Auftrag oder einen politischen Zweck zu erfüllen. Das müssen die, die Kunst machen, für sich selbst entscheiden dürfen. Wir für uns haben da aber ein sehr klares Gefühl.

In einer Welt, die von schnellen Trends und ständigem Wandel geprägt ist, wie gelingt es euch, authentisch zu bleiben und eure eigene Stimme zu finden?

Mindestens in unserer Musik müssen wir uns darum nicht aktiv bemühen, denn fast alle unsere Songs haben ihren Kern in einem Jam und der ist in sich letzten Endes immer authentisch, weil er Herzen, Hirnen, Füßen und Fingern ungefiltert und ungeplant in einer bestimmten Situation und aus einem Gefühl heraus entspringt. Beim Texten hinterfragen wir immer wieder aktiv, was wir schreiben. Was sich am Ende nicht echt anfühlt, hat keine Chance. Generell versuchen wir, bei uns selbst zu bleiben und auf unser Bauchgefühl zu achten.

Mel, du bist ja auch auf dem neuen Album von Alarmsignal zu hören. Wie ist es für dich, als Feature dabei zu sein? Was bedeutet es, in diesem Kontext mit den Jungs zusammenzuarbeiten?

Uns verbindet eine Band- und eine persönliche Freundschaft, dadurch macht so ein Feature schönerweise auf mehreren Ebenen Spaß, vom musikalischen Teil über abwechslungsreiche Kommunikation bis zum funny Reels zusammen drehen und „ein bisschen zusammen abhängen“. Es gibt schon ein anderes Feature – „Kompass und Chauffeur“ -, auch ein Song, den ich sehr mag, aber auf „Insomnia“ nochmal dabei zu sein, freut mich besonders, weil ich das Album wirklich extrem gelungen finde, sowohl inhaltlich und musikalisch als auch hinsichtlich der Produktion.

Wie geht es nach der „Mein bestes Selbst“-Tour weiter? Könnt ihr uns schon einen Ausblick auf mögliche zukünftige Veröffentlichungen oder Projekte geben?

Erstmal sind wir jetzt ganz und gar beim aktuellen Album und den Konzerten, die dieses Jahr anstehen und genießen es, für den Moment mal so gar nichts zu planen, sondern einfach nur zu sein. 

LIVE:

28.06.25 Hergensweiler, Woodstockenweiler Festival

04.07.25 tba

05.07.25 Remchingen, Steinbruch Benefiz Open Air

30.08.25 Braunschweig, Südstadt Open Air

09.10.25 Nürnberg, Z-Bau

10.10.25 Graz (AT), Erntepunkfest

11.10.25 München, Milla

07.11.25 Bielefeld, Forum

08.11.25 Köln, Blue Shell

“Mein bestes Selbst”-Tour ’25 präsentiert von VISIONS und OxFanzine/Livegigs.de

Mehr zu Shirley Holmes findet ihr in den Socials.

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