Soundcheck Session mit Mia
Ein schonungslos ehrlicher, satirisch-bissiger Kommentar zur Haftbefehl-Doku über Sucht, Selbstzerstörung und gesellschaftliche Doppelmoral.
Text: Mia Lada-Klein
- Satirische Analyse der Haftbefehl-Doku
- Über Sucht, Abhängigkeit und moralische Heuchelei
- Zwischen Empathie, Kritik und bitterem Humor
Zwischen Mitleid und Müdigkeit
Ich überlege seit Tagen, was ich zur Doku von Haftbefehl sagen soll. Nicht, weil mir nichts einfällt, sondern weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Schockiert hat sie mich jedenfalls nicht. Krass fand ich sie auch nicht.
Ein Musiker, der an Ruhm und Drogen zerbricht, das ist keine neue Story. Das Musikbusiness kaut seine Künstler seit Jahrzehnten durch und spuckt sie aus, sobald sie ihren Geschmack verloren haben. Haftbefehl ist da kein Einzelfall, sondern Teil einer endlosen Schleife.
Ich verstehe ihn
Ich verstehe Haftbefehl. Und ja, ich habe Mitleid mit ihm. Mit seiner Frau auch.
Seine Vergangenheit schockiert mich nicht, sie erklärt vieles, ja und selbstverständlich ist sie traurig, ja. Es gibt aber viele Menschen, die Schlimmes erlebt haben. Viele, die mit Sucht kämpfen, Tag für Tag. Der einzige Unterschied: Haftbefehl kann sich seinen Stoff leisten.
Ich kenne das Gefühl, sich in der eigenen Sucht zu verlieren. Nicht bei Drogen, aber ich weiß genau, wie sich das anfühlt und habe mich in ihm entdecken können. Zumindest was dieses Thema angeht. Dieses Chaos, diese Selbstzerstörung, der Wahnsinn. Und ich weiß eben auch, dass Parolen wie „Er hat doch Kinder, er hat Geld, er hat alles“ nichts bringen. Sie treffen einen nicht. Sie prallen ab. Denn Sucht ist keine Entscheidung, sie ist eine Krankheit. Kein Charakterfehler. Kein Versagen. Sondern Sucht. Das reicht mir komplett als Erklärung. Ich verstehe das. Ich fühle das. Ich weiß das.
Die Frau an Haftbefehls Seite
Natürlich tut mir auch seine Frau leid. Viele sagen, sie könne doch gehen. Aber kann sie das wirklich? Auch sie ist süchtig. Abhängig. Gefangen in dieser Blase, in der Zerstörung zum Alltag gehört. Sie schaut nicht einfach zu, sie steckt mittendrin.
Und ja, sie fühlt sich wie eine Alleinerziehende. Nur dass es Millionen Frauen gibt, die das tatsächlich sind, ohne Kameras, ohne Glamour, ohne Mann mit Geld an der Seite, der für die Kinder aufkommt. Diese anderen Frauen sitzen nicht im Interview, die sitzen beim Amt. Die kämpfen nicht um Empathie, sondern um den Wocheneinkauf.
Mitleid hat Grenzen, zumindest bei mir. Aber ich verstehe sie. Das tue ich wirklich. Auch sie ist gefangen, nicht in der Villa, aber in der Dynamik, in diesem kaputten System, im kranken Kreislauf der Beziehung. Und wer einmal in so einer Beziehungsblase gesteckt hat, weiß: Da rauszukommen fühlt sich an wie ein Escape Room ohne Ausgang. Auch das kenne ich, auch das habe ich selbst erlebt. Leider.
Alle im selben Strudel
Die Leute um Haftbefehl sind ebenfalls keine Bösewichte. Sie sind genauso süchtig. Süchtig nach Aufmerksamkeit, nach Klicks, nach Reichweite, nach Geld, nach dem Geruch von Erfolg, auch wenn der schon lange nach kaltem Schweiß und Red Bull riecht. Jeder hängt an seinem eigenen Tropf, voll mit Ego, Angst und einem Schuss Selbstmitleid.
Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Sowohl in der Doku als auch im Musikbusiness. Irgendwo da draußen sind sie. Wahrscheinlich im Zeugenschutzprogramm.
Denn das System selbst ist auch eine Droge, krank, klebrig und toxisch. Viele tun so, als wollten sie helfen, während sie gierig doch nochmal am Erfolg eines Suchtkranken mitverdienen wollen.
Wenn Haftbefehl wieder auf Tour geht, wird das Karussell sich weiterdrehen, nur mit noch mehr Nebelmaschine und noch weniger Seele. Dieselbe Spirale, etwas lauter, noch kaputter. Und alle, wirklich alle, kriegen dann natürlich wieder ihr Stück vom Kuchen, den sie vorher selbst vergiftet haben. Aber klar, das nennt man dann Business.
Kein Held, kein Monster
Ich glaube nicht, dass Haftbefehl ein schlechter Mensch, schlechter Vater oder schlechter Partner ist. Er ist ein kranker Mensch.
Das erklärt alles. Ein Krebskranker im Endstadium wird ja auch nicht beschimpft, weil er für seine Kinder nicht da ist. Niemand ruft: „Ey, kümmer dich mal, du Egoist!“ Da heißt es dann: „Oh, der Arme.“
Aber bei Sucht? Da drehen plötzlich alle durch.
Dann kommen sie, die Hobby-Psychologen mit WhatsApp-Diplom: „Ja, aber Krebs sucht man sich nicht aus, Drogen schon.“
Aha. Danke, Doktor Differenzierung. Und wer das sagt, hat offensichtlich noch nie verstanden, dass Sucht kein Lifestyle ist, sondern eine Krankheit.
Und die, die jetzt sagen: „Aber meiner Cousine ihr Nachbar war auch süchtig, und der hat’s für seine Familie geschafft!“ Bitte einfach kurz: Klappe halten.
Schön für ihn, ehrlich, Gratulation, Medaille ans Revers.
Aber er ist nicht Haftbefehl. Und Haftbefehl ist nicht euer Nachbar, der nach drei Wochen Klinik plötzlich Yoga macht und Selleriesaft trinkt.
Projiziert nicht Mister X auf Mister Y, nur weil ihr euch sonst so schön moralisch fühlen könnt.
Man kann übrigens einfach mal die Klappe halten. Das ist gar nicht so schwer. Gibt sogar Studien drüber.
Vielleicht wäre sein Leben leichter gewesen, hätte ihn der Erfolg nicht erwischt.
In der Doku sagt er über seine Familie auch selbst, dass er kein Leben wie in einer Kellogg’s-Werbung führen will. Das glaube ich ihm. Er kennt es eben auch nicht anders.
Er lebt für seine Musik. Nimm sie ihm weg, und du nimmst ihm das, was ihn am Leben hält.
Das große Missverständnis
Wer glaubt, Sucht sei eine Frage des Willens, hat keine Ahnung.
Niemand will süchtig sein. Niemand wacht morgens auf und denkt: „Ab heute ruiniere ich mein Leben. Das wird ein Spaß.“ Sucht ist keine Lifestyle-Entscheidung, sie ist eine Krankheit. Punkt. Keine spirituelle Prüfung, kein Charakterdefekt, kein „Er muss nur wollen“.
Und nein, Haftbefehl stellt sich in dieser Doku nicht als Opfer dar. Er trägt keine Träne auf der Wange und hält kein Pappschild mit der Aufschrift „Die Gesellschaft ist schuld“. Seine Frau Nina ist auch keine tragische Heldin im feministischen Lehrbuch „Patriarchat, please stop“. Dieses Meisterwerk der Simplifizierung hab ich übrigens neulich auf Insta entdeckt, gleich zwischen „Selflove in 3 Tagen“ und „Wie du ein Trauma wegmanifestierst“. Ja, es ist beschissen, wenn dein Mann abrutscht, ständig weg ist und du das Chaos zu Hause allein auffängst. Aber er verprügelt sie nicht, er misshandelt sie nicht, er hat ihr ein Haus gekauft. Das muss dieses neue Patriarchat sein, das mit Kreditrahmen und Gartenzaun.
Sobald irgendwo das Wort “Sucht” oder “toxische Beziehung” fällt, kriechen sie aus ihren Kommentarspalten: die Hobbypsychologen mit dem Bachelor in Lebensberatung und dem Master in „Ich kenn da aber auch wen und der, die, das … Blablabla”. Da sind sie, die, die absolut nichts verstehen.
Nur blöd, dass weder Sucht noch toxische Beziehungen genormt sind. Kein Mensch, kein Schmerz, keine Anleitung ist gleich. Sucht ist eben kein defekter Motor, den man mit ein bisschen Öl wieder flottkriegt, und toxische Beziehungen sind auch kein wackeliges Haus, das man mit guten Ratschlägen reparieren kann.
Und selbstverständlich kann man Haftbefehl auch kritisieren. Sollte man auch. Aber wer in dieser Doku nicht sieht, dass hier alle gleichzeitig Opfer und Täter sind, sollte vielleicht weniger urteilen und mehr hinschauen.
Diese Doku verkauft sich auch als Warnung, als gesellschaftliches Mahnmal mit ernster Musik und Close-ups von müden Augen. Aber mal ehrlich: Brauchten wir wirklich noch eine Netflix-Erkenntnis, dass Drogen und toxische Beziehungen zerstören, Ruhm einsam macht und Druck Menschen bricht? Dafür haben wir schon Britney Spears und Justin Bieber und wir hatten dafür auch schon Amy Winehouse und Kurt Cobain. Haftbefehl und seine Nina sind einfach nur das neueste Kapitel im selben alten Buch, diesmal eben mit deutschem Untertitel.
Die Doku soll ja auch in Schulen laufen, um vor Drogen zu warnen. Fantastischer Plan, weltverändernd, fast nobelpreisverdächtig. Wird garantiert klappen, wie alles, was in der Theorie toll klingt. Mit 13 habe ich Magermodels auf dem Pariser Laufsteg gesehen und mir gedacht: Scheiße, wie kann man so aussehen! Mit 17 hing ich dann das erste Mal am Tropf. Hat also super geklappt. Haftbefehl-Doku in Schulen ist demnach definitiv ein Paradebeispiel für verantwortungsvolle Prävention. Absolut narrensicher, bitte gleich auf jedem Stundenplan vermerken, dann lösen sich Sucht und toxische Beziehungen wie von Zauberhand in Luft auf. Wahrscheinlich kam dieser brillante Plan von jemandem, der denkt, Entzug sei ein Brettspiel und Absturz nur ein theoretisches Konzept. Genau der Typ Mensch, der beim Anblick eines Tropfs vermutlich sagt: ‚Ach, einfach mehr Willenskraft, dann klappt das schon.‘ Herzlichen Glückwunsch, Sie haben haben definitiv den Pulitzerpreis für Bildungsinnovationen verdient.
Das Oben ist genauso leer wie das Unten
Trotz allem: Beeindruckend bleibt, dass der kleine Aykut Anhan es von ganz unten bis ganz nach oben geschafft hat. Nur um zu merken, dass es dort genauso einsam ist. Vielleicht sogar einsamer. Am Ende bleibt ein bitterer Beigeschmack: mehr Geld, dieselbe Leere.
Und ja, meine Meinung gefällt sicher nicht jedem. Das muss sie auch nicht. Sie ist das Ergebnis meiner Beobachtungen, Erfahrungen und Gedanken. Ich stehe dazu und wünsche mir, dass ihr ebenso zu eurer steht. Denkt selbst nach, zweifelt, hinterfragt, aber drängt sie niemandem auf. Echte Haltung zeigt sich nicht darin, laut zu sein, sondern im Respekt vor anderen Meinungen.
Mehr Soundchecks mit Mia findet ihr auf der Website:
Eine satirische Abhandlung über den Zustand des Möchtegern-Musikjournalismus
33K Follower, 100 Likes – wirklich relevant?
Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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