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Doppelbock und der leise Weltuntergang im Späti

Doppelbock liefern mit Späti keinen Hit zum Wegfeiern, sondern einen Song mit Tiefgang, Humor und Haltung. Leise, klug, unbequem.

Text: Mia Lada-Klein

Überraschung als Prinzip bei Doppelbock

Doppelbock ist eine dieser Bands, bei denen man sich angewöhnt, nicht zu früh zu urteilen. Kaum denkt man, man habe ihren Sound oder ihre Haltung verstanden, drehen sie eine kleine Schraube und stellen alles noch einmal schief. Das ist mehr, als viele aufstrebende Bands jemals erreichen, die schon nach dem ersten Refrain alles gesagt haben, was sie zu sagen haben. Doppelbock liefern keine Songs zum Abhaken, sondern Ebenen zum Ausgraben. Mindestens zwei. Inzwischen aber offenbar noch mehr. 

Was sie bemerkenswert konstant schaffen, ist der berühmte doppelte Boden. Ihre Songs funktionieren auf den ersten Blick als lockere Szenenbeschreibungen, als Alltagsbeobachtungen mit Augenzwinkern. Wer jedoch genauer hinhört, merkt schnell, dass unter dem vermeintlich Leichten etwas arbeitet. Bei ihrem neuen Song Späti, der am 12. Dezember erschien, kommt nun sogar fast so etwas wie eine dritte Ebene hinzu. Eine zusätzliche Tiefenschärfe.

Späti kommt soundtechnisch deutlich ruhiger daher als man es vielleicht erwartet hätte. Weniger kollektiver Gute-Laune-Rausch, etwas reduzierter, etwas gesetzter. Die Nacht mit Bierflasche auf dem Tisch lädt hier nicht mehr automatisch zum Tanzen ein, zumindest nicht zum ausgelassenen. Aber schunkeln geht nach wie vor. Das Akkordeon übernimmt in der Mitte souverän das Kommando, während der Rest des Arrangements höflich Platz macht. Späti gibt sich aber insgesamt deutlich entspannter.

Doppelbock und der Alltag als Gesellschaftsspiegel

Textlich wird es dann umso spannender. Doppelbock haben dieses seltene Talent, ihre Songs wie kleine Gesellschaftskommentare wirken zu lassen, ohne dabei belehrend zu werden. Es sind Szenen, die so alltäglich sind, dass man sie kaum noch hinterfragt. Aber genau deshalb verdienen sie es eigentlich, kritisch betrachtet zu werden.

Wenn von Prophezeiungen über den Dritten Weltkrieg die Rede ist oder davon, dass Probleme von da oben einen hier unten angeblich nichts angehen, während man lieber “Promis unter Palmen” schaut, dann ist das keine überzeichnete Satire. Das ist Realität. Ein Bild, das in vielen Wohnzimmern wahrscheinlich erschreckend vertraut wirkt. Doch Doppelbock beschreiben diesen Zustand eher, als dass sie ihn offen verurteilen. Und genau das macht das Ganze so clever. Man kann Kritik darin lesen, man muss es aber nicht. Der Song lässt Raum. Er zwingt niemanden zu einer Haltung, sondern lädt dazu ein, selbst eine zu entwickeln.

Gleich zu Beginn werfen Doppelbock mit der Zeile “Der Abend steht am Anfang, doch die Welt kurz vor dem Ende” eine dieser Wahrheiten in den Raum, die man am liebsten überhören würde. Klingt harmlos, sitzt aber unangenehm genau. Gleich danach folgt “Die Welt erwärmt sich, doch mein Bier ist immer kalt.” Ein Satz, der sich liest wie ein Schulterzucken mit Refrain. Klimakrise trifft Getränketemperatur, Prioritäten sauber sortiert. Bequemlichkeit als Haltung, Verdrängung als Freizeitbeschäftigung. Doppelbock liefern diese Gedanken so beiläufig, dass man erst später merkt, wie unangenehm präzise sie eigentlich sind.

Doppelbock zwischen Späti und Weltuntergang

Besonders interessant wird Späti durch eine neue und zusätzliche Ebene, die sich nicht sofort greifen lässt. Neben dem Offensichtlichen und dem bekannten doppelten Boden bleibt hier dieses Mal ungewöhnlich viel Interpretationsraum. 

Hier könnte man, wenn man wollte, in Zeilen wie “Alle ziehen in den Krieg” sehr viel mehr hineinlesen. Ich will Doppelbock gar nicht klüger machen, als sie vielleicht sind, aber einen derart offenen Bedeutungsraum zu lassen, ist schon großes Kino. Denn dieser Satz lässt sich nicht nur auf die Weltlage beziehen, sondern auch auf die Musikwelt selbst. Während manche Bands auf der Bühne klare politische Positionen beziehen, halten sich andere demonstrativ zurück. Doppelbock gehören eher zu Letzteren. Anders als etwa ZSK wird hier keine Stellung bezogen, kein Statement auf die Stirn geschrieben. Und gerade deshalb wirkt Späti überraschend kritisch. Nicht laut, nicht eindeutig, sondern vage, offen, interpretierbar. Die Haltung schwingt irgendwie mit, aber ohne direkt ausgesprochen zu werden. Man kann sie hören, wenn man will. Man muss es aber nicht. In jedem Fall ist es erfrischend anders.

Man könnte Doppelbock hier vielleicht vorwerfen, dass sie sich nicht klar genug positionieren, dass sie zu viel andeuten und zu wenig festlegen. Aber allein die Tatsache, dass man darüber diskutieren kann, hebt sie bereits deutlich von vielen anderen Bands ab. Späti ist kein lauter Song, aber ein nachhaltiger. Einer, über den man länger nachdenkt, als man ihn hört. Und das ist heute vielleicht die höchste Form von Kompliment, die man Musik machen kann.

Mehr zur Band Doppelbock findet ihr in den Socials.

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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

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