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Okeanos: Zwischen großen Träumen und harter Realität

Soundcheck Sessions mit Mia (Interview)

Foto: Jennifer Becker

Okeanos im Interview: Sänger Martin über Verlustängste, Mythologie, Metalcore, Selbstzweifel und die harte Realität im Musikbusiness.

Interview: Mia Lada-Klein

Okeanos sind eine fünfköpfige Band aus Dessau-Roßlau. Der Name klingt nach griechischer Mythologie, die Musik nach Metalcore mit Ecken und Kanten. Seit 2023 mischen sie die Szene auf, müssen sich aber erst ihren Platz zwischen einer Flut von Bands erkämpfen. Das ist nervenaufreibend, frustrierend und manchmal schlicht unfair. Wie bleibt man motiviert, wenn man gegen Windmühlen kämpft? Wie geht man damit um, wenn einem Türen verschlossen bleiben, weil man noch jung und unbekannt ist? Genau darüber spreche ich mit Martin, Sänger und Frontmann von Okeanos. Wir reden über Musik, die Tücken des Musikbusiness und warum die glitzernde Romantik der Branche oft schnell verblasst, wenn man merkt, dass Erfolg kein Geschenk, sondern manchmal ein Kampf ist.

Kannst du dich und eure Band einmal vorstellen? Für alle, die euch noch nicht kennen. Was macht ihr genau und wo kommt ihr her?

Martin: Ich bin von der Band Okeanos und wir kommen aus Dessau-Rosslau. Wir sind fünf Jungs, die seit 2023 in dieser Konstellation zusammen Musik machen. Unser Sound ist eine Mischung aus Metalcore und melodischem Metal. Manche beschreiben uns ein bisschen wie eine Mischung aus Oldschool Evanescence und As I Lay Dying, also schon solide Referenzen. (lacht)

Euer Bandname klingt stark griechisch-mythologisch. Wie kam es dazu?

Martin: Unser Gitarrist hatte die Idee, der Name stand schon, bevor ich zur Band gestoßen bin. Ich hätte vielleicht etwas anderes gewählt, aber ich finde den Namen nach wie vor stark. Zu der Zeit hatte er einfach ein Faible für griechische Mythologie. Wir haben zwar überlegt, das als Konzept weiter auszubauen, aber letztlich haben wir gemerkt, dass es nicht so richtig passt. Wir wollten lieber einen düsteren, erwachsenen Sound, und da würde ein maskottchenartiges Konzept wie bei Disturbed oder Iron Maiden einfach nicht reinpassen.

Songwriting, Selbstzweifel und kreative Prozesse

Kommen wir zu euren Texten. Du bist ja Sänger, schreibst du auch die meisten Lyrics?

Martin: Ja, ich schreibe ungefähr 95 Prozent unserer Texte.

Welche Themen sprechen dich besonders an? Geht es um Politik, Weltgeschehen, Trump oder Putin?

Martin: Politik spielt schon eine Rolle, aber nicht im Sinne von Personen gezielt angreifen. Unsere Songs behandeln eher weltliche Themen: Menschen, die keine Heimat finden, Flüchtlinge, Depressionen, Selbstfindung, Verlustängste, also alles klassische menschliche Themen. Positives kommt auch mal vor, aber negative Emotionen wirken oft als Verstärker und inspirieren zu intensiven Texten.

Das klingt sehr tiefgründig. Es geht also eher um existenzielle Verlustängste als um Liebeskummer?

Martin: Genau. Es geht um den Verlust von sich selbst, durch äußere Einflüsse oder Erlebnisse, und natürlich auch um den Verlust von Menschen, die einem wichtig sind. 

Du sprichst aber viel über autobiografische Elemente. Macht es dir keine Angst, dich in Texten so verletzlich zu zeigen?

Martin: Eigentlich nicht. Erstens weiß ja niemand, dass die Songs autobiografisch sind, und zweitens müssen sie es nicht immer sein, um Gefühle rüberzubringen. Ein gutes Beispiel: Ich habe mal einen Song innerhalb von 20 Minuten geschrieben, nachdem ich den Film Ad Astra gesehen habe. Darin geht es um den Verlust von sich selbst und der Menschen, die man kannte und die Geschichte hat mich so berührt, dass ich die Emotionen direkt in den Song gepackt habe.

Also ein sehr emotionaler, unmittelbarer Schreibprozess.

Martin: Absolut. Es geht darum, das, was einen gerade bewegt, so authentisch wie möglich umzusetzen. Dabei entsteht eine Mischung aus persönlichen Erfahrungen und universellen menschlichen Themen, die hoffentlich jeder nachvollziehen kann.

Paul McCartney, ich glaube zumindest, dass er es war, hat mal gesagt, dass die besten Songs schnell aus einem rauskommen. Siehst du das auch so?

Martin: Absolut. Bei mir entstehen die meisten Ideen auch einfach plötzlich. Da ist dieser Moment: „Boah, jetzt hab ich was, lass uns darüber schreiben.“ Dann kommen neue Phrasen, die ich gerne einbauen möchte, und das entwickelt sich weiter. Das, was länger dauert, ist eher das Anpassen an Melodien, Rhythmus oder Taktfolgen, damit alles gut passt. Zum Beispiel ein Wort auszutauschen, damit es sich besser singen lässt. Statt „Angst“ sage ich vielleicht „Furcht“, weil es sich phonetisch besser einfügt.

Das ist interessant, also quasi der Feinschliff nach dem kreativen Impuls. Ich glaube, das kennen viele Songwriter. Eminem zum Beispiel hat in einem Interview erzählt, dass er angefangen hat zu rappen, weil ihm immer gesagt wurde, dass sich nichts auf „Orange“ reimt und er wollte das Gegenteil beweisen. Okeanos ist aber dein erstes Projekt und du bist gleich Frontmann, Sänger, Songwriter, Manager, der Typ, der zu Interviews geschickt wird. Wie kam es dazu?

Martin: (lacht) Ja, es kam irgendwie alles auf einmal. Ich habe vor Jahren mal Keyboard gelernt, aber das war nie mein Instrument. Als Teenager bin ich in die Metalszene eingestiegen und habe mich gefragt, wie die Sänger ihre Stimme so beherrschen. Dann habe ich Zuhause rumexperimentiert, die Stimme kaputt gemacht, ausprobiert, und irgendwann einen Gesangstrainer in Leipzig gefunden, der sich auf Metalgesang spezialisiert hat. Da dachte ich mir: Jetzt mach was draus. Dann hab ich die Band gefunden und zunächst war ich noch unsicher, hatte meine Zweifel, ob ich überhaupt gut genug bin, aber, aber ich hab es durchgezogen.

Und seitdem bist du der Typ für alles? 

Martin: Ich glaube, das ist etwas, das sich so durchzieht. Ich versuche, Energie in das Projekt zu stecken, mich reinzulesen, andere Bands zu kontaktieren, Leute anzurufen, Mails zu schreiben, Social Media zu bedienen, auch wenn ich das eigentlich nicht mag. Aber ohne geht es heute einfach nicht.

Und das Songwriting? War das schon immer ein Teil von dir oder kam das auch erst nach und nach dazu?

Martin: Ja, Schreiben mochte ich schon immer. Wenn ich eine Idee hatte, habe ich sie aufgeschrieben, egal ob Kurzgeschichte, Tagebuch oder ein paar Sätze. Das war schon immer ein Teil von mir.

Du hattest Selbstzweifel angesprochen. Kannst du das ein bisschen genauer erklären?

Martin: Ja, das ist schon so ein bisschen wie das Impostor-Syndrom. Man kennt das eigentlich eher aus dem Arbeitsleben, aber bei mir taucht es in der Musik auf. Manchmal denke ich einfach: „Es reicht nicht. Ich singe nicht gut genug, das, was ich mache, ist nicht gut genug, gleich merkt es jeder, dass ich eigentlich nichts kann.“ Das lässt mich oft zweifeln.

Das klingt intensiv. Magst du ein Beispiel geben, wie sich das konkret äußert?

Martin: Klar. Manchmal frage ich mich, ob ein Song heute wirklich so klingt, wie ich es will. Vielleicht singe ich einen halben Tag, es klappt gut, am nächsten Tag bin ich heiser, und dann frage ich mich: „Warum funktioniert es immer noch nicht richtig?“ Gleichzeitig sehe ich andere Musiker, die vielleicht kürzer dabei sind, aber schon sehr gut klingen, und frage mich: „Wieso nicht ich?“

Das klingt, als würdest du dich ständig selbst hinterfragen. Wie gehst du damit um?

Martin: Das Schöne ist: Auf der Bühne verschwindet dieser Gedanke. Da habe ich keine Zeit, über Selbstzweifel nachzudenken. Das ist ein Lichtblick. Sobald ich performe, konzentriere ich mich nur auf die Musik, nicht auf die Zweifel.

Danke, dass du so offen darüber sprichst. Viele Frontmänner wirken ja sehr selbstbewusst, manchmal fast unnahbar. Aber du beschreibst das sehr authentisch. Lady Gaga hat mal Ähnliches über ihre Selbstzweifel gesagt. Denkst du, diese Unsicherheiten können auch motivierend sein?

Martin: Absolut. Selbstzweifel spornen mich an, mich weiterzubilden, professioneller zu werden und mich mit allen Aspekten des Musikgeschäfts auseinanderzusetzen. Es ist wie ein Motor, der mich antreibt, mich einzulesen, Social-Media-Strategien zu verstehen und generell meine Professionalität zu steigern.

Musikbusiness, Social Media und Bandstrategie

Thema Musikbusiness. Fühlst du dich da schon mittendrin?

Martin: Zum Teil schon. Ich versuche alles professionell aufzubauen, aber es dauert. Man muss erst lernen, wie die Abläufe überhaupt funktionieren – Booking, Social Media, Management. Ich habe mir das alles ein bisschen magischer vorgestellt, wie es quasi von selbst läuft, aber so ist es eben nicht.

Ja, das Musikbusiness ist unromantisch. Im Hintergrund passieren viele Dinge, die man als Außenstehender gar nicht sieht. Heutzutage ist es noch schwieriger geworden, aus der Masse herauszustechen. Aber Stichwort Social Media, wie wichtig ist das für euch als Band?

Martin: Es ist auf jeden Fall ein Teil des Jobs. Aber heutzutage musst du dich mit so vielen Plattformen auskennen – Instagram, TikTok, YouTube – und gleichzeitig Magazine, PR, Promo, Booking, Videos schneiden. Eigentlich musst alles können.

Das klingt nach enormem Druck.

Martin: Genau. Du musst die Musik beherrschen, die du machen willst, aber gleichzeitig auch lernen, wie man Bild- und Videomaterial aufbereitet, wann man postet und auf welcher Plattform. Und wenn man nebenbei noch arbeitet – was ja die meisten tun – ist das kaum machbar. Wenn man dann daran scheitert, wird schnell Social Media als limitierender Faktor gesehen. Das finde ich ehrlich gesagt ziemlich bescheiden.

Ich glaube, das stimmt nicht ganz. Laut meiner Erfahrung gibt es viele Veranstalter, die nicht nur auf Followerzahlen achten.

Martin: Das beruhigt mich zu hören.

Ich kenne Bands, die nur ein paar Tausend Follower haben und trotzdem regelmäßig auftreten oder davon leben können. Andererseits gibt es Bands mit vielen Followern, die kaum Shows spielen. Kontakte und Engagement spielen also auch eine große Rolle. Social Media ist nur ein Teil vom Ganzen.

Martin: Ja, genau. Das lerne ich auch gerade. Anfangs habe ich versucht, jeden kleinen Social-Media-Beitrag zu posten, alles mitzunehmen. Irgendwann dachte ich mir aber: „Egal, niemand guckt das.“ Dann habe ich mich lieber persönlich um Dinge gekümmert oder mich darauf konzentriert, wie wir in Playlists reinkommen oder Kontakte aufbauen.

Bedeutet das, dass Social Media für dich persönlich keine Rolle spielt als Konsument?

Martin: Es ist mir egal, was die Leute hinter einer Band posten. Ob witzige Clips, Quatsch auf Instagram oder TikTok, das ist kein Grund, eine Band mehr oder weniger zu mögen. Für mich zählt die Musik, das sollte am Ende immer im Vordergrund stehen.

Absolut. Das bringt mich zu einem anderen Punkt: „Female fronted“ oder „male fronted“. Wie stehst du dazu?

Martin: Es sollte immer um die Musik gehen, nicht um das Geschlecht. 

Natürlich ist es schön, Frauenbands zu fördern, aber es bringt nichts, nur wegen der Quote Bands auf die Bühne zu stellen. Gute männliche Bands könnten dann vielleicht leer ausgehen, obwohl die Musik stimmt. 

Martin: Uns ist das schon mal passiert. Wir durften nicht spielen, weil wir keine Frau in der Band haben. Da habe ich mich gefragt: „Wollt ihr die Musik hören oder einfach Frauen auf der Bühne sehen?“

Eine abschließende Frage: Wenn ihr euch als Band vorstellen dürftet, mit welchem Song würdet ihr das tun?

Martin: Ganz klar mit „Footprint“. Das ist gerade der Song, der auf einer Playlist gelandet ist und uns neue Hörer verschafft. Außerdem zeigt er ziemlich gut, was wir musikalisch machen wollen: ein bisschen oldschool, groovy, nicht reiner Deathcore und kein stumpfer Hardcore.

Habt ihr bereits ein Album draußen oder plant ihr eines?

Martin: Bisher haben wir Lieder veröffentlicht. Auf der Bühne spielen wir allerdings zehn Songs, die unsere Setlist ausmachen. Wir haben uns entschieden, kein Album zu veröffentlichen. Stattdessen bringen wir die Lieder einzeln raus, auch um den Algorithmus ein bisschen zu füttern. Vielleicht kommt irgendwann mal eine kleine EP mit zwei bis fünf Songs, aber aktuell ist das nicht geplant.

Perfekt, klingt gut. So hat man eine klare Struktur und kann sich trotzdem frei entfalten.

Mehr zur Band Okeanos findet ihr in den Socials.

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Mehr Soundcheck Sessions findet ihr auf der Website.

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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

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