Foto: Annette Riedl
Ingmar Stadelmann über seine neue Show, Satire, Social Media, KI und wie er Humor nutzt, um das Absurde der Politik zu entlarven.
Interview: Mia Lada-Klein
Am 17. Oktober war Ingmar Stadelmann in Fulda zu Gast und präsentierte seine neue Show Stadelmann liest Höcke – ein satirischer Diskurs. Dabei nimmt er den thüringischen AfD-Chef Björn Höcke mit spitzer Feder aufs Korn. Mit scharfem Humor und politischen Pointen zerpflückt er Höckes Reden, öffentliche Auftritte und politische Strategien und entlarvt die völkischen und faschistischen Ideen hinter der Fassade des Populisten. Ohne belehren zu wollen, zeigt Stadelmann das Absurde und Unerträgliche humorvoll auf, unterhält das Publikum und regt gleichzeitig zum Nachdenken an.
Ich war live dabei und konnte ihn vor der Show noch richtig nerven mit meinen Fragen. Wie weit darf Satire gehen? Warum ist Social Media ein Ort des Hasses geworden? Wird die KI uns eines Tages versklaven? Ingmar lieferte Antworten auf diese sowie viele weitere Fragen und das pointiert, ehrlich und mit dem typischen Stadelmann-Biss.
Wie weit darf Satire deiner Meinung nach gehen?
Ingmar Stadelmann: Das ist relativ simpel. Es gibt das Grundgesetz und Gesetze, die man einhalten muss. Dazu gehören unter anderem die Menschenwürde und einige andere Paragrafen. Alles andere ist erstmal erlaubt.
Also ist es prinzipiell erlaubt, provokant zu sein, solange man keine gesetzlichen Grenzen überschreitet?
Ingmar Stadelmann: Genau. Aber das ist auch so eine Pauschalfrage, die schwer zu beantworten ist, weil es immer auf den Kontext ankommt. Es ist ein bisschen so, als würde ich dich als Journalistin fragen: Welche Frage darfst du nicht stellen?
Alles, was die Menschenwürde verletzt, ist tabu. Also hängt es auch immer vom Kontext ab?
Ingmar Stadelmann: Ja. Bei Satire ist es genauso. Niemand braucht einen schlechten Witz über Aids. Kann man trotzdem machen aber dann muss man mit den Konsequenzen leben.
Verstehe. Du bist ja auch jemand, der oft in die dunkleren, provokanteren Ecken geht. Kriegt man da viel Gegenwind?
Ingmar Stadelmann: Das kann passieren. Aber ich bekomme selten Drohungen oder sowas. Das ist aber tatsächlich eher ein Online-Thema.
Aber der Hass online, den kennt man ja. Wie gehst du damit um?
Ingmar Stadelmann: Mein Eindruck: Der Hass online ist meist eine Form emotionaler Überreaktion. Wenn jemand schlechte Laune hat, einen schlechten Tag oder sich einfach provoziert fühlt, dann wird das online genüsslich abgeladen. Aber um mir das persönlich zu sagen, müsste man sich ja ein Ticket kaufen, zwei Stunden Show gucken und dann hinterher sagen: „Du bist ein Arschloch.“ Das macht keiner.
Als Komiker, wie viel von dir selbst ist auf der Bühne, und wie viel ist Figur?
Ingmar Stadelmann: Ich weiß gar nicht, ob ich klassischer Komiker bin. Ich habe mich immer als Stand-up-Comedian gesehen und jetzt arbeite ich mehr inhaltlich. Zack nennt man mich Kabarettist. Und kürzlich wurde ich satirischer Chronist genannt. Das fand ich gut. Das hab ich übernommen. Ich beleuchte gesellschaftliches und zeitaktuelles Geschehen satirisch, sehe mich als Beobachter und versuche aus Konfliktsituationen rauszuzoomen, um das Absurde zu zeigen.
Bedeutet das aber, dass du auch trotzdem Emotionen zeigst?
Ingmar Stadelmann: Emotionen sind immer da. Auch ich kann auf Dinge emotional reagieren. Aber meine grundsätzliche Arbeitsethik ist, Abstand zu gewinnen und Rationalität sowie Aufklärung zu wahren. Das hilft den Pointen, kann aber in postmodernen Zeiten schon als Provokation wahrgenommen werden.
Wahrnehmung in Zeiten von Social Media
Das ist jetzt vielleicht eine etwas persönlichere Frage, aber fernab von Job und allem: Wenn du dir die Welt heute anschaust, weinst du oder lachst du?
Ingmar Stadelmann: Ich bin grundsätzlich ein positives Menschenkind. Ich finde immer noch genug zum Lachen.
Trotz all der Nachrichten, die einen oft erschrecken?
Ingmar Stadelmann: Ja, denn die Wahrnehmung, die wir haben, hängt stark davon ab, was und wie wir konsumieren. Social Media und bestimmte Algorithmen beeinflussen enorm, wie wir die Welt sehen.
Kannst du das ein bisschen genauer erklären?
Ingmar Stadelmann: Wenn man die Zahlen im Kontext betrachtet, ist das Leben auf diesem Planeten in fast allen Bereichen um ein Vielfaches besser als vor 100 Jahren. Trotzdem glauben viele, alles verschlechtert sich. Das liegt daran, dass sich die Art und Weise verändert hat, wie Informationen konsumiert werden. Wenn vor 30 Jahren in Kamerun ein Schulbus explodierte, war das irgendwann um 22 Uhr in den Tagesthemen eine dreiminütige Meldung. Heute sieht man solche Ereignisse live auf dem Handy, oft direkt aus dem Stream. Diese ständige Verfügbarkeit erzeugt eine andere emotionale Nähe und beeinflusst unsere Wahrnehmung stark.
Glaubst du, dass wir dadurch abstumpfen?
Ingmar Stadelmann: Ja, absolut. Alles, was immer wieder auf dieselbe Stelle geht, stumpft ab. Das ist ein natürlicher Reflex. Die erste Leiche, die man sieht, beschäftigt einen lange. Die hundertste wahrscheinlich gar nicht mehr.
Was kann man dagegen tun?
Ingmar Stadelmann: Verrückte Idee: Ich würde mal den bereits vorhandenen gesetzlichen Rahmen durchsetzen. Die Plattformen selbst müssen Verantwortung übernehmen. Wenn beispielsweise ein Stream von Terroristen auf TikTok oder Instagram läuft, sollte das zur Sperrung dieser Plattform führen, bis diese Inhalte entfernt sind. Das würde bei Meta und Co. einmal passieren und danach nie wieder. Denn die Diskussion läuft komplett falsch. Sobald jemand Kinderpornografie hochlädt, wird das ja auch sofort entfernt und gemeldet. Aber bei anderen Formen von Gewalt oder extremen Inhalten passiert das nicht.
Warum passiert das deiner Meinung nach nicht?
Ingmar Stadelmann: Weil die Plattformen behaupten, sie können das nicht alles kontrollieren. Dabei regulieren sie ja andere Inhalte schon genau in dem Maße und mit der Technik. Wenn man eine direkte juristische Konsequenz einführt, wie es im echten Leben ja auch passiert, beispielsweise bei einem Unfall auf der Straße, dann würde das auch auf Social Media wirken.
Du bist ja selbst sehr aktiv auf Social Media und machst auch auf solche Themen aufmerksam. Wie gehst du selbst damit um?
Ingmar Stadelmann: Ich bin da selbst aktiv, ja, fast süchtig. Meine Screentime liegt bei vier bis fünf Stunden am Tag. Ich gucke mir Videos an, lese Inhalte, produziere und schneide eigene Sachen und lade sie hoch.
Also ein großer Teil deines Tages ist direkt von Social Media geprägt?
Ingmar Stadelmann: Korrekt. Und ja, das ist auch mein Job. Ich verdiene damit Geld, weil Menschen meine Inhalte konsumieren, Tickets für Shows kaufen und so weiter. Aber gleichzeitig bin ich mir auch bewusst darüber, dass man den Leuten offensiv die Risiken von Social Media klar machen muss.
Social Media hat also seine Vorteile, aber auch klare Nachteile?
Ingmar Stadelmann: Die Grundidee von Social Media ist fantastisch, aber die Risiken darf man nicht unterschätzen. Das gilt für alle neuen Technologien.
Wie siehst du das bei KI?
Ingmar Stadelmann: KI hat riesige Chancen, aber eben auch enorme Risiken. Wir sollten nicht erst reagieren, wenn es so einen „Hiroshima-Moment“ gibt, wie bei der Entdeckung und Entwicklung der Kernspaltung. Es braucht klare Pläne und Regeln im Voraus, damit Chancen genutzt und Risiken minimiert werden.
Hast du eigentlich Angst vor KI? Glaubst du, die wird uns irgendwann alle überrollen oder versklaven?
Ingmar Stadelmann: Nein, ehrlich gesagt nicht. Im Moment hilft sie mir sogar wahnsinnig. Bei meiner Höcke-Lesung zum Beispiel hätte der ganze Recherche- und Strukturierungsaufwand ohne KI wahrscheinlich das Zehnfache an Zeit gedauert.
Kannst du ein Beispiel geben, wie KI dir konkret geholfen hat?
Ingmar Stadelmann: Ja, die KI hat mir geholfen, die Textstellen sinnvoll zu ordnen. Sie hat abgeglichen, welche Inhalte zu welchen Pointen passen und die Stellen für mich quasi zusammengebaut. Bei so viel Material – Namen, Zitate, Zusammenhänge – verliert man sonst leicht den Überblick.
Das klingt, als wäre KI wie ein zusätzlicher Mitarbeiter.
Ingmar Stadelmann: Absolut! Vor allem für Fleißaufgaben! Das stundenlange Lesen, Sortieren oder Auswendiglernen fällt weg. Ich glaube, in zwei bis drei Jahren werden das alle mit KI erledigen. Es wird in allen Bereichen präsent sein, auch da, wo viele Leute glauben, sie brauchen das gar nicht.
Siehst du die Chancen bei KI eher negativ oder eher positiv?
Ingmar Stadelmann: Bis jetzt sehe ich eher die positiven Chancen. Natürlich gibt es Risiken – Sam Altman von OpenAI zum Beispiel spricht von einer Wahrscheinlichkeit von zwei Prozent, dass KI katastrophale Folgen haben könnte. Das klingt nicht viel aber wenn man es mal ins Verhältnis setzt zur Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes, ist es doch ein bisschen gruselig. Halten wir ihm zu Gute das er es uns sagt.
Ingmar Stadelmann: Zwischen Bühne, Haltung und kommerzieller Vernunft
Kommen wir zur Show. Wie bereitest du dich eigentlich heute Abend vor?
Ingmar Stadelmann: Die Show ist ja schon fertig strukturiert. Jetzt geht es mehr darum, die Abläufe im Kopf durchzugehen, essen, noch einmal konzentrieren und dann los. Ich habe alles auf dem iPad vorbereitet.
Ist das anders als bei klassischen Stand-up-Shows?
Ingmar Stadelmann: Ja, bei Stand-up ist alles freier. Da muss ich mehr spontan reagieren. Bei dieser Show ist alles klar durchgeplant und folgt einer klaren Dramaturgie. Wir lachen über Höcke, wo es absurd ist, und gruseln uns, wo er es ernst meint.
Also kein Lampenfieber mehr?
Ingmar Stadelmann: Eher eine „vorfreudige Erregung“, wie ich das nenne. Kein Lampenfieber, eher Spannung und Freude.
Warst du schon immer Bühnen-Mensch?
Ingmar Stadelmann: Ja, zum Glück habe ich früh entdeckt, dass Bühne etwas für mich ist. Mit 14, 15 im Unterricht. Eine tolle Deutschlehrerin hat mich dann ermutigt, in die Theater-AG zu kommen. Dann habe ich erstmal improvisiert und dann meinte sie: “Was du brauchst, ist eine eigene Kabarett-Gruppe.”
Wie ging es dann weiter?
Ingmar Stadelmann: Ich habe meine beiden besten Freunde eingespannt, wir haben Texte geschrieben und kleine Shows entwickelt. Zunächst haben wir vor Lehrern gespielt und dann in der Stadt bei privaten Familienfeiern oder Bürgermeisterfesten. Wir hatten ein Programm von 30 bis 40 Minuten und es gab 150 Mark pro Show. Ich habe also früh gelernt, dass man mit Kunst auch Geld verdienen kann. Ich habe nie verstanden, warum Künstler leiden müssen um authentisch zu sein. Ich wollte ein gutes Leben haben und trotzdem das machen, was mir Spaß macht. Man muss halt dafür sorgen, dass genug Leute sich dafür interessieren.
Das ist also der Schlüssel: Leidenschaft und gleichzeitig eine Art kommerzielle Vernunft.
Ingmar Stadelmann: Absolut. Wenn man das hinbekommt, kann man Kunst machen, Geld verdienen und trotzdem authentisch bleiben.
Du hast vorher erzählt, dass du inhaltlich sehr spezifisch arbeitest. Gäbe es nicht Möglichkeiten, auch populärer zu sein?
Ingmar Stadelmann: Mainstreamiger geht immer.
Das könntest du wenn du wollen würdest?
Ingmar Stadelmann: Ja, ich wüsste schon, was man tun könnte, um in einer Stadthalle mit 2000 Leuten zu spielen.
Interessiert dich das?
Ingmar Stadelmann: Nicht wirklich. Ich bin ja kein Dienstleister. Wenn ich danach gehen würde, was der Kunde will, würde ich in einer Werbeagentur arbeiten. Mein Konzept ist eher: Ihr sollt das wollen, was ich mache.(lacht) Das ist das Größte für mich als Künstler.
Das finde ich sehr konsequent.
Ingmar Stadelmann: So arbeite ich. Ich bleibe lieber authentisch, auch wenn sich für Jazz nie so viele Menschen interessieren, wie für Pop.
Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast.
Mehr zu Ingmar Stadelmann findet ihr in den Socials.
Instagram Facebook Website Alle Termine und Tickets
Mehr Soundckeck Sessions findet ihr auf der Website:
Versus Goliath: Grenzgänger im Wüstenland
Vom Rockstar zum Promoter: Ein Gespräch mit dem Killerpilze-Frontmann Jo Halbig
Andy Brings: “Ich wäre heute kein Metal-Fan mehr”
Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
Entdecke mehr von miasraum
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.