Andy Brings im Interview über die Musikbranche, Beliebigkeit, seine Enttäuschung vom Heavy Metal und die Freude am kreativen Prozess.
Geführt und verfasst: Mia Lada-Klein
Andy Brings war im letzten Jahr alles andere als untätig und es ging auch ein bisschen zurück in der Zeit. Zurück zu den Wurzeln, zurück zu Sodom: Die Ruhrpott-Legenden servierten uns 2024 ein schickes Re-Release ihres 92er-Klassikers Tapping The Vein und das inklusive eines kompletten Remix, den niemand Geringeres als Gitarrist Andy Brings höchstpersönlich ablieferte.
Doch damit nicht genug: Andy hat auch in diesem Jahr allerlei mit Sodom erlebt – der Band, in der er seine ersten Karriereschritte machte – bevor er feststellte, dass Thrash Metal zwar ein Teil des Lebens ist, die Welt aber noch jede Menge mehr zu bieten hat. Heute ist Andy Brings Musiker, Produzent und Filmemacher, der sich voll und ganz seinen eigenen Projekten widmet.
Ich hatte das Vergnügen, mit ihm zu sprechen, während er gerade seinen Jahresurlaub an sandigen spanischen Stränden genoss. Denn ja, ein Musikerleben macht auch vor Strandtagen keinen Halt. Im Gespräch geht es um die Szene, um Musik, ums Business und um all die Dinge, die man einfach mal aussprechen muss. Frech, ehrlich und unverblümt, genau wie Andy eben selbst ist.
Du bist gerade in deinem verdienten Urlaub?
Genau. Wir haben uns schon zu Beginn des Jahres den gesamten September freigehalten. Wenn wir das nicht machen, hätten wir keine Chance gehabt, wegzufahren. Als das Abreisedatum kam, wussten wir noch gar nicht, wohin wir fahren, aber man kann darauf hinarbeiten. Ich habe es tatsächlich geschafft, zum ersten Mal ohne Arbeit wegzufahren. Ich musste nur die laufenden Sachen managen, das war überschaubar.
Kommen wir zu deinem musikalischen Weg. Du hast dich irgendwann entschieden, etwas Eigenes zu machen, weg von Sodom. War das eine schwere Entscheidung für dich?
Man kann immer nur mit dem Blatt spielen, das man bekommt. Damals habe ich keinen Sänger gefunden, also habe ich mich selbst zum Sänger gemacht. Die Entscheidung fiel mir leicht, die Umsetzung war schwieriger. Ich konnte anfangs eben nicht singen, habe mir die Stimme ruiniert, aber irgendwann habe ich dann meine eigene Stimme doch gefunden und bin bis heute vielleicht auch noch in der Findungsphase. Wie man so schön sagt, die Stimme ist der Spiegel der Seele.
Die Stimme ist “der Spiegel der Seele”. Das klingt poetisch. Wie siehst du dich denn selbst?
Für meine eigenen Songs bin ich der beste Sänger, das kann ich so sagen. Ich habe nie in Coverbands gesungen oder Stadtfest-Top-Forty-Bands gespielt, obwohl man mich oft gefragt hat. Was ich bin, ist ein starker Frontmann. Die Umsetzung bleibt immer die größte Hürde, aber die Entscheidung, es zu machen, fiel mir stets leicht. Man sollte sich erst ins Achterbahnwägelchen setzen und sich Sorgen machen, wenn der erste Looping kommt. Vorher sollte man sich da nicht zu viele Gedanken machen.
Zwischen den Fronten: Musik, Business und der Fluch der Beliebigkeit
Du bist ja schon länger im Business. Mittlerweile machst du ja auch alles selbst. Du bist Producer, Booker, Musiker, Songwriter. Wie hat sich alles verändert seit deinen Anfängen, gerade mit Social Media? Macht es alles leichter oder schwerer?
Also ich habe nach Sodom, ich bin ja während des letzten Schuljahres bei Sodom eingestiegen. Ich habe also die klassische Chaos-Phase, die viele durchlaufen, eigentlich total übersprungen. Nicht, weil ich mir zu fein dafür war, sondern weil es sich anders ergeben hat. Aus dieser Phase war Sodom damals schon raus. Später habe ich das alles nachgeholt, Plakate kleben, eigene Konzerte buchen, veranstalten. Meine Mutter hat Catering gemacht, mein Vater saß an der Kasse, nach Sodom. Und ich fand und finde, dass das heute alles – je nachdem, wie man es nutzt – eigentlich ein Segen und natürlich auch ein Fluch ist. Im Bezug auf Musikveröffentlichungen heißt das: Wenn ich jetzt eine neue Platte rausbringe, habe ich damals nur mit anderen Neuerscheinungen konkurriert. Heutzutage musst du permanent gegen alle Platten antreten, die jemals veröffentlicht wurden. Und das schließt im Metal eben auch Master of Puppets mit ein. Damals hatte irgendwann jeder Master of Puppets im Schrank stehen. Heute ist das aber genauso Konkurrenz, als wäre es gerade neu erschienen. Es ist sicher nicht leichter geworden, aber ich persönlich finde es tatsächlich besser.
Du siehst dich aber nicht als Content Creator, oder?
Ich sehe mich nicht als Content Creator, nein. Da verweigere ich mich. Ich verzichte auch leider bewusst auf TikTok. Vielleicht ist das ein bisschen fahrlässig, aber das ist mir egal. Die Musik hat jetzt durch diese ganzen Möglichkeiten quasi ewiges Leben und alles ist immer verfügbar. Das war früher anders. Damals hatte eine Platte ihre Zeit, danach wurde sie ausgekehrt und verschwand aus den Läden. Das ist heute anders.
Also bist du auch niemand, der Spotify verteufelt?
Nein, das tue ich nicht. Das ist, wie es früher auch schon war. Die Musiker, die früher über die Plattenfirmen hergezogen sind, ziehen heute über Spotify her. Wenn man auf Nummer sicher gehen will, unterschreibt man am besten gar keinen Plattenvertrag, bleibt zuhause, presst die Platte selbst und verkauft sie bei Konzerten, die man am besten ebenfalls selbst organisiert. Dann kann man sicher sein, dass niemand mitverdient. Man muss aber auch damit rechnen, dass man selbst nicht so viel verdient. Ich kann es nicht genau sagen. Der Dschungel ist auf jeden Fall größer, breiter und hier und da noch unübersichtlicher geworden – das auf jeden Fall.
Es ist eine extreme Überfülle. Was mir auch auffällt ist auch, dass es weniger Highlights gibt? Kann das sein? Es gibt einfach ohne Ende Veröffentlichungen und das jeden Tag, aber so richtig catchy ist wenig davon.
Richtige Hits gibt es nicht mehr. Ich als DIY-Künstler finde Veröffentlichungen aber sowieso immer nervig, muss ich sagen. Mir persönlich reicht es, die Musik zu machen. Alles, was mit Veröffentlichungen zu tun hat, nervt mich zu Tode. Denn im Normalfall kriegen dann Leute meine Musik vorgelegt, um sie zu beurteilen, denen ich sie normalerweise gar nicht vorlegen würde. Und ich mache da auch keinen Unterschied, ob jemand meine Musik gut oder schlecht findet.
Das hast du schon mal erwähnt, dass du kein Freund von Reviews bist.
Genau. Reviews sind oft nur Meinungen. Man bekommt etwas vorgelegt und muss sich damit beschäftigen, obwohl man eigentlich gar nicht weiß, ob man Zeit dafür hat. Mir würde im Endeffekt schon eine Ankündigung reichen, aber so ist das Business eben nicht. Auch wenn da eine gute Kritik steht, weiß man ja gar nicht, ob sich da wirklich jemand mit beschäftigt hat und ob die Person das überhaupt beurteilen kann. Du bist eine Ausnahme, weil du dich wirklich mit Musik beschäftigst, dich tief einarbeitest und nicht nur den Megastars hinterherläufst, sondern für Sachen kämpfst, die du selbst für gut befindest.
Kämpfen ist tatsächlich das richtige Wort. Ich kämpfe oft gegen die Oberflächlichkeit, die mich aufregt. Nicht bei allen Bands, aber gerade bei Newcomern merkt man das deutlich. Heute kann quasi jeder, der sich eine Gitarre kauft und ein paar Instagram-Follower hat, denken, er ist ein Superstar. Das halte ich für gefährlich, weil viele null Ahnung von der Branche haben. Früher konnte man sich nicht darauf verlassen, viral zu gehen. Heute ist das oft Ziel mancher Formationen.
Ja, das Problem ist die Branche selbst. Sie existiert zwar noch als solche, reagiert aber auf alles. Heute gibt es so viele Bands, die einfach nur zehn Punkte abhaken, die man “machen muss” – Klamotten, ein Gimmick, Feuer, einen aktuellen Namen, Schnauzbärte, rosa Leopardenhosen, Patronengurte… absoluter Kirmes-Müll. Nicht Trash im coolen Sinne, sondern wirklich Trash. Früher gab es die Gatekeeper, das war auch scheisse. Wenn die gesagt haben: Du machst keine Platte, dann hast du keine Platte gemacht. Heute macht halt jeder ne Platte und das ist eben auch nicht wirklich gut.
Macht das die Szene für dich schwieriger?
Also, die ganze Szene ist wirklich beliebig geworden, nach Zahlen kalkuliert und so niedrigschwellig, dass wirklich die letzte Scheiße hochgejubelt wird. Manche Bands spielen sogar auf Festivals, wo man sich wirklich fragt, wieso.
Klingt so, als würdest du heute kein Metal-Fan mehr sein.
Ich wäre heute auch gar kein Metal-Fan mehr. Alles ist so weichgekocht, dass es für mich als Teenager gar keine Subkultur mehr gäbe. Ich wäre vermutlich mit Haut und Haaren Lady-Gaga-Fan. Die mag ich. Und ja, der würde ich sogar hinterherreisen, weil sie ihre Songs selbst macht, das ist edgy, handwerklich sensationell und hier und da sogar ein bisschen böse. Ich will dabei aber auch nicht klingen wie ein verbitterter alter Mann.
Glaubst du, dass Metal deshalb ein Stück weit “ausgestorben” ist?
Ja, teilweise schon. Da ist etwas von der rebellischen Subkultur verloren gegangen. Es ist heute alles aalglatt, fast wie ein Peter-Alexander-Film. Und Bands, die eigentlich noch Zeit im Proberaum brauchen würden, werden heute einfach hochgespült, nur damit es weitergeht. Früher ist so etwas durchgefallen.
Freiheit, Kreativität und die Enttäuschung vom Heavy Metal
Da kommen wir vielleicht zu den Themen Freiheit und Selbstbestimmung. Wie setzt du diese Aspekte für dich im Alltag um?
Für mich geht es immer um maximale Freiheit, auch Freiheit statt Sicherheit. Ich akzeptiere Scheitern, solange ich zu meinen Bedingungen handle. Ich habe immer meinen Gusto, verfolge meine Idee, ziehe meinen Willen durch und lasse mich nicht belabern. Das ist für mich das entscheidende Kriterium für Zufriedenheit und Authentizität.
Und das betrifft nicht nur die Musik, sondern auch dein Verhalten generell?
Ja, absolut. Ich zahle meine Steuern, halte mich an Regeln, aber alles, was darüber hinausgeht, mache ich nach meinen eigenen Vorstellungen. Das gilt auch für Kreativität: Ich arbeite an Songs, im Studio, ich bin glücklich während des Prozesses. Ob das Endprodukt Erfolg hat oder nicht, ist mir egal, Hauptsache, es entspricht meinen Vorstellungen.
Was macht dich an deiner Musik wirklich glücklich?
Der kreative Prozess, das Schaffen an sich, das macht mich glücklich. Auch wenn ein Lied fertig oder die Arbeit im Studio abgeschlossen ist, bin ich zufrieden, dann könnte es für mich auch aufhören. Natürlich möchte man die Songs irgendwann zeigen, live spielen und so weiter, aber grundsätzlich geht es mir nie darum.
Wenn du ein Fazit ziehen müsstest?
Musik sollte aus Überzeugung entstehen, nicht nach Zahlen oder Trends. Bands und Künstler, die nur nach außen funktionieren wollen, verlieren die Seele der Musik. Die echten Highlights entstehen, wenn Leidenschaft, Authentizität und handwerkliches Können zusammenkommen und alles andere ist austauschbar.
Das klingt nach einem starken persönlichen Credo.
Absolut.
Aber du bist vom Heavy Metal heute auch enttäuscht, darf ich das so sagen?
Ja, aber ich rege mich nicht mehr darüber auf. Es gibt ja trotzdem Highlights – zum Beispiel Judas Priest letztes Jahr: Mega-Album, live ein Wahnsinn. Auch wenn ich vom Heavy Metal wirklich enttäuscht bin, gibt es immer wieder schöne Momente, die einem ein Pflaster auf die Wunden kleben.
Wir werden sehen, was noch kommt, vor allem, wenn die KI-Generation jetzt loslegt.
Ja, aber ich denke, da wird auch alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Die KI wird die Welt weder retten noch zerstören, so sehe ich das.
Vielen Dank für deine Zeit und den Einblick in deine Welt, Andy.
Mehr zu Andy Brings findet ihr in den Socials.
Song & Videoanalyse zu Tik Tak von Andy Brings
Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

