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RYKO: Ruhrpott-Rabatz und die leisen Gedanken dazwischen

Pressebild Ryko

Comedian Ryko spricht über Erfolg, Authentizität und Humor mit Haltung: zwischen Ruhrpottwitz, Unterhemd und echter Bodenständigkeit.

Interview: Mia Lada-Klein

Ryko, früher Battle-Rapper und heute Comedian. Sein Erfolg kam über Nacht, sagt man. Anders als andere verschweigt er aber nicht, dass diese eine Nacht erst nach vielen Jahren kam.

Kernasi mit Herz, so wird er gerne beschrieben. Er selbst sieht sich als Typ aus dem Ruhrpott. Seine Bühnenfigur ist nur eine überspitzte Version seiner selbst. Doch wer ist der Mann, der gern im Unterhemd die Bühne stürmt und frei von der Leber auch mal frivole Witze reißt?

Ich habe Ryko zum Interview eingeladen, um einen Blick auf den Menschen im Hoodie und nicht auf den Performer im Unterhemd zu werfen. Statt Bier gab es Tee.

Im Gespräch ging es um Comedy heute, seinen steilen Aufstieg, auf dem er endlich angekommen ist und es sei ihm gegönnt. Ryko kennt auch andere Zeiten und von charakterlichen Höhenflügen ist er weit entfernt. Er bleibt bodenständig, geht ernsthaft an sein Handwerk heran und erzählt von seinem erstaunlich normalen Alltag sowie von den Dingen, die ihm neben Comedy wirklich am Herzen liegen.

Du bist ja in der Entertainmentbranche unterwegs, und ich finde es ziemlich spannend, dass du ein Alter Ego hast. Das erinnert mich ein bisschen an Atze Schröder. Ich glaube, für Comedy ist so ein Alter Ego ziemlich wichtig. Und es erfordert schon eine gewisse Intelligenz, um so eine Figur glaubwürdig spielen zu können. Sehe ich das richtig?

Ryko: Wenn man es psychologisch betrachtet, ist Comedy im Grunde Manipulation auf der Bühne. Man lässt die Leute etwas glauben, was eigentlich gar nicht da ist. Man spielt eine Rolle, eröffnet den Zuschauern eine Ebene, auf der sie sagen „Ja, das ist dieser Typ, der total platt ist“. Und gerade durch diese Rolle kann man sehr viel Freiraum schaffen.

Kannst du ein Beispiel geben?

Ryko: Es gibt einen Sketch, in dem ich erzähle, dass ich als Aushilfslehrer auf einem Schulhof einem frechen Jungen gesagt habe, dass ich seine Mutter „f***en“ würde, wenn er nicht aufpasst. Die Leute lachen, weil es übertrieben und absurd ist, aber es funktioniert nur durch die Rolle. Wenn das jemand anderes so sagen würde, wäre es einfach platt.

Wo endet die Rolle und wo fängt Ryko an

Also ist es nicht nur reine Comedy, sondern auch eine Art psychologisches Spiel mit dem Publikum?

Ryko: Genau, wobei es ist nicht hundertprozentig Rolle ist. Ich bin Ruhrpott, mit Sprache und Humor, das bin ich. Aber es ist ein überspitztes Ich. Keine große Verkleidung, nur das Unterhemd auf der Bühne oder im Internet, und alles andere, Brille, Haare, ist echt. 

Das ist interessant, weil Schauspieler sich oft so tief in eine Rolle reinversetzen, dass sie selbst darunter leiden können. Ich könnte mir nicht vorstellen, Schauspielerin zu sein. Ich würde mich verlieren wie Heath Ledger. Geht es dir manchmal auch so, dass du nicht mehr weißt, wo du aufhörst und wo die Rolle quasi auch irgendwie anfängt?

Ryko: Ja, total. Es gibt eine schmale Grenze. Manchmal bin ich voll in der Rolle drin und mein soziales Umfeld sagt dann: „Hey, heute ist Feierabend, alles gut.“ Auf der Bühne ertappe ich mich auch oft dabei, dass ich überlege, wie weit ich noch gehen kann. Was darf ich sagen, was nicht, wo teste ich Grenzen? Und das alles fernab von Diskriminierung, einfach aus dem Wunsch heraus, ein Bild zu malen und die Gags richtig zu platzieren. Ich rede viel, auch privat, und verliere mich manchmal in diesen Überlegungen, aber das gehört dazu. Comedy ist für mich ein Spiel mit Wahrnehmung, Übertreibung und Timing. Die Leute feiern oft genau diese Extreme, die sie selbst nie tun würden.

Wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft, in der Menschen in Livestreams sterben. Das finde ich sehr gefährlich. Aber du sagst ja, dass du auf der Bühne auch immer wieder Grenzen austestest, manchmal vielleicht sogar darüber hinausgehst. Ist das eine Erfahrung, die du als Komiker auch machst, dass es immer extremer sein muss, immer noch ein bisschen mehr draufgelegt werden muss?

Ryko: Tatsächlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht so extrem sein muss. Klar, Schock Value ist eine Kunstform, und wenn man über Kunst spricht, dann ist es natürlich so, dass jeder Mensch etwas anderes witzig findet. In einem vollen Raum wird es immer zwei Leute geben, die über die extremen Sachen lachen oder sagen, es hätte noch derber sein können. Aber es geht ja nicht darum, die kleinsten Maße abzuholen.

Also bringt übertreiben nicht automatisch mehr Lacher?

Ryko: Genau. Manchmal ist es sogar zu viel. Dann ist der Witz zu plump, zu hart, zu direkt. Wenn man denselben Witz aber etwas feiner formuliert, auf prägnante Wörter achtet, dann wird es viel witziger.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Ryko: Klar, ein Beispiel aus einem Bit in Hamburg: Ich habe über Schwänze gesprochen. Ich wollte ein Bild von „seriösen“ und „lustigen“ Schwänzen aufbauen, weil meine Freundin mal meinte, sie findet nackte Männer witzig. Ich habe das auf der Bühne erzählt, aber die Leute fanden es nicht so richtig witzig. Allein das Wort „Schwanz“ war für viele schon zu derb.

Und da merkst du, dass der Ton oder die Wortwahl entscheidend ist?

Ryko: Absolut. Manche haben mir hinterher gesagt, ich sollte ein anderes Wort nehmen, wie zum Beispiel „Lörres“. Dann wäre es vielleicht noch lustiger gewesen. Wenn du auf der Bühne so hart über etwas sprichst, kommt es nicht immer zu hundert Prozent an. Ich habe dann gemerkt, dass ich vielleicht einfach nicht der Komiker für reinen Schock Value bin.

Also eher eine subtile Art von Humor?

Ryko: Ja, genau. Es gibt Kollegen wie Serdar Somuncu oder Ingmar Stadelmann, die arbeiten stark mit Schock Value, genauso wie Ingo Appelt früher. Die gehen voll in die derbe Richtung und es funktioniert für sie. Das ist ihr Ding. Aber für mich? Ich glaube, das bin nicht ich. Die Leute sehen mich eher als chilligen Ruhrpott-Atzen. Sie würden nicht denken, dass sie genauso sprechen oder handeln müssten.

Kann ich mir das echt so vorstellen wie einen richtigen Job? Stehst du morgens auf oder hast du feste Arbeitszeiten, wo du dich intensiv hinsetzt und Gags schreibst?

Ryko: Ja, ich schreibe tatsächlich immer sonntags und montags. Kein Scherz, es klingt seltsam, aber jede Woche habe ich neue Comedy Bits, neue Open Mic Shows, bei denen ich auftrete. Bei mir ist alles sehr schnell gewachsen, deshalb muss ich im Schnelldurchlauf relativ rasant an mein Stundenset kommen, um nächstes Jahr vielleicht meinen Traum zu erfüllen und auf Tour zu gehen.

Das klingt nach sehr intensiver Arbeit.

Ryko: Ja, aber es ist nichts, was mich anstrengt. Ich schreibe die Bits am Sonntag und Montag, probiere sie dann in der Woche bei Open Mics aus, sortiere sie wieder aus, feile daran. So entsteht dann ein Set von zehn bis fünfzehn Minuten, bei dem ich weiß, dass das Publikum komplett abgeholt wird. Die alten Jokes fließen trotzdem weiter ein. Arbeitszeiten habe ich eigentlich nicht. Theoretisch wäre Feierabend wichtig, aber gerade als Selbstständiger ist das oft schwer.

Also ein kontinuierlicher Lernprozess?

Ryko: Absolut. Ich bin total frisch in der Sache und muss viel ausbalancieren. Ich will mein Handwerk lernen, die Open Mics ernst nehmen, respektvoll Teil der Kultur sein, ohne Hürden zu überspringen.

Setzt dich das nicht unter Druck?

Ryko: Druck habe ich mein Leben lang gehabt, aber ich versuche, mich nicht von äußeren Stimmen stressen zu lassen. Mir geht es darum, authentisch zu bleiben, nahbar zu sein, nicht abgehoben. Es gibt immer andere Leute, die Schritt für Schritt genauso erfolgreich sind. Ich will in Ruhe arbeiten, die Momente genießen und die Menschen kennenlernen.

Ryko über Erfolg und Authentizität

Das ist extrem bodenständig. Du hast auch angesprochen, dass manche Menschen abheben. Woran liegt das, was glaubst du? Macht Erfolg Menschen bekloppt oder war das schon vorher in ihnen angelegt? Ich glaube, Erfolg verändert die Menschen nicht. Er zeigt nur, wer sie wirklich sind. Ähnlich wie bei Geld: Wenn jemand schon vorher ein Arschloch war, wird er mit mehr Geld vielleicht mutiger. Wie viele Leute schleimen sich momentan auch bei dir ein?

Ryko: (lacht) Im Prinzip bin ich da ganz bei dir. Erfolg verändert eigentlich nicht, er deckt nur auf, was vorher schon da war. Anfangs wirkt alles nett, weil die Leute wissen, wie sie sich verkaufen müssen. Je weiter du aber kommst, desto mehr bröckelt die Fassade, genau wie in jeder Beziehung.

Kannst du das ein bisschen erklären?

Ryko: Anfangs sind Menschen immer freundlich, die ersten zwei, drei Monate wirkt alles super. Dann fängt es langsam an, dass die wahren Absichten sichtbar werden. Manche Leute wollten immer Macht, sie haben nur gewartet, bis die Gelegenheit kommt. Bei Erfolg ist es genauso.

Und wie gehst du damit um?

Ryko: Mir ist das egal. Es geht mir nicht um Erfolg, sondern um Selbsterfüllung. Ich bin ein riesiger Träumer, habe schon immer Ziele gehabt, und früher sagten Leute in meiner Schule, ich träume zu viel, das schaffe ich nie. Heute mache ich das alles nicht mehr für andere. Ich will mir selbst beweisen, dass ich’s kann.

Also ein sehr selbstbestimmter Ansatz.

Ryko: Genau. Mittlerweile arbeite ich viel aus Selbstliebe. Ich fühle mich gut mit dem, was ich mache, weil ich merke, dass ich mich nie selbst getäuscht habe. Ich mache das seit elf Jahren im Internet, und seit fünf Monaten funktioniert es richtig gut. Ich bin 28 Jahre alt und ziehe das Ding von Anfang bis Ende durch. Ich will finanzielle Freiheit und Ruhe für mich und meine Familie.

Macht es dich wütend, wenn andere Leute plötzlich auf dich aufspringen, nur weil dein Erfolg wächst?

Ryko: Wütend nicht, aber ich erkenne es sofort. Natürlich kommen jetzt die Leute und sagen, lass mal ein Video zusammen machen, weil ich Reichweite habe. Früher haben sie alles ignoriert. Ich weiß, warum sie es tun, und gleichzeitig ist es Content für mich. Niemand davon ist mein Freund. Wenn morgen alles vorbei ist, ruft keiner an, und das ist okay.

Also hältst du alles auf einer beruflichen Ebene.

Ryko: Ja, genau. Solange wir korrekt zusammenarbeiten, ist alles gut. Aber ich brauche nicht, dass jemand an mir saugt, als wäre ich ein übermenschlicher Typ. Bin ich nicht. Ich habe auch schon Fehler gemacht, viel Scheiße gebaut, das weiß jeder, der mich privat kennt.

Das ist extrem ehrlich.

Ryko: Ich finde es manchmal einfach übertrieben, wie sich Leute plötzlich verhalten. Für mich geht es darum, authentisch zu bleiben und die Kontrolle über das zu behalten, was ich mache. Ich fokussiere mich auf meine Arbeit und auf die Menschen, die mir wichtig sind.

Wie gehst du eigentlich mit der ganzen Aufmerksamkeit um?

Ryko: Das ist die ganz große Schwierigkeit für Künstler, und ich will mich da gar nicht rausnehmen. Ich würde lügen, wenn ich sage, ich hätte kein Ego-Problem. Natürlich habe ich eins. Auf der Bühne zu stehen, das ist wie eine Droge – es ist unglaublich, wenn die Leute lachen. Aber danach willst du immer wieder hoch, weil du dieses Gefühl brauchst. Da muss man die Mitte finden.

Wie gehst du mit Hate im Netz um?

Ryko: Das gibt es auch. Selbst wenn du Ruhrpott-Content machst und das richtig gefeiert wird, fragen Leute: „Kommst du überhaupt aus dem Ruhrpott?“ Es ist verrückt. Aber ich bin gesegnet mit meiner Community. Sie ist höflich, respektvoll, wir treffen uns, machen Fotos, unterhalten uns, das ist das Wichtigste. Hate kommentiere ich einfach nicht. Das ist immer das Richtige. Wenn du darauf eingehst, bist du richtig am Arsch. Es bringt nichts, auf den Hate zu reagieren. Aber alles andere, das respektvolle Feedback oder die Kommentare, die konstruktiv sind, die beantworte oder like ich. Damit signalisiere ich den Leuten: Ihr seid ein Teil, wenn ihr respektvoll seid.

Manchmal ist Ignoranz wirklich die beste Strategie.

Ryko: Absolut. Manche Sachen darfst du einfach nicht an dich ranlassen, sonst machen sie dich kaputt. Das ist wie Gift für dein Hirn.

Heute reicht auch schon eine kleine Bemerkung, und viele interpretieren direkt etwas hinein.

Ryko: Ja, genau. Ich habe mich zum Beispiel letztes Mal minimal politisch geäußert. Und trotzdem sind viele Leute komplett ausgeflippt. Dabei habe ich nichts Schlimmes gesagt. Es ist mir wichtig, meine Werte zu vertreten und in meiner Blase das Leben zu leben, wie ich es für richtig halte.

Bedeutet das aber, dass du auch unterschiedliche Meinungen akzeptierst?

Ryko: Ja, solange sie nicht menschenverachtend sind. Ich habe Freunde, die andere Vorstellungen vom Leben haben, und das ist völlig in Ordnung. Meinungsaustausch ist möglich, ohne dass wir zerstritten sein müssen. Es geht darum, verschiedene Perspektiven zu akzeptieren, ohne dass daraus Feindschaft entsteht.

Also eine Meinung ist für dich eher eine Perspektive als ein absoluter Wert.

Ryko: Genau. Je nachdem, wo du stehst, siehst du Dinge anders. Das bedeutet nicht, dass die Realität des anderen weniger wert ist. Wir können unsere Meinungen austauschen und diskutieren, aber wenn etwas gegen Menschen gerichtet ist, dann ist das für mich keine Meinung mehr. Menschenverachtung hat bei mir keinen Platz.

Mehr zu RYKO findet ihr in den Socials.

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Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

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