Foto: Jialin Ding
Tezura im Interview: Zwischen Thrash, Core und klarer Kante. Kein Protest um jeden Preis, aber Haltung, wenn’s drauf ankommt.
Geführt und verfasst von Mia Lada-Klein
Tezura – irgendwo zwischen Thrash Metal und Metalcore, oder kurz gesagt: Genre-Mikado auf höchstem Niveau. Absicht oder Entscheidungsproblem? Wir konnten deswegen nachts nicht schlafen, also haben wir sie kurzerhand zum Interview gebeten.
Darin geht’s nicht nur um Stilfragen und ihre Musik, sondern auch um Festivalträume, Artwork-Visionen und – kleiner Spoiler – die Vernunft. Die steht laut Sänger Timo Kammerer manchmal ziemlich allein da. Recht hat er.
Kommen wir zu eurer Musik: Seid ihr eher Thrash Metal oder Metalcore? Ich hoffe ja auf Thrash – so ein bisschen in die Sodom-Richtung.
(lachen) Also wir blicken da ehrlich gesagt selbst nicht so ganz durch. Es ist schon ein Spagat. Wir versuchen, die Aggressivität und schnellen Riffs vom Thrash Metal mit der manchmal etwas poppigeren Seite des Metalcore zu verbinden. Dazu kommt noch eine gewisse punkige Attitüde. Das funktioniert mal besser, mal schlechter.
Also so eine Art Hybrid?
Genau. Wir hören einfach sehr unterschiedliche Musik privat. Einige von uns mögen poppigere Sachen, andere stehen auf Punk und Thrash. Am Ende fließt das alles in unseren Sound ein.
Das klingt fast nach Tom Angelripper – dem ist ja auch alles egal, der zieht einfach sein Ding durch.
(lachen) Ja, das ist eigentlich der Grundtenor von Rock’n’Roll. Ein bisschen Anti muss dabei sein.
Aber darf man das heute überhaupt noch sein – so richtig Anti?
Die bessere Frage wäre: Durfte man das jemals? Wir denken, man macht es einfach. Und wenn’s aneckt, dann ist es eben so.
Wie gelingt euch der Balanceakt zwischen Rebellion und Anpassung?
Seien wir ehrlich, man verkauft ja auch diese Anti-Attitüde. Und sobald man verkauft, ist man eigentlich schon wieder Teil des Systems und gar nicht mehr so cool.
Musiker müssen ja trotzdem Geld verdienen, oder?
Klar. Wir haben alle ganz normale 40-Stunden-Jobs. Das ist heute Realität für die meisten Bands. Viele machen das mittlerweile parallel. Anders geht’s oft gar nicht mehr.
In einem Interview von euch habt ihr mal gesagt, dass man als Band heute nicht nur Musiker ist, sondern auch Booking-Agent, Cutter, Promoter, Videoeditor… Wie geht ihr mit dieser Vielseitigkeit um?
Das stimmt absolut. Wir haben zum Glück in der Band jemanden mit Audio-Hintergrund, dadurch machen wir das ganze Recording und Mixing selbst. Auch die EP haben wir komplett selbst gemischt. Nur bei Musikvideos holen wir uns Unterstützung, weil wir da keine professionelle Erfahrung im Filmschnitt haben und da soll es ja qualitativ auch stimmen.
Also eine klare Aufgabenverteilung innerhalb der Band?
Ja, definitiv. Das hat sich mit der Zeit so entwickelt. Wenn wir die Audiokompetenz nicht hätten, müssten wir da natürlich auch outsourcen. Aber so klappt das ganz gut für uns.
Was sind denn so eure Themen? Was beschäftigt euch als Band – besonders in der Zeit, als ihr euer Album aufgenommen habt?
Der Titel The Silent Remain Forgotten kam eigentlich eher zufällig zustande – aus sogenannten Quatschlyrics. Wir schreiben meist erst das Instrumental, dann kommen Platzhaltertexte drüber, die rhythmisch passen. Und irgendwann hatte Timo diese Zeile drin: Hero. Silent remains. Forgotten. Das blieb hängen. Und es hat dann ganz gut den Nerv getroffen, nämlich das Gefühl, dass in unserer Zeit oft der lauteste gewinnt. Die, die vielleicht die vernünftigere Meinung haben, halten sich oft zurück und werden überhört oder sogar vergessen. Der Social-Media-Markt zeigt ja, dass Sachen, die auffallen, Aufmerksamkeit erregen, ob gut oder schlecht, ob wahr oder nicht.
Also spielt da auch das Thema Social Media eine Rolle?
Absolut. Die ganze Aufmerksamkeitsökonomie ist so aufgebaut, dass sich Zuspitzung belohnt wird – laut, flashy, populistisch. Das reflektieren wir inhaltlich immer wieder. Es gibt auf dem Album also so einen roten Faden: Das Individuum im Kampf mit sich und der Welt.
Lässt sich das auch auf eure Cover-Artworks übertragen?
Total. Das passiert oft intuitiv, aber es zieht sich durch. Nehmen wir das Cover von Asphyxiate. Da steckt viel drin: der innere Kampf, das Gefühl, in Dynamiken gefangen zu sein, in denen man sich nicht wohlfühlt. Und das kann man auch auf die Band übertragen – da ist nicht immer jede Stimme gleich laut. Auch da gibt’s sicher mal Strukturen, in denen jemand überhört wird. Das ist vielleicht auch Teil von The Silent Remain Forgotten.
Ich glaube, das ist etwas, das viele gerade fühlen. Wenn man zum Beispiel Nachrichten schaut, denkt man da nicht oft: Wann kommt der große Knall?
Es fühlt sich manchmal wie ein Pulverfass an. Da steht die Vernunft oft ziemlich alleine da. Das inspiriert mich auch persönlich beim Schreiben. Es geht um das Gefühl, einsam gegen den Rest zu stehen. (Timo Kammerer)
„Die Vernunft, die alleine dasteht“ – das ist ein starkes Bild. Eure Texte wirken auf mich fast politisch. Aber seht ihr euch selbst als politische Band?
Nicht direkt. Also wir machen keine aktivistischen Songs. Wir mögen auch keine plumpen politischen Botschaften. Gerade im Punk gibt’s das ja oft, so „Government is shit“ und so. Klar, die Message versteht man. Aber uns ist es wichtig, dass es Spielraum für Interpretation gibt. Abstraktion lässt Tiefe zu. Und es gibt ja auch nicht nur Politik auf der Welt.
Also eher Gefühl statt Programm?
Genau. Musik ist für mich auch in erster Linie Gefühlsarbeit. Wenn ich einen schlechten Tag habe, bringt es mir nicht viel, „Government is shit“ zu brüllen. Ich will Texte, in denen ich mich selbst wiederfinde – individuell, ehrlich. Das bedeutet Musik für mich. Und genau das fließt dann auch für mich ganz automatisch ins Schreiben ein. (Timo Kammerer)
Wir haben uns ja vor dem Einstieg ins Interview kurz über Rock am Ring unterhalten. Das ist ja gerade erst gewesen. Da komme ich direkt noch mal drauf zu sprechen: Ihr habt ‘große Festivals’ angesprochen. Wie steht ihr grundsätzlich dazu?
Persönlich muss man mal eine Lanze für kleine Festivals brechen. Wir haben zum Beispiel mal auf einem kleineren Festival bei Köln gespielt, das war der Wahnsinn. Super organisiert, tolle Technik, liebevolle Betreuung, engagiertes Publikum – das war richtig intensiv. Im Gegensatz dazu gehen große Festivals wie Rock im Park manchmal ein bisschen unter. Da macht es keinen Unterschied, wenn jemand mal ein Ticket nicht kauft, bei kleinen Veranstaltungen hängt es wirklich noch vom einzelnen Besucher ab, ob es klappt und am Ende sind sie aber doch angenehmer als die ganz großen.
Also geht ihr lieber auf kleinere Festivals?
Absolut! Die Stimmung ist näher, persönlicher. Du bist als Band viel dichter am Publikum, es gibt keinen riesigen Sicherheitsgraben oder einen VIP-Bereich, der dich trennt. Das schafft eine richtig schöne Verbindung.
Und man muss nicht ewig für ein Bier anstehen?
Ganz genau! Das Bier ist günstiger, die Toilettenschlange kürzer – was will man mehr?
Danke für den unterhaltsamen Talk. Jetzt wissen wir endlich, ob Trash oder Core. Die Genre-Frage ist geklärt, wir können alle wieder ruhig schlafen.
Mehr zur Band TEZURA findet ihr in den Socials.

