Corbian: Menschlichkeit statt Hochglanz-Illusion

Foto: Anastasia @anastasiazviagina

Corbian über ihre neue Single „Save Yourself“, Fehlerkultur in der Musik und warum Menschlichkeit wichtiger ist als Hochglanz-Perfektion.

Interview: Mia Lada-Klein

Corbian haben am 1. August ihre neue Single Save Yourself auf die Welt losgelassen und die kommt nicht als laues Lüftchen daher, sondern als klare Ansage. Für die Jungs bedeutet der Song mehr als nur frisches Futter für die Streaming-Listen: Er ist Auftakt und Neustart zugleich. Eine neue Ära, wie sie selbst sagen. Und wer jetzt abwinkt, weil solche Worte schnell nach PR-Text klingen, sollte genauer hinschauen. Denn die letzten Jahre waren alles andere als geradlinig. Wechsel im Line-up, kleine und große Umbrüche, dazu die ganz normale Band-Dramatik. Viele wären daran zerbrochen, Corbian haben sich neu sortiert. Heute stehen sie stabiler da, mit einem Sound, der nicht nur laut, sondern auch reifer klingt. Im Interview mit Frontmann Nils Fehrmann ging es deshalb um mehr als nur den Song: Wir haben über die Kunst gesprochen, Fehler nicht als Makel, sondern als Chance zu sehen, darüber, warum Fehlerkultur mehr Raum verdient und auch darüber, dass nicht jede Band automatisch eine kuschelige Ersatzfamilie ist. Harmonie ist schön, aber Spannung gehört eben auch zum Leben.

Lass uns mal mit eurem aktuellen Song starten Save Yourself. Da ist ein sehr markanter Gitarrenriff drin. Mir kommt es so vor, als wärt ihr etwas weicher geworden. Früher habe ich euch eher richtig hart in Erinnerung, düster, fast in Richtung Sun Eater. Jetzt klingt es melodischer. Täuscht mich mein Eindruck?

Nein, das stimmt schon. Es war eine bewusste Entscheidung. Zum ersten Mal haben wir uns klare Grenzen gesetzt, damit es nicht wie ein komplettes Durcheinander klingt. Wir alle kommen ursprünglich aus dem Metalcore und ich mochte schon immer melodische Elemente. Früher hat es manchmal an den Fähigkeiten gehapert, das umzusetzen. Jetzt wollten wir unbedingt Songs schreiben, die die Leute mitsingen können, die interaktiver sind und zu denen man auch tanzen kann. Zu 260 BPM Blastbeats kann man das eben nicht so wirklich gut.

Worum geht es in dem Song inhaltlich und warum fühlt er sich für euch wie ein Neuanfang an? Ihr habt ja gesagt, ihr wollt damit jetzt eine neue Ära einleiten.

Wir haben so viel Zeit in diesen Song investiert wie noch nie zuvor, das hört man hoffentlich auch. Für mich ist es unser stärkster Song bisher. Und wie bei vielen guten Songs ist er aus einer Krise entstanden. Zu meinem Leidwesen wieder aus meiner. Es geht darum, sich mit dem eigenen Versagen auseinanderzusetzen. Zu erkennen: Ich habe Mist gebaut, ich habe Menschen verletzt, die mir wichtig sind und ich muss Verantwortung übernehmen. Manchmal behandelt man auch geliebte Menschen schlecht, ohne es zu wollen und fragt sich später: Wie konnte es so weit kommen? Diese Konfrontation steckt im Song.

Klingt fast wie der Blickwinkel einer toxischen Beziehung, allerdings aus der Perspektive der Person, die Fehler gemacht hat. Nicht im klassischen Opfer-Täter-Schema, denn in toxischen Beziehungen sind beide zugleich Opfer und Täter. Der Song zeigt vielmehr eine Facette: die Sicht desjenigen, der den handelnden Part übernommen und in der Situation die Entscheidung getroffen hat, die dann zur Eskalation geführt hat.

Ja, genau. Ich habe meine Beziehung ordentlich gegen die Wand gefahren und erst im Nachhinein verstanden, dass mein Umfeld und mein Verhalten nicht so cool waren. Der Song entstand direkt nach diesem Wake-up-Call. Deshalb sind die Lyrics auch sehr direkt: „Ich habe verkackt und weiß nicht, was ich machen soll.“ Es tut weh und genau das sollte rüberkommen.

Ihr habt auch ein Video dazu gemacht. War es euch auch wichtig, diesen Neustart in allen Bereichen spürbar zu machen? Also auch visuell.

Auf jeden Fall. Dieser Song lag mir so sehr am Herzen, dass ich gesagt habe: Der muss perfekt werden. Deshalb haben wir ordentlich investiert – Zeit, Energie, Geld. Manchmal spürt man, dass man etwas Besonderes in der Hand hat und so war es hier. Wir sind überzeugt davon, dass das einer unserer wichtigsten Songs werden könnte.

Du bist der Haupt-Songwriter bei Corbian?

Grundsätzlich arbeiten wir kollaborativ, aber den Großteil mache ich. Etwa drei Viertel der Songs stammen von mir. Ich spiele verschiedene Instrumente und entwickle die Basisideen, die wir dann gemeinsam ausarbeiten.

Und live bist du ja quasi dafür bekannt, dass dein Oberteil früher oder später die Flucht ergreift. Ich hab euch schon ein paar Mal gesehen und jedes Mal war das Shirt irgendwann spurlos verschwunden.

(lacht) Ja, manchmal schon. Ich schwitze einfach extrem viel. Irgendwann denke ich mir: Mir ist zu warm, das Shirt muss weg.

Du hast vorhin gesagt, dass dir Melodie schon immer wichtig war. Bedeutet das, dass Corbian jetzt dauerhaft melodischer wird?

Jein. Wir wollen uns nicht auf reine Melodie festlegen, weil das künstlerisch einschränken würde. Es wird also auch Songs geben, die direkter und härter sind. Aber selbst wenn die Gitarren mal keine Melodie tragen, dann übernehmen Synths oder andere Elemente. Uns ist wichtig, dass es insgesamt modern produziert klingt und trotzdem wie eine zusammenhängende Soundlandschaft wirkt, wie zwei Seiten einer Medaille.

Corbian: Zwischen Verantwortung und Verletzlichkeit

Spotify ist für viele junge Bands ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite Reichweite, auf der anderen Seite bleibt bei kleineren Künstlern finanziell fast nichts hängen. Wie siehst du das Thema Streaming und Erfolg allgemein?

Für mich hat Erfolg mehrere Ebenen. Philosophisch betrachtet ist Erfolg schon dann erreicht, wenn man etwas erschafft, auf das man stolz ist. Wenn ich einen Song geschrieben habe, von dem ich überzeugt bin, dann ist das für mich persönlich schon ein Erfolg. Alles andere, Streams, Klicks, Likes, ist eigentlich nur die Kirsche auf der Torte. Aber klar, im Social-Media-Kosmos bedeutet Erfolg oft auch: große Bühnen spielen, Fans, die deine Texte mitsingen, oder wenn dich plötzlich Bands anschreiben, die dich vorher nicht mal beachtet haben. Auch das ist eine Form von Bestätigung.

Man hört ja oft, dass die Metal-Szene wie eine große Familie sei. Ist das wirklich so oder gibt es auch Ellenbogen-Mentalität?

Beides. Es gibt einen kleinen Kreis an Leuten, die wirklich aus Liebe zur Musik dabei sind. Aber es gibt auch viele, die versuchen, sich mit allen möglichen Kontakten hochzuziehen. Da wird schon stark selektiert: Passt die Band ins Bild, sieht das Ganze repräsentabel aus? Wer sagt, dass Optik und Außendarstellung keine Rolle spielen, der lügt sich meiner Meinung nach in die Tasche. Wir haben zum Glück einen engen Kreis an Bands, mit denen wir uns wirklich gegenseitig supporten. Wir teilen alles, was wir können, weil wir überzeugt sind: Nur gemeinsam geht es vorwärts. Leider erleben wir aber auch das Gegenteil, Grüppchenbildung, Missgunst und sogar Lästereien. Da hört man plötzlich wilde Gerüchte über sich, von Leuten, die man seit zehn Jahren kennt. Das ist manchmal auch echt frustrierend.

Also doch nicht nur „Familie“?

Nein, leider nicht. Am Ende ist es oft ein Kampf um Aufmerksamkeit. Und den kann ich den Leuten nicht mal verübeln. 

Was aber manchmal fehlt, ist die Tiefe. Es wird zu viel auf Oberflächlichkeiten geschaut, statt auf echte Qualität. 

Das ist auf jeden Fall so. Letztes Jahr haben wir als Band auch deutlich gespürt, wer wirklich hinter uns steht und wer nicht. Da hat sich der Weizen vom Spreu getrennt.

Kommen wir nochmal zur Musik. Wird es bald ein Album geben oder geht ihr einen anderen Weg?

Ein komplettes Album ist gerade nicht geplant. Wir arbeiten Song für Song, veröffentlichen Singles und fassen die später zu einer EP zusammen. Das macht in Zeiten von Social Media einfach mehr Sinn. Ein Album ist ein riesiger Aufwand und den kannst du heute kaum noch so ausschöpfen, dass er sich lohnt. Selbst große Bands kämpfen damit.

Bedeutet das, dass alle Bands, egal ob groß oder klein, grün oder kariert, mit denselben Problemen zu kämpfen haben?

Absolut. Sobald du handgemachte Musik machst, sitzen wir alle im selben Boot. Sieh dir Parkway Drive an, die haben offen zugegeben, dass sie bis vor ein paar Jahren nicht von ihrer Musik leben konnten und das, obwohl sie Headliner auf riesigen Festivals sind. Das zeigt doch, wie hart es ist. DJs haben es da manchmal sogar einfacher. Du brauchst kein Drumset, keine große Technikcrew, ein Stecker reicht da oft schon. Veranstalter sehen natürlich, dass sie damit schneller Geld machen können. Wir erleben es ständig: Nach unserem Konzert fliegt man um 22 Uhr aus dem Club, weil danach die Techno-Party startet, die dreimal so viele Leute zieht. Der DJ bekommt dann wahrscheinlich mehr Gage als wir alle zusammen.

Ziemlich ernüchternd, oder?

Ja, aber so ist die Realität. Trotzdem sage ich: Dann müssen wir als Bands eben noch besser werden und alles geben. Nur so kann man dagegenhalten.

Corbian: Mehr Menschlichkeit statt Perfektion

Kommen wir nochmal auf eure neue Single zurück. Welche Botschaft möchtet ihr eurer Community mit dem Song mitgeben? 

Ich habe lange darüber nachgedacht. Der Song erzählt etwas Persönliches und wer genau hinhört, kann schon erahnen, was passiert ist. Am Anfang habe ich mich gefragt, ob es überhaupt gut ist, so ehrlich zu sein. Macht man sich damit nicht nur wieder angreifbar für Menschen, die gar nicht verstehen wollen, sondern nur mit dem Finger zeigen? Aber dann habe ich gemerkt: Nein, ich lasse mich davon nicht unterkriegen. Und genau das ist die Botschaft. Wir alle machen Fehler, wir bauen Mist und das ist völlig okay. Wichtig ist, dass wir die Chance haben, daraus zu lernen und Dinge besser zu machen. Als Gesellschaft, als Freunde, in Beziehungen oder auch als Eltern. Wir brauchen eine Fehlerkultur, in der zweite Chancen wieder Thema sind und nicht alles sofort weggeschmissen wird.

Also geht es um mehr Menschlichkeit?

Ja, genau. Ich finde, wir müssen lernen, zu unserer Scham zu stehen. Ich habe in diesem Song ganz bewusst Dinge verarbeitet, für die ich mich geschämt habe. Das war mir wichtig: zu zeigen, dass auch ich Fehler gemacht habe. Vielleicht lernen andere daraus, vielleicht merken sie auch nur, dass niemand perfekt ist. Das macht uns doch menschlich. Und es sind genau die Menschen, mit denen ich mich umgebe möchte: Freunde, die sagen „Okay, du hast Mist gebaut, aber ich bin da und wir gehen da zusammen durch.“

Spannend, denn in unserer Zeit geht es ja oft nur um Perfektion. Filter, Künstliche Intelligenz, Hochglanz-Inszenierung, überall wird uns suggeriert, alles müsse makellos sein. Dabei sind wir Menschen doch voller Ecken und Kanten. Seht ihr euch mit dem Song auch ein Stück weit als Gegenentwurf dazu?

Vielleicht, ja. Für mich ist klar: Wenn ich so einen Song schreibe, mache ich mich angreifbar. Leute können sagen: „Ah, jetzt stellt er sich als Opfer dar“ oder „Er will sich als Held inszenieren.“ Aber das ist es überhaupt nicht. Warum sollte ich mich freiwillig so angreifbar machen, wenn es mir um Selbstbeweihräucherung ginge? Es geht mir um Ehrlichkeit. Ich musste lernen, mit meinen Fehlern zu leben. Und das wollte ich transportieren: dass es nicht schlimm ist, hinzufallen, solange man wieder aufsteht und weitermacht.

Trotzdem wirst du ja, egal wie, kritisiert. Sagst du nichts, heißt es, du verdrängst. Sagst du die Wahrheit, heißt es, du sonnst dich in Selbstmitleid.

Genau. Egal wie du es machst, es ist irgendwie falsch. Aber deswegen darf man nicht zu sehr auf andere hören. Wichtiger ist, auf sein eigenes Gefühl zu achten: Welche Moralvorstellung habe ich? Was tut mir gut? Wenn es mir guttut, offen zu meinen Fehlern zu stehen, dann ist das richtig. Die Menschen, die das nicht akzeptieren, brauche ich ohnehin nicht in meinem Leben. Die anderen sagen vielleicht: „Ich habe auch Fehler, lass uns gemeinsam daran wachsen.“ Das ist die Welt, in der ich leben möchte.

Klingt wirklich nach einem klaren Schritt zurück zur Menschlichkeit.

Ja. Ich habe viel zu lange versucht, es allen recht zu machen. Dabei verlierst du dich selbst und das ist schon der erste Fehler. Jetzt sage ich: Ich bin, wie ich bin. Wer das nicht akzeptiert, gehört nicht in meinen engsten Kreis. Ich mache Fehler, ich lerne daraus, ich werde besser. 

Vielen Dank, Nils, für deine Ehrlichkeit. Ich finde, es ist menschlich, Fehler zu machen. Leider neigen viele auch dazu, die Verantwortung dafür dann nicht zu übernehmen. Umso schöner, dass du heute daran erinnert hast, dass es Menschen gibt, die das tun.

Mehr zur Band Corbian findet ihr in den Socials. 

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Mehr Artikel zur Band Corbian: 

Song & Videoanalyse zu Save Yourself von CORBIAN

 

 


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