Website-Icon miasraum

Fake Plastic: Zwischen Nostalgie, Innovation & der Suche nach Qualität

Foto: Sarah Ismail

Interview mit Dr. Till Werkmeister von Fake Plastic über Indie-Rock, kreative Freiheit, Perfektion im Rock und heutige Kunstqualität.

Interview: Mia Lada-Klein

Fake Plastic stehen für alternative und experimentelle Rockmusik, ein bisschen geheimnisvoll und vor allem poetisch. Im September 2023 erschien ihr erstes Album, im März 2025 folgte das zweite Werk “Awake in the Night”. In Indie-Kreisen hat sich ihr Name längst herumgesprochen und sorgt für neugierige Ohren.

Die drei Musiker von Fake Plastic sind eine klassische Dreierbesetzung mit Gesang und Gitarre, Bass und Schlagzeug. Ich habe Songwriter, Sänger und Frontmann Dr. Till Werkmeister zum Gespräch eingeladen, um über die wichtigen Dinge zu sprechen. Indie-Rock, die Kulturszene und deren schleichenden Verfall. Im Interview geht es um das neue Album, um die Perfektion im Rock und darum, was Qualität von Kunst heute wirklich bedeutet.

Till, du darfst dich kurz vorstellen. Wer bist du, was machst du?

Till Werkmeister: Ich komme, wie du ja auch, ursprünglich aus Hessen. Geboren bin ich in Kassel und bin nach meinem Zivildienst nach Hamburg gezogen. Dort lebe ich jetzt seit fast 30 Jahren. Musik hat mich immer begleitet. Ich hatte schon früh eine große Affinität zu Lyrik und zur Verbindung aus Text und Musik. Das war immer eine Art Leidenschaft. Ich habe dann englische Literatur studiert. Mein ursprünglicher Plan war tatsächlich eine Universitätskarriere. Parallel habe ich aber immer Musik gemacht. An den Universitäten hat sich allerdings viel verändert, die Freiheit, tief in Themen einzusteigen, ist geringer geworden, die Curricula sind stärker reguliert. Das entsprach irgendwann nicht mehr meinen Vorstellungen. Mit der Familiengründung wurde es dann noch komplizierter. Heute arbeite ich bei einer Stiftung im Bildungsbereich. Dort mache ich Lobbyarbeit für gemeinnützige Bildungsträger und ein bisschen Produktentwicklung. Es ist ein kreativer, abwechslungsreicher Job. Parallel dazu mache ich seit fast zehn Jahren wieder intensiv Musik. Mit meiner Band Fake Plastic läuft es aktuell sehr gut. Früher hatte ich eher Mitstreiter, die etwas gemütlicher unterwegs waren. Jetzt habe ich endlich jemanden an meiner Seite, der genauso ambitioniert und verrückt ist wie ich. Das macht in einer Band einen enormen Unterschied.

Bands funktionieren ja oft wie kleine Firmen, im besten Fall als Team. Wie siehst du das?

Till Werkmeister: Ich sehe das ganz genauso. Es fühlt sich nicht gut an, wenn eine Person dauerhaft alle anderen ziehen muss. In Projekten, egal ob Band oder berufliches Umfeld, braucht man Sparringspartner. Menschen, die denselben Drive haben, die etwas gestalten möchten. Individuen mit einem starken Gestaltungswillen gibt es zwar auch in Soloberufen wie bei Autorinnen und Autoren, aber selbst die brauchen am Ende eine Community. In einer Band ist dieses Sparring noch wichtiger. Man braucht Leute um sich, die den gleichen Willen, die gleiche Leidenschaft und auch die gleiche Verrücktheit mitbringen. Dann entsteht etwas wirklich Gutes.

Fake Plastic, Musik und Genreverständnis

Dann lass uns konkret über Fake Plastic sprechen. Was für Musik macht ihr? Der Name klingt ja erstmal eher nach Elektro.

Till Werkmeister: Ja, tatsächlich bin ich mit dem Namen selbst nicht vollständig glücklich, da wurde ich damals ein wenig überstimmt. Wir machen eigentlich Indie Rock, allerdings eher so, wie er früher mal verstanden wurde: roh, lyrisch, eigenwillig. Ich finde, es hat eine gewisse „Coldplayisierung“ des Indie-Rocks gegeben, alles wurde glatter, stromlinienförmiger und mainstreamiger. Für mich waren Bands wie Modest Mouse zu ihren Anfangszeiten oder Pavement prägend: originell, mutig, anti-mainstream. Heute verbindet man mit „Indie Rock“ häufig etwas völlig anderes, und der Begriff ist ein bisschen negativ besetzt. Deshalb nennen wir unsere Musik inzwischen „Global Rock“. Aber meine größte Prägung kommt definitiv aus der alten Indie-Welt.

Das Genre gibt es aber durchaus noch. Als Musikjournalistin decke ich nach wie vor viel Indie ab.

Till Werkmeister:  Absolut. Es ist aber auch ein Thema, das mich sehr beschäftigt. Szenegrenzen und Genregrenzen werden immer stärker zu einer Art Fetisch. Man ordnet sich entweder der einen oder der anderen Ecke zu und das inklusive Kleidung, Auftreten, Identität. Ich bin da komplett anders gepolt. Mir geht es um Qualität, nicht um Schubladen. Und ich nehme das bei dir ähnlich wahr: Du hast Präferenzen, aber du bist offen. Du sagst nicht: „Das ist mein Genre und alles andere interessiert mich nicht.“ Sondern du suchst gute Musik, egal aus welcher Ecke.

Ich finde das wichtig. Natürlich hat man Lieblingsgenres, einfach weil man weiß, dass dort vieles einem liegt. Aber das bedeutet nicht, dass man alles andere abwerten muss. Ich finde diese Memes so schade, wo verschiedene Genres gegeneinander ausgespielt werden, z.B. Metal gegen Schlager und so weiter. Ich höre privat keinen Schlager, aber ich würde nie sagen, er sei grotesk oder wertlos. Dieses Entweder-oder-Denken ist destruktiv. Wir sollten aufhören, Menschen, Meinungen und Musik in starre Schubladen zu packen. Differenzierung geht verloren, und das sehe ich in der heutigen Welt leider viel zu oft.

Till Werkmeister: Ich finde diese Begriffe aber auch durchaus nützlich. Sie bieten eine Art Orientierung, einen Erkennungsraum. Wenn du „Country Rock“ hörst, weißt du ungefähr, wie es klingt und welche Themen vorkommen. Das hat aber nichts mit der Qualität der Musik zu tun. Die entscheidet sich immer innerhalb des Genres. Und Qualität ist für mich ein spannendes Thema. Du hattest dazu ja zuletzt einige Posts, die ich sehr interessant fand. Für mich zeichnen sich besondere Bands dadurch aus, dass sie Traditionen aufgreifen, aber innerhalb dieses Rahmens etwas Neues schaffen. Sie kombinieren Elemente anders, betonen bestimmte Aspekte stärker oder bringen eine neue Sensibilität in ein Genre ein. Genau das versuchen wir als Fake Plastic auch, vielleicht sind wir deshalb so schwer einzuordnen. Es fließt viel Unterschiedliches ein, und wir machen unser Ding ein Stück weit quer zum Mainstream.

Das ist spannend, weil ich kürzlich ein Interview mit der Deathcore-Band Detartrated hatte, durch die ich erst in dieses Genre hineingefunden habe. Die sagen im Grunde dasselbe: Musik braucht Bekanntes, aber gleichzeitig genug Neues, damit man sich darauf einlassen kann.

Till Werkmeister: Absolut. Musik sollte Anknüpfungspunkte bieten, damit Leute überhaupt hineinkommen. Gleichzeitig muss sie etwas Besonderes haben, das neugierig macht. Du hast es gut beschrieben: Elemente müssen kompatibel genug sein, damit man sich nicht völlig fremd fühlt. Aber sie sollten auch genug Reibung erzeugen, damit etwas Interessantes passiert. Und oft hilft es auch, Menschen zu erklären, warum etwas gut ist. Wenn man Begeisterung teilt, sehen andere manchmal Aspekte, die ihnen vorher gar nicht aufgefallen sind. Dann entdecken sie plötzlich etwas, das ihnen gefällt, einfach, weil jemand ihnen eine neue Perspektive gezeigt hat.

Das kenne ich leider auch gut aus meiner Arbeit. Ich habe das Handwerk gelernt, ein Volontariat gemacht, studiert, arbeite heute in einer Redaktion. Bei einigen, nicht allen, aber bei einigen Magazinen merkt man das. Texte wirken lieblos, Copy-Paste-artig. Dabei sollte ein guter Text doch Lust machen, etwas anzuhören, reinzulesen oder weiterzuschauen. Wie erlebt ihr das als Musiker?

Till Werkmeister: Musiker und Kritiker sitzen da tatsächlich im gleichen Boot. Beide müssen darauf hoffen, dass Qualität sich durchsetzt. Und in beiden Fällen geht es um Geschmack, Sensibilität und eine gewisse Kultiviertheit. Bei Kritikern bedeutet Qualität etwa, dass sie Besonderes erkennen, präzise beschreiben und sich wirklich in Musik hineindenken können. Oder eben: dass sie nicht nur Schema-F-Texte produzieren. Ich hoffe wirklich, dass sich in unserer stark nivellierten, von Massenmedien geprägten Kultur trotzdem die Arbeiten durchsetzen, die Substanz haben. Dafür muss man aber selbst konsequent bleiben, sich weiterentwickeln, diszipliniert arbeiten und wissen, was man kann.

Und vielleicht auch wissen, was man nicht kann. Ehrlichkeit gehört dazu. Ich zum Beispiel kann überhaupt kein Instrument spielen und zwar gar keins. Ich habe es versucht, mein damaliger Partner ist Musiker und hat es mich sogar ernsthaft lehren wollen, aber irgendwann musste auch er eingestehen: „Du hast da kein Talent.“

Till Werkmeister: (Lacht) Es gibt solche Fälle. Und manchmal hängt es auch stark davon ab, was man wirklich will. Technik zum Beispiel ist überhaupt nicht mein Ding und nicht, weil ich es nicht könnte, sondern weil es mich schlicht nicht interessiert. Das heißt aber nicht, dass du keinen musikalischen Zugang hast. Deine Rezensionen zeigen ja, dass du Produktion, Klangästhetik und die Atmosphäre eines Songs sehr gut beschreiben kannst. Das ist auch Musikalität, nur eben auf einer anderen Ebene. Und ehrlich gesagt: Rezensionen, in denen die Akkordfolge erläutert wird, interessieren ohnehin nur sehr wenige Menschen. Es gibt ja diesen Typen im Internet, der ständig analysiert, „was diesen Song großartig macht“. Das ist witzig und manchmal hilfreich, aber es bleibt Musiknerd-Sprech. Dein Zugang ist ein anderer und genauso wichtig. In deinen Rezensionen versuchst du häufig, bestimmte musikalische Qualitäten zu umschreiben. 

Danke dir. Weißt du, Marcus, unser Reviewer bei den Montagslyriker, der hat irgendwann mal erwähnt, dass er zwischen “Erwachsenenmusik” und “etwas anderem” unterscheidet. Es gibt Musik, die sehr platt funktioniert, mit viel “bum bum bum” und einem schnellen Zugang. Das ist meiner Ansicht nach meistens geeignet für Jugendliche, die im Moshpit tanzen und sich betrinken. Und dann gibt es eine Art von Musik, die du einem Teenager nicht vorsetzen kannst. Da steckt Finesse drin, Technik und ein enorm hohes Niveau an Instrumentalspiel. Das ist etwas anderes. Diese zwei Lager existieren auch in Texten. Manche gehen sehr tief rein und formulieren elegant. Andere wollen nur kurze Snippets. Vielleicht hängt es also auch vom Alter ab? 

Till Werkmeister: Junge Leute haben häufig auch einen sehr guten intuitiven Zugang. Sie spüren, wenn etwas Qualität besitzt. Ich glaube, jemand von den Red Hot Chili Peppers hat einmal gesagt, er sei stolz darauf, dass Kinder ihre Lieder lieben, weil Kinder spontan erkennen, wenn eine Melodie besonders ist. Sie greifen so etwas auf und begeistern sich dafür. Ich kenne das auch aus meiner Jugend. Viele Kids bauen mit zwölf oder vierzehn Jahren ein enormes Expertentum auf, kennen jede Band und lesen jedes Textblatt. Ich hoffe, dass es das immer noch gibt.

Kinder können sich unglaublich in Dinge hineinsteigern. Das kennst du ja sicher auch aus deinem Umfeld.

Till Werkmeister: Auf jeden Fall. Wenn Kinder sich für etwas interessieren, dann richtig. Diese Begeisterung ist total echt.

Aber was ist dir denn an einem Song wichtig? Und kannst du als Musiker Musik überhaupt noch hören, ohne ständig zu analysieren?

Till Werkmeister: Ich höre noch immer sehr viel und sehr gerne Musik. Für mich steht aber eher das Album im Mittelpunkt. Ein Song ist wichtig, aber er ist für mich eher ein Appetizer auf das große Ganze. Ich möchte wissen, was eine Band mit einer Platte wirklich zu sagen hat. Deswegen schaue ich mir an, wie ein Album aufgebaut ist, ob es ein Thema gibt oder einen roten Faden. Mich interessiert, ob jemand geschickt darin ist, eine Geschichte zu erzählen. Ich suche schon immer nach dem Besonderen und nach Tiefe. Die Klassiker im Rock zeigen das eindrucksvoll. Selbst ein vielgespieltes Album wie “Hotel California” ist ein komplexes Werk über amerikanische Kultur, Mythologie und Kulturkritik. Solche Alben beeindrucken mich total.

Musikindustrie, Publikum und Zukunft

Heute werden Songs aber oft einzeln veröffentlicht, Alben verlieren an Bedeutung. Es ist sehr schnelllebig geworden. Viele hauen einfach Songs raus, ohne ein Albumkonzept zu verfolgen. Und lange Stücke wie bei The Who oder Guns N’ Roses würden im Spotify-Algorithmus wahrscheinlich kaum noch ausgespielt werden. 

Till Werkmeister: Das ist bitter und macht die Situation für Bands schwierig, die große Werke schaffen wollen. Wir lieben unser eigenes Album sehr, weil wir wissen, dass es das Zeug zum Klassiker hätte. Es steckt ein lyrischer Zusammenhang drin, eine Geschichte über elf Songs. Diese Tiefe wird heute jedoch kaum noch wahrgenommen. Es gab eine Zeit, in der Qualität und Popularität zusammengefallen sind. Das zeichnet eine starke Kunstepoche aus. Wenn man das als Maßstab nimmt, leben wir gerade nicht in einer besonders guten Phase. Es gibt Ausnahmen, wie Lana Del Rey. Bei ihr treffen Qualität und Popularität zusammen. Sie hat etwas zu sagen und die Leute hören ihr zu. Aber häufig wird heute eher belangloser Kram erfolgreich, während Künstlerinnen und Künstler, die wirklich etwas zu sagen haben, im Untergrund bleiben.

Das stimmt. Das hat Andy Brings im Interview sehr treffend formuliert, er meinte, dass heute auch vieles nach oben gespült wird, dass eigentlich noch Zeit im Proberaum bräuchte und da kann ich mich nur anschließen. Viele nutzen Zahlen als Maßstab für Qualität. Wenn jemand zweitausend oder dreitausend Follower bei Instagram hat, glaubt er, die nächsten Rolling Stones zu sein. Das ist traurig, aber wahr. Man bekommt zu viel digitale Strahlung ab. Und qualitativ wird es dadurch nicht besser. Für mich beginnt Bekanntheit erst dort, wo man auf der Straße erkannt wird, wo jemand in einem Restaurant um ein Foto bittet. Davon sind viele Bands weit entfernt.

Till Werkmeister: Diese Zahlen sind oberflächlich. Der Kern des Musikmachens ist, etwas in Menschen auszulösen und sie zu erreichen. Man möchte, dass Menschen sich mit der eigenen Kunst auseinandersetzen. Das kannst du nicht an Likes oder Followern messen. Bedeutend sind Kommentare, Gespräche, Menschen, die sagen, ein Song habe ihnen das Leben gerettet oder ihnen durch schwere Zeiten geholfen. Das ist die Essenz. Likes können das nicht ausdrücken. Dahinter steckt eine Fake-Welt.

Viele Bands präsentieren sich nach außen auch als Gemeinschaft, als Freunde, als Familie, aber auch das ist nicht immer wahr. 

Till Werkmeister: Der Zusammenhalt, den man so gern nach außen kommuniziert, existiert nicht immer. Das ist richtig. Wir sind in einer Szene groß geworden, in der Indie-Bands zusammengehalten haben. Heute bin ich überrascht, wie egoistisch, ellbogenorientiert und ignorant viele geworden sind. Es gibt einige Homie-Bands, die kreativ und menschlich stark sind. Aber es gibt auch andere, die ich musikalisch gut finde, deren Verhalten jedoch gar nicht geht. Man denkt dann: Du machst gute Musik, aber als Mensch scheint es schwierig zu sein.

Denkst du, dass künstlerische Qualität mit Persönlichkeit zusammenhängt?

Till Werkmeister: Ja. Die wirklich guten Bands bringen oft Menschlichkeit, Sensibilität und einen achtsamen Umgang mit. Die eher stumpfen schaffen vielleicht eine zwei, aber selten eine eins. Ihre eigene Stumpfheit steht ihnen im Weg. Genau so erlebe ich es auch.

Ich denke, Erfolg ist immer auch mit Intelligenz verknüpft.

Till Werkmeister: Allerdings spielen manche Menschen die Mechanismen der Medienwelt aktiv mit, selbst wenn sie intelligent sind und das stößt mich ab. Sie verändern die Öffentlichkeit nicht zum Guten, sondern bedienen Erwartungen. Das ist ähnlich wie bei Trump. Er wirkt flach, aber er ist sicher intelligent. Er ist ein strategischer Machtmensch, der genau weiß, wie er Menschen manipuliert. Das macht ihn nicht sympathisch. Bei Menschen wie Verona Pooth ist das eher Anpassungsintelligenz. Echtes Künstlertum funktioniert anders. Es versucht nicht, den Zeitgeist zu bedienen, sondern ihn weiterzuentwickeln. Es geht darum, etwas Besseres zu schaffen, nicht darum, die niedrigsten Instinkte clever auszunutzen.

Lass uns mal wieder über Fake Plastic als Band sprechen. Welche Themen treiben euch an?

Till Werkmeister: In unserem Genre spielt ein gewisses Leiden am Leben immer eine Rolle, dieses Anstoßen an der Normalität und gleichzeitig der Wunsch, das Leben zum Besseren zu verändern. Auch utopische Räume interessieren mich: Wie könnten Dinge anders sein? Das klingt politischer, als es am Ende ist, aber es steckt eine Haltung dahinter. Diese subversive Rockkultur lebt ja oft vom Frust. Deshalb schreien Rocksänger, deshalb ist vieles atonal und schief, weil man zeigen will: „Die Dinge könnten anders sein.“

Wie gehst du dabei textlich vor?

Till Werkmeister: Unsere Texte sollen Tiefe haben, aber ich schreibe selten lineares Storytelling. Das machen viele Bands, aber das ist nicht mein Ding. Ich arbeite viel mit Lautmalerei und lasse Bedeutungen gern offen. Ambiguität gehört für mich dazu. Die Hörer sollen ihre eigenen Bilder entwickeln können. Ich glaube, das unterscheidet uns auch von vielen anderen Bands.

Wie sieht das bei euren Alben aus?

Till Werkmeister: Ich versuche immer, eine Stimmung über einen ganzen Songzyklus durchzuziehen. Bei unserer letzten Platte Awake in the Night ist uns das gut gelungen. Das neue Album ist ein richtiges „Hard-Rock-Heartbreak-Album“. Sehr emotional, sehr verzweifelt, allerdings nicht eins zu eins autobiografisch. Und ich breche vieles ironisch, damit es nicht zu schwer wird.

Viele sagen inzwischen, dass man kein Label mehr braucht. Siehst du das auch so?

Till Werkmeister: Ja. Wenn man motiviert ist und sich reinarbeitet, kann man heute fast alles selbst machen. Meine Stärke ist das Songwriting, das wäre mein Super Skill. Ich träume sogar Lieder. Ich nehme jeden Monat zehn bis fünfzehn Songideen auf und habe dadurch einen riesigen Fundus. Melodien fallen mir leicht, und unsere Songs haben immer etwas Eingängiges. Und ich mag eben auch die englische Sprache. 

Ich lese Songtexte leidenschaftlich gern und analysiere sie. Ich hatte im Studium sogar Songwriting, allerdings war ich darin nicht besonders gut. Poesie liegt mir mehr als das Schreiben von Songs.

Till Werkmeister: Vielleicht hängt das damit zusammen, dass du kein Instrument spielst. Das hilft beim Songwriting oft. 

Wie würdest du deinen eigenen Gesang einordnen?

Till Werkmeister: Mein Gesang ist tatsächlich eher garage-mäßig. Ich bin stark von so einem „Garage-und-Punkrock-Vibe“ beeinflusst. Es ist roh, ungeschliffen. Eine Mischung, die ganz spannend ist.

Ich mag diesen Garagenrock-Sound sehr. Viele moderne Produktionen verlieren für mich das Live-Gefühl. Für mich ist dieses Garage-Feeling ein Gegengift gegen Überproduktion. Viele Produktionen haben gefühlt 780 Spuren, alles klingt aalglatt, fast wie KI-generiert. Dieses Ultra-Saubere nimmt der Musik die Seele. Ich bin großer Clash-Fan. Da liebe ich gerade die Momente, in denen die Stimme bricht. Das gibt’s heute kaum noch. Dieser eine Moment im Original von I Fought the Law, wo die Stimme bricht, das ist der schönste Moment. Genau da zeigt sich Menschlichkeit. In der heutigen Musik wird alles auf Perfektion getrimmt. 

Till Werkmeister: Definitiv. In der Rockmusik ist Imperfektion das Grundprinzip. Wenn eine Stimme struggelt, entsteht Emotion. Das ist Rockmusik. Fehler können Brillanz erzeugen. Es geht nicht darum, dass jeder Ton perfekt sitzt, im Gegenteil. Perfektion klingt unmenschlich. Viele Produktionen klingen mittlerweile extrem gleichförmig, vor allem durch Tools wie Autotune und das sorgt dafür, dass alle Töne exakt sitzen. Damit zerstört man aber die Reibung und Spannung, die guten Rock ausmacht. Wenn alles perfekt klingt, klingt es nicht mehr wie ein Mensch, sondern mher wie ein Algorithmus.

Was beschäftigt euch als Band aktuell am meisten?

Till Werkmeister: Der größte Wunsch ist nach wie vor: Menschen erreichen. Wir haben ein Album, wir haben Songs, die echt gut ankommen und es gibt definitiv ein Publikum, das das feiern würde. Auf Konzerten merken wir, wie unterschiedlich die Leute sind, die uns mögen: normale Konzertgänger, Metaler, Hard-Rock-Leute, Szenemenschen, Künstler, alles ist komplett gemischt. Der Weg zu den Menschen ist aber lang und steinig. Wir versuchen alles, was möglich ist. Letztes Wochenende sind wir zum Beispiel komplett mit dem Zug nach Freiburg gefahren, Verstärker, Schlagzeug, alles auf Trolleys. Einmal quer durch Deutschland. Gig gespielt, übernachtet, nächsten Tag zurück. Das macht man dann für 30 oder 40 Leute im Publikum, in der Hoffnung, dass sie etwas teilen, weitertragen, wiederkommen.

Ticketverkäufe sind ja ohnehin schwierig geworden.

Till Werkmeister: Total. Und das spürt man überall, selbst bei Bands, die normalerweise locker Hallen füllen.

Gibt es trotzdem noch Hoffnung?

Till Werkmeister: Auf jeden Fall. Man muss immer die Hoffnung behalten. Man trifft immer wieder Menschen, die Kunst, Kultur oder Musik schätzen. Diese Begegnungen geben am Ende Energie und Trost.

@miasraum

Mehr zur Band Fake Plastic findet ihr in den Socials.

Instagram Spotify YouTube

Mehr Soundcheck Sessions findet ihr auf der Website.

Andy Brings: “Ich wäre heute kein Metal-Fan mehr”

Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

Die mobile Version verlassen