Eine satirische Abhandlung über den Zustand des Möchtegern-Musikjournalismus

Soundcheck mit Mia

Wenn Möchtegern-Rockjournalisten zur Beifallsklatsche werden, entsteht eine schöne unkritische Karaoke-Show.

Text: Mia Lada-Klein

  • Echte Kante, null Kontext, echte Knalltüte
  • Wenn rechte Vergangenheit stört, einfach wegloben & Gitarrenriff feiern
  • ChatGPT mitten im Pit

Die absolute Krönung der Rockmusik-Berichterstattung ist endlich da. Diese Woche gelesen: „Echter Deutschrock mit Kante. So lieben wir es.“ Ein Satz, der mehr Impact hat als der lauteste Gitarrenriff. Was für eine Weisheit. Wie der Musikjournalismus hier mal wieder auf die elitäre Bühne der Kulturkritik tritt und uns mit solcher Klarheit die Welt des Rocks erklärt: „Echte“ Rockmusik ist also „mit Kante“. Nichts von schwach, soft oder gar divers. Hier geht es um das, was der „wahre Rockfan“ wirklich liebt: pure, unreflektierte Härte. Und wer ist die Band, deren Ruf so stolz verkündet wurde? Natürlich die Böhse Onkelz, eine Band, die wie ein Exempel für die problematischste Mischung aus Rock und rechter Gesinnung steht. Aber wer redet schon über ihre, sagen wir mal, „vergangene Nähe“ zur extrem rechten Szene, wenn es um diese Art von „authentischem Rock“ geht? .

Der feine Unterschied zwischen „Rock“ und „Hass-Rock“

Es ist eine wahre Kunstform, diese Art von Musikjournalismus. Wenn der Artikel über Böhse Onkelz einen Satz wie „Echter Deutschrock mit Kante“ einfach so in die Welt setzt, lässt er eine riesige Lücke offen, die alles von A bis Z verschleiert. „So lieben wir es“, ein Paradies für die Unaufgeklärten, eine Oase für alle, die sich nicht fragen wollen, warum diese Band von einem Berliner Gericht noch 2001 als „rechtsradikal“ eingeordnet wurde, wie die “taz” berichtete. Aber wer will sich schon mit der Geschichte einer Band beschäftigen, wenn man sie auch einfach nur lauthals loben kann, ohne nachzudenken?

Diese Formulierung suggeriert, dass „mit Kante“ ein Synonym für Authentizität und Rebellion ist. Und auf einmal hat „Kante“ nichts mehr mit Protest gegen das Establishment zu tun, sondern lässt sich locker auf eine rechte Grundhaltung übertragen, die eben auch gegen die Werte der Gesellschaft kämpft. Authentizität, meine Freunde, wer könnte da widerstehen? Die Frage bleibt nur: Gegen was genau richtet sich diese „Kante“? Gegen den Mainstream? Oder gegen alles, was wir als Gesellschaft an Vielfalt und Toleranz schätzen?

„Echter Rock“: Der Journalismus von gestern für die Uninformierten von heute

Doch halt! Die wahre Größe des Musikjournalismus liegt nicht in der Analyse, sondern in der Sympathie. Man könnte ja fast meinen, dass die Band bei einem Konzert das Banner „Echte Rocker“ schwingt und das Medium stolz dieses Banner einfach übernimmt. Denn wir sind schließlich nicht hier, um Geschichte zu schreiben, sondern um das lauteste Kollektiv an Echos zu erzeugen, das wir finden können. Man muss ja nichts erklären. Warum auch? Alles, was zählt, ist die „Kante“. Wo kämen wir hin, wenn wir auf jedes „Türken raus“ und „Ausländer ins Gas“-Plakat eingehen würden, das bei ihren frühen Auftritten im Publikum zu finden war?

Die Konsequenz? Ein Journalismus, der „Echter Deutschrock mit Kante“ schreit, ohne zu hinterfragen, wer sich in dieser „Kante“ wohlfühlt, ist der reinste Vereinsjournalismus, eine Art kollektiver Beifall ohne Substanz. Und das ist gefährlich. Denn die Verantwortung des Journalismus ist nicht nur, die lautesten Gitarrenriffs zu feiern, sondern auch die Frage zu stellen: Was bleibt eigentlich von der Band übrig, wenn der Krach der Lautsprecher verebbt? Aber vielleicht, ganz vielleicht hat es ja die KI so feierlich formuliert?

Die neue Art des Musikjournalismus: unkritisch und uninformiert

Warum die Frage der Verantwortung jetzt so wichtig ist? In einer Zeit, in der sich Gesellschaft und politische Identitäten zunehmend radikalisieren, können wir uns nicht mehr hinter „freier Meinungsäußerung“ verstecken, wenn wir Formulierungen wie „So lieben wir es“ aus dem Hut zaubern. Wir müssen uns fragen, was hinter diesen einfachen Phrasen steckt, die in dieser Trivialität kaum eine Herausforderung bieten und das weder inhaltlich noch politisch. „Echter Deutschrock mit Kante“, ein Satz, der das Vergessen von Geschichte feiert, während er gleichzeitig zur Verklärung beiträgt.

Schlussfolgerung: Musik ist mehr als nur Sound. Sie ist ein Spiegel, und wenn der Musikjournalismus nur noch in diesen Spiegel grinst, wird er zur stummen Verstärkerbox der Unkritik. Plötzlich feiern wir dann nicht mehr Bands, sondern auch ihre Ignoranz. Journalismus sollte erleuchten, nicht im Pit abhängen und Selfies posten. Wer im Hintergrund oder Privatleben was treibt, geschenkt, aber öffentlich als Redaktion, Blog oder Magazin Verantwortung übernehmen, das wäre mal ein Konzept. Auch wenn ChatGPT die Texte und die Reviews schreibt. Aber spätestens hier zeigt sich, dass manche Köpfe dringend auf Hirn überprüft werden sollten. Ironie aus, Realität an.
@miasraum

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3 Gedanken zu „Eine satirische Abhandlung über den Zustand des Möchtegern-Musikjournalismus

  1. Gratulation. Guter Artikel. Die Essenz dessen, was eine differenzierte, sachliche Schreibe in jeglichem Journalismus als Kompass gelten sollte.

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