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Jacob Brodovsky – Tell The Kids We Tried

Sänger Jacob Brodovsky sitzt auf einem Stuhl, im Hintergud ein Kind, dass man verschwommen sieht

Der kanadische Singer Songwriter Jacob Brodovsky veröffentlicht am 10. Juli sein neues Album Tell The Kids We Tried. Der ehemalige Frontmann der Folk Rock Band Kakagi setzt dabei einmal mehr auf leise Töne statt großer Gesten.

Review: Mia Lada-Klein

Jacob Brodovsky: Zwischen Weite und leisen Tönen

Vielleicht bin ich voreingenommen. Sobald ein Künstler aus Kanada stammt und irgendwo das Wort Folk fällt, malt mein Kopf automatisch Bilder von endlosen Wäldern, stillen Seen und Straßen, auf denen einem stundenlang niemand begegnet. Viel Platz zum Atmen, viel Zeit zum Nachdenken. Genau dieses Gefühl stellt sich auch bei Jacob Brodovskys neuem Album Tell The Kids We Tried ein, das am 10. Juli erscheint.

Der Singer Songwriter aus Winnipeg begann seine Karriere als Frontmann der Folk Rock Band Kakagi und machte sich spätestens mit seinem Debütalbum I Love You and I’m Sorry einen Namen. 2024 wurde er dafür sogar mit dem Canadian Folk Music Award als englischsprachiger Songwriter des Jahres ausgezeichnet. Wer nun große Gesten oder hymnischen Bombast erwartet, ist allerdings an der falschen Adresse. Brodovsky erzählt lieber Geschichten. Leise Geschichten. 

Schon der Opener Past Mistakes zieht mich sanft in diese Welt hinein. Akustische Gitarre, Klavier und warme Bläser bauen den Song behutsam auf und erzeugen eine einladende Stimmung, die sofort entschleunigt. Genau das, was Klavierklänge bei den meisten Menschen auslösen, die ihr Herz nicht längst an der Garderobe abgegeben haben. Es ist diese Art von Musik, die nicht mit immer größeren Effekten um Aufmerksamkeit buhlt, sondern darauf vertraut, dass man sich Zeit für sie nimmt. Ein mutiges Konzept in einer Zeit, in der Songs gefühlt spätestens nach zwölf Sekunden den ersten Refrain liefern müssen, weil sonst schon zum nächsten Track weitergeswipt wird. 

Jacob Brodovsky und Entschleunigung als Gegenentwurf

Mit Kids zieht das Tempo leicht an. Der Beat ist eingängig, die Instrumentierung offener und luftiger. Vor meinem inneren Auge laufen sofort Filmszenen vorbei. Irgendwo zwischen Indie-Roadmovie und spätsommerlicher Melancholie blitzt sogar eine kleine Erinnerung an DeVotchKa und Little Miss Sunshine auf. Inhaltlich beschäftigt sich der Song mit Vaterschaft, Klimasorgen und der Verantwortung gegenüber der nächsten Generation. Das klingt auf dem Papier schwer, wirkt bei Brodovsky aber nicht belehrend. Er beschreibt eher, statt zu predigen.

Überhaupt besitzt Jacob Brodovsky ein bemerkenswertes Talent dafür, Bilder entstehen zu lassen. Restaurant beginnt mit leisen Gesprächsfetzen im Hintergrund. Für einen Moment sitzt man selbst zwischen klapperndem Geschirr und gedämpften Unterhaltungen, bevor die Gitarre übernimmt und die Gedanken auf Reisen schickt. Plötzlich ist da dieses kleine Straßencafé irgendwo im Urlaub, obwohl man eigentlich nur mit Kopfhörern auf dem heimischen Sofa sitzt.

Jacob Brodovsky entschleunigt. Während draußen alles immer schneller, lauter und schriller werden möchte, scheint seine Musik freundlich zu sagen, dass das auch niemandem hilft. Man lehnt sich zurück, hört zu und merkt irgendwann, dass die Welt für einen kurzen Augenblick tatsächlich ein wenig langsamer geworden ist.

Sogar das Interlude funktioniert überraschend gut. Normalerweise gehören Interludes für mich zu den musikalischen Erfindungen, die ungefähr so notwendig sind wie Rosinen im Kartoffelsalat. Hier wirkt es jedoch nicht wie eine Unterbrechung, sondern wie eine sanfte Verlängerung der ohnehin zarten Klänge. Gitarren und ein Hintergrundrauschen, das an sanfte Wellen erinnert.

Auch Beneath It All bleibt dem zurückhaltenden Stil des Albums treu. Mehr als eine akustische Gitarre und behutsam eingesetzte Streicher braucht der Song nicht. 

Weniger Lärm, mehr Mensch

Thematisch geht es auf Tell The Kids We Tried um Verlust, Veränderungen und den schmerzhaften Abschied von einer vertrauten Welt. Dabei wirkt das Album aber nicht hoffnungslos. Es akzeptiert vielmehr, dass das Leben manchmal kompliziert ist und nicht jede Frage eine einfache Antwort bereithält.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich das bei Winters. Die Zeilen “Surviving is hard” und “Surviving is enough” treffen gerade deshalb, weil sie nichts beschönigen. Sie erzählen nicht von Heldentum oder Durchhalteparolen, sondern davon, dass Überleben manchmal schon Leistung genug ist. 

Natürlich verlangt dieses Album auch etwas vom Hörer ab. Wer gerade mitten in der Festivalsaison ausschließlich nach dem nächsten Abriss sucht, dürfte hier zunächst irritiert sein. Zwischen all den Bands, bei denen alles noch größer, noch lauter und noch extremer sein muss, wirkt Jacob Brodovsky fast wie ein stiller Protest. Kein wildes Geschrei, keine künstlich aufgeblasenen Höhepunkte und keine Refrains, die einem mit der Brechstange eingetrichtert werden. Stattdessen Zurückhaltung. 

Bis auf das etwas lebhaftere Kids bleibt das Album konsequent ruhig. Langweilig wird es deshalb jedoch keine Sekunde. Die Spannung entsteht nicht durch Lautstärke, sondern durch Geschichten, Stimmungen und kleine musikalische Details.

Wer Künstler wie John K. Samson oder Damien Jurado schätzt, wird sich bei Tell The Kids We Tried schnell zuhause fühlen. Jacob Brodovsky liefert literarischen Indie-Folk mit introspektiven Texten und ganz viel Wärme. Ihr wisst schon, dieses warme Gefühl irgendwo rund ums Herz. Wie die Umarmung eines Freundes, der einem sagt: “Das wird schon irgendwie.”

8 von 10

Jacob Brodovsky veröffentlicht sein Album Tell The Kids We Tried am 10. Juli via Make My Day.

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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

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