Soundcheck Sessions mit Mia (Interview)
Music Forge Festival 2026: Veranstalter Sascha Jäger spricht im Interview über Festivalstress, Generation Z, Awareness, KI, Roberto Blanco und die Herausforderungen hinter den Kulissen.
Interview: Mia Lada-Klein
Music Forge Festival 2026 Infos & Tickets
Auch 2026 wird in Gießen wieder gepflegt eskaliert. Vom 20. bis 22. August verwandelt sich das Waldschwimmbad Lich in Hessen erneut in einen Ort, an dem Metal, Rock, Wahnsinn und wahrscheinlich auch ein bisschen Schlafmangel aufeinandertreffen. Das Music Forge Festival fährt dieses Jahr zudem eine spannende Mischung auf. Mit dabei sind unter anderem Roberto Blanco, Stick To Your Guns, April Art, Samurai Pizza Cats, Mental Cruelty und viele weitere Acts.
Hinter dem Festival stecken die Brüder Robin Kraupatz und Sascha Jäger. Vor fast zehn Jahren entstand die Idee, einfach mal ein eigenes Festival auf die Beine zu stellen. Und ja, das Festival wächst, entwickelt sich weiter und bringt auch 2026 wieder Bands auf die Bühne, die für verschwitzte Shirts und glückliche Gesichter sorgen dürften.
Ich habe im Vorfeld mit Sascha gesprochen. Natürlich über das Festival selbst, aber auch über die Realität hinter den Kulissen. Denn bevor irgendwo die erste Wall of Death startet, müssen erst einmal Budgets kalkuliert, Bands gebucht, Sponsoren überzeugt und gefühlt 800 Probleme gleichzeitig gelöst werden. Einfach kurz eine Nachricht mit „Hey, habt ihr Bock zu spielen?“ reicht da überraschenderweise nicht aus.
Im Interview spricht Sascha über steigende Kosten, spontane Generation-Z-Ticketkäufe, KI, Awareness auf Festivals und die Frage, warum kleinere Festivals für die Musikszene so wichtig bleiben. Außerdem geht es um Ehrenamt, Stress und Wetterpanik.
Festivalveranstalter Sascha Jäger über steigende Kosten, spontane Besucher und die Generation Z
Viele sprechen aktuell von einer Festivalkrise. Spürt ihr das konkret oder wird das medial teilweise überzeichnet?
Sascha: Es ist so, dass sich das Kaufverhalten generell verändert hat. Viele Menschen kaufen Tickets deutlich spontaner als früher. Für unser Festival muss ich allerdings sagen, dass wir momentan in einer sehr komfortablen Situation sind. Der Vorverkauf lief im vergangenen Jahr sehr gut und entwickelte sich dieses Jahr sogar noch besser. Wir setzen uns im Vorstand regelmäßig zusammen und schauen genau, wie viel Budget wir für bestimmte Maßnahmen brauchen, also etwa für größere Bühnen, zusätzliche Angebote oder technische Erweiterungen. Gleichzeitig kalkulieren wir natürlich sehr genau unseren Break-even-Point. Bisher sind wir da glücklicherweise sehr gut aufgestellt. Trotzdem bekommen wir natürlich mit, wie schwierig die Lage in der Branche insgesamt ist. Viele Kolleginnen und Kollegen aus dem Veranstaltungsbereich kämpfen mit enorm steigenden Kosten. Die Budgets für Bands sind teurer geworden und generell steigen die Ausgaben an allen Fronten. Für kleinere Veranstalter ist die Krise definitiv real.
Wo steigen die Kosten aktuell am stärksten? Betrifft das eher Artists, Technik, Sicherheit oder Energiekosten?
Sascha: Eigentlich ist alles teurer geworden. Gerade Festivals sind extrem energieintensiv. Da geht es um Dieselaggregate, Stromversorgung für Bühnen oder die komplette Ausleuchtung des Geländes. Natürlich kann man mit LED-Technik inzwischen einiges einsparen, aber trotzdem bleibt Energie ein großer Kostenpunkt. Dazu kommen steigende Preise bei Dienstleistern. Selbst Bierpreise sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, auch weil der Konsum teilweise zurückgeht. Und die Gagen der Bands haben ebenfalls massiv angezogen. Deshalb finde ich den Begriff „Krise“ durchaus passend. Die Kostensteigerungen betreffen mittlerweile nahezu jeden Bereich eines Festivals.
Glaubst du, dass sich auch die Generationen verändert haben? Viele ältere Festivalgänger gründen irgendwann Familien oder setzen andere Prioritäten. Gleichzeitig wird der Generation Z oft nachgesagt, dass sie anders konsumiert. Geht die junge Generation heute noch genauso selbstverständlich auf Festivals wie früher?
Sascha: Die Antwort darauf ist wahrscheinlich nicht ganz so einfach. Ich glaube schon, dass wir uns teilweise noch in den Nachwirkungen der Corona-Zeit bewegen. Einerseits waren viele Menschen unglaublich froh, endlich wieder auf Konzerte und Festivals gehen zu können. Andererseits hat sich das Sozialverhalten in einigen Bereichen verändert. Viele Menschen fühlen sich heute schneller überfordert oder haben Schwierigkeiten, sich in großen Gruppen wohlzufühlen. Durch die Digitalisierung hat sich generell verändert, wie Menschen miteinander in Kontakt treten. Das spielt sicherlich auch eine Rolle.
Vielleicht geht es auch um das Thema Planbarkeit. Viele junge Menschen möchten sich heute gar nicht mehr Monate im Voraus festlegen. Man kennt das ja nicht nur von Festivals, sondern auch aus anderen Lebensbereichen. Beziehungen, Jobs oder Reisen werden oft spontaner gehandhabt. Vielleicht möchte man sich einfach offenhalten, ob man im Sommer wirklich auf ein Festival fährt oder spontan doch lieber nach Madrid fliegt.
Sascha: Absolut. Dieses spontane Verhalten wird uns heutzutage ja überall vermittelt. Egal ob bei Airbnb, Booking.com oder Bahnreisen! Überall bekommt man suggeriert, dass man sich nicht endgültig festlegen muss und Entscheidungen jederzeit wieder ändern kann. Das ist übrigens auch für viele andere Branchen ein Problem, etwa für Hotellerie oder Gastronomie. Aber man muss natürlich versuchen, Lösungen zu finden. Wir arbeiten beispielsweise mit einer Ticketversicherung zusammen. Dadurch können Besucher ihre Tickets bis kurz vor Festivalbeginn zurückgeben oder umbuchen. Für uns entstehen dadurch zwar zusätzliche Kosten, aber gleichzeitig schafft das mehr Planungssicherheit. Und ich glaube, man muss generell schauen, wie sich Festivals weiterentwickeln. Wenn man langfristig bestehen möchte, muss man sich auch dem Zeitgeist anpassen. Natürlich sind jüngere Generationen spontaner, aber vielleicht liegt es manchmal auch daran, dass sich Festivals inhaltlich nicht genug weiterentwickeln. Themen wie Awareness oder das generelle Wohlbefinden der Besucher spielen heute eine viel größere Rolle. Die junge Zielgruppe erwartet andere Konzepte und andere Angebote als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren.
Music Forge-Veranstalter Sascha Jäger über Influencer-Marketing und die Zukunft von Festivals
Ich komme jetzt zu einem etwas kritischeren Thema. In einem anderen Interview habe ich kürzlich mit jemandem aus der Branche über Influencer-Marketing gesprochen. Viele Festivals setzen inzwischen natürlich auch stark auf Social Media und arbeiten teilweise auch mit Influencern zusammen, die eher aus dem Lifestyle-Bereich kommen als aus der Musikszene. Kritiker sagen allerdings zurecht, dass dadurch zwar Reichweite entsteht, aber nicht unbedingt die richtige Zielgruppe erreicht wird. Warum investieren Festivals trotzdem in dieses Modell? Und wie handhabt ihr das?
Sascha: Wir schauen da schon sehr genau hin. Instagram ist für uns mittlerweile der wichtigste Marketingkanal geworden. Klassische Printmedien verlieren dagegen immer mehr an Bedeutung, gerade bei einem Festival mit überregionaler Reichweite. Dort hast du einfach enorme Streuverluste. Entscheidend ist aus unserer Sicht, wie man die jeweilige Zielgruppe erreicht und welche Botschaft vermittelt wird. Es reicht eben nicht aus, einfach irgendeine Person leicht bekleidet vor die Kamera zu stellen. Natürlich schauen sich Menschen ästhetische Inhalte an, aber das bedeutet noch lange nicht, dass daraus automatisch Ticketkäufe entstehen. Wir versuchen deshalb bewusst, mit sehr unterschiedlichen Influencern zusammenzuarbeiten, die auch wirklich zu unserem Festival passen. Social Media spielt heute natürlich eine riesige Rolle, weil viele Menschen, egal ob jung oder älter, täglich Content konsumieren. Ein gutes Beispiel ist Dominik Artefex. Er unterstützt uns schon seit Jahren und passt einfach perfekt in unsere Welt und zu der Musik, die wir präsentieren. Er vermittelt Inhalte authentisch, bleibt nahbar und setzt nicht auf Skandalisierung oder reine Aufmerksamkeitseffekte. Genau solche Kooperationen sind für uns wertvoll, weil dort guter Content entsteht und gleichzeitig die richtige Zielgruppe angesprochen wird: Menschen, die sich tatsächlich für Festivals und Musik interessieren.
Was würde deiner Meinung nach passieren, wenn immer mehr kleinere Festivals verschwinden würden, also nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich? Würden dadurch vor allem junge Bands wichtige Bühnen verlieren? Große Acts bekommen schließlich oft den größten Teil des Budgets und kleinere Festivals sind häufig die Orte, an denen Newcomer überhaupt erst spielen können.
Sascha: Absolut, da bin ich hundertprozentig bei dir. Wir haben selbst Musiker aus kleineren Bands in unseren Reihen und ich bekomme jede Woche mit, wie schwierig die Situation für viele Nachwuchsacts inzwischen ist. Es gibt mittlerweile unglaublich viele kleine Bands, die qualitativ richtig gute Musik machen und dringend Bühnen brauchen, um sichtbar zu werden und Erfahrung zu sammeln. Genau deshalb sind kleinere Festivals für die Kulturlandschaft so wichtig. Sie schaffen Räume, in denen junge Bands auftreten können und nicht sofort gegen riesige Headliner konkurrieren müssen. Uns ist dieses Thema persönlich sehr wichtig. Deshalb steht in unseren Konzepten auch ganz klar drin, dass wir kein „Pay to Play“ machen. Also niemand muss bezahlen, um bei uns auftreten zu dürfen. Im Gegenteil: Jede Band bekommt eine Gage und die Anreisekosten werden ebenfalls übernommen. Dieses „Sei froh, dass du überhaupt spielen darfst“ gibt es bei uns nicht. Wir sagen eher: Schön, dass es euch gibt und natürlich wird diese Arbeit auch fair vergütet.
Wie glaubst du, wird die Festival-Landschaft in fünf Jahren aussehen? Das ist natürlich eine schwierige Frage, weil sich aktuell alles unglaublich schnell verändert. Vor zwei Jahren war beispielsweise das Thema KI noch kaum präsent. Aber wenn du eine Einschätzung wagen müsstest: Wird es irgendwann fast nur noch die großen Festivals geben?
Sascha: Also erstmal muss man sagen: Wir selbst sind ja auch noch eine kleine Veranstaltung. Wir wachsen zwar jedes Jahr und feiern nächstes Jahr sogar unser zehnjähriges Jubiläum, worauf wir uns sehr freuen, aber wir gehören trotzdem nicht zu den ganz großen Playern. Und ich bin fest davon überzeugt, dass es auch in Zukunft einen Markt für kleine Festivals geben wird. Gerade weil die Preise bei den Major-Festivals immer weiter steigen, suchen viele Menschen bewusst nach kleineren Alternativen. Wer einmal auf einer liebevoll organisierten kleinen Veranstaltung war, merkt schnell, welchen besonderen Charme das hat. Kleine Festivals können oft eine ganz andere Qualität bieten. Man ist näher an den Menschen, die Atmosphäre ist persönlicher und vieles wirkt zugänglicher. Natürlich laufen auch bei großen Festivals wie Wacken die Verantwortlichen mal über den Campingplatz, aber bei kleineren Veranstaltungen ist die Distanz zwischen Veranstaltern und Besuchern oft noch geringer. Ich bekomme aus unserem Umfeld jedenfalls mit, dass viele Leute inzwischen ganz bewusst kleinere Festivals bevorzugen. Es ist überschaubarer, entspannter und oft weniger anonym. Man muss nicht erst 45 Minuten über einen riesigen Campingplatz laufen. Deshalb glaube ich schon, dass kleine Festivals auch in fünf Jahren noch ihren festen Platz haben werden.
Braucht es dafür vielleicht auch mehr politische Unterstützung oder generell stärkere Kulturförderung?
Sascha: Mehr Förderung wäre natürlich immer hilfreich. Gleichzeitig muss man aber auch realistisch sagen, dass die Haushaltslage auf Bundes- und Landesebene momentan schwierig ist. Trotzdem haben wir in der Vergangenheit immer wieder Förderungen bekommen und das von Städten, vom Land oder auch über kulturpolitische Programme. Das hat uns bei der Durchführung unserer Veranstaltungen enorm geholfen. Ich finde grundsätzlich wichtig, dass Kultur gefördert wird. Förderungen sind schließlich auch eine Form der Wertschätzung für die viele ehrenamtliche Arbeit, die hinter solchen Projekten steckt. Und trotz der schwierigen finanziellen Lage gibt es weiterhin Programme wie die Initiative Musik oder verschiedene Musikfonds, bei denen man sich bewerben kann. Es existieren also durchaus noch Möglichkeiten, Unterstützung zu bekommen.
Ein Thema, das euch ebenfalls sehr wichtig ist, ist Awareness auf Festivals. Ihr habt in den vergangenen Jahren viel dafür gemacht, damit sich Besucher sicher und wohl fühlen. Wird das Konzept auch dieses Jahr weitergeführt?
Sascha: Ja, definitiv. Wir hatten beispielsweise eine veröffentlichte Handynummer, über die man uns jederzeit erreichen konnte und das wird es auch dieses Jahr wieder geben. Wir möchten diese Strukturen dauerhaft etablieren. Dabei geht es gar nicht nur um klassische Fälle von Übergriffen oder Diskriminierung. Awareness bedeutet für uns viel mehr. Es geht darum, eine zusätzliche Anlaufstelle zu schaffen, also neben Sanitätern oder Securitys. Vielleicht geht es jemandem psychisch nicht gut, vielleicht hat jemand zu viel getrunken oder fühlt sich einfach unwohl. Dann ist es wichtig, Ansprechpartner vor Ort zu haben. Deshalb arbeiten wir auch mit sogenannten aufsuchenden Awareness-Teams. Die laufen über das Gelände und sprechen Menschen aktiv an, wenn sie merken, dass es jemandem offensichtlich nicht gut geht. Oft reicht schon die einfache Frage: „Können wir dir helfen?“ Außerdem haben wir gemeinsam mit Metality im vergangenen Jahr die „Plus Eins“-Kampagne umgesetzt und werden das dieses Jahr wiederholen.
Worum geht es da?
Sascha: Dabei geht es um das Thema Einsamkeit auf Festivals. Viele Menschen reisen allein an und wissen nicht so richtig, wie sie Anschluss finden sollen. Uns war aber wichtig, das nicht ausgrenzend zu gestalten. Deshalb gibt es keine extra „Einsamkeits-Ecke“ auf dem Campingplatz. Stattdessen können offene Campinggruppen bestimmte Kennzeichnungen nutzen, damit andere sehen: Hier seid ihr willkommen, ihr könnt euch dazustellen. Das macht die ganze Sache viel niedrigschwelliger und natürlicher. Aus unserer Sicht funktioniert dieses Konzept deutlich besser.
Sascha Jäger vom Music Forge Festival über Risiken, Planung und ehrenamtliche Arbeit
Sind denn Festivals heutzutage überhaupt noch wirtschaftlich planbar oder ist die Branche inzwischen zu einem echten Hochrisikogeschäft geworden? Und was würdest du Menschen raten, die selbst ein Festival gründen möchten? Es gibt ja immer noch viele motivierte Leute in der Szene, die eigene Ideen umsetzen wollen.
Sascha: Grundsätzlich glaube ich schon, dass weiterhin Chancen da sind. Man sieht ja auch, dass es in der Branche nach wie vor große Investitionen und Verkäufe gibt, auch rund um Unternehmen, die Festivals wie Wacken im Portfolio haben. Das zeigt, dass der Markt weiterhin Potenzial besitzt und sogar wächst. Trotzdem muss man sehr realistisch an die Sache herangehen. Der wichtigste Punkt ist aus meiner Sicht, klein anzufangen und sich nicht direkt zu übernehmen. Man sollte ein gutes Konzept entwickeln, ein klares Angebot schaffen und vor allem vernünftig planen. Viele Veranstalter erleben irgendwann diesen einen Punkt, an dem sie nach einem erfolgreichen Jahr plötzlich zu schnell zu groß werden wollen. Dann wird vielleicht direkt viel mehr Geld in große Bands oder größere Produktionen investiert. Dabei darf man nicht vergessen, dass Festivals immer noch ein enormes Risiko haben, allein schon wegen des Wetters. Das Wetter bleibt ein riesiger Unsicherheitsfaktor. Wir sichern uns deshalb beispielsweise über Ausfallversicherungen ab. Wenn ein Festival behördlich abgesagt werden müsste, würden wir zumindest nicht komplett auf den Kosten sitzen bleiben. Solche Absicherungen sind heute extrem wichtig. Generell finde ich, dass man trotz guter Entwicklungen immer demütig bleiben muss. Nur weil ein Jahr gut lief, heißt das nicht automatisch, dass man sofort den nächsten großen Schritt machen sollte. Gerade bei Bands unterschätzen viele Menschen die tatsächlichen Kosten enorm. Besucher sehen oft nur die Namen auf dem Poster, haben aber kein Gefühl dafür, wie unterschiedlich die Gagen tatsächlich ausfallen können. Deshalb lautet mein Rat ganz klar: langsam und stetig wachsen. Nicht versuchen, alles auf einmal zu erzwingen. Und vor allem braucht man gute Leute um sich herum. Für ein Festival brauchst du mittlerweile Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen wie Technik, Organisation, Marketing, Logistik, Sicherheit und vieles mehr.
Beginnt der Stress für das nächste Festival eigentlich schon direkt nach dem letzten Festivalwochenende oder wann geht es von einer in die nächste heiße Phase über?
Sascha: Tatsächlich haben wir unsere Marketingstrategie inzwischen ziemlich verändert. Darüber hatten wir schon vor dem letzten Festival nachgedacht. Mittlerweile sieht man ja, dass viele Veranstaltungen schon während des laufenden Festivals erste Bands fürs nächste Jahr ankündigen. Das scheint inzwischen fast zum Standard geworden zu sein. Dadurch verschiebt sich natürlich die komplette Marketingplanung. Früher hast du vielleicht erst im Herbst richtig angefangen zu werben und das komplette Line-up rund um Weihnachten veröffentlicht. Heute passiert das alles deutlich früher. Wir haben direkt nach dem Festival schon die ersten Acts angekündigt und ich glaube, Ende Oktober stand unser komplettes erstes Line-up bereits fest. Das bedeutete natürlich, dass die Phase direkt nach dem Festival extrem stressig war.
Gerade heute stelle ich mir das unglaublich aufwendig vor. Man muss inzwischen so viele verschiedene Plattformen bespielen und jede hat ihre eigene Zielgruppe und Dynamik.
Sascha: Absolut. Aber weißt du, was aus meiner Sicht tatsächlich eine der größten Herausforderungen ist? Diese wirtschaftliche Ernsthaftigkeit mit ehrenamtlicher Arbeit zu verbinden. Wir haben wirklich großartige Leute im Team. Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen wie Handwerker, Pädagogen, Organisatoren, kreative Köpfe. Inzwischen sind wir etwa 60 Personen. Die Kompetenz ist da. Die eigentliche Kunst besteht darin, diese Energie so zu bündeln, dass daraus langfristig etwas Funktionierendes entsteht. Wir haben die PS, aber wir müssen sie eben kontrolliert auf die Straße bringen, ohne dass das ganze System ständig ausbrennt. Denn auf der einen Seite gibt es Verträge, Verpflichtungen und wirtschaftliche Verantwortung. Wenn bestimmte Dinge nicht eingehalten werden, entstehen reale Konsequenzen oder sogar Vertragsstrafen. Auf der anderen Seite arbeiten viele Menschen ehrenamtlich und investieren ihre Freizeit, weil sie Leidenschaft für das Projekt haben. Diese Balance zu finden, also zwischen Professionalität und Ehrenamt, das ist aus meiner Sicht eine der größten Herausforderungen im Festivalbereich überhaupt.
Music Forge Festival 2026: Veranstalter über Roberto Blanco, Booking und die Pläne fürs Music Forge Festival 2026
Du darfst natürlich schon ein bisschen etwas zum Music Forge Festival 2026 erzählen. Fangen wir direkt mit dem wohl überraschendsten Namen an: Roberto Blanco. Wie kommt man denn bitte auf die Idee, einen Roberto Blanco auf ein Metal- und Rockfestival zu holen?
Sascha: Die genaue Ursprungsidee kann ich dir gar nicht mehr hundertprozentig erklären, aber wir lieben Roberto Blanco tatsächlich schon seit Jahren. Auf jeder Vereinsfeier und jeder Helferparty läuft irgendwann ab einer bestimmten Uhrzeit Roberto Blanco. Das gehört bei uns inzwischen fast schon zur Tradition. Irgendwann haben wir uns dann während des Festivals gefragt: Warum probieren wir es nicht einfach mal? Also haben wir Kontakt zu seiner Managerin aufgenommen und geschaut, ob man für das kommende Jahr vielleicht etwas auf die Beine stellen kann. Und tatsächlich hat es funktioniert. Für uns passt das auch total zu unserer Philosophie. Wir sind zwar ein Festival mit härterer Musik, aber wir verstehen uns gleichzeitig auch als Spaßveranstaltung. Es muss nicht immer alles bierernst sein. Wir möchten den Leuten auch besondere Momente und Überraschungen bieten. Rund um den Auftritt wird es deshalb auch noch ein paar spezielle Aktionen geben. Das Lustige war eigentlich die Reaktion danach. Die Lokalzeitung hat direkt Schlagzeilen daraus gemacht nach dem Motto: „Metal-Festival holt Roberto Blanco“. Und nachdem wir am letzten Festivalabend ein Video von ihm gezeigt hatten, haben uns tatsächlich viele Leute gefragt, ob das ein KI-Fake gewesen sei. Das war gar nicht geplant, hat aber natürlich extrem viel Aufmerksamkeit erzeugt. Wir sind jetzt selbst sehr gespannt, wie das Ganze am Ende angenommen wird.
Aufmerksamkeit erzeugt es auf jeden Fall. Aber da stellt sich natürlich auch die finanzielle Frage. Roberto Blanco spielt vermutlich nicht für 200 Euro Gage und generell steigen die Kosten für Bands aktuell immer weiter. Merkt ihr das bei euren Planungen für 2026 auch deutlich?
Sascha: Ja, definitiv. Es ist eigentlich alles teurer geworden. Nicht nur die Künstlergagen, sondern die Kosten steigen generell in fast allen Bereichen. Damit kämpfen wir natürlich genauso wie viele andere Veranstalter auch. Was uns momentan allerdings hilft, ist der Rückenwind aus dem vergangenen Jahr. Das letzte Festival lief sehr erfolgreich und dadurch starten wir jetzt mit einer stabileren Basis in die neue Planung. Trotzdem muss man natürlich immer sehr verantwortungsvoll wirtschaften. Der Vorverkauf läuft aktuell gut und wir haben von Anfang an Wert auf eine solide Finanzplanung gelegt. Das ist aus meiner Sicht extrem wichtig. Deshalb gehen wir momentan davon aus, dass wir auch solche besonderen Programmpunkte oder Überraschungen stemmen können.
Wie geht ihr generell beim Booking vor? Achtet ihr auf bestimmte Quoten oder Kategorien? Also beispielsweise eine Mischung aus Metal- und Rockbands oder bewusst Female-Fronted-Bands? Oder entscheidet ihr einfach rein nach Gefühl und danach, was zu eurem Festival passt?
Sascha: Ich würde sagen: Es ist eine Mischung aus allem. Unser erster Vorsitzender Robin übernimmt hauptsächlich das Booking und macht da jedes Jahr wirklich einen sehr guten Job. Wir sprechen im Vorfeld aber sehr viel gemeinsam über die Ausrichtung des Line-ups. Wichtig ist vor allem, dass es insgesamt stimmig ist. Natürlich schauen wir uns an, welche Bands aktuell gefragt sind und gleichzeitig in unser Budget passen. Außerdem hören wir natürlich auch darauf, was sich unser Publikum wünscht. Gleichzeitig spielen bei der Planung natürlich viele praktische Faktoren eine Rolle. Gerade internationale Bands sind oft schwierig. Man kann nicht einfach jede gewünschte US-Band inklusive kompletter Entourage einfliegen lassen, weil das finanziell schnell den Rahmen sprengen würde.
Deshalb entsteht das Booking letztlich immer aus mehreren Faktoren: Was ist aktuell spannend? Was möchte unser Publikum sehen? Und was ist finanziell und organisatorisch überhaupt machbar?
Music Forge Festival 2026: Line-up, Festivalstress und emotionale Momente hinter den Kulissen
Welche Bands sind denn dieses Jahr beim Music Forge Festival dabei? Was sind die großen Highlights und auf welche Acts freut ihr euch persönlich besonders?
Sascha: Ich glaube, ich spreche da wirklich für den ganzen Verein, wenn ich sage, dass wir uns riesig auf Stick To Your Guns freuen. Für viele Besucher wirkt das vielleicht einfach wie eine weitere coole Band im Line-up, aber für uns ist das tatsächlich ein Act, mit dem wir nochmal eine kleine gläserne Decke durchstoßen haben. Das fühlt sich für uns wie ein echter Entwicklungsschritt an und darauf sind wir auch ein bisschen stolz. Dann haben wir mit Mental Cruelty natürlich einen extrem spannenden Act für Fans der härteren Gangart dabei. Außerdem freuen wir uns sehr auf die Mischung aus Elwood Stray und Our Mirage. Die touren aktuell, glaube ich, sogar als Co-Headliner durch Europa und bringen nochmal eine ganz eigene Dynamik ins Festival. Und auch im kleineren Bereich haben wir viele spannende Namen dabei. Da sind gute alte Bekannte wie Postmodern Fantasy oder Ground2A aus der lokalen Hardcore-Szene. Henker wird sicherlich ebenfalls interessant und Doppelbock waren schon im letzten Jahr bei uns und kamen super an. Insgesamt ist es einfach eine schöne Mischung geworden.
Und wie ist das denn während des Festivals selbst? Könnt ihr irgendwann auch mal abschalten oder bleibt die Anspannung die ganze Zeit bestehen?
Sascha: Wirklich abschalten kann man eigentlich nicht. Erst wenn der letzte Gast das Gelände verlassen hat und klar ist, dass kein Unwetter oder sonst irgendetwas mehr droht, fällt diese Anspannung langsam ab. Dann merkt man plötzlich: Okay, wir haben es geschafft. Und genau dann wird meistens auch richtig gefeiert, also mit den Leuten aus dem Backstage, den Helfern und den Bands. Das ist am Ende auch unser Lohn für die ganze Arbeit. Während des Festivals läuft inzwischen zwar vieles routinierter ab als früher, weil wir organisatorisch deutlich besser aufgestellt sind. Trotzdem bleibt immer eine gewisse Grundanspannung. Irgendetwas ist schließlich immer.
Ticketpreise, ausverkaufte Campingflächen und die Entwicklung des Music Forge Festivals
Wie sieht es denn aktuell bei euch preistechnisch aus? Musstet ihr die Ticketpreise erhöhen oder seid ihr ungefähr auf dem Niveau der letzten Jahre geblieben?
Sascha: Wir haben die Preise leicht angezogen, aber wirklich in einem sehr moderaten Rahmen. Im Grunde reden wir da über ungefähr zehn Euro mehr. Natürlich hängt das auch mit den Bands zusammen, die wir mittlerweile buchen. Ich hatte ja schon erwähnt, dass wir mit Acts wie Stick To Your Guns für uns nochmal eine neue Ebene erreicht haben. Solche Bands bringen natürlich höhere Kosten mit sich, nicht nur bei der eigentlichen Gage, sondern auch bei allem drumherum. Da geht es um Hotels, Infrastruktur oder die komplette Entourage, also die Leute, die mit den Bands reisen. Trotzdem versuchen wir, preislich fair zu bleiben. Wir haben einen guten Überblick darüber, was andere Festivals inzwischen verlangen, und tatsächlich hören wir oft von Besuchern, dass wir für das, was wir anbieten, vergleichsweise günstig sind. Man darf ja nicht vergessen: Bei uns ist einiges im Ticket enthalten. Der Campingplatz liegt direkt in der Nähe, man muss nicht kilometerweit laufen oder parken und die Besucher haben an den Haupttagen Zugang zum Waldschwimmbad. Das sind alles zusätzliche Leistungen, die im Preis bereits mit drin sind. Außerdem sind wir ein sozialer Kulturverein und gemeinnützig organisiert. Uns ist wichtig, dass sich auch Menschen mit kleinerem Budget ein Festival leisten können. Das gehört für uns einfach dazu.
Seid ihr manchmal selbst überrascht, wie groß das Ganze inzwischen geworden ist? Hättet ihr damals beim ersten Music Forge Festival gedacht, dass ihr irgendwann solche Bands bucht und sogar jemanden wie Roberto Blanco auf dem Festival habt?
Sascha: Die ursprüngliche Idee für das Festival kam damals von Robin. Und solche Projekte wachsen ja oft sehr organisch. Natürlich war von Anfang an klar, dass wir wachsen wollten. Wenn wir intern über die Zukunft gesprochen haben, war immer das Ziel da, Schritt für Schritt größer zu werden und dafür auch kontrolliert Risiken einzugehen. Das musste natürlich immer gemeinsam mit dem Verein abgestimmt werden, damit alle an einem Strang ziehen. Aber dass wir heute an diesem Punkt stehen würden, hätten wir uns damals wirklich nicht träumen lassen. 2027 feiern wir ja erst unser zehnjähriges Jubiläum und dafür, wie sich das alles entwickelt hat, sind wir unglaublich stolz.
Zum Abschluss vielleicht noch eine etwas ungewöhnliche Frage. Die Welt verändert sich aktuell unglaublich schnell und das Thema KI wird auch in der Musikbranche immer größer. Musiker wie Billy Corgan von den Smashing Pumpkins sprechen inzwischen sogar darüber, dass es irgendwann deutlich weniger echte Bands geben könnte und stattdessen Avatare oder digitale Künstler auf Bühnen stehen. Glaubst du, dass die Live-Szene irgendwann tatsächlich von virtuellen Shows verdrängt werden könnte?
Sascha: Möglich ist heutzutage erstmal fast alles. Die Entwicklung von KI geht aktuell so schnell voran, dass man als normaler Mensch kaum noch hinterherkommt. Innerhalb kürzester Zeit verändert sich unglaublich viel. Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass echte Live-Musik weiterhin bestehen wird. Der Festivalmarkt wächst ja nach wie vor und viele Konzerte oder Tourneen sind weiterhin sehr gut besucht. Das zeigt für mich, dass Menschen nach wie vor dieses echte Erlebnis suchen. Denn am Ende macht es eben einen Unterschied, ob ein Künstler wirklich vor dir steht oder ob du nur eine digitale Projektion siehst. Bands spielen ihre Songs ja nicht einfach nur herunter. Da steckt Persönlichkeit drin, Show, Energie, Eigenheiten und oft unglaublich viel kreative Arbeit hinter den Kulissen. Genau das macht Live-Musik doch aus. Natürlich kann es spannend sein, legendäre Künstler wie Johnny Cash, Elvis Presley oder Lemmy mithilfe von Technologie noch einmal auf einer Bühne zu erleben. So etwas wird sicherlich seinen eigenen Markt haben. Aber ich glaube trotzdem, dass das niemals die echte Live-Kultur ersetzen wird.
Mehr zu Sascha Jäger und dem Music Forge Festival findet ihr in den Socials.
Music Forge Festival auf Instagram
Music Forge Festival auf YouTube
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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

