Soundcheck mit Mia
Eine Polemik über Leistungsdruck, Selbstausbeutung und das Märchen vom großen Erfolg in der Musikbranche.
Von Mia Lada-Klein
Es beginnt oft mit einem Proberaum am Stadtrand. Die Luft ist feucht, die Kabel sind alt, die Heizung streikt. Doch das spielt keine Rolle, denn es geht um Musik. Um Ausdruck. Um das, was größer ist als man selbst. Was zählt, ist das Brennen. Und dieses Brennen wird von einem Versprechen begleitet, das unausgesprochen über jeder Gitarrensaite liegt: Wenn du gut bist !wirklich gut!, dann wirst du es schaffen. Dann kommt er irgendwann, dieser sagenumwobene „Durchbruch“.
Doch genau dieser Glaube ist es, der viele junge Bands und Solokünstler und Künstlerinnen nicht antreibt, sondern überfordert, zermürbt und am Ende in die Bedeutungslosigkeit schleudert. Der Mythos vom Durchbruch ist kein Motor, sondern ein Mühlstein, ein popkulturelles Trugbild, das der Wirklichkeit einer hochverdichteten, zutiefst prekären Branche in keiner Weise gerecht wird.
Von der Ausnahme zur Norm erklärt
Der Begriff „Durchbruch“ suggeriert ein plötzliches Umschlagen von Bedeutungslosigkeit zu Ruhm: ein Moment, ein Song, ein Festivalauftritt, der alles verändert. Damit spielt er auf historische Narrative an – Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ oder der legendäre Talent-Scouting-Moment, in dem ein A&R-Manager angeblich zufällig im Kellerclub die nächste Weltkarriere entdeckt. Diese Geschichten sind nicht falsch. Aber sie sind die Ausnahmen. Und sie wurden über Jahrzehnte hinweg zu Normvorstellungen verklärt – auch von der Musikindustrie selbst, die an der Erzählung des „glorreichen Werdens“ glänzend verdient.
Dass Karrieren heute weniger denn je linear verlaufen, dass Reichweite, Sichtbarkeit und Einkommen auch mit dem zehntausendsten Instagram-Reel kaum gesichert sind, wird ausgeblendet. Dass sich junge Bands heute in einem Markt bewegen, der von Monopolen wie Sony, Universal und TikTok-Algorithmen dominiert wird, wird selten erwähnt. Und dass „Erfolg“ für die meisten bedeutet, sich zwischen GEMA-Abrechnung und 400-Euro-Gig mit Fahrtkosten selbst zu optimieren, lässt sich in keiner poppigen Dokumentation erzählen.
Romantik trifft Realität
Wer Musik macht, macht heute nicht nur Musik. Er oder sie ist Management, Marketingabteilung, Content-Creator, Cutter, Pressestelle und Fahrer in einem. Das romantische Bild des talentierten Künstlers, das sich allein durch Kunst durchsetzt, ist ein Anachronismus. In Wahrheit bedeutet Musikmachen für Newcomer zwölf Stunden täglich und Wochenendarbeit, Spotify-Statistiken analysieren, Förderung beantragen, Presse-Mails verschicken, Bandkasse auffüllen, Connecten und Netzwerken, TikToks und Reels schneiden, Booking-Mails schreiben, und dazwischen: proben, schreiben, proben, auftreten, proben, releasen.
Privatleben?
Also wirklich, wer einen Traum hat, hat keine Zeit für Privatleben. Wird gestrichen! Steht nicht auf der Agenda.
Wer diesem Alltag nicht standhält, gilt schnell als „nicht ehrgeizig genug“. Dabei ist es nicht der fehlende Wille, sondern oft die mangelnde Zeit, Energie oder finanzielle Grundlage. Der Mythos vom Durchbruch verschweigt systemisch, wie stark soziale Herkunft, Zufall, Connection und Vernetzung und mentale Stabilität über Erfolg mitentscheiden. Die Folge: Viele Musiker zweifeln nicht an den Bedingungen, sondern an sich selbst.
Kreativität wird Leistung
Besonders perfide ist, wie der Durchbruchmythos die intrinsische Motivation, also die Freude an der Musik selbst, pervertiert. Wer nicht performt, verliert. Der Song muss nicht nur künstlerisch überzeugen, sondern innerhalb von Sekunden auf Spotify greifen, Instagram-freundlich sein, algorithmisch verwertbar. Die Musik wird zur Leistungseinheit, der Output zum Maßstab der Ernsthaftigkeit.
In der Folge entstehen Burn-out-Symptome, noch bevor der erste Longplayer erscheint. Depressionen, Frustration, Dropouts. Bands trennen sich, und es sind viele, bevor sie überhaupt eine echte Chance hatten. Nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil die Industrie schlecht mit ihnen umgeht. Und weil sie selbst glauben, dass sie zu langsam, zu alt, zu wenig relevant seien, wenn der „Durchbruch“ nach zwei Jahren noch ausbleibt.
Die Alternative: andere Narrative
Wir brauchen neue Begriffe, um musikalische Karrieren zu erzählen. Statt „Durchbruch“, statt „Erfolg“, statt „Karriere“. Es geht nicht darum, Ambitionen kleinzureden. Sondern darum, realistische Erwartungen zu formulieren und Raum zu schaffen für individuelle Wege.
Musik sollte kein Wettbewerb sein, sondern ein kollektiver Ausdruck. Und wer auftritt, Songs schreibt, Menschen berührt, hat bereits etwas erreicht, unabhängig von Streamingzahlen oder Booking-Gagen. Der sogenannte „Durchbruch“ ist dabei nicht Ziel, sondern Illusion. Und es wird Zeit, dass wir ihn als solche erkennen und beerdigen.
Denn was danach kommt, ist oft ehrlicher, nachhaltiger und künstlerisch relevanter als jeder Hype. Nur redet kaum jemand darüber.
Auch wenn es hart klingt: Ja, entweder du liebst, was du tust, oder du wirst daran zerbrechen. Entweder du schaffst es oder eben nicht. Aber was immer auch geschieht: Vergiss niemals den Spaß. Vergiss nicht, dass es nicht immer an dir liegt, wenn es nicht klappt. Du kannst alles geben und trotzdem scheitern. Das ist kein persönliches Versagen, sondern Teil der Realität, in der wir leben. Die Bedingungen sind ungerecht, die Ressourcen ungleich verteilt, die Zeit erbarmungslos. Nicht jeder schafft es. Und dieser Wahrheit müssen wir ins Gesicht sehen, auch wenn es weh tut. Nur wer das versteht, kann weitermachen. Nicht aus Hoffnung auf den „großen Moment“. Sondern aus Liebe zur Musik.
Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

