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Vermilion-Sänger Sebastian Mathilakathu über unfaire Spielregeln im Musikbusiness, Gatekeeper, Kommerz, Haltung und die Single „Heretic“.
Interview: Mia Lada-Klein
Vermilion sind zu fünft, kommen aus Nürnberg und machen Metalcore, der nicht nur laut sein will, sondern etwas zu sagen hat. Hier treffen Lead-Gitarren auf knackige Riffs und vor allem auf spürbaren Tiefgang. Zur Band gehören Konsti, Kevin, Sebby, Chris und Asker, fünf Musiker, die ihre Musik als Ventil und Kommentar zur Gegenwart verstehen.
Ich habe mit Sänger und Frontmann Sebastian Mathilakathu gesprochen und schnell wurde klar, dass dieses Interview kein gemütliches Promo-Geplänkel werden würde. Stattdessen ging es um Druck und Überforderung, um Kommerzialisierung, politische Haltung und die berüchtigten Gatekeeper, die im Musikbusiness darüber entscheiden, wessen Türen offenstehen und wessen Träume draußen bleiben. Zwischendurch drehte Sebby den Spieß sogar um und stellte mir selbst Fragen. Clever, ein wenig irritierend, aber vor allem erfrischend.
Natürlich sprachen wir auch über die kürzlich erschienene Single „Heretic“, in der Vermilion den Missbrauch von Werten und Religion kritisch sezieren. Ein Thema, das genauso unbequem ist wie notwendig. Es gab also viel zu besprechen und wenig Grund, irgendetwas schönzufärben. Genau deshalb lohnt es sich, bei Vermillion genauer hinzuhören und nachzufragen.
Stell dich doch kurz vor und sag uns, in welcher Band wir dich gerade antreffen.
Sebastian Mathilakathu: Hallo, ich bin Sebby und ich bin der Sänger von Vermilion.
Ihr seid ja eher im härteren Bereich unterwegs, richtig? Nicht Pop oder Pop-Punk, sondern eher Metal. Ihr habt aber nicht immer harte Musik gemacht, oder?
Sebby: Stimmt. Konstantin und ich haben Vermilion 2013 gegründet, damals noch als Alternative-Rock-Band. Unsere ersten EPs sind auch noch online und man hört richtig, wie unsere Musik nach und nach härter wurde. Das hängt viel mit dem Zustand der Welt zusammen.
Wie meinst du das genau?
Sebby: Für uns fünf, also Chris, Asker, Kevin, Konstantin und ich, ist die Welt und das Weltgeschehen schwer zu verarbeiten. Es ist eine dunkle Zeit, und wir versuchen, das auszudrücken. Ich habe das Screamen erst spät gelernt, mit 26, 27 Jahren, um Frust und Wut auf die Welt rauszuschreien. Ich musste dafür Gesangsunterricht nehmen, um es technisch hinzukriegen.
Vermillion: Härte als emotionale Notwendigkeit
Also kam der harte Sound aus einer Art emotionaler Notwendigkeit heraus?
Sebby: Ja, genau. Am Anfang waren wir anders, haben auch Pop-Punk gemacht, wie wahrscheinlich alle, die mit 15 anfangen. Irgendwann wurde es dann aber spannender, härter zu werden.
Das ist wirklich eine gute Story. Du hast es ja schon gesagt: Wir leben in einer Zeit, in der man sich ständig fragt, wie lange es noch dauert, bis alles zusammenbricht. Worum geht es in eurer neuen Single?
Sebby: „Heretic“ ist eine Gesamtkritik an unserer Gesellschaft. Ich habe persönlich kein Problem mit Religion, ganz im Gegenteil, wenn der Glaube Menschen Halt gibt, finde ich das schön. Meine Familie kommt aus einer christlich geprägten Region und für mich war immer beeindruckend zu sehen, wie viel Halt Menschen im Glauben finden können.
Es geht also nicht um Religion an sich, sondern eher um die Art und Weise, wie sie missbraucht wird oder wie?
Sebby: Genau. Der Song behandelt den Missbrauch von Religion durch Institutionen, die Menschen gegeneinander aufhetzen und Profit daraus schlagen. „Heretic“ heißt eigentlich „Ketzer“. Es geht darum, wie diejenigen, die nicht zu einem bestimmten Glaubensziel gehören, oft Schuld zugewiesen bekommen.
Also quasi die Kritik an Heuchelei und Verrohung, die man überall beobachten kann?
Sebby: Ja. Wir sehen eine absolute Verrohung. Menschen berufen sich auf christliche Werte, handeln aber nicht danach. Dieses Spannungsfeld, dieser Konflikt, das wollten wir unbedingt thematisieren.
Verstehe. Ein wichtiger Punkt, gerade in der heutigen Zeit. Wie erlebt ihr als Band eigentlich die sozialen Medien? Gerade auch als multikulturelle Truppe?
Sebby: Das ist ein ziemlich komplexes Thema. Grundsätzlich würde ich sagen, dass die Metalcore- und Core-Szene insgesamt sehr tolerant ist. Es gibt wenige Genres, in denen Herkunft oder Looks so wenig eine Rolle spielen. Ich kenne viele Bands, in denen People of Color, queere Menschen oder Leute unabhängig vom Geschlecht aktiv sind.
Gibt es trotzdem Erfahrungen, bei denen ihr merkt, dass Hass oder Vorurteile mitschwingen?
Sebby: Ja, auch wenn es eher Kleinigkeiten sind, die aber absurd wirken. Zum Beispiel ist es mir auf Konzerten schon passiert, dass Leute zu mir kamen und sagten: „Cool, dass ihr Türken auch so Musik hört.“ Dabei bin ich katholisch und kein Türke, ich bin indischer Abstammung. Solche Kommentare zeigen schon, wie schnell Menschen auf Äußerlichkeiten oder vermeintliche Herkunft schließen.
Das klingt wirklich irritierend. Wie gehst du persönlich damit um, gerade auf Social Media?
Sebby: Social Media ist für mich sehr ambivalent. Einerseits sehe ich unglaublich viel Hass und Hetze. Ich hatte Zeiten, da wurde in meinem Feed offen über Inder oder andere Gruppen gehetzt. Ich melde dann Inhalte oder blockiere Accounts, die ich nicht sehen will. Gleichzeitig merke ich, dass ich selbst zu viel konsumiere.
Alltag mit Vorurteilen und Zuschreibungen
Habt ihr als Band darüber gesprochen, ob und in welcher Form ihr euch politisch positionieren oder zu gesellschaftlichen Themen äußern wollt?
Sebby: Definitiv. Wir überlegen ständig, wie wir uns positionieren. Wir haben uns immer dafür entschieden, politische Nachrichten zu teilen, auf Bühnen zu gehen und Stellung zu beziehen, gegen Sexismus, Homophobie oder kulturelle Diskriminierung. Unsere Texte spiegeln das wider. Musik ist für uns politisch, bewusst oder unbewusst.
Das ist ein wichtiger Punkt. Gleichzeitig stellt sich dabei aber doch auch die Frage, wie sehr man sich mit einer klaren Haltung selbst zur Zielscheibe macht, oder?
Sebby: Absolut. Wir haben alle Familie und leben damit, dass wir uns politisch positionieren und damit Angriffspunkte schaffen. Es ist eine Gratwanderung. Social Media ist für uns alle vielleicht auch ein Segen, weil man endlich sieht, was in der Welt passiert, also Kriege, Konflikte, Ungerechtigkeit. Vor 30 Jahren hätten wir vieles nicht mitbekommen.
Und gleichzeitig ein Fluch, weil es zeigt, dass die Welt oft nicht reagiert?
Sebby: Genau. Du siehst die schlimmen Dinge, aber es interessiert die Leute oft nicht. Es ist erschreckend, wie oberflächlich viele Inhalte konsumiert werden, während die wirklich wichtigen Themen wenig Aufmerksamkeit bekommen.
Das passt auch zu dem, was ich im Journalismus sehe. Es wird viel Arbeit investiert, lange Artikel oder Berichte geschrieben, aber am Ende bekommen die oberflächlichen Inhalte mehr Aufmerksamkeit.
Sebby: Genau. Und das ist der Kampf, den wir als Band auch führen. Social Media belohnt Aufmerksamkeit und Auffallen. Man muss immer mehr machen, immer krasser werden, um wahrgenommen zu werden. Gleichzeitig wollen wir Haltung zeigen und unsere Musik nicht nur als Entertainment verstehen.
Wir erleben mittlerweile eine Gesellschaft, in der Menschen online zusehen, wie andere sterben. Wie erschreckend empfindest du das?
Sebby: Absolut erschreckend. Livestreams, bei denen Menschen sterben, sind leider keine Einzelfälle. Frankreich, China, Japan, überall gibt es so etwas. Es zeigt, wie abgestumpft wir teilweise geworden sind. Wie nimmst du als Journalistin zum Beispiel diese unterschiedliche Wahrnehmung von Gewalt wahr?
Unheimlich finde ich das alles. Gerade mit Blick auf Amerika, wo mich die Doppelmoral in vielen Bereichen besonders irritiert und abstößt.
Sebby: In den USA ist die Diskrepanz zwischen menschlicher Tragödie und politischem Kalkül erschreckend. Wie würdest du das erklären?
Du drehst den Spieß des Interviews um Sebby. Ich denke, teilweise liegt es an der Macht und dem Einfluss bestimmter Persönlichkeiten, an der Art, wie sie kommunizieren, und daran, dass die Nachrichten oft beim Empfänger radikalisiert werden. Darauf kann man sich verlassen. Es ist ein widersprüchlicher Kreislauf, der mich zunehmend frustriert. Und Selbstjustiz, die wir in vielen Fällen sehen, sehe ich als falsch an.
Sebby: Ja, absolut. Egal, welche politische Meinung jemand hat, Gewalt ist niemals eine Lösung.
Macht, Geld und Doppelmoral im Musikgeschäft
Wie nimmst du das gesellschaftliche Verhalten innerhalb der Musikszene wahr?
Sebby: Leider habe ich das Gefühl, dass Bands sich oft gegeneinander positionieren. Man gönnt sich wenig, versucht Vorteile zu sichern und übersieht manchmal, wie toxisch das Umfeld sein kann. Beispiele wie Falling in Reverse zeigen, dass problematische Verhaltensweisen häufig ignoriert werden.
Spielt dabei für dich auch der Eindruck eine Rolle, dass letztlich Geld und Macht darüber entscheiden, wer erfolgreich ist?
Sebby: Absolut. Erfolg in der Musik hängt oft weniger von Qualität als von finanziellen Möglichkeiten und Netzwerken ab.
Beyoncé im Country-Segment ist ein Beispiel, es geht nicht nur um Talent, sondern um Einfluss und Ressourcen. Wie erlebst du persönlich das Bandgefüge, wenn Macht und Erfolg eine Rolle spielen?
Sebby: Viele Bands sind nicht so loyal, wie man denkt. Es gibt Konkurrenzdenken, und oft überwiegt Eigeninteresse. Dieses „Family Getue“ in der Szene kann extrem enttäuschend sein. Man merkt, dass nicht alle dasselbe Ethos teilen, und das macht die Zusammenarbeit manchmal sehr anstrengend.
Also ist Loyalität in der Szene ein rares Gut?
Sebby: Es ist schwierig, sich auf die richtigen Leute zu verlassen, gerade wenn große Deals oder Tourmöglichkeiten ins Spiel kommen. Leider geht es oft nicht um gemeinsame Werte, sondern um Eigennutz.
Nils von Corbian hat das in seinem Interview ebenfalls angesprochen. Er gehört zu den wenigen, die bewusst nicht alles schöngefärbt haben. Dir scheint es ähnlich wichtig zu sein, eher bei der Wahrheit zu bleiben als einen makellosen Schein zu wahren.
Sebby: Das ist mir sehr wichtig. Die Antwort war ehrlich.
Nicht alles im Musikbusiness ist Friede, Freude, Eierkuchen, oder? Ellenbogengesellschaft erleben wir jeden Tag und das überall.
Sebby: Ja, das lässt sich sogar aufschlüsseln. Zum einen sehe ich die Überkommerzialisierung der Musik, die vielen Künstlern schadet. Früher haben Bands wie Rage Against the Machine oder Nirvana einfach ihren Frust in die Welt geschrien. Heute muss man zahlen, um bei Spotify, bei Plattenlabels oder auf Events präsent zu sein.
Ihr habt also auch schon Angebote bekommen, bei denen ihr für Auftritte zahlen sollt?
Sebby: Genau. Manchmal wird uns vorgeschlagen: Wir geben euch einen Schlafplatz, ein bisschen Spritgeld, und beim Rest schaut ihr, je nachdem, wie viele Tickets ihr verkauft. Das ist für mich eine Frechheit. Wie erlebst du diese Kommerzialisierung in der Medienwelt?
Als Redakteurin sehe ich das sehr kritisch. Große Bands bekommen Aufmerksamkeit ohne zu bezahlen, kleinere Bands müssen oft zahlen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Das ist unfair und schadet der Szene. Ihre merkt diese Auswirkungen eben als Künstler.
Sebby: Viele Künstler verlieren dadurch die Möglichkeit, wirklich Kunst zu machen. Die finanziellen Hürden werden immer höher, die Durchlässigkeit geringer. Wer Erfolg haben will, muss oft in Trends investieren, statt sich kreativ frei zu entfalten. Viele junge Bands unterschätzen die Konkurrenz und die realen Anforderungen. Social Media vermittelt oft den Eindruck, ein viraler Hit würde sofort zum Erfolg führen. Die Realität ist aber viel komplexer.
Glaubst du als Künstler, dass es noch Gatekeeper gibt?
Sebby: Ja. Gatekeeper sind Labels, einflussreiche Leute, große Magazine, Playlist-Kuratoren oder Veranstalter. Wenn du ihre Aufmerksamkeit nicht gewinnst oder die finanziellen Mittel nicht hast, kommst du schwer weiter, egal, wie talentiert du bist.
Heißt das also, Social Media ist kein Allheilmittel für junge Bands?
Sebby: Social Media hat Vorteile, aber Erfolg darüber zu bekommen ist eher eine Seltenheit.
Und virale Hits, die dich in den Olymp katapultieren vielleicht auch einfach eine Illusion. Justin Bieber ist ein gutes Beispiel, er hat den Moment perfekt abgepasst, als die Konkurrenz noch klein war. Heute ist es deutlich schwieriger. Ist Erfolg in der Musik also eher ein Zusammenspiel aus Timing, Ressourcen und Netzwerken?
Sebby: Genau. Talent ist wichtig, aber ohne die richtigen Mittel und Kontakte erreichst du oft nicht die Bühne, die du vielleicht wirklich verdienst. Du hast Justin Bieber und andere Popkultur-Phänomene angesprochen. Heute passiert das nicht mehr. Man sieht, wie bestimmte Künstler „verramscht“ werden, obwohl sie genauso talentiert sind wie Justin damals. Talent allein reicht oft nicht mehr. Wenn man Britney Spears oder Justin Timberlake anschaut, damals hat das Label Justin Timberlake extrem geschützt, als diese Sache mit Britney aufkam, während andere Künstler sofort kritisiert und ausgepresst wurden. Das ist der Unterschied. Manche bekommen eine Chance, andere nicht, obwohl das Talent gleich groß ist.
Freundschaft als Fundament von Vermilion
Kommen wir noch einmal auf deine Band zurück. Was macht eure Gruppe für dich so besonders?
Sebby: Für mich ist das vor allem das Fundament aus Freundschaft. Ich bin seit 2013 dabei, und mein bester Freund Konstantin ist von Anfang an dabei. Kevin kam 2016 dazu, Asker und Chris später. Wir sind wirklich eine kleine Familie, die Musik miteinander erlebt.
Wie wichtig ist dieses persönliche Fundament für euren Erfolg als Band?
Sebby: Extrem wichtig. Wir sind alle um die dreißig, und die Chance, mit fünf Freunden zusammen Musik zu machen, ist etwas, das im Alter selten wird. Vor zwei Wochen waren wir für ein Konzert in Lyon, absolut absurd, aber wir hatten unser Team dabei, Kameraleute, Fotografen, den Mischer, mit dem ich früher zusammen in der WG gewohnt habe. Das ist privilegiert.
Und dieses Privileg siehst du nicht nur im musikalischen, sondern auch im zwischenmenschlichen Bereich?
Sebby: Absolut. Es geht darum, gemeinsam etwas Kreatives zu schaffen. Ich kann meinen Kindern später zeigen: Euer Vater hat mit seinen besten Freunden Musik gemacht, Deutschland bereist, Konzerte gespielt. Das ist ein Geschenk. Es geht aber nicht nur um die Shows, sondern um alles, was man als Team erlebt. Jeder unterstützt jeden, und das macht den Unterschied.
Vielen Dank, Sebby, für die tiefen Einblicke in Vermillion und für deine Offenheit gegenüber der aktuellen Musikszene.
Mehr zur Band Vermillion findet ihr in den Socials.
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Corbian: Menschlichkeit statt Hochglanz-Illusion
Detartrated: Lee Dominik über Deathcore und die Welt dahinter

