Soundcheck mit Mia (Artikel)
Die GEMA-Reform sorgt für heftige Diskussionen in der Musikbranche. Zwischen Kulturförderung, fairer Vergütung und KI steht die Zukunft von E- und U-Musik auf dem Spiel.
Text: Mia Lada-Klein
- Warum die GEMA ihr Vergütungssystem grundlegend verändern will
- Weshalb klassische Musikschaffende massive Kritik an der Reform äußern
- Welche Rolle KI und neue Urheberrechtsfragen in der Debatte spielen
Streit um die GEMA: Warum die Reform der Musikvergütung so polarisiert
Die deutsche Musikbranche erlebt seit Jahrzehnten tiefgreifende Veränderungen. Streamingdienste haben den Verkauf von CDs verdrängt, Livekonzerte sind wirtschaftlich wichtiger geworden und inzwischen verändert auch künstliche Intelligenz die Produktion von Musik. Vor diesem Hintergrund hat die GEMA beschlossen, ihr System zur Verteilung von Einnahmen neu auszurichten. Genau diese Reform sorgt jedoch für heftige Diskussionen innerhalb der Kulturszene.
Im Zentrum steht die Frage, wie Gelder künftig verteilt werden sollen und welche Rolle die GEMA überhaupt einnehmen soll: reine Verwertungsgesellschaft oder zugleich kulturpolitische Förderinstitution?
Welche Funktion erfüllt die GEMA?
Die GEMA verwaltet die Rechte von Komponisten, Textautoren und Musikverlagen in Deutschland. Überall dort, wo Musik öffentlich genutzt wird, fallen Gebühren an. Das betrifft unter anderem Clubs, Restaurants, Fitnessstudios, Hotels oder Veranstaltungen. Die Organisation sammelt diese Einnahmen ein und verteilt jährlich Milliardenbeträge an ihre Mitglieder. Dafür existiert ein umfangreiches Tarifsystem mit zahlreichen Kategorien, etwa für Hintergrundmusik, Sportevents, Gottesdienste oder sogar Telefonwarteschleifen. Zu den wichtigsten Partnern der GEMA gehört der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA, da unzählige Betriebe aus Gastronomie und Hotellerie regelmäßig Musik öffentlich einsetzen.
Wie ist die GEMA aufgebaut?
Innerhalb der GEMA gibt es verschiedene Gruppen, die über Entscheidungen abstimmen. Unterteilt wird in Komponisten, Textdichter und Musikverlage. Besonders einflussreich sind die sogenannten “ordentlichen” Mitglieder. Wer diesen Status erhalten will, muss seit mindestens fünf Jahren Mitglied sein und eine bestimmte Summe an Tantiemen erwirtschaftet haben. Diese Mitglieder entscheiden direkt über Satzungsänderungen und Verteilungsmodelle. Die deutlich größere Gruppe besteht aus außerordentlichen Mitgliedern. Sie verfügen allerdings über weniger direkten Einfluss und werden durch Delegierte vertreten. Genau dieses Ungleichgewicht wird seit Jahren kritisch betrachtet.
GEMA-Reform 2026: Bedeutet das das Aus für E- und U-Musik?
Lange unterschied die GEMA zwischen sogenannter E-Musik und U-Musik. Unter E-Musik wurde überwiegend klassische beziehungsweise anspruchsvolle Kunstmusik verstanden, während Pop, Rock oder Schlager zur Unterhaltungsmusik zählten. Mit der Reform soll diese historische Trennung weitgehend abgeschafft werden. Künftig sollen Aufführungen und tatsächliche Nutzung stärker berücksichtigt werden als die reine Existenz eines Werkes. Gleichzeitig werden klassische Fördermechanismen reduziert.
Ein erster Versuch zur Umsetzung scheiterte “Deutschlandfunk Kultur” zufolge bereits 2025 an fehlender Zustimmung. Im Mai 2026 wurde die Reform schließlich mit der nötigen Mehrheit beschlossen. Die Kontroverse ist damit allerdings keineswegs beendet.
Kritik an der GEMA-Reform: Ist zeitgenössische Klassik in Gefahr?
Besonders aus dem Bereich der klassischen Musik kommt massive Kritik. Musikhochschulen und Kulturinstitutionen warnen davor, dass wirtschaftliche Kriterien künftig stärker gewichtet werden könnten als künstlerische Qualität.
Gerade zeitgenössische klassische Musik gilt oft als finanziell wenig lukrativ, ist jedoch mit großem Aufwand verbunden. Kritiker befürchten daher, dass experimentelle oder kulturell bedeutende Werke künftig schlechter gefördert werden.
Auch die Akademie der Künste sieht die kulturelle Verantwortung der GEMA in Gefahr. Da die Gesellschaft faktisch eine monopolartige Stellung habe, müsse sie laut Kritikern mehr leisten als lediglich Einnahmen zu verteilen. Viele sehen die Gefahr, dass kulturell relevante Musikformen langfristig an Bedeutung verlieren könnten.
In einem offenen Schreiben an Vorstand und Aufsichtsrat der GEMA äußerten die Leitungen deutscher Musikhochschulen deutliche Kritik und große Sorgen hinsichtlich der geplanten Reform.
Die Debatte wird inzwischen äußerst emotional geführt. Gegner der Reform werfen der GEMA unter anderem mangelnde Transparenz und eine schleichende Entwertung kultureller Förderung vor.
Warum viele Musiker die neue Reform der GEMA trotzdem unterstützen
Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Befürworter der Neuausrichtung. Sie argumentieren, dass das bisherige Modell vor allem klassische Musik bevorzugt habe, obwohl der überwiegende Teil der Einnahmen aus populären Genres stammt.
Kritiker des alten Systems bemängeln seit Jahren, dass nur eine vergleichsweise kleine Gruppe stark von Fördermitteln profitiert habe. Musiker aus Pop, Rock oder anderen Bereichen hätten dagegen deutlich weniger Unterstützung erhalten, obwohl ihre Werke einen Großteil der Einnahmen generieren.
GEMA-Reform 2026: Mehr als nur ein Streit über Musikgenres?
Hinter der Diskussion steckt letztlich eine grundlegende Frage: Welche Aufgabe soll eine Organisation wie die GEMA erfüllen?
Für die einen steht die kulturelle Förderung im Mittelpunkt. Sie sehen die GEMA auch als Schutzraum für Kunstformen, die wirtschaftlich weniger erfolgreich sind. Andere betrachten sie primär als Institution zur fairen Verteilung von Einnahmen entsprechend tatsächlicher Nutzung.
Die alte Gegenüberstellung von E- und U-Musik scheint dabei zwar überholt, prägt die Diskussion jedoch weiterhin. Selbst neue Begriffe ändern wenig daran, dass der Konflikt zwischen Kulturförderung und Marktorientierung bestehen bleibt.
Künstliche Intelligenz erhöht den Druck auf die Musikbranche
Parallel zur Reform beschäftigt die Branche ein weiteres Thema: KI-generierte Musik. Immer häufiger setzen Unternehmen auf künstlich erzeugte Sounds statt auf Musik menschlicher Komponisten. Eine 2024 veröffentlichte Studie der Verwertungsgesellschaften GEMA und SACEM sowie des Forschungsinstituts Goldmedia prognostiziert, dass generative KI den Musikmarkt in den kommenden Jahren massiv verändern könnte. Demnach seien erhebliche Einnahmeverluste für Urheberinnen und Urheber möglich.
Gleichzeitig entstehen neue juristische Fragen. Ein viel beachtetes Urteil des Landgerichts München stärkte Ende 2025 die Position der GEMA gegenüber OpenAI. Das Gericht entschied, dass für das Training von KI-Systemen verwendete Songtexte urheberrechtlich relevant sein können und Rechteinhaber dafür vergütet werden müssen.
Damit sehen wir, dass die Reformdebatte in einer Phase stattfindet, in der sich die gesamte Musikindustrie neu orientieren muss.
Mehr Soundchecks mit Mia findet ihr auf meiner Website.
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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

