Foto: Pictures of a dying species
Lee Dominik von Detartrated über Deathcore, emotionale Songs, Banddynamik und die Herausforderungen junger Musiker in der heutigen Szene.
Interview: Mia Lada-Klein
Detartrated steht für kompromisslose Härte, düstere Atmosphäre und cineastische Wucht. Deathcore ist ihr Terrain und ehrlich gesagt, eigentlich nicht meins. Dachte ich zumindest. Bis ich ihre Debütsingle Abyss of Oblivion hörte. Plötzlich war da dieser cineastische Unterton, orchestrale Einsprengsel, die mich nicht nur hingezogen, sondern regelrecht in ihren Bann gezogen haben. Ich tauche nur selten tief in ein Genre ein, zu dem ich vorher wenig Zugang hatte. Wenn eine Band es also schafft, dass ich in ihrer Welt abtauche, Kopfkino inklusive, dann lohnt es sich, genauer hinzuhören.
So kam es zum Gespräch mit Lee Dominik, Bassist von Detartrated. Wir haben uns durch ein wildes Sammelsurium an Themen gequatscht, von den Grenzen der Genres über unerwartete Ausflüge in Country und Schlager, über die typischen Bassistenwitze, die jeder Bassist irgendwann hört, bis hin zu den wirklich ernsten Dingen: emotional aufgeladene Songs und toxische Zeiten, die einem schon mal das Fürchten lehren können. Zwischendrin gab es genug Humor, Herzblut und Reflexion, dass man fast vergessen hat, dass man eigentlich über Deathcore sprechen wollte.
Schön, dass du dir Zeit genommen hast. Magst du dich zum Start einmal kurz vorstellen?
Lee Dominik: Klar. Ich bin Lee Dominik und spiele Bass bei der Band Detartrated. Viel mehr gibt es an der Stelle eigentlich gar nicht zu sagen.
Ihr seid tatsächlich die Band, die mir Deathcore nähergebracht hat, was vorher niemand geschafft hat. Das habe ich dir ja schon erzählt, aber ich halte es auch gerne hier noch einmal fest. Tine Blessing vom Paranoyd Magazin hatte damals gefragt, ob jemand aus dem Team euren Song reviewen will, und alle meinten: „Hm, das ist so laut, die brüllen da so rum.“ Eben die Klassiker, die viele im Kopf haben, wenn es um Deathcore geht. Aber euer Song hat etwas Besonderes. Ihr macht das Genre irgendwie… anders. Brutal, klar, aber da schwebt im Hintergrund etwas ganz Zartes mit. Irgendein Kopfkino, das ich bei anderen Bands kaum finde.
Lee Dominik: Spannend zu hören. Wir haben in letzter Zeit öfter den Begriff „emotional Deathcore“ für unsere Musik gehört, was ich selbst auch ganz interessant finde. Unsere Soli sind ziemlich weich gehalten, teilweise fast Gothic Metal beeinflusst. Alex, unser Schlagzeuger, schreibt den Großteil der orchestralen Elemente. Der ist da wahnsinnig talentiert und hat ein gutes Gespür für getragene, atmosphärische Melodien. Ich glaube, das ist genau der Vibe, den du beschreibst.
Ja, das trifft es. Ich sage immer cineastisch oder episch, aber orchestrale Elemente, genau das war das Wort, das mir gefehlt hat. War dieser Stil eine bewusste Entscheidung? Oder hat sich das bei euch einfach entwickelt? Ich stelle mir gerade 15-Jährige in der Garage vor, die eher Wut rauslassen wollen als orchestrale Klangwelten zu bauen.
Lee Dominik: Tatsächlich war das eine Entwicklung. Wir machen alle schon länger Musik und waren viel in der Szene unterwegs. Zuerst im klassischen Deathcore, später, als Slam groß wurde, auch dort. Unsere Musik wurde damals technischer, dichter und insgesamt schwerer. Die orchestrale Richtung kam später, auch durch Einflüsse wie Lorna Shore oder Mental Cruelty. Die haben viel aus der Ära geholt, in der Nightwish groß war, finde ich. Da sehe ich Parallelen. Wir haben dann angefangen, genau diese orchestralen Elemente zu übernehmen, ohne aber die eher poppigen Leitmelodien zu kopieren. Wir wollten diese epischen Soundwelten, aber trotzdem unseren eigenen Stil behalten. So hat sich der Sound am Ende entwickelt.
Detartrated: Newcomer in einer schwierigen Konzertlandschaft
Und euch gibt es ja auch noch gar nicht so lange, oder?
Lee Dominik: Nein, erst seit einem Jahr.
Das ist verrückt. Ein Jahr ist in dieser Branche ja nichts, quasi Babyalter. Welche Herausforderungen habt ihr aktuell als so junge Newcomer-Band?
Lee Dominik: Das größte Problem ist tatsächlich, an Konzerte zu kommen. Kleinere Shows gehen noch, aber alles darüber hinaus ist ziemlich schwierig. Für Festivals im nächsten Jahr haben wir uns schon überall beworben, aber Tour-Pakete aus den USA etwa nehmen kaum noch lokale Bands mit. Seit Corona sind die Preise für Veranstaltungsorte gestiegen, und viele Clubs verdienen mit Support-Acts einfach nicht genug. Dadurch fällt die Local- oder Special-Guest-Schiene fast komplett weg.
Ich habe auch das Gefühl, dass sich die Konzertlandschaft nach der Pandemie stark verändert hat. Vielleicht liegt es aber auch an der zunehmenden Digitalisierung. Viele denken sich: „Ich bleibe lieber daheim, höre das im Wohnzimmer und sitze gemütlich im Schlabberlook auf dem Sofa.“ Hast du das als Musiker auch so erlebt?
Lee Dominik: Im Ruhrpott auf jeden Fall. Hier waren viele Locations schlecht besucht, egal ob wir selbst gespielt haben oder wir als Gastmusiker bei anderen Bands dabei waren. Es kamen oft dieselben Leute. Als ich dann mal in Berlin gespielt habe, war ich überrascht: Der Gig war voll, vielfältig und die Szene wirkte lebendig. Ich habe das Gefühl, dass sich diese Entwicklungen regional stark unterscheiden.
Lustigerweise sagen mir aber Berliner Bands auch das Gegenteil. Ich kenne einige, die dieselben Probleme haben. Man denkt immer: „In Berlin muss doch die Hölle los sein.“ Neulich hatte ich ein Interview mit Corbian aus Frankfurt/Offenbach, also aus der berühmt-berüchtigten kriminellen Ecke, und die meinten: Um 22 Uhr ist Schluss mit Livemusik, dann kommen die DJs und machen Technonacht. Frankfurt ist ja auch nicht gerade ländlich. Die haben exakt dieselbe Schwierigkeit: Live-Szene schwierig, Clubs früh dicht für Bands, spät offen für DJs.
Lee Dominik: Dann war Berlin bei mir vielleicht einfach eine Ausnahmeerscheinung. Aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel.
Wie nimmst du das persönlich wahr? Wir reden häufig über „die anderen“, aber ich finde es wichtig, bei sich selbst anzufangen. Gehst du persönlich regelmäßig auf Konzerte?
Lee Dominik: Tatsächlich nicht so oft. Wenn ich andere Musiker unterstützen kann, mache ich das natürlich. Aber als Privatperson auf ein Konzert zu gehen, das passiert eher selten. Das liegt an vielen Umständen.
Klar, wir werden älter und haben andere Prioritäten. Du meintest ja, du bist Anfang dreißig. Da verändern sich die Lebensumstände. Du sagtest aber gerade auch, ihr habt vorher schon Musik gemacht? Wie? Wo?
Lee Dominik: Ja, wir kommen alle aus anderen Projekten. Früher gab es kleinere musikalische Versuche, aber nichts besonders Ernstes oder Zeitintensives.
Und jetzt ist es zeitintensiv?
Lee Dominik: Alle bei uns arbeiten Vollzeit oder in Schichtarbeit. Ich bin teilweise in Schicht unterwegs und habe einen Sohn, um den ich mich kümmere. Die anderen sind komplett im Schichtdienst. Das macht es schwierig, alles unter einen Hut zu bringen.
Das glaube ich sofort. Man hat mehrere Leute mit eigenem Leben und das ist völlig anders, als wenn man zu zweit einen Termin sucht.
Lee Dominik: Ja, in Bands ist das grundsätzlich so. Es ist einfach schwierig, weil heutzutage alle viel arbeiten müssen. Alles ist teurer geworden. Sich weniger Arbeitszeit leisten zu können, ist schon ein Luxus.
Emotionale Themen, persönliche Einflüsse und toxische Zeiten
Stimmt. Kommen wir aber mal zum Inhaltlichen: Welche Themen verarbeitet ihr in euren Songs?
Lee Dominik: Ich nehme mal unsere beiden Singles als Beispiel. In der ersten Single Abyss of Oblivion geht es um Demenz. Micha, unser Sänger, und Luca, unser Gitarrist, sind Alten- und Krankenpfleger. Sie sind sehr nah an dieser Thematik dran. Micha hat den Text geschrieben, weil er täglich mit der Krankheit konfrontiert ist und den Blick darauf ausdrücken wollte.
Ein sehr emotionales Thema und ich kenne das auch aus meiner eigenen Familie.
Lee Dominik: Ja, es ist unglaublich dramatisch. Man wird damit konfrontiert, wie jemand langsam verloren geht. Ich selbst habe nicht viele Berührungspunkte damit, aber die Geschichten, die Micha erzählt hat, waren sehr emotional.
Und eure zweite Single?
Lee Dominik: Bloodline ist fiktiv, basiert aber auf Ereignissen, die vielen Menschen passieren. Es geht um einen toxischen Vater, der seinen Sohn festhalten will. Der Sohn schafft es jedoch, sich mithilfe der positiven Kraft der Mutter zu befreien. Es ist ein Thema mit einem fast schon hoffnungsvollen Ende, was im echten Leben leider selten ist.
Ein wichtiges Thema, gerade im Hinblick auf Gewalt, Abhängigkeit und Bindungen. Wer schreibt bei euch die Texte?
Lee Dominik: Die Texte schreibt komplett Micha.
Ich stelle mir das emotional sehr anstrengend vor, so viel von sich preiszugeben, sich metaphorisch „nackt“ zu machen.
Lee Dominik: Ja, definitiv. Es ist ein sehr persönlicher Prozess. Micha nimmt vieles aus dem realen Leben auf, auch wenn es nicht immer autobiografisch ist. Aber er schreibt aus der Beobachterrolle und bringt viel Emotion hinein.
Du hast gerade beschrieben, wie anstrengend bestimmte Prozesse sein können. Wenn wir beim Thema bleiben: Glaubst du, dass die Welt heute toxischer ist als früher? Oder anders gefragt, gibt es heute mehr Egoisten und Menschen, die sich rücksichtslos verhalten, als vielleicht vor zehn oder zwanzig Jahren?
Lee Dominik: Das ist eine wirklich gute Frage. Ich weiß manchmal selbst nicht, ob es mir nur so vorkommt oder ob sich tatsächlich etwas verändert hat. Man bekommt heute durch Smartphones, Social Media und das Internet einfach sehr viel mehr mit. Ich glaube nicht unbedingt, dass die Welt objektiv schlimmer geworden ist, denn Menschen waren schon immer zu schlimmen Dingen fähig. Man möchte sich gar nicht vorstellen, wie Social Media ausgesehen hätte, wenn es etwa während des Holocaust existiert hätte oder während der Abschlachtung der indigenen Bevölkerung in Amerika. Die Schlagzeilen und Dynamiken wären vermutlich ähnlich explodiert wie heute bei aktuellen Konflikten.
Also würdest du sagen, dass Bosheit und brutale Ereignisse schon immer existierten?
Lee Dominik: Ja, auf jeden Fall. Schlimme Dinge passieren, seit es Menschen gibt. Was sich verändert hat, ist die Dynamik. Algorithmen leben von Sensationen, sie verstärken extreme Inhalte und sorgen dafür, dass man dauernd Negatives sieht. Dazu kommen schwierige Zeiten, die viele Menschen unzufriedener machen. Das alles zusammen führt meiner Meinung nach dazu, dass sich Frust schneller aufstaut.
Du meinst, Menschen lassen ihren Frust dann online aus?
Lee Dominik: Viele glauben, das Internet sei ein straffreier Raum. Sie verhalten sich dort, wie sie es im echten Leben nie tun würden. Kommentarspalten sind manchmal unfassbar: Wenn man in polarisierende Themen hineinschaut, liest man Dinge, die einem den Atem stocken lassen. Ich frage mich oft, welche Aggressionen Menschen in sich tragen müssen, um so etwas zu schreiben. Klar, ich bin selbst nicht immer gut drauf, aber so eine Haltung habe ich nie entwickelt. Ich habe noch nie jemanden öffentlich so diffamiert, dass sich eine ganze Gruppe gegen mich stellen könnte. Diese Dynamik ist wirklich übel.
Du hast vorhin erwähnt, dass du Vater bist. Hast du manchmal Angst, dass die Welt für deinen Sohn noch schlimmer sein könnte?
Lee Dominik: Ja, natürlich. Das macht etwas mit einem, sobald man ein Kind bekommt. Man denkt anders und sorgt sich mehr. Ich habe definitiv Angst, dass die Welt für ihn in Zukunft schwieriger sein wird.
Wie gehst du persönlich mit solchen Ängsten um?
Lee Dominik: Ich versuche mich auf das zu konzentrieren, was ich beeinflussen kann. Ich kann nicht die ganze Welt verändern, also achte ich auf meinen engsten Kreis, auf meine Familie, meine Freunde, meine Band. Mein Freundeskreis ist klein und überschaubar, und das ist auch gut so. Ich möchte, dass es diesen Menschen gut geht und dass sie sich bei mir gut aufgehoben fühlen. Wenn das funktioniert und ich niemandem schade, dann ist das für mich ein erfüllbarer Ansatz. Ich kann mein Umfeld nicht komplett umkrempeln, nur um hypothetische Eventualitäten zu verhindern.
Das stimmt. Man kann Menschen ja auch nicht kontrollieren. Manchmal ist es schade, weil Menschen sich auseinanderentwickeln, aber gleichzeitig gehört genau das zu einer gesunden Entwicklung.
Lee Dominik: Genau. Dieser Satz „Es wird immer schlimmer, bevor es besser wird“ ist oft wahr, aber im weltgeschichtlichen Kontext leider auch ziemlich hart.
In vielen Gesprächen, die ich aktuell führe, höre ich oft auch denselben Gedanken: „Es muss erst richtig knallen, bevor es wieder besser wird.“ Viele glauben, die Welt müsse einmal komplett eskalieren, damit sich etwas normalisiert. Wie siehst du das?
Lee Dominik: Evolutionär betrachtet klingt dieser Gedanke logisch. Systeme geraten unter Druck, brechen auseinander und ordnen sich neu. Aber wir sind eben nicht nur rationale Wesen, wir erleben diese Entwicklungen emotional. Für uns persönlich fühlt sich so eine Vorstellung tragisch und beängstigend an.
Lee Dominik: Bass, Banddynamik und der Umgang mit Kritik
Zum Glück gibt es Musik. Sie kann auffangen, Verständnis aufzeigen, Wut kanalisieren oder einfach ein gutes Ventil sein. Wie bist du eigentlich zum Bass gekommen? Und wie oft musst du dir die typischen „Bassistensprüche“ anhören?
Lee Dominik: (lacht) Angefangen habe ich tatsächlich mit klassischer Konzertgitarre, weil meine Eltern der Meinung waren, das sei eine sinnvolle Grundlage. Ich weiß bis heute nicht genau, woher dieser Gedanke kommt, aber es hat mir am Ende wirklich gutgetan. Ich greife auch heute manchmal noch zur Konzertgitarre. Zur Bassgitarre bin ich dann eigentlich über Kiss gekommen. Gene Simmons war für mich als Kind der Coolste. Meine Eltern haben mir schon früh viel Musik gezeigt, Metallica zum Beispiel. Ich habe als Kind sogar zwischen Boxen geschlafen, auf denen Sepultura und richtig harte Sachen liefen. So kam ich zum Bass, und irgendwann hat mich besonders der tiefe, druckvolle Klang fasziniert. Später habe ich Korn entdeckt und zum ersten Mal einen Fünfsaiter-Bass gesehen. Das war um 2006 oder 2007. Ab da hat sich alles weiterentwickelt, durch Freunde, Kollegen, die Szene, und irgendwann natürlich auch durch die Gründung unserer Band. Mein Stil hat sich dabei mitentwickelt.
Und die klassischen Bassistenwitze?
Lee Dominik: (lacht) Es gibt viele, das weiß ich. Lustigerweise blieb ich davon aber immer ziemlich verschont. Keine Ahnung warum.
Vielleicht, weil du einfach beeindruckend groß bist?
Lee Dominik: Tatsächlich bin ich gar nicht alleine so groß. Felix, unser Gitarrist, ist genauso groß wie ich. Ich glaube, ich bin vielleicht einen Zentimeter größer. Wir sind beide 2,04 Meter.
Na gut, aber bei der Größe traut sich vielleicht einfach nicht jeder, einen Spruch zu machen. Edmund Kemper ist 2,07 Meter groß. Vor dem hatten die Leute auch Angst, unabhängig davon, dass er ein Serienkiller war. Aber man hätte sicher auch so Ehrfurcht vor ihm, selbst wenn er kein Serienkiller geworden wäre, sondern sich für einen anderen Berufszweig entschieden hätte. Große Menschen wirken oft automatisch einschüchternd.
Lee Dominik: Vielleicht schützt mich meine Größe wirklich vor dem einen oder anderen Spruch. Schwer zu sagen. In der Band bekomme ich schon mal was gedrückt, vor allem von Micha, unserem Sänger, der ist da etwas frecher. (lacht) Aber im Alltag eigentlich kaum. Ich bin ein sehr positiver, freundlicher Mensch. Dadurch bleibt mir vieles erspart. Ich habe auch noch nie jemandem wegen eines Spruchs Schläge angedroht.
Nach dem Interview melden sich jetzt vermutlich Leute und sagen: „Das stimmt doch gar nicht!“
Lee Dominik: Hoffentlich nicht! (lacht)
Du hast es aber gut zusammengefasst: Dumme Sprüche gehören dazu, aber sie müssen nicht überhandnehmen. Wie geht ihr als Band mit völlig unkonstruktiver Kritik um? Natürlich gibt es hilfreiche, konstruktive Rückmeldungen, die liebe ich persönlich ja auch. Wenn mir jemand sagt: „Das könntest du verbessern, das könntest du anders machen“, dann nehme ich das gerne an. Aber wenn Kritik sich auf „alles ist scheiße“ beschränkt, ohne Begründung, dann bringt das niemandem etwas. Erlebt ihr solche Kommentare?
Lee Dominik: Oh ja, definitiv. Auch wenn wir grundsätzlich wirklich dankbar sind, denn die meiste Resonanz ist sehr positiv, und dafür schicken wir dicken Dank an alle, die uns hören. Aber klar: Ab und zu kommen Dinge rein, die einfach daneben sind. Kommentare, die völlig an der Sache vorbeigehen oder ohne Argumentation alles schlechtreden. So etwas ignorieren wir meistens.
Ihr spielt eine Musikrichtung, die sehr laut, extrem und für viele fremd wirkt. Das polarisiert natürlich.
Lee Dominik:Total. Ich kann gut nachvollziehen, dass man unsere Musik nicht mag. Deathcore ist nun mal sehr schnell, sehr hart und sehr intensiv. Wenn jemand den ganzen Tag Helene Fischer hört und dann zufällig bei uns landet, ja, klar, das ist ein Kulturschock. Aber was ich nicht cool finde, ist, wenn Leute ihren Frust oder ihren persönlichen Geschmack einfach überall abladen müssen. Man kann es nicht verhindern, aber man muss auch nicht drauf eingehen.
Du wirkst da erstaunlich gelassen.
Lee Dominik: Ich versuche es zumindest. Mir ist bewusst, dass unsere Szene keine Mainstreamszene ist. Deathcore ist nicht Pop und es muss auch nicht jedem gefallen. Es ist Musik, die für eine bestimmte Gruppe gemacht ist, nicht für alle. Und das ist vollkommen in Ordnung.
Das gilt ja eigentlich für jedes Genre. Selbst bei Schlager könnte man überall dumme Kommentare drunter packen. Ich verstehe ehrlich gesagt nie, warum Menschen ein ganzes Genre pauschal abwerten. Ich könnte zum Beispiel sagen „Ich hasse Black Metal“, aber das stimmt nicht, es gibt Bands, die ich großartig finde. Und so ist es doch überall. Country erlebt gerade auch ein riesiges Comeback. Ich bekomme mittlerweile ständig Country-Reviews rein.
Lee Dominik: Es gibt wirklich großartige Bands, auch im Bereich Metal-Country. Blacktop Mojo zum Beispiel. Die sind absolut stark.
Muss ich mir anhören. Besonders weil ich neulich schon mit Cory Marks zu tun hatte. Und selbst Björn von Mando Diao hat inzwischen ein Country-Album veröffentlicht, mit seiner Stimme, in die man sich einfach reinlegen kann. Das Genre scheint sich gerade stark zu wandeln.
Lee Dominik: Ja, und das sorgt auch für Reibung. Schau dir Beyoncé an: Ihr Country-Album hat die Szene komplett auf den Kopf gestellt. Viele Country-Künstler gingen direkt auf die Barrikaden.
Weil sie das Gefühl haben, sie springt auf einen Trendzug auf. Die Industrie dahinter ist riesig, da geht es um sehr viel Geld. Am Ende ist es aber Beyoncé, da kannst du protestieren, wie du willst. Das Rad dreht sich trotzdem weiter. Die Mechanismen der Musikindustrie funktionieren da kompromisslos. Spotify bevorzugt zum Beispiel ja auch kurze Songs mit schneller Hook und wenig Experimenten. Epische Stücke wie November Rain hätten es heute schwer. Wie geht ihr als Band damit um, wenn eure Musik länger und untypisch für den Algorithmus ist?
Lee Dominik:Unser längster Song geht ungefähr sechs Minuten. Wir wollten uns da gar nicht begrenzen. Die Ideen waren da, wir haben geschrieben und der Song ist einfach organisch gewachsen. Bloodline ist zum Beispiel rund fünf Minuten lang, und das fühlte sich für uns richtig an. Wir hätten ihn nicht halbieren können, nur um einer Streaming-Plattform entgegenzukommen. Das hätte dem Inhalt und der Stimmung nicht entsprochen.
Das bedeutet, ihr stellt Kunst über Zahlen?
Lee Dominik: Absolut. Für uns war klar: Wir machen die Musik, die wir lieben. Alles andere ergibt sich dann.
Mir geht es da ähnlich. Ich könnte meine Interviews auch als Podcast machen, aber ich liebe das Schreiben. Deshalb bleibe ich bei längeren Texten, selbst wenn der Algorithmus etwas anderes bevorzugt. Fühlt sich das für euch vergleichbar an?
Lee Dominik: Ja, das trifft es gut. Am Ende zählt das Herzblut.
Genau. Man entscheidet sich bewusst für das, was man liebt, auch wenn man meinen könnte, dass es sich nicht immer „lohnt“. Wann dürfen wir mit eurem Album rechnen?
Lee Dominik: Das ist tatsächlich eine sehr gute Frage. Wir sind gerade mitten im Songwriting. Einige Stücke haben wir schon, aber es ist sehr zeit- und kostenintensiv. Unser Ziel ist, die Songs bis Ende des Jahres fertigzustellen, alles an unseren Producer zu schicken und dann im kommenden Jahr das Album zu veröffentlichen. Dann können wir auch live mit dem neuen Material spielen.
Das klingt großartig. Ich freue mich darauf und bin dann natürlich auch vor Ort.
Lee Dominik: Sehr gerne, wir würden uns riesig freuen.
Danke dir für deine Zeit und die Einblicke.
Mehr zur Band Detartrated findet ihr in den Socials.
Instagram Spotify Facebook YouTube
Detartrated im Interview: Von Star Wars zu Deathcore (Paranoyd Magazin)
Mehr Soundcheck Sessions findet ihr auf der Website.
Corbian: Menschlichkeit statt Hochglanz-Illusion
Versus Goliath: Grenzgänger im Wüstenland
Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
Entdecke mehr von miasraum
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.