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Bertil Mark: Melodien im Scheinwerfer

Bertil Mark über Licht als Instrument, kreative Freiheit und den Spagat zwischen Technik, Innovation und Emotion.

Interview: Mia Lada-Klein

Bertil Mark ist der Mann, der mit Licht spielt, als wäre es sein Schlagzeug. Klar, er haut auch tatsächlich auf Felle und Percussion, produziert obendrein Musik. Aber sein eigentliches Instrument heißt Spot, Laser und LED. Genau deshalb kennt man ihn in der Szene als Deutschlands Lichtspieler.

Er hat schon für die Großen der deutschen Musikszene das Rampenlicht orchestriert: Sarah Connor, Adel Tawil, Sportfreunde Stiller und viele mehr. Was andere “nur” anknipsen, macht Bertil zur Show und zu einer Mischung aus Atmosphäre, Emotion und purem Erlebnis.

Im Interview mit ihm will ich wissen: Wie instrumentell ist Licht eigentlich? Was kann Technik und wo hört sie auf? Und was braucht es, um Kreativität und Einzigartigkeit zu bewahren, in einer Welt, die von Konkurrenz, Fülle und Dauerüberangebot nur so überquillt?

Vom Schlagzeug zum Licht! Wie kam dieser Wandel?
Ich bin eigentlich über meinen älteren Bruder da reingerutscht. Er hat zusammen mit einem Freund eine kleine Veranstaltungsfirma gegründet. Die beiden haben Ton gemacht und so bin ich schon sehr früh in die Tontechnik eingestiegen. Relativ schnell habe ich dann auch Licht übernommen, tatsächlich schon mit 15.

Das ist wirklich jung. Wie ging es weiter?
Wir haben viele kleine Konzerte organisiert, später dann auch größere im Rhein-Main-Gebiet. Ich bin dabei geblieben, es war ein cooler Nebenjob. Offizielle Ausbildungsberufe im Veranstaltungsbereich gab es damals noch nicht, deshalb habe ich mir vieles selbst beigebracht, quasi meine eigene Ausbildung, gerade als neue Technologien aufkamen.

Und parallel hast du selbst Musik gemacht?
Genau. Ich habe früh in Bands gespielt, auch bei großen deutschen Acts und war viel auf internationalen Festivals unterwegs. Während man als Musiker oft Wartezeiten hat, habe ich diese genutzt, um das Licht zu machen. Das sprach sich herum und viele Bands fanden es spannend, dass ein Musiker das Licht gestaltet. Für mich war es auch naheliegend: Nicht nur ein Techniker, sondern jemand, der das Licht wirklich “mitspielt”.

Du lebst und arbeitest auf einem Hof, stimmt das noch?
Ja, genau. Wir nennen ihn M.A.R.S. („Moderne Anstalt Rigoroser Spakker“). Früher war es mal eine Reitanlage, später haben wir die Scheune umgebaut. Früher lebten dort 13 Leute, heute sind es noch zwei Familien. Pferde haben wir keine mehr, aber am Anfang gab es zwei sowie viele Katzen und Hunde.

Wie sieht dein Alltag dort aus?
Ich verbringe viel Zeit unterwegs auf Tour oder bei Produktionen, aber wenn ich zu Hause bin, arbeite ich in meinem Studio. Ich entwickle Shows, entwerfe Konzepte und bastle das “Licht zur Musik”. Das ist für mich wie ein weiteres Instrument.

Daher auch dein Spitzname „Lichtspieler“?
Genau. Den hat mal ein Musiker geprägt, weil ich das Licht wie ein Instrument einsetze, das die Musik unterstützt.

Licht als Instrument – Improvisation trifft Technik

Wie wichtig ist Licht überhaupt für eine Show?
Licht fällt den meisten erst auf, wenn es nicht passt oder stört. Für Fotografen ist es noch mal spezieller, weil sie wortwörtlich mit Licht arbeiten. Im Pop-Bereich ist es extrem wichtig, auch wegen Videowänden und Live-Kameras. Künstler müssen perfekt ausgeleuchtet sein, damit die Show funktioniert.

Du hast schon Preise gewonnen, zählt sowas zu deinen Highlights?
Preise sind schön, weil die Arbeit dadurch sichtbar wird, aber für mich sind sie keine Highlights. Es waren zwei sehr große Auszeichnungen, auch international, aber wichtiger sind mir die Projekte selbst.

Was machst du aktuell musikalisch privat?
Zurzeit spiele ich nicht aktiv in einer Band. Ich höre wenig Musik privat, weil ich beruflich schon täglich so viel Musik erlebe. Aber wenn, dann gern Stile, die Neues entstehen lassen, etwa organische elektronische Musik, also eine Mischung aus Elektronik und Live-Instrumenten. Solche Verschmelzungen finde ich spannend.

Wie gehst du beim Lichtdesign für ganz unterschiedliche Künstler vor?
Jede Show ist individuell. Ich habe die Fähigkeit, auch ohne Proben mit der Musik zu jammen, weil ich selbst Musiker bin. Das macht meinen Stil aus. Heute entwickle ich oft komplette Konzepte: Bühnenbilder, Videoinhalte, das ganze Production Design. Das ist Teamarbeit, am Ende entsteht immer etwas im Kollektiv.

Gibt es Künstler, mit denen du besonders gern zusammenarbeitest?
Mit allen Künstlern, mit denen ich arbeite, arbeite ich tatsächlich gern. Ich suche mir meine Projekte bewusst aus. Wenn mich etwas nicht inspiriert oder ich keine Idee dazu habe, dann kann ich auch nichts Sinnvolles beitragen. Es ist egal, welche Musikrichtung, wichtig ist, dass es eine Verbindung gibt, dass es „vibet“. Nur dann kann eine Zusammenarbeit entstehen. Es geht darum, ob mich ein Projekt künstlerisch reizt. Ich mag Musik generell sehr, aber wenn ich nichts spüre, dann lasse ich es. 

Wie funktioniert das in der Praxis, gerade wenn die Bedingungen unterschiedlich sind?
Das ist jedes Mal anders. Mit Jan Delay oder auch den Ärzten gibt es zum Beispiel keine feste Lichtshow. Alles passiert live, on the fly. Ich habe mir dafür quasi ein Instrument gebaut, mit dem ich in Echtzeit improvisiere. Bei anderen Produktionen dagegen muss jeden Abend alles identisch laufen, weil viel Technik eingebunden ist, wie Hebebühnen, fahrende Elemente. Das wird dann akribisch geplant, getestet und trainiert. Bei solchen Tourneen fahre ich oft nicht mehr selbst mit, sondern entwickle das Konzept und lasse es dann vom Team umsetzen.

Also, Licht als Instrument.
Genau. Das ist der Teil, wo ich brillieren kann. Ich habe auch schon sehr ungewöhnliche Projekte umgesetzt, zum Beispiel ein Crossover von WestBam mit dem Leipziger Gewandhausorchester. Wir haben das bei den Osterfestspielen in Salzburg aufgeführt. Klassikfestival trifft elektronische Musik, das war ziemlich einzigartig.

Wie definierst du für dich eigentlich Licht?
Licht ist weit mehr als nur Scheinwerfer. Eine Videowand ist Licht, ein Beamer ist Licht und ja, sogar die Sonne ist Licht. Wenn ich weiß, dass ein Künstler am Nachmittag auf einem Festival spielt, überlege ich mir eher Deko-Objekte, die auf Sonnenlicht reagieren, anstatt klassischer Lichtobjekte.

Wie gehst du mit den schnellen technologischen Entwicklungen um?
Ich bin Autodidakt. Neue Programme oder Technik schrecken mich nicht ab, ich probiere sie aus und nutze das, was ich brauche. Wenn ich nicht weiterkomme, hole ich mir jemanden dazu, lasse mir zeigen, was möglich ist und entwickle daraus wieder eigene Ideen.

Hat sich die Arbeit durch die Technik eher vereinfacht oder komplizierter gemacht?
Beides. Am Anfang habe ich einfach Steckdosen zusammengesteckt, an, aus, an, aus. Heute sind die Geräte unglaublich komplex und auch extrem teuer. Allein ein Mischpult kostet so viel wie ein Kleinwagen. Gleichzeitig muss alles transportierbar sein, sicher aufgebaut werden und den Anforderungen der großen Bühnen entsprechen. Gerade bei Sommerfestivals, wo das Wetter unberechenbar ist, müssen Konstruktionen enorm stabil sein. Das ist ein Riesenaufwand und gehört genauso zum Production Design wie die kreative Seite.

Ist es leichter, eine kleine Bühne zu bespielen oder eine große?
Ein kleiner oder mittelgroßer Raum kann oft sehr effektiv mit Licht arbeiten. Schon eine einzige Lampe kann eine riesige Wirkung entfalten, besonders, wenn die Halle weiß gestrichen ist, gespiegelt oder komplett dunkel. Mit ein bisschen Haze lässt sich dort eine dichte Atmosphäre schaffen. Auf großen Bühnen ist es dagegen viel aufwendiger, Intimität und Tiefe zu erzeugen. Man braucht deutlich mehr Material, um das Zerbrechliche sichtbar zu machen. Sonst verpufft die Wirkung sehr schnell.

Das heißt, die Herausforderung ist auf einer großen Bühne viel größer?
Ja, weil es mir immer um Tiefe geht, egal mit welchen Mitteln. Ich möchte eine Stimmung erschaffen, die mehr ist als nur Licht, fast so wie beim Malen.

Kreativität in Zeiten von Social Media und Überangebot

Du hast vorhin gesagt, Licht sei Kunst , so wie Fotografie oder Malerei. Siehst du dich in dieser Linie als Künstler?
Das ist zumindest meine persönliche Definition. Andere würden es vielleicht anders sehen. Es gibt viele Wege, mit Licht zu arbeiten: klassische Lichttechniker, Lichtdesigner, Showdesigner. Jeder hat seinen eigenen Ansatz.

Wie nimmst du die Entwicklung bei jüngeren Bands wahr?
Da merkt man einen deutlichen Wandel. Viele legen schon früh großen Wert auf Licht und den visuellen Auftritt. Früher war das oft nebensächlich, heute kaufen sich selbst kleinere Bands ihre eigenen Lampen, Strahler oder Lichteffekte. Gerade durch Social Media und die Bedeutung von Bildern spielt das eine immer größere Rolle.

Arbeitest du bei deinen Shows bewusst mit Farben und deren psychologischen Effekten?
Ja, ich arbeite sehr viel mit Farben, ich bin ziemlich farbenfroh. Oft entstehen Farbauswahlen direkt beim Hören von Musik. Ich denke in Farben oder fühle sie. Manchmal ist es eher intuitiv, manchmal konzeptionell, etwa wenn eine Band ein Album „Orange“ nennt und wir dann auch mit orangenen Lichtflächen arbeiten.

Wie setzt du Farben technisch ein?
Durch LED-Technik gibt es heute viel mehr Möglichkeiten. Früher konnte man bestimmte Mischungen, etwa Grau, mit Licht gar nicht darstellen, mit Video schon. Heute arbeite ich eher mit Farbflächen statt mit vielen bewegten Spots. Ich baue Bühnenbilder aus Licht, lasse Farbverläufe entstehen, die Bewegung erzeugen, anstatt ständig Scheinwerfer blinken oder kreisen zu lassen.

Auf Konzerten sieht man manchmal Leute mit Taschenlampen, die spontan Licht machen. Könnte man so etwas einbauen?
(lacht) Das Problem ist: Ich kann das nicht kontrollieren. Genau das kennen auch Fotografen. Sie haben entweder zu wenig Licht oder plötzlich viel zu viel. Beides macht die Arbeit nicht leichter.

Da sind wir beim Thema Kontrolle. Du hast am 8. September Geburtstag, bist also Jungfrau. Man sagt diesem Sternzeichen ja nach, es sei kontrollsüchtig, perfektionistisch und sehr penibel. Trifft das auf dich zu?
Ich habe den Aszendenten Löwe, das gleicht manches aus. (lacht) Aber klar: Verantwortung trage ich und ich habe hohe Ansprüche. Jemand muss Entscheidungen treffen, sonst funktioniert das Ganze nicht.

Wie würdest du deine Arbeitsweise beschreiben, eher strukturiert oder chaotisch?
Beides. Ich habe ein kreatives Chaos, das aber durchaus eine Struktur hat. Genie und Chaos liegen bei mir nah beieinander. Für einen Messestand wäre ich sicher die falsche Person, aber für Bühnen und Konzerte genau richtig. Da zählt das Zusammenspiel mit den Menschen, die man trifft, mit Kollegen, Technikern, lokalen Teams. Man muss flexibel sein: mal nachgeben, mal auf etwas bestehen.

Das klingt nach viel Teamarbeit.
Absolut. Man kann noch so gute Ideen haben, wenn die Instrumente, also die Technik, nicht stimmt, kann ich nicht arbeiten. Zum Glück ist die Veranstaltungstechnik heute sehr viel konstanter. Trotzdem bleibt Flexibilität wichtig. Wir schicken zwar Bühnenanweisungen, aber die Realität sieht oft anders aus. 

Wie war das für dich in der Corona-Zeit, als es keine Live-Auftritte gab?
Da habe ich eine ganz neue Erfahrung gemacht. Wacken hat mich eingeladen, beim ersten XR-Festival weltweit mitzuwirken. Wir haben virtuelles Licht entworfen, in Realtime, in einer virtuellen Welt. Das war wirklich Pionierarbeit. Plötzlich war ich Teil von „Wacken World Wide“ und wir hatten das Gefühl, gerade die erste Konzertlampe erfunden zu haben.

Das klingt spannend. Wie entsteht Kreativität für dich?
Für mich kommt sie aus dem Leben selbst. Aus Gesprächen, Beobachtungen, Bildern, Texturen, Schattenspielen. Ich sammle Eindrücke in einer Art virtuellen Mappe und stoße irgendwann wieder darauf. Inspiration kann überall entstehen, durch einen Schnappschuss, ein Gespräch, einen visuellen Moment.

Also ist dein Kopf immer voller Bilder und Ideen?
Nicht immer, aber ich habe ein Auge für Details. Ich sehe Dinge, an denen andere vorbeigehen würden, halte sie fest, manchmal auch nur als Foto.

Wie haben sich Social Media auf deine Arbeit ausgewirkt?
Sie haben alles stressiger gemacht. Einerseits gibt es eine enorme Fülle an Inspiration. Andererseits bist du plötzlich international vergleichbar. Du erschaffst etwas, bist begeistert und siehst fast das Gleiche bei einem Kollegen in Südamerika. Da stellt sich die Frage: Hatte ich die Idee wirklich selbst oder habe ich etwas unbewusst aufgenommen? Natürlich mache ich mein eigenes Ding daraus, aber diese Vergleiche sind heute allgegenwärtig.

Das betrifft viele Künstler, in Musik, Mode, Literatur. Es gibt kaum noch etwas völlig Neues.
Genau. Man schöpft zwangsläufig aus dem, was da ist. Aber wichtig ist, dass man es eigen interpretiert. Meine Bands wollten immer etwas Neues schaffen, weitergehen. Doch viele Genres, ob Hardcore, Punk oder Dark Wave, haben auch ihre Grenzen. Das Publikum erwartet bestimmte Sounds und reagiert skeptisch, wenn sich zu viel verändert.

Das gilt für jede Kunstform. Trends erzeugen Gleichförmigkeit, aber Inspiration fließt trotzdem überall ein.
Richtig. Am Ende geht es darum, aus diesem großen Pool etwas Eigenes zu schaffen, das trotzdem berührt.

Mehr zu Bertil Mark findet ihr in den Socials.

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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

 

 

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