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Interview mit Jacob Brodovsky: Zwischen Alltagsbeobachtungen, Klimakrise und Hoffnung

Jacob Brodovsky credit Matt Horseman

Soundcheck Sessions mit Mia (Interview)

In den Soundcheck Sessions mit Mia spricht Jacob Brodovsky über sein neues Album Tell The Kids We Tried, das Vatersein, leise Songs und die Frage, warum es manchmal reicht, einfach weiterzumachen.

Text: Mia Lada-Klein

Foto: Matt Horseman

 

Der kanadische Singer-Songwriter Jacob Brodovsky veröffentlicht am 10. Juli sein neues Album Tell The Kids We Tried. Der ehemalige Frontmann der Folk-Rock-Band Kakagi setzt dabei einmal mehr auf leise Töne statt großer Gesten. Seine Songs erzählen von den kleinen Momenten des Alltags, persönlichen Zweifeln und der Suche nach Hoffnung in einer Welt, die nicht immer Anlass dazu gibt. Im Gespräch spricht Jacob Brodovsky über das Vatersein, die Kraft langsamer Songs und darüber, warum es manchmal reicht, einfach weiterzumachen. 

Jacob Brodovsky über das neue Album, das Vatersein und die Kunst des Innehaltens

Beim Hören deines neuen Albums hatte ich das Gefühl, dass es sich bewusst gegen unsere schnelllebige Welt stellt. War das von Anfang an eine bewusste Entscheidung oder ist das einfach deine natürliche Art, Songs zu schreiben?

Jacob Brodovsky: Ich glaube nicht, dass das bewusst beabsichtigt war. Aber ich verstehe, was du meinst. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, wie wichtig es für mich persönlich ist, langsamer zu werden. Ich glaube, das Album ist einfach aus diesem Bedürfnis heraus entstanden.

Der Albumtitel Tell The Kids We Tried wirkt auf mich gleichzeitig hoffnungsvoll und ein wenig resigniert. Was bedeutet diese Formulierung für dich persönlich?

Jacob Brodovsky: Ich glaube, es ist tatsächlich beides. Ich habe zwei kleine Kinder, sie sind drei und ein Jahr alt. Als ich das Album und insbesondere den Song geschrieben habe, aus dem der Titel stammt, habe ich viel über die ethische Frage nachgedacht, Kinder in diese Welt zu setzen. Ich glaube nicht unbedingt, dass die Welt ein guter Ort ist oder dass sie zwangsläufig mehr Menschen braucht. Für mich bedeutet der Titel, dass ich möchte, dass meine Kinder wissen, dass wir versuchen, die Welt besser zu machen. Gleichzeitig fühlt sich dieses Bemühen manchmal, oder sogar die ganze Zeit, ein wenig aussichtslos an. Ich muss mich damit auseinandersetzen, Vater zu sein und für meine Kinder positive Veränderungen bewirken zu wollen. Gleichzeitig erkenne ich, wie wenig Macht ich tatsächlich habe, um diese Veränderungen herbeizuführen.

Zwischen Melancholie, kindlicher Freude und der Kunst des Innehaltens 

Wenn man auf die Welt schaut, kann das manchmal ziemlich traurig sein. Gleichzeitig hast du zwei kleine Kinder. Ich kann mir vorstellen, dass du dadurch auch das Bedürfnis hast, manchmal innezuhalten. Was ich an deinen Songs besonders interessant finde: Sie erzählen Geschichten, ohne dabei jemals belehrend zu wirken. Ist das etwas, das du beim Schreiben bewusst erreichen möchtest?

Jacob Brodovsky: Auf jeden Fall. Ich möchte auf keinen Fall belehrend sein. Ich weiß nicht, ob es diesen Ausdruck auch in Deutschland gibt, aber in Kanada sprechen wir oft über „Mansplaining“, also darüber, wenn jemand anderen etwas auf eine herablassende oder bevormundende Weise erklärt. Davon möchte ich mich unbedingt fernhalten. Ich finde, dass Demut in der Kunst wichtig ist. Viele meiner liebsten Songwriter sind sehr bescheidene Menschen und ich versuche, mir das immer vor Augen zu halten. Schließlich bitte ich die Menschen darum, sich mit meinen Gedanken und Gefühlen zu beschäftigen. Ich möchte nicht, dass sie das Gefühl bekommen, ich würde ihnen etwas aufzwingen oder von oben herab mit ihnen sprechen. Ich glaube außerdem, dass heutzutage niemand allzu überzeugt davon sein sollte, dass die eigenen Gedanken und Aussagen unbedingt richtig sind. Trotzdem finde ich, dass es sich lohnt, sie auszusprechen.

Ein Song, der mir besonders aufgefallen ist, ist „Restaurant“. Beim Hören hatte ich sofort sehr lebendige Bilder im Kopf. Ich fand es richtig schön, dass du echte Alltagsszenen und Gastro-Geräusche zu Beginn des Songs eingebaut hast. Hast du diese Szenen bereits beim Schreiben vor Augen, oder entstehen sie erst später während des Aufnahmeprozesses? 

Jacob Brodovsky: Ich liebe die Idee, Lieder über kleine Momentaufnahmen oder einzelne Szenen zu schreiben. „Restaurant“ handelt von einem Restaurant die Straße hinunter, ganz in der Nähe meines Zuhauses. Viele meiner Freunde arbeiten dort und ich verbringe einen Großteil meiner Zeit an diesem Ort. Tagsüber ist es ein kleines Café, in dem man Kaffee trinken kann, und abends wird daraus ein Restaurant. Ich sitze dort an den meisten Tagen mit meinem Laptop. Außerdem bin ich gut mit den Besitzern befreundet. Ich mag einfach die Idee, kleine Szenen aus unserem Viertel zu erzählen. Für mich ist das eine schöne Möglichkeit, aus dem eigenen Kopf herauszukommen und die Welt um mich herum zu beobachten.

Das gefällt mir wirklich sehr. Beim Hören des Songs hatte ich das Gefühl, gedanklich im Urlaub zu sein. Es ist ein schönes Gefühl, das sich direkt zu Beginn einstellt. Gleichzeitig scheint es heute für viele Künstler einen großen Druck zu geben, möglichst schnell die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Deine Songs machen aber eher das Gegenteil: Sie lassen sich Zeit. Hast du jemals den Druck verspürt, etwas Unmittelbareres oder offensichtlich Eingängigeres zu schreiben?

Jacob Brodovsky: Ich war nie besonders erfolgreich, deshalb kenne ich diesen Druck vielleicht nicht in derselben Weise. Ich schreibe Songs, weil ich es brauche, nicht, weil ich berühmt werden möchte. Es ist einfach das, was ich tue. Wenn Menschen meine Musik hören, sie mögen und meine Platten kaufen, wäre das natürlich großartig. Ich bin sicher, mein Label würde sich darüber ebenfalls freuen. Aber letztendlich ist meine künstlerische Arbeit sehr selbstbezogen. Es geht vor allem darum, wie ich meine eigenen Gedanken und Gefühle verarbeiten kann. Ich mag Songs, die sich langsam entfalten. Songs, die man mehrmals hören muss, bevor sie einen wirklich erreichen. Ich finde die Vorstellung schön, dass man als Zuhörer dafür belohnt wird, wenn man sich Zeit nimmt. Und wenn das bedeutet, dass ich keine Stadien spielen werde, ist das für mich auch in Ordnung.

Dein Song „Kids“ verbindet etwas sehr Persönliches, nämlich das Vatersein, mit einem so überwältigenden Thema wie der Klimakrise. Hattest du jemals Bedenken, dass diese Kombination den Song zu schwer machen könnte?

Jacob Brodovsky: Ja, ich denke schon, dass es ein schwerer Song ist. Als ich ihn geschrieben habe, waren meine Kinder noch sehr klein. Mein jüngstes Kind war noch nicht einmal geboren, und mein ältestes war noch ein Baby, also in dieser Phase, bevor Kinder anfangen zu sprechen und ihre eigene Persönlichkeit entwickeln. Ich glaube, dass ich den Song damals aus einer ziemlich zynischen Perspektive geschrieben habe. Aber je älter meine Kinder werden und je mehr ich sie beobachte, desto mehr erkenne ich, dass Kinder eine unerschöpfliche Quelle von Optimismus, Hoffnung und Freude sein können. Es ist unglaublich schön, ihnen dabei zuzusehen, wie sie die Welt entdecken. Gerade meine eigenen Kinder sind so glücklich. Sie lieben es einfach, am Leben zu sein. Sie wissen noch nichts von all den schrecklichen Dingen, die auf der Welt passieren. Seit ich das bei meinen eigenen Kindern beobachte, ist der Song für mich ein wenig optimistischer geworden. Ich habe das Gefühl, dass wir tatsächlich versuchen, etwas zu verändern, und dass unsere Kinder uns dazu motivieren. Vielleicht ist genau das wichtig. Aber ja, ich schreibe schwere Songs. Das ist einfach meine Art.

Ich verstehe, was du meinst. Meine Nichte ist vier Jahre alt, und jedes Mal, wenn ich mit ihr zusammen bin, ist sie glücklich. Es sind oft diese ganz kleinen Dinge, die sie so glücklich machen.

Jacob Brodovsky: Ja, absolut! Wir haben am Wochenende auf einem Musikfestival gespielt. Meine beiden Bandkollegen, die sehr gute Freunde von mir sind, haben meinen ältesten Sohn an den Händen gehalten und ihn herumgeschwungen. Er hat dabei vor Freude geschrien. Es ist wirklich ein Geschenk, daran erinnert zu werden, dass Menschen zu solchen Gefühlen fähig sind. Ich glaube, meine Aufgabe als Vater besteht darin, diese unschuldige Freude so lange wie möglich zu bewahren.

Beim Hören deines Albums hatte ich wirklich viele Bilder im Kopf. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass deine Songs eher daran interessiert sind, Fragen zu stellen, als Antworten zu geben. Das ist natürlich meine persönliche Wahrnehmung. Ist es etwas, das du als Songwriter bewusst anstrebst, also Menschen zum Nachdenken anzuregen, anstatt ihnen vorzuschreiben, was sie denken sollen?

Jacob Brodovsky: Ich glaube definitiv nicht, dass es meine Aufgabe ist, anderen Menschen zu sagen, was sie denken sollen. Deshalb versuche ich ganz bewusst, mich davon fernzuhalten. Für mich bedeutet das Schreiben vor allem, mich selbst zu reflektieren und mir schwierige Fragen zu stellen. Das kommt dann auch in meinen Songs zum Ausdruck. Wenn ich beispielsweise an Songs wie „Older Too“ oder „Lack Thereof“ denke: Ich habe diese Stücke geschrieben, als ich mit ziemlich schwierigen psychischen Herausforderungen zu kämpfen hatte. Damals habe ich viel darüber nachgedacht, wie ich für mich selbst sorgen und meinen Platz in der Welt finden möchte. Ich glaube, es ist sinnvoll, sich solche Fragen zu stellen. Und ich finde, dass Kunst ein guter Weg ist, das zu tun. Man kann anderen Menschen dadurch auch vermitteln, dass es in Ordnung ist, sich selbst solche Fragen zu stellen, keine Antworten zu haben oder sich unsicher zu sein. Für mich ist genau das ein wichtiger Teil davon, Musik zu machen.

Jacob Brodovsky über das Durchhalten, kanadische Folk-Musik und die Freude am Leben

Der Song „Winter“ ist mein Lieblingslied auf deinem Album, weil mich der Text sehr berührt hat. Darin geht es darum, wie schwer es im Winter sein kann, einfach durchzuhalten. Später sagst du, dass es manchmal schon genug ist, einfach weiterzumachen. Das hat mich persönlich sehr getroffen, gerade weil wir in einer Gesellschaft leben, die uns ständig sagt, dass wir mehr leisten, mehr erreichen und immer besser werden müssen. Glaubst du, dass es manchmal tatsächlich ausreicht, einfach nur durchzuhalten und weiterzumachen?

Jacob Brodovsky: Ja, das glaube ich. Das ist zumindest etwas, das ich mir selbst immer wieder zu sagen versuche. Es ist interessant, wie dieser Song entstanden ist. Ich habe ihn an Silvester geschrieben. Kennst du die Künstlerin Courtney Marie Andrews? Sie ist eine unglaubliche Singer-Songwriterin und gehört zu meinen Lieblingsmusikerinnen. Sie hatte damals einen dieser Jahresrückblicke auf Instagram veröffentlicht und etwas darüber geschrieben, dass manche Jahre oder Winter einfach nur dazu da sind, durchzustehen. Das hat mich sehr angesprochen. Ich lebe in Winnipeg, wo die Winter wirklich hart sind. Es wird extrem kalt, und die Winter sind lang und dunkel. Wenn man hier lebt, gibt es gewissermaßen diese Vorstellung, dass man einfach durch den Winter kommen muss. Dieser Gedanke hat mich auch auf einer persönlicheren Ebene angesprochen. Manchmal muss man einfach durchhalten, und das ist völlig in Ordnung. In den vergangenen Jahren habe ich selbst einige schwierige Dinge erlebt. Dabei ging es mir nicht darum, besonders erfolgreich zu sein oder mich ständig zu verbessern. Mein wichtigstes Ziel war einfach, am Leben zu bleiben. Und das ist vollkommen okay. Manchmal muss man sich selbst diese Nachsicht entgegenbringen. Das Leben ist eben manchmal verdammt schwer.

Ja, manchmal ist es wirklich sehr schwer. Dein Song ist eine schöne Erinnerung daran, dass es manchmal genügt, einfach am Leben zu sein, ganz ohne Optimierungswahn. Du hast gerade auch Kanada und die Winter dort erwähnt. Wenn man an kanadische Folk-Musik denkt, verbindet man sie oft mit weiten Landschaften, Natur und einer gewissen stillen Melancholie. Ist das für dich eher ein Klischee, oder steckt tatsächlich etwas Wahres darin?

Jacob Brodovsky: Ich denke, dass da durchaus etwas Wahres dran sein könnte. Wenn ich an die Folk-Musik aus Kanada denke, insbesondere an die Musik aus Winnipeg, wo ich herkomme, fällt mir vor allem eine gewisse Bescheidenheit auf. Ich glaube, dass wir Kanadier nicht ganz so stolz auftreten wie die Amerikaner, und ich denke, dass sich das auch in unserer Musik widerspiegelt. Unsere Musik ist vielleicht etwas bescheidener oder auch ein wenig selbstironischer. Damit kann ich mich sehr gut identifizieren. Ich mag Musik, die sich nicht zu ernst nimmt und auch über sich selbst lachen kann. Als Künstler möchte ich niemals den Eindruck erwecken, mich selbst zu wichtig zu nehmen. Schließlich verdiene ich meinen Lebensunterhalt damit, Songs zu singen. Wenn man darüber nachdenkt, ist das eigentlich eine ziemlich absurde Sache. Deshalb glaube ich, dass diese Bescheidenheit und vielleicht auch eine gewisse Selbstreflexion, die man in der kanadischen Folk-Musik findet, etwas sind, mit dem ich mich identifizieren kann und das ich auch in meiner eigenen Musik wiedererkenne.

Über das, was von einem Album bleibt

Wenn es eine Sache gäbe, die du dir wünschen würdest, dass die Menschen nach dem Hören deines Albums mitnehmen, was wäre das?

Jacob Brodovsky: Das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht genau. Ich hoffe einfach, dass die Menschen irgendetwas aus meiner Musik mitnehmen können. Wenn sie sich Zeit für mein Album nehmen und es etwas in ihnen auslöst, dann ist das großartig. Dabei ist es mir egal, ob sie sich dadurch glücklich, wütend oder sogar genervt fühlen und denken: „Ich hasse diesen Typen.“ Solange meine Musik sie auf irgendeine Weise berührt, ist das wunderbar. Ich glaube, es geht auch um das, worüber wir vorhin gesprochen haben: sich selbst die Erlaubnis zu geben, nicht immer glücklich sein zu müssen. Man muss nicht auf alles stolz sein, und wir müssen auch nicht ständig irgendwelchen Erwartungen entsprechen. Wir müssen nicht diesen perfekten, aufpolierten Versionen unserer selbst gerecht werden, die wir im Internet präsentieren. Ich denke, wir alle könnten uns selbst ein bisschen mehr Raum und Nachsicht zugestehen, um einfach Menschen sein zu dürfen, mit all unseren Fehlern und Schwächen. Aber ja, ich weiß es nicht genau. Ich hoffe einfach, dass den Menschen das Album gefällt und dass es sie nicht allzu traurig macht.

Vielen Dank für das Gespräch und für deine Zeit.

Mehr zu Jacob Brodovsky findet ihr in den Socials.

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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

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