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Jürgen Will: Musikjournalist trifft Krimiautor

Jürgen Will spricht über Krimis, Rockstars, Social Media und den Sprung vom Magazin aufs Buch.

Interview: Mia Lada-Klein

Jürgen Will ist nicht nur Redakteur beim Rock It! Magazine, sondern auch Journalist, Fotograf, Autor, SEO-Texter, Bandmanager und Ex-Veranstalter, kurz: ein echter Allrounder im Musik- und Mediengeschäft. Da wir beide beim Rock It! schreiben, habe ich ihn mal auf Herz und Nieren befragt, von seinen Büchern über das Schreiben von Artikeln bis hin zum Musikjournalismus und den ganzen Social-Media-Wannabes.

Außerdem habe ich ihn gefragt, wie man vom Musikjournalismus plötzlich Krimis aus Norddeutschland schreibt. Ich selbst komme aber auch aus dem Musikjournalismus und schreibe in meinen Büchern über Kriegstrauma. Zwischen uns gibt es also ein paar Parallelen und die zeigen, dass Musikjournalisten manchmal auch ein bisschen schräg sind.

Jürgen hat mir in unserem Talk einige Einblicke gegeben, von Interviews mit den Skorpions und Motörhead bis zu seinen norddeutschen Krimis. Was er zu erzählen hatte, lest ihr im Interview. Spoiler: Es wird direkt und alles andere als langweilig.

Jürgen, du bist ja das Schweizer Taschenmesser der Kreativbranche. Redakteur beim Rock It! Magazine, Journalist, Fotograf, Autor, SEO-Texter, Bandmanager, Ex-Veranstalter. Wie kommt man von all dem Chaos im Musikbusiness plötzlich dazu, Krimis zu schreiben? Rock ’n’ Roll trifft Whodunit sozusagen! Andererseits schreibe ich selbst Romane über Kriegstrauma, auch eine ziemlich wilde Mischung.

Jürgen Will: Ursprünglich waren das Auftragsarbeiten. Jemand hat mich gefragt, ob ich Krimis schreiben könnte. Ich dachte mir: „Ja, kann ich.“ Ich bin jemand, der sagt: Wenn mich jemand fragt, ob ich etwas kann, dann probiere ich es einfach aus.

Gab es da einen besonderen Auslöser, wie du selbst zum Schreiben kamst?

Jürgen Will: Ja, zur Musikredaktion kam ich eigentlich durch eine Wette. Ich war schon immer Scorpions-Fan, und bei einem Konzert fand ich es aber extrem langweilig. Mein bester Freund meinte dann nur: „Halt die Fresse oder sag es den Scorpion selbst.“ Daraus wurde dann eine Wette und als Einsatz gab es eine Kiste Bier. Dann habe ich mir ein Magazin gesucht, das Redakteure brauchte. Die Bezahlung war zwar null, aber ich hatte nur eine Bedingung: Ich wollte ein Scorpions-Interview machen. Und das durfte ich dann tatsächlich machen. Drei Jahre später gab es eine Pressekonferenz in Hannover. Da war ich eingeladen, schon sehr viele Interviews geführt, aber natürlich aufgeregt, weil ich großer Scorpions-Fan war. Ich habe den Jungs dann freimütig gesagt: „Seit 1978 bin ich Fan und ehrlich gesagt, das, was ihr jetzt macht, ist langweilig geworden, Hausfrauenmusik.“ Die anderen Journalisten, 200 Leute, haben mich ausgebuht. Aber die Scorpions haben mir sofort erklärt, warum sie ihren Stil ändern mussten: Geld, Zeit, Trends wie Grunge. Danach kam am nächsten Tag mein Kumpel zu mir und brachte die Kiste Bier, denn die Wette hatte ich gewonnen. Das war der entscheidende Punkt, warum ich dann als Musikjournalist weitermachte.

Dein erster Auftrag war Motörhead, richtig?

Jürgen Will: Genau. Mein allererstes internationales Interview war mit Motörhead. Nicht mit Lemmy, aber immerhin. Danach ging alles eben weiter. Parallel dazu wurde ich sogar Ressortleiter in Oldenburg bei einer Wochenzeitung und war zwei Jahre lang für Kultur zuständig. Irgendwann hat dann jemand gefragt: „Kannst du eigentlich Krimis schreiben?“ und ich sagte: „Ja, kann ich.“ Kurz darauf bekam ich den Auftrag mit einem definierten Umfang an Zeichen und habe einfach losgeschrieben. Ich habe den ersten Teil geschrieben, der war aber recht kurz. Dann sollte ich eine weitere Geschichte einbauen. Interessanterweise ist diese zweite Geschichte sogar inspiriert von meinen persönlichen Erlebnissen, unter anderem ein Konflikt mit dem Finanzamt. (lacht)

Eigenes Schreiben, eigene Regeln

Unter deinem Namen erschienen die Bücher aber erst später, richtig?

Jürgen Will: Ja, die ersten drei Teile wurden unter einem Pseudonym veröffentlicht. Das lief aber nicht gut, weil der Verlag oder die Person dahinter unfähig war. Ich habe meine Rechte behalten und die Bücher dann unter meinem eigenen Namen herausgebracht. Seitdem läuft es langsam, aber stetig.

Du schreibst also nicht nur aus Auftragsgründen, sondern auch mit persönlicher Note.

Jürgen Will: Genau. Ich kombiniere spannende Krimi-Elemente mit eigenen Erfahrungen, manchmal auch mit Humor oder Rachefantasien, wenn es passt. (lacht) Ich will, dass die Geschichten authentisch sind, dass die Leserinnen und Leser mitfiebern können.

Der vierte Teil kommt ja bald raus. Hattest du vorher schon einen Masterplan für die Reihe, oder gehst du einfach Stück für Stück vor à la Chris Carter?

Jürgen Will: Ich plane nicht alles bis ins letzte Detail. Ich kann ja nicht von den Krimis leben, deshalb ist die Zielsetzung eher: Schreib, was dir gerade einfällt, und die Geschichte wird fortgesetzt.

Die Titel deiner Bücher bestehen ja immer aus einem Wort, das es so nicht gibt. Wie bist du darauf gekommen?

Jürgen Will: Genau, das ist ein wichtiges Merkmal. Die Wörter sollen neugierig machen. So wie beim Eberhoferkrimi. Bei mir heißen die Bücher „Adrenalinklick“ oder „Zweitakterhass“ oder eben „Nadelkunstsammler“. Die Worte gibt es so nicht, aber sie wecken Interesse und teasern die Geschichte an.

Arbeitest du dabei mit einem Lektor, oder machst du alles selbst?

Jürgen Will: Ich mache alles komplett alleine. Mein Verlag lobt die Manuskripte auch, selten habe er so gut ausgearbeitete Texte gesehen. Auf 100 Seiten seien normalerweise 30 Fehler, bei mir nur drei. Beim dritten Teil hat mich ein ehemaliger Deutschlehrer unterstützt, aber sonst überarbeite ich alles selbst.

Ich arbeite ja mit einer Lektorin aus Berlin zusammen, auch wenn ich ihren Namen aus Privatsphäre-Gründen nicht nennen möchte. Sie ist recht bekannt auf ihrem Gebiet. Aber es sieht so aus, als hättest du eher schlechte Erfahrungen mit Lektoren gemacht?

Jürgen Will: Ja, früher hat mal jemand sachliche Fehler in meine Texte eingefügt, und ich bekam hinterher die Kritik von Fans und Lesern. Das war extrem frustrierend, deshalb arbeite ich lieber ohne. Ich hinterfrage mich selbst beim Überarbeiten, lösche Szenen, die keinen Sinn ergeben, und lese die Texte wie ein Leser.

Du scheinst sehr selbstkritisch zu sein. Denkst du, das reicht heutzutage aus, ohne Lektor?

Jürgen Will: Ich glaube schon. Heute ist vieles Do-it-yourself. Ich habe einen Verlag, aber den Rest mache ich allein.

Du hast ja auch noch einiges andere in Planung, unter anderem ein Crowdfunding für ein Werk. Wie passt das in dein aktuelles Konzept?

Jürgen Will: Das Buch, für das wir Crowdfunding geplant haben, kann erst 2027 erscheinen. Die Rechte in Deutschland an den geplanten Geschichten laufen erst dann aus. Ich plane, es im Selbstverlag zu veröffentlichen, weil ich denke, dass ich so mehr erreichen kann als mit einem Verlag.

Die folgende Frage könnte ich zwar auch beantworten, aber heute geht es nicht um mich. Deshalb würde ich die Antwort gerne von dir hören: Wo siehst du den Unterschied zwischen dem Schreiben eines Buches und dem Schreiben von Artikeln?

Jürgen Will: Das ist ein ganz großer Unterschied. Artikel basieren auf Fakten, zum Beispiel über Bands: Mitglieder, Stil, Diskografie und daran muss ich mich halten. Bei meinen Krimis dagegen habe ich völlige Freiheit. Ich entwickle Figuren und Szenen im Kopf, oft auch beim Autofahren. Ich projiziere Charaktere auf Menschen, die ich eventuell auch kenne, und die Ideen entstehen spontan.

Kannst du ein Beispiel geben?

Jürgen Will: Im dritten Teil hatte ich eine Mordidee, die es so noch nie gab. Die Idee kam mir beim Autofahren. Daraus entstand eine einzigartige Szene. Bei Krimis muss ich mich nur an die Gesetze der Physik und ein paar rechtliche Vorgaben halten. Ansonsten gilt: Der Kommissar handelt so, wie es die Geschichte braucht, es ist ein Krimi, kein Lehrbuch.

Fiktion trifft Realität

Recherche ist bei Krimis ja oft ein Thema. Arbeitest du viel mit Recherche oder entspringt das alles deiner Fantasie?

Jürgen Will: Abgesehen von rechtlichen und sachlichen Punkten, die ich abklären muss, passiert das meiste in meinem Kopf. Ich bin zum Beispiel in Facebook-Gruppen, um Fragen zu stellen, wie bestimmte Dinge rechtlich gehandhabt werden. Ansonsten entsteht vieles während der Autofahrt, ganze Kapitel entwickeln sich im Kopf, ähnlich wie Tolkien damals seine Geschichten ausgearbeitet hat. Aber ich will mich an dieser Stelle auf keinen Fall mit Tolkien vergleichen. (lacht)

Also entsteht das meiste bei dir im Kopf, bevor es aufs Papier kommt?

Jürgen Will: Genau. Ich plane die Szenen und Charaktere komplett in meinem Kopf. Es klingt vielleicht arrogant, aber ich kann das einfach. Ich muss es nicht erklären, es funktioniert so für mich.

Jeder Autor hat da wohl seine eigene Methode, oder? Manche brauchen Stofftiere oder besondere Rituale, andere entwickeln ihre Charaktere anders. Ich denke, jeder muss seine eigene Methode finden. Denkst du, jeder ist zum Schreiben berufen?

Jürgen Will: Nein, auf keinen Fall. Ich sehe viele Leute, die in Schreibgruppen fragen: „Wie schreibe ich ein Buch?“ oder „Was muss ich tun?“ Wenn das Talent und die Kreativität nicht in einem stecken, wird man kein erfolgreiches, kreatives Buch schreiben. Methodenbücher à la „Schreibe dein Buch in fünf Tagen“ sind kompletter Unsinn. Entweder man hat es in sich oder nicht.

Welche Fähigkeiten sollte man deiner Meinung nach haben, um überhaupt schreiben zu können?

Jürgen Will: Man sollte die Sprache beherrschen, Fantasie haben und Ideen entwickeln, die Sinn ergeben. Das sind die Grundvoraussetzungen, dann kann man das Handwerk lernen.

Social Media spielt ja heute auch eine große Rolle. Wie gehst du damit um?

Jürgen Will: Das Problem ist oft, dass Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung bei vielen Menschen extrem auseinandergehen. Ich weiß nicht, ob ich in das Bild passe, das manche für einen Autor haben, ehrlich gesagt ist mir das aber völlig egal. Ich bin ich, ich schreibe, wie ich will, habe meinen eigenen Stil und lasse mir von niemandem einen Stil aufdrücken. Ich mache die Dinge, die ich mache, und wundere mich immer wieder, dass Leute das bewundern oder toll finden. Für mich ist das normal, ich mache es fertig, denke nicht darüber nach. Deshalb nehme ich mich auch nicht so wichtig, feiere mich nicht auf Social Media. Ich habe zwar einen Instagram-Account mit ein paar Naturbildern, aber das war es auch schon. Mit dem nächsten Buch wird es sicher mehr Content geben, dann eher als Werbeaccount für meine Arbeit. Ich baue außerdem gerade zwei neue Homepages: eine für meine Schreiberei, eine fürs Fotografieren. Filmen tue ich aktuell nicht mehr, aber es wird definitiv noch Neues von mir geben.

Siehst du KI eigentlich als Konkurrenz oder eher als Werkzeug?

Jürgen Will: Absolut nicht als Konkurrenz. Ich sehe KI als Werkzeug, wie einen Hammer. Man nagelt ja auch nicht mit dem Finger in die Wand, sondern nimmt den Hammer. KI ist für mich genau so ein Werkzeug. Natürlich muss man wissen, wie man damit umgeht, sonst kann man es vermasseln.

Manche nutzen KI ja offenbar komplett für ihre Texte. Wie siehst du das?

Jürgen Will: Das ist falsch, meiner Meinung nach. Texte, die mit KI erstellt werden, das merkt man sofort. Da hat das Schreiben nichts mehr mit Kreativität zu tun. Ich nutze KI als Hilfsmittel, nicht als Ersatz.

Ich möchte noch auf eine Sache in deinen Krimis eingehen. Du hast ja schon erwähnt, dass die Orte in deinen Büchern nicht immer real existieren. Wie gehst du dabei vor?

Jürgen Will: Genau. Zum Beispiel gibt es den Ort Öldenettel in meinem Buch nicht wirklich, aber er basiert auf einem echten Ort in Norddeutschland. Ich brauche das nur im Kopf, damit ich weiß, wie die Figuren sich bewegen, wo sie rauskommen und so weiter.

Zeichnest du dafür Karten oder Hilfsmittel?

Jürgen Will: Nein, das ist nicht nötig. Ich habe selbst zehn Jahre in dem Ort gelebt, daher habe ich alles im Kopf. Ich verrate dir sogar, um welchen Ort es sich handelt, aber nach dem Interview. Wenn man das Buch mit dem echten Ort abgleicht, erkennt man zum Beispiel den Ententeich genau so, wie er im Buch steht. Mein Vater hat das sogar überprüft.

Du kombinierst also reale Eindrücke mit fiktionalen Elementen?

Jürgen Will: Genau. Ich benenne keinen echten Ort, um Besserwisser zu vermeiden, die dann sagen, „Da gibt es diese Straße doch gar nicht“. Aber das Grundgerüst stimmt größtenteils mit der Realität überein.

Zum Ende hin noch eine Frage: Du hast am Anfang erwähnt, dass du für Charaktere auch Inspiration aus deinem Umfeld ziehst. Haben Leute aus deinem Umfeld sich schon wiedererkannt?

Jürgen Will: Die Leute, die ich privat kenne, schaue ich nicht ab. Es gibt aber Ausnahmen, wie den Journalisten Piet, den gibt es wirklich, auch im wahren Leben. Den Albert gibt es auch, aber er weiß das auch. Wir haben auch zusammen rumgesponnen, wie man ihn in die Geschichte einbauen könnte.

Gibt es auch Figuren, die Aspekte von dir selbst tragen?

Jürgen Will: Ja, der zweite Hauptcharakter hat ein bisschen was von mir. Ich will aber nicht, dass das zu offensichtlich wird. Ich habe zum Beispiel den Kommissar so gestaltet, dass er Heavy Metal hört, nicht klassische Musik.

Musik spielt also auch eine Rolle in deinen Büchern?

Jürgen Will: Absolut. Ich nenne sogar reale Bandnamen und plane, eventuell Bands in die Geschichten einzubeziehen. Bisher ist das noch nicht konkret, aber wenn es soweit ist, werde ich die Musiker fragen, ob sie mitmachen wollen.

Vielen Dank für das Gespräch, Jürgen.

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Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

 

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