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Main Character Syndrome: Die große Karriere im eigenen Kopf

Frau mit Handy in der rechten Hand, die auf ihr Handy schaut

Was passiert, wenn jeder Mensch glaubt, die Hauptfigur seines eigenen Films zu sein? Willkommen beim Main Character Syndrome, wo 1.500 Follower plötzlich nach Ruhm, Einfluss und Rabattcode riechen.

Text: Mia Lada-Klein

Was ist Main Character Syndrome?

Main Character Syndrome ist die Wahrnehmung, den eigenen Alltag dramatischer, bedeutsamer oder ästhetischer zu erleben, so, als würde eine Kamera einen dabei begleiten. Eigene Erlebnisse werden dabei als besonders wichtig oder schicksalhaft empfunden, während andere Menschen und ihre Perspektiven, Probleme oder Bedürfnisse leicht aus dem Blick geraten, weil die eigene Geschichte im Vordergrund steht.

Es gibt Menschen, die betreten ein Café, setzen sich hin, bestellen einen Cappuccino und verwandeln diesen Vorgang innerhalb weniger Sekunden in eine öffentliche Angelegenheit von geradezu historischer Bedeutung. Das Handy wird aufgestellt, die Kamera aktiviert, der Gesichtsausdruck auf „nachdenkliche Persönlichkeit hat viel zu erzählen“ kalibriert und schon beginnt die Übertragung aus dem Epizentrum des eigenen Daseins.

„Leute, ich sitze gerade hier in diesem kleinen Café und ich muss euch einfach mal erzählen, was heute Morgen passiert ist.“

Und wisst ihr, was passiert ist?

Die Handtasche hat den Geist aufgegeben und eine Taube hat ihr Geschäft direkt neben einem erledigt.

Aber das ist inzwischen kein alltägliches Ärgernis mehr. Das ist eine Geschichte. 

Und wenn gerade kein Cappuccino zur Verfügung steht, tut es auch eine Menschenmenge.

Da steht dann eine Person bei einem Konzert zwischen 40.000 anderen Menschen, die tatsächlich wegen der Musik gekommen sind und hält das Handy so nah vor das eigene Gesicht, dass man kaum noch erkennen kann, ob im Hintergrund überhaupt ein Konzert stattfindet. Eine Nahaufnahme der eigenen Stirn, der eigenen Wangenknochen, des eigenen leicht entrückten Blicks. Dahinter verschwommen ein paar Lichter, vielleicht eine Bühne, vielleicht auch nur ein Getränkestand. Und darüber steht: „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich hier bin.“

Doch. Kannst du. Du hast das Ticket gekauft. Du bist hingefahren. Du bist durch die Eingangskontrolle gegangen. Du hast vermutlich zwei Stunden in einer Schlange gestanden. Natürlich kannst du es glauben. Aber darum geht es auch gar nicht.

Das Handy wird aufgestellt. Das Mikrofon wird angesteckt. Das Headset sitzt. Der Blick geht konzentriert in die Ferne, als müsse gleich eine Regierung gestürzt, ein Konzern übernommen oder zumindest die europäische Energiepolitik in ihre Grenzen gewiesen werden.

Und für wen machen solche Menschen das? Das ist die interessanteste Frage.

Vielleicht für 1500 Menschen, von denen es wahrscheinlich nur 312 Menschen sehen und vielleicht 20 ein Like da lassen. Davon kennen vielleicht acht Menschen diese Person persönlich. Davon sind drei vielleicht ehemalige Klassenkameraden, die seit zwölf Jahren nicht miteinander gesprochen haben. Und irgendwo dazwischen befindet sich vermutlich auch die eigene Mutter. Der Rest hat irgendwann mal auf „Folgen“ gedrückt. 

Trotzdem spricht der Mensch im Café mit der Gravitas eines Staatsmannes.

Wir sind Zeugen einer neuen Form des Größenwahns geworden. Nicht des klassischen Größenwahns, bei dem jemand glaubt, Napoleon zu sein. Das wäre wenigstens historisch interessant. Nein, wir erleben den demokratisierten Größenwahn. Jeder kann heute Hauptfigur sein, also willkommen Main Character Syndrome (MCS). Jeder kann sich selbst filmen. Jeder kann seinen Alltag kommentieren. Jeder kann einen kleinen digitalen Hofstaat um sich versammeln. 

Main Character Syndrome: Willkommen im eigenen Dokumentarfilm

Früher musste man etwas Besonderes erlebt haben, um darüber zu erzählen. Heute reicht es, erlebt zu haben, dass man erlebt. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Der moderne Mensch lebt nicht mehr nur sein Leben. Er beobachtet sich dabei, wie er sein Leben lebt. Er steht morgens auf und betrachtet sich gewissermaßen von außen. Er sitzt im Zug und überlegt, wie dieser Zugmoment wirken könnte. Er geht spazieren und fragt sich, ob der Sonnenuntergang eine gute Story abgibt. Das eigene Leben wird zum Rohmaterial. Jeder Kaffee ist Content. Jede Enttäuschung ist Content. Jeder Streit ist Content.

Jede Mahlzeit wird fotografiert, bevor sie gegessen wird, weil die Öffentlichkeit offensichtlich ein berechtigtes Interesse daran hat, dass irgendein Mensch in irgendeiner deutschen Innenstadt heute Avocado auf Sauerteigbrot gegessen hat.

Wir haben uns daran gewöhnt, unser Leben gleichzeitig zu leben und zu vermarkten. Der Alltag ist nicht mehr einfach Alltag. Er muss erzählt werden. Und wenn er nichts zu erzählen hergibt, wird eben etwas daraus gemacht. Man könnte sagen, wir haben alle unser eigenes kleines Kamerateam im Kopf. Nur leider ohne Kamerateam. Da ist kein Kamerateam. Kein Produzent. Kein Journalist, der gespannt darauf wartet, was diese außergewöhnliche Persönlichkeit gleich zu sagen hat. Kein Assistent, der hektisch Notizen macht. Da ist ein Smartphone auf einem Stativ und ein Plüschmikrofon in der Hand, das aussieht, als hätte man es aus der Spielzeugabteilung eines Einkaufszentrums entführt. Und trotzdem wird gesprochen. Mit ernster Miene. Mit bedeutungsvollen Pausen. Mit diesem eigentümlichen Blick direkt in die Linse, als säße auf der anderen Seite nicht ein Algorithmus, sondern eine gebannte Öffentlichkeit.

„Leute, ich muss heute einfach mal ehrlich mit euch sein.“

Nein.

Musst du nicht.

Niemand hat gefragt.

Darin liegt die Tragik dieser kleinen digitalen Bühnenstücke. Diese Menschen sprechen nicht mehr mit anderen Menschen. Sie sprechen mit der Vorstellung, dass andere Menschen ihnen zuhören könnten. Sie richten ihr Gesicht in eine Kamera und hoffen, dass irgendwo jemand innehält, zusieht, ein Herzchen hinterlässt und damit bestätigt, dass ihre Existenz für einen kurzen Moment von Bedeutung war.

Ein Like ist heute das digitale Äquivalent eines Schulterklopfens. Nur ohne Schulter. Und auch ohne Klopfen.

Die Kamera wird damit zum Freund, das Publikum zum sozialen Umfeld und der Algorithmus zum wohlwollenden Zuhörer, der wenigstens so tut, als interessiere er sich für die Gedanken.

Ich stelle deshalb eine durchaus berechtigte Frage: Haben diese Main Characters eigentlich keine Freunde? Ich will gar nicht fragen, warum nicht. Das wäre unnötig. Die Antwort steht schließlich bereits vor der Kamera.

Das ist nämlich die bitterste Pointe an der ganzen Angelegenheit: Menschen, die von einer angeblichen Community umgeben sind, wirken oft auffallend allein. Sie haben Hunderte, Tausende oder manchmal Zehntausende Follower und trotzdem niemanden, dem sie den Gedanken offenbar einfach so erzählen können.

Also erzählt man ihn der Kamera. Man braucht keinen Freund mehr, wenn man eine Frontkamera hat. Keinen Gesprächspartner, wenn man Kommentare bekommen kann. 

Das ist die perfekte soziale Tragikomödie unserer Zeit: Der Mensch sitzt allein in seinem Zimmer, hält ein Mikrofon in der Hand und spricht zu einer imaginären Öffentlichkeit, während er gleichzeitig behauptet, von einer riesigen Community umgeben zu sein. Früher nannte man so etwas Selbstgespräch. Heute nennt man es Content. Und wenn es gut läuft, wird aus dem Selbstgespräch sogar noch Personal Branding. Der einsame Mensch hat damit wenigstens einen Vorteil gegenüber früheren Generationen: Er muss nicht mehr zugeben, dass er einsam ist. Er kann es monetarisieren.

Main Character Syndrome: Die Statisten im eigenen Größenwahn

Besonders komisch wird es, wenn Menschen anfangen, ihre digitale Reichweite mit gesellschaftlicher Bedeutung zu verwechseln.

Eine Zahl steht neben dem eigenen Namen.

1500 Follower.

3.400 Follower.

8.700 Follower.

22.000 Follower.

Und plötzlich klingt das Wort „Follower“ im Kopf nicht mehr wie das, was es eigentlich bedeutet. Nämlich Menschen, die irgendwann auf einen Button gedrückt haben.

Nein, im Kopf wird daraus Öffentlichkeit.

Relevanz.

Einfluss.

Eine Art Miniaturprominenz.

Main Character eben.

Man fühlt sich beobachtet und beginnt deshalb, sich entsprechend zu verhalten. Der Mensch mit 1.200 Followern betritt das Café nicht mehr als Kunde, das Konzert nicht mehr als Musikliebhaber, sondern als Person des öffentlichen Lebens.

Ein Charakter.

Eine Marke.

Eine Persönlichkeit.

Das Problem ist nur: Der Kellner möchte einfach nur wissen, ob dieser Main Character noch einen Kaffee möchte. Die Wahrheit ist: Die meisten Menschen haben schlicht keine Zeit, sich mit uns zu beschäftigen. Das ist vielleicht die ernüchterndste Erkenntnis, die man über das eigene Ego gewinnen kann. Die Welt beobachtet uns nicht. Sie läuft an uns vorbei.

Main Character Syndrome: Das Café als Bühne und niemand im Publikum

Besonders deutlich wird dieser Realitätsverlust, wenn Menschen mit ungefähr 1.500 Followern plötzlich mit Rabattcodes um die Ecke kommen. „Mit meinem Code Sybille10 bekommt ihr 10 Prozent auf alles.“

Man muss sich diese Formulierung einmal auf der Zunge zergehen lassen. Als hätte die Welt nur darauf gewartet, dass Sybille aus Buxtehude ihr exklusives Konsumwissen mit der Menschheit teilt. Als hätten Millionen Menschen heute Morgen beim Frühstück gesessen und sich verzweifelt gefragt: „Verdammt, wo bekomme ich bloß neue Turnschuhe her? Hoffentlich meldet sich Sybille bald.“

Und dann kommt Sybille.

Sybille hat 1.487 Follower.

Aber Sybille hat einen Rabattcode.

Natürlich.

Denn wenn schon niemand ihren Namen kennt, dann sollen wenigstens die Turnschuhe bekannt werden.  Und an dieser Stelle muss es einfach einmal jemand aussprechen, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich damit unbeliebt mache:

Niemand kennt dich!

Du bist nicht Madonna. Du bist nicht der Papst. Du bist nicht Taylor Swift. Du bist auch nicht irgendeine Person, deren Meinung morgens im Bundestag verlesen wird.

Du bist ein Mensch mit einem Smartphone.

Und diese 1.487 Menschen, die dir folgen, sind nicht deine Fans.

Sie sind Follower.

Das ist ein Unterschied.

Ein gewaltiger.

Ich weiß das so genau, weil ich selbst solchen Leuten folge.

Warum?

Keine Ahnung.

Ich habe irgendwann auf „Folgen“ gedrückt.

Vermutlich in einem Zustand geistiger Umnachtung.

Vielleicht war ich betrunken.

Vielleicht war ich einfach jung und naiv.

Bis heute konnte ich dieses Rätsel nicht abschließend lösen.

Aber ich weiß etwas anderes: Ich sitze nicht morgens aufrecht im Bett und denke: „Was Sybille wohl heute macht?“ Niemand tut das. Niemand steht nach seinem Einkauf vor einem Geschäft und sagt: „Verdammt, ich habe vergessen, Sybilles Rabattcode zu verwenden.“ Niemand liegt nachts wach und denkt: „Ob Sybille wohl noch diese eine Marke benutzt?“

Ich habe übrigens auch noch nie verstanden, warum Menschen unbedingt Rabattcodes von Leuten benötigen, die sie nicht kennen. Selbst bei größeren Influencern ist dieses Prinzip schon grotesk genug. Aber bei jemandem, dessen gesamtes digitales Imperium aus 1.487 Menschen besteht, bekommt es etwas beinahe Existenzialistisches. Es ist der Versuch, aus einer kleinen Gruppe von Internetbekanntschaften eine Wirtschaftsmacht zu konstruieren.

„Meine Community liebt dieses Produkt.“

Deine Community?

Sybille, das sind 1.500 Leute, die irgendwann mit dem Daumen eine Bewegung gemacht haben. Das ist keine Gemeinschaft. Das ist eine Datenbank mit emotionaler Selbstüberschätzung.

Und selbst wenn tatsächlich alle 1.487 kaufen würden, was ohnehin ungefähr so wahrscheinlich ist wie ein Besuch von König Charles in deinem Wohnzimmer, wären wir noch immer bei 1.487 Menschen. Man muss sich also nicht gleich Sorgen machen, dass der DAX steigt oder fällt.

Und bevor jetzt jemand sagt: „Aber auch kleine Creator dürfen doch Kooperationen machen.“

Natürlich dürfen sie.

Von mir aus kannst du mit 37 Followern einen exklusiven Vertrag mit der NASA abschließen. Darum geht es nicht. Es geht um diese groteske Diskrepanz zwischen tatsächlicher Bedeutung und gefühlter Bedeutung. Es geht um den Moment, in dem jemand nicht mehr zwischen Reichweite und Relevanz unterscheiden kann.

Wenn 1.487 Menschen deinen Content sehen, heißt das nicht, dass 1.487 Menschen sich für dich interessieren. Es heißt zunächst einmal nur, dass 1.487 Accounts deinen Content sehen können.

Das ist ein Unterschied, der offenbar zunehmend untergeht. Hier beginnt dann der digitale Größenwahn: Main Character Syndrome (MCS) 

Man bekommt ein paar Likes und Kommentare und hält sie für gesellschaftliche Anerkennung. Man bekommt Follower und hält sie für Fans. Man verteilt einen Rabattcode und hält sich für eine Marke. Und irgendwann steht man mit einem Ringlicht im Schlafzimmer und erklärt 1.487 Menschen, welche Regenmäntel sie im kommenden Herbst unbedingt ausprobieren müssen.

Vielleicht braucht es deshalb manchmal jemanden, der freundlich genug ist, die Illusion zu zerstören.

Also gut. Hier bin ich. An alle Sybilles, Saschas, Marinas, etc. falls ihr das zufällig seht:

Du bist nicht das Zentrum des Internets.

Du bist nicht berühmt.

Du bist nicht wichtig, weil 1.487 Menschen, oder 2400 oder 3333 irgendwann auf einen Button gedrückt haben.

Du bist ein Mensch.

Das ist übrigens nichts Schlechtes.

Es wäre sogar eine ziemlich gute Nachricht.

Du musst nicht bedeutend wirken.

Du musst nicht ständig gesehen werden.

Du musst nicht aus jedem Einkauf eine Kampagne und aus jedem Abend eine Story machen.

Und vor allem musst du nicht so tun, als wäre dein Rabattcode ein gesellschaftliches Ereignis.

Also leg das Plüschmikrofon kurz weg.

Atme durch.

Schau aus dem Fenster.

Die Welt dreht sich auch ohne deinen Affiliate-Link weiter.

Und ich weiß natürlich: Niemand mag den Überbringer schlechter Nachrichten.

Das ist schließlich ein uraltes menschliches Prinzip.

Schon in der Bibel hatte der Prophet Jeremia ungefähr den Charme eines Steuerbescheids am Heiligabend. Der Mann kam nicht vorbei, um allen zu erzählen, dass sie großartig, einzigartig und auf dem richtigen Weg seien. Ganz im Gegenteil. Jeremia hatte die unangenehme Angewohnheit, den Leuten zu sagen, dass die Realität leider nicht ihrer Wunschvorstellung entsprach.

Entsprechend beliebt war er.

Im großen Bibel-Ranking der Sympathie lag Luzifer noch vor Jeremia. 

Die Algorithmen freuen sich immer über das Main Character Syndrome

Das eigentlich Bittere an der ganzen Geschichte ist, dass diese Menschen mit ihrem Gefühl, wichtig zu sein, nicht völlig falsch liegen.

Sie sind nur auf eine andere Weise wichtig. Nicht für die Gesellschaft, aber für das Geschäftsmodell. Der Algorithmus interessiert sich nämlich tatsächlich für sie. Er kennt ihre Gesichter. Er kennt ihre Uhrzeiten. Er kennt ihre Interessen. Er weiß, wie lange sie auf einem Video verweilen. Er weiß, wann sie weiterscrollen. Er weiß, welche Überschrift sie aufregt. Er weiß, welche Gesichter sie attraktiv finden. Er weiß, welche Empörung sie zuverlässig zurück auf die Plattform bringt.

Und während der Mensch auf dem Konzert glaubt, sein Leben werde gerade von einer interessierten Öffentlichkeit verfolgt, sitzt irgendwo kein mächtiger Medienmogul und denkt: „Was für eine bedeutende Persönlichkeit.“ Dort sitzt auch kein unsichtbares Publikum. Dort arbeiten Systeme. Datenströme. Modelle. Werbeprofile. Empfehlungsalgorithmen.

Der Mensch ist nicht der Star. Er ist der Datensatz.

Wenn jederMain Character ist, ist niemand mehr Main Character

Die große Illusion der sozialen Medien besteht darin, dass jeder Mensch Main Character sein will. Und ja, jeder kann heute senden. Jeder kann veröffentlichen. Das ist zunächst einmal eine faszinierende Demokratisierung.

Das Problem beginnt aber, wenn die Möglichkeit zur Öffentlichkeit mit einem Anspruch auf Aufmerksamkeit verwechselt wird. Nur weil wir sprechen können, bedeutet das nicht, dass jemand zuhören muss. Nur weil wir etwas fühlen, bedeutet das nicht, dass es gesellschaftlich relevant ist. Nur weil wir eine Kamera besitzen, bedeutet das nicht, dass unser Leben eine Dokumentation verdient. Und nur weil 5.000 Menschen einem Account folgen, bedeutet das nicht, dass 5.000 Menschen diesen Menschen tatsächlich mögen und feiern. Follower sind keine Freunde, keine Fans, keine Käufer. Likes sind keine Anerkennung. Reichweite ist nicht gleichzusetzen mit Bedeutung. Und Viralität ist kein Qualitätsurteil. Ein Unsinn kann millionenfach angesehen werden. Eine kluge Idee kann untergehen. Ein Mensch kann berühmt sein und trotzdem völlig austauschbar. Ein anderer kann sein ganzes Leben lang etwas Bedeutendes tun, ohne jemals eine Kamera darauf zu richten.

Die Tragödie hinter der Satire

Man könnte darüber lachen. Und natürlich sollte man darüber lachen. Sonst erträgt man es irgendwann nicht mehr. Sonst sitzt man wie ich irgendwann mit zusammengebissenen Zähnen vor dem Bildschirm und fragt sich, wie es eigentlich passieren konnte, dass ein Mensch mit knapp 1.500 Followern ernsthaft glaubt, die Welt warte auf seine Meinung zu Billig-Schmuck. 

Also lache ich. Zumindest meistens. Und wenn ich nicht lache, schreibe ich. Ich schreibe mir den Ärger aus dem Kopf, bevor er anfängt, Möbel anzuzünden.

Denn seien wir ehrlich: Ich bin nicht besser. Ich rege mich auf. Ich kann mich herrlich in Dinge hineinsteigern. Ich schreibe mich in Rage, formuliere Sätze, lösche sie wieder, schreibe sie noch böser und frage mich zwischendurch, ob man sich über so etwas überhaupt derart aufregen sollte.

Die Antwort lautet: NEIN.

Aber immerhin halte ich dabei keine Kamera auf mein Gesicht. Ich schreibe.

Und zwar in erster Linie für mich. Weil diese Gedanken irgendwohin müssen. Weil man manche Absurditäten nicht einfach wegatmen kann. Weil es Dinge gibt, die einem so lange im Kopf herumkreisen, bis man entweder darüber schreibt oder irgendwann anfängt, mit dem Kühlschrank zu diskutieren.

Also schreibe ich. Nicht, weil ich glaube, dass die Welt auf meine Meinung gewartet hat. Nicht, weil ich mich für eine öffentliche Person halte. Und schon gar nicht, weil ich glaube, dass irgendwo 2000 Menschen sitzen und sich verzweifelt fragen, was ich heute über die Gesellschaft denke.

Ich schreibe, weil ich diese Gedanken loswerden muss.

Und wenn ich sie schon loswerde, dann kann ich sie auch gleich auf meine Webseite stellen. Dort können sie herumliegen. Für die Leser, die sie verstehen.

Für diejenigen, die sich ebenfalls manchmal fragen, ob sie eigentlich die Einzigen sind, die bei diesem digitalen Zirkus den Eindruck haben, dass irgendwo die Realität aus dem Kostüm gefallen ist.

Für alle, die beim Anblick eines Menschen mit Ringlicht, Headset und Rabattcode ebenfalls kurz überlegen, ob sie vielleicht inzwischen in einer besonders schlechten Satire leben.

Und immerhin kostet mein Gejammer keinen Affiliate-Link.

Die Gesellschaft der permanenten Hauptrollen

Ganz ehrlich, eine Gesellschaft, in der jeder ständig Hauptfigur sein möchte, wird auf Dauer anstrengend. Denn Main Character brauchen Nebenfiguren. Und genau diese Nebenfiguren verschwinden zunehmend. Der Freund wird zum Zuschauer. Der Partner wird zum Zuschauer. Der fremde Mensch auf dem Konzert wird zur Kulisse. Das Kind wird zur Contentquelle. Der eigene Schmerz wird zur Story. Und irgendwann stellt sich die unangenehme Frage: Leben wir unser Leben eigentlich noch für uns selbst? Oder erleben wir es bereits für seine spätere Veröffentlichung?

Die Miezekatze, die sich für einen Löwen hält

Die Wahrheit, und man darf Jeremia und mich dafür gerne steinigen, ist doch: Die allermeisten Menschen sind vollkommen durchschnittlich.

Ja, ich weiß. Was für ein furchtbarer Satz in einer Zeit, in der uns jeder zweite Motivationscoach erzählt, wir seien allesamt außergewöhnlich, einzigartig und nur noch drei Morgenroutinen von unserem Durchbruch entfernt. Wir haben einer ganzen Generation eingeredet, sie ist außergewöhnlich. 

Jeder soll eine Marke sein.

Jeder soll eine Geschichte haben.

Jeder soll sichtbar sein.

Jeder soll erfolgreich sein.

Jeder soll „seine Community“ aufbauen.

Und wenn man nicht gerade ein Unternehmen gründet, einen Bestseller schreibt oder wenigstens irgendeinen Rabattcode besitzt, hat man offenbar versagt.

Dabei ist es völlig normal, durchschnittlich zu sein. Es ist sogar mathematisch ziemlich schwer, nicht durchschnittlich zu sein. Nicht jeder ist außergewöhnlich. Nicht jeder ist besonders talentiert. Nicht jeder wird berühmt. Nicht jeder wird reich. Nicht jeder wird bewundert. Und nein, nicht jeder hat das Potenzial, „alles zu erreichen“, nur weil er es sich ganz fest wünscht und morgens Zitronenwasser trinkt.

Das Leben verteilt keine Hauptrollen nach Wunschliste. Und Follower ändern daran gar nichts. Überhaupt nichts. Du kannst 500 Follower haben. Von mir aus 150.000. Das ist eine Zahl.

Und genau hier kommt dieses sogenannte Main Character Syndrome ins Spiel. Eine bemerkenswerte psychologische Erscheinung, bei der sich eine ganz gewöhnliche Miezekatze plötzlich für einen Löwen hält, nur weil sie herausgefunden hat, wie man die Frontkamera einschaltet. Die Miezekatze hat inzwischen sogar einen Code. Sie hat einen Link in der Bio.

Was sie möglicherweise nicht hat, ist ein realistisches Verhältnis zu ihrer eigenen Bedeutung.

Natürlich, niemand nimmt dieser Miezekatze das Recht, sich großartig zu fühlen. Wenn sie beruflich Erfolg hat, Glückwunsch.

Das Problem beginnt aber dann, wenn aus persönlichem Selbstbewusstsein eine öffentliche Selbstüberschätzung wird. Wenn aus „Ich bin mit meinem Leben zufrieden“ plötzlich „Die Welt interessiert sich für mein Leben“ wird. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Die Realität ist nämlich brutal unspektakulär: Die Miezekatze bleibt eine Miezekatze.

Auch wenn sie sich vor einem Ringlicht aufstellt und dabei aussieht, als würde sie gleich eine Rede vor den Vereinten Nationen halten.

Einer muss schließlich der Buhmann sein. Ich übernehme die Rolle gerne. 

In diesem Sinne: Miez.

Mehr Soundchecks mit Mia findet ihr auf meiner Website.

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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

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