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Warum Ego auf der Bühne entsteht und wir es mitfüttern

Soundcheck mit Mia

Sind Künstler Narzissten? RAF Camora sagt: 95 %. Warum wir Stars miterschaffen und welche Rolle unsere Aufmerksamkeit dabei spielt.

Text: Mia Lada-Klein

RAF Camora hat es kürzlich beim Beyond Business Cast auf den Punkt gebracht: 95 Prozent aller Künstler sind Narzissten. Eine kühne Zahl, die zum Nachdenken anregt. Ich bin Journalistin und seit über fünf Jahren arbeite ich mit Künstlern, vor allem im Musikbereich und kann ihnen bis auf die Bühnenbretter und hinter die Backstage-Kulissen auf die Finger schauen. Glaubt mir: Narzissmus gehört hier quasi zur Grundausstattung. Aber bevor ihr jetzt den nächsten Instagram-Star abstempelt, lasst mich eines klarstellen: Narzissmus ist kein Diagnose-Label, sondern eine Meinung, ein Etikett, das wir gern auf andere kleben, wenn sie uns nerven.

Narzissmus: Tendenz, kein Urteil

Alle Menschen haben narzisstische Tendenzen. Wer jemanden als Narzissten bezeichnet, meint oft schlicht: „Der macht, was er will und hält sich für besonders.“ Für den einen ist das ein Egomane, für den anderen ein Mensch, der einfach klare Grenzen setzt. Mal drüber nachdenken: Was für den einen Egoismus und Narzissmus ist, kann für den anderen einfach nur ausgeprägtes Selbstbewusstsein sein.

Bühne, Scheinwerfer, Applaus: Das Futter für Egos

Jetzt stellt euch aber mal folgendes Szenario vor: Bühne, roter Teppich, Millionen Fans, die jeden eurer Schritte feiern, Bilder von euch posten, euch vergöttern. Ja, da kann man schon mal abheben und sich für wichtiger halten, als man ist.

Aber schon ein kleiner Instagram-Account mit ein paar Anhängern kann aus einem Menschen eine Mini-Version eines Löwen machen, obwohl er eigentlich eine Hauskatze ist. Die Tendenz zum Narzissmus füttert sich also schon früh.

Wir sind mitverantwortlich

Sind Künstler also Narzissten? Oder sind sie vielleicht nur das Produkt unserer kollektiven Bewunderungssucht? Wir füttern das Monster. Ohne Likes, Applaus, TikTok-Trends, Instagram-Stories und Selfie-Klicks gäbe es keinen Star, bestimmt weniger ausufernde Egos und schon gar keine Menschen, die glauben, sie könnten gleichzeitig singen, tanzen, ein Label führen und das Weltklima retten. Trash-TV liefert uns dann die krassesten Exemplare: Menschen, bei denen man sich ernsthaft fragt, wie sie es geschafft haben, ihre Schuhe anzuziehen, geschweige denn ein Mikrofon zu halten. Wir sitzen da, Popcorn in der Hand, und urteilen über jeden Move und vergessen dabei, dass wir die wahren Gönner der Eitelkeit sind.

Denn wir tragen den größten Teil dazu bei. Wir machen den Boss, den Influencer, den Rockstar erst zum Rockstar. Wir entscheiden, welchen Wolf wir füttern: den weißen, den schwarzen oder den knallbunten auf Instagram, der uns dann mit perfekten Selfies, ausgefeilten Captions und merkwürdigen Challenges bombardiert, während wir uns überlegen, ob wir ihm folgen oder entfolgen sollen. Jede Story, jeder Klick, jeder Kommentar ist Nahrung für das Ego. Ohne uns wäre der Löwe nur noch eine kleine Miezekatze, aber wir haben ihn großgezogen, gestreichelt und ihn dann auf die Bühne gejagt.

Kurz gesagt: Künstler sind nicht per se Narzissten, aber wir können sie zu solchen machen. Wir sind die stille Macht hinter jedem aufgeblasenen Ego, die unsichtbare Hand, die Stars glitzern und gleichzeitig abstürzen lässt. Also bitte: Augen auf, Popcorn weglegen und überlegen, welchen Wolf ihr wirklich füttern wollt.

Es gibt Ausnahmen

Natürlich gibt es auch sie: Die Bodenständigen. Menschen, die trotz ausverkaufter Hallen auf dem Teppich bleiben und sich nicht für Gott halten. Aber die Ausnahme bestätigt die Regel. Viele Künstler, die mittendrin im Chaos stehen, haben ausgeprägte narzisstische Tendenzen, aber nochmal: Tendenzen, nicht diagnostizierten Narzissmus. Zwei verschiedene Dinge.

Das große Missverständnis: verletzte Künstlerseelen

Und noch ein Mythos, den ich auflösen will: Die romantisierte, verletzliche Künstlerseele. Die leidende, kreative Tiefe, wie wir sie aus Filmen kennen? Sorry, in der Realität habe ich das selten gesehen. Interviews, Backstage, Konzerte, die meisten Künstler leiden nicht wegen ihrer Kreativität. Sie leiden vielleicht, weil die Aufmerksamkeit für den neuen Song fehlt, der Journalist gemeine Frage gestellt hat oder der Tourbus oder das Hotelzimmer zu klein war, aber sicher nicht, weil sie zu kreativ sind.

Narzissmus ist ein Spektrum

95 Prozent? Vielleicht. 90? 98? Wer weiß das schon so genau. Es gibt unbekannte Künstler, die nach zwei Auftritten in einem Dorfclub abheben, und andere, die vor ausverkauften Hallen spielen und völlig normal bleiben. Am Ende sind wir alle beteiligt. Wir füttern den Narzissmus, wir geben ihm Nahrung und Aufmerksamkeit.

Fazit: Eigenverantwortung übernehmen

Sind also alle Künstler Narzissten? Ja und nein. Raf Camora hat in vielen Fällen recht, aber wir machen sie auch dazu. Wer Künstler hypet, gibt ihnen Macht, ihren Wolf zu füttern. Also passt auf euch auf. Überlegt zweimal, wen ihr groß macht, wem ihr Aufmerksamkeit schenkt und wen ihr anhimmelt. Denn am Ende entscheidet ihr mit, welche Version von Künstlern auf der Bühne steht.

@miasraum

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