Foto: Juliane Haerendel
Versus Goliath über ihr Album „Wüstenland“, kreative Freiheit, düstere Klangwelten, Hoffnungsschimmer und den Mittelfinger an Spotify.
Interview: Mia Lada-Klein
Am 12. September erschien „Wüstenland“, das zweite Album von Versus Goliath. Die Band streift Rock, Metal sowie Rap und bleibt trotzdem in ihrem eigenen Kosmos. Grenzgänger deluxe, die ihren eigenen Kreis ziehen.
Gegründet 2019 in München, starteten sie mit düsterer Atmosphäre und wütendem Sound. Auch das neue Album ist hart, brachial und mit den typischen Markenzeichen versehen. Gleichzeitig zeigt Wüstenland eine andere Seite, ein kleines Licht, ein Hauch Hoffnung, ein „Schluck frisches Wasser“ mitten in der vertrockneten Klangwüste, wie Frontmann Florian Mäteling es beschreibt.
Im Interview sprach Flo über das neue Album, Erinnerungen an frühere Zeiten, die Weiterentwicklung des Sounds, das Verlassen der Komfortzone und den Mittelfinger an den Spotify-Algorithmus. Eben über alles das, was unter dem Wüstensand schlummert.
Vom Chart-Erfolg zum persönlichen Soundtrack
Ich würde gern mit zwei allgemeineren Fragen starten, bevor wir über euer neues Album sprechen. Eine davon geistert mir tatsächlich schon seit zwei Jahren im Kopf herum, die andere ist etwas persönlicher. Aber keine Sorge, nicht privat, versprochen.
Seit zwei Jahren lässt mich eure Debüt-Single „Friss oder stirb“ nicht los. Sie hat es direkt auf Platz eins der Alternative Charts geschafft. Das ist ein ziemlich starkes Statement für einen ersten Wurf! Und da kam bei mir sofort die Frage auf: Ist so ein Erfolg Fluch oder Segen? Ich meine, setzt einen das nicht wahnsinnig unter Druck? So nach dem Motto: Okay, das ist jetzt die Messlatte, alles darunter ist Niederlage. Mich hätte das ja völlig gestresst, aber vielleicht bin ich da einfach zu sensibel. Wie war das damals bei euch?
Florian Mäteling: Das ist schon lange her. Vor Versus Goliath hatte ich auch andere Projekte in verschiedenen Genres, die teilweise kommerziell erfolgreicher waren. Aber Versus Goliath war nie aus dem Gedanken heraus entstanden, erfolgreich zu sein. Es musste einfach aus mir raus. Ich war an einem Punkt, wo ich eigentlich gar nicht mehr Musik machen wollte. Dass sich danach überhaupt jemand dafür interessiert hat, war völlig unerwartet. Die Alternative Charts waren für uns damals komplett neu, und ich fand es einfach cool. Aber für mich war eher der Prozess, wie wir die Videos gedreht haben, wie die Produktion war und mit wem ich zusammengearbeitet habe, entscheidend. Das hat den Maßstab gesetzt, nicht der Chart-Erfolg.
Geheimnis gelüftet. Ganz ohne Drama. Dann wird es jetzt persönlich. Es gibt Songs, in denen man sich wiederfindet, sei es in Melodie oder Text, optimalerweise in beiden. Mir geht es bei eurem Song „Maschine“ so. Ich stehe zwar nicht oft im Stau, fahre aber Bahn, was, seien wir ehrlich, die Endgegner-Version davon ist. Und das Lied hat mich so gepackt, dass sogar meine Freunde und Familie es kennen, weil ich es regelmäßig in unsere WhatsApp-Gruppen geschmissen hab, wenn jemand gefragt hat, wie’s mir so geht.
Deshalb meine Frage: Woher kommen solche Ideen? War das etwas, das ihr selbst erlebt habt, oder eine Beobachtung von außen? Man stellt sich das Musikerleben ja gern glamourös vor. Ich weiß, so glamourös ist es nicht. Aber so routiniert hoffentlich auch nicht.
Florian Mäteling: Mein Musikerleben ist definitiv nicht so glamourös, wie viele denken. Ich kenne auch ein normales Arbeitsleben außerhalb der Musik, Routine und Trott. Ich möchte das Bild vom Hamsterrad gar nicht erwähnen, aber das ist den meisten wahrscheinlich geläufig. Die Musikbranche hat ebenfalls Routinen, die nerven und manchmal aussaugen. Wenn man Dinge tun muss, die man nicht von Herzen tut, um den Lebensstandard zu halten, muss man da durch. Aber gerade als Textschreiber sehe ich meine Stärke darin, Themen authentisch zu greifen, auch wenn ich sie nicht tagtäglich erlebe. Bei „Maschine“ spüre ich jede Zeile, ich habe es so erlebt, auch wenn der Text kurz ist. Es geht um Alltag, Routine, wenig Abwechslung.
Aber so ein Hamsterrad muss nicht immer schlecht sein. Auch in Dingen, die man liebt, ist Routine drin. Ich mag meinen Job wirklich. Trotzdem konnte ich mich in einigen, vielleicht auch anderen Zeilen des Songs wiederfinden. Definitiv einer meiner Lieblingssongs. Ich maße mir an zu behaupten, viele Streams sind von mir.
Florian Mäteling: Finde ich total cool. „Maschine“ entstand zwischen einer EP und einem Album, post-Covid, mit einem anderen Produzenten. Das war eine Zeit, wo wir alle nicht wussten, was wir tun. Die Songs, die in der Zeit entstanden sind, haben wir nicht so intensiv promotet, aber gerade sowas zeigt, wie viele Leute sich damit dann doch verbinden können. Gerade bei „Maschine“ höre ich das öfters.
Jeder hört ihn vielleicht aus unterschiedlichen Gründen. Auch der Sound ist sehr eingängig, dunkel, düster, schwer, aber zwischendrin wild und markant.
Florian Mäteling: Ja, auch das Video war interessant: Ich nur halbnackt, Projektor, Visuals. Eigentlich total simpel, aber es hat funktioniert. Manchmal bleibt so etwas bei mir mehr hängen als der Song selbst.
Weißt du, was mich überrascht, dass du so viel lachst, man sieht dich sonst eher ernst.
Florian Mäteling: Ja, das stimmt. (und lacht wieder)
Das hast du bei „Maschine“ aber schon gesagt, dass du ein Optimist sein willst. Wie würdest du dich als Mensch beschreiben?
Florian Mäteling: Also ich bin grundsätzlich ein realistisch-optimistischer Mensch, würde ich sagen. Auch ein sehr großer Menschenfreund. Womit ich manchmal ein Problem habe und das hört man in unseren Songs auch immer wieder, ist die Menschheit an sich.
Aber du differenzierst zwischen einzelnen Menschen und der Gesamtheit der Menschheit?
Florian Mäteling: Genau. Einzelne Leute versuche ich sehr differenziert zu betrachten. Jeder hat ähnliche Probleme, kämpft sich durch den Alltag, trifft sich mit anderen, gibt Interviews. Aber als Gesamtheit sehe ich die Menschheit oft pessimistischer. Das ist auch ein Bild, das sich in unserer Musik widerspiegelt. Auf unserem neuen Album spreche ich auch düstere Themen an, aber es gibt auch ein paar optimistischere Songs, die nicht nur Zerrissenheit und Düsternis zeigen.
Wüstenland: Konzept, Klangwelten und Hoffnung
Ja, das habe ich beim Hören des Albums auch so empfunden. Kommen wir also zum Album. Als ich den Titel gehört habe „Wüstenland“ und auch das Coverbild gesehen habe, hatte ich ganz viele Bilder im Kopf und ich wusste auch, ihr seid die Band. Ich dachte zuerst an Sonne, Sand, endlose Weite … und – warum auch immer – Kamele. Keine Ahnung, was die da wollten, aber sie waren da. Dann dachte ich: Nee, Kamele und ihr, das passt irgendwie nicht. Also landete ich schnell bei düsteren Assoziationen: Tod und Vergänglichkeit. Ich schreibe als Redakteurin auch über Themen wie Krieg, Krisen und Politik, Putin, Ukraine, das volle Programm, da färbt das Denken wohl ab. Und dann hab ich in einem Interview gelesen, dass du bei Gothic Empire gesagt hast, „Wüstenland“ sei gar kein Ort, sondern ein Zustand. Das fand ich spannend. Kannst du mir diesen Zustand mal beschreiben?
Florian Mäteling: Ich würde nicht nochmal so kategorisch sagen, dass es gar kein Ort ist. Sowas ist immer ein Prozess, ein Konzept. „Wüstenland“ ist ja ein Konzeptalbum, da spinnt man zunächst sozusagen eine kleine Welt. Anders als bei unserem letzten Album „Liebe und Chaos“, wo die Songs zwischen diesen beiden Begriffen verortet waren, wollten wir bei „Wüstenland“ die Leute mehr auf eine Reise mitnehmen.
Das erklärt auch die KI-Stimme, die als Erzählerin agiert?
Florian Mäteling: Genau. Ich denke sehr visuell. Die Songs entstehen bei mir wie ein Film im Kopf, wie ein Musikvideo oder Science-Fiction-Film. Ich gestalte auch das Artwork selbst, daher kann ich das alles mit einbeziehen. „Wüstenland“ ist ein Ort in unseren Köpfen. Alles wirkt staubig, ausgehungert, fast tot, ein innerer Zustand, der sowohl die Kargheit als auch die Sehnsucht nach Leben ausdrückt.
Man kann also tatsächlich eine kleine Verbindung zur aktuellen Krisenstimmung ziehen, etwa Krieg und gesellschaftliche Unsicherheiten?
Florian Mäteling: Ja, aber es ist etwas, was mehr in unseren Köpfen ist. Es scheint zwar die Sonne, aber echte Lichtblicke fehlen oft. Und klar, da steckt auch ein Bezug zur aktuellen Zeit drin, zu Krieg, Krisen, dieser allgemeinen Schwere. Das prägt uns alle, in der Musikbranche genauso wie privat. Ich hab das Gefühl, wir sind kollektiv im Dauerkrisenmodus. Egal was passiert, alles wird sofort als Extremzustand wahrgenommen. „Wüstenland“ greift genau das auf, aber ich will, dass es offen bleibt. Jeder darf da seine eigene Bedeutung und sein eigenes Bild hineinlegen. Kunst macht mir keinen Spaß, wenn ich alles vollständig erkläre. Songs sollen interpretierbar bleiben, jeder kann sie auf seine Weise verstehen.
Das ist ein starkes Konzept. Auch ein starkes Album. Ich geb’s zu: Eigentlich bin ich kein Fan von Interludes. Meistens skippe ich die gnadenlos. Aber bei euch haben sie wirklich Sinn ergeben. Ihr habt ja insgesamt 21 Tracks drauf, davon 12 Songs, das ist schon eine Ansage. War das von Anfang an so geplant? Also dieses ganze Konzeptalbum-Ding, inklusive Interludes und dieser erzählenden KI-Stimme? Oder hat sich das eher so ergeben, während ihr im kreativen Tunnel wart?
Florian Mäteling: Ehrlich gesagt, das war kein Plan von Anfang an. Das hat sich Schritt für Schritt entwickelt, wie eigentlich alles bei diesem Album. Anfangs hatten wir die Single „System“ produziert, und da tauchte schon diese KI-Stimme auf, in den Backing Vocals, mit Zeilen wie „Alles wird gut“. Wir fanden es spannend, damit zu arbeiten, weil KI-Tools gerade stark diskutiert wurden und sich die Möglichkeiten für Musikproduktion stark verändert haben. Das war der Ausgangspunkt.
Und daraus entwickelte sich dann die Idee für das Albumkonzept?
Florian Mäteling: Aus diesem kleinen Experiment entstand dann ein Intro für die Live-Show und weitere Interludes. Dabei ging es gar nicht darum, ob es KI ist, sondern die Stimme passte einfach perfekt zur Maschine, die in unserem Album spricht. Die Interludes geben eine erzählerische Zusatzebene: sie leiten teilweise zu Songs hin, erzählen kleine Storys, die aber nie vollständig aufgelöst werden. Das bleibt mysteriös und offen.
Man merkt dem Album diese Komplexität an.
Florian Mäteling: Ja, das Album ist sperrig, komplex. Man muss sich drauf einlassen, ein Faible für Geschichten, Science-Fiction oder Fantasy haben, vielleicht auch für Hörbücher oder Bücher generell. Aber das macht es interessant und gibt dem Hörer Raum, eigene Interpretationen zu entwickeln.
Mir ist aufgefallen, dass das Album thematisch und klanglich düster beginnt, sich dann aber nach und nach öffnet. Es wird ruhiger, sanfter, zum Beispiel bei „Träumen“, das fast schon balladesk wirkt. Bedeutet das, dass im „Wüstenland“ doch noch Hoffnung besteht?
Florian Mäteling: Ja, auf jeden Fall. Das ist aber nicht nur aufs Album bezogen. Egal wie aussichtslos es wirkt, es gibt immer Hoffnung. Auch wenn es schwierig ist, alles zu einem positiven Ende zu bringen, ist diese Hoffnung in den Songs spürbar. Wir alle sehnen uns doch nach einem Schluck frischem Wasser, nach etwas, das uns wieder Leben einhaucht in dieser vertrockneten, verstaubten Welt.
Wie seid ihr beim Arrangement der Tracks vorgegangen?
Florian Mäteling: Andi und ich haben viel experimentiert, wie wir die Tracks anordnen. Es war ein Prozess, und am Ende hat sich nicht ausschließlich seine Vision durchgesetzt, aber seine Perspektive auf das Album hat definitiv einen starken Einfluss gehabt. Wir gehen sehr hart und stark los, nach vorne, um den Einstieg richtig kraftvoll zu machen. Danach weichen wir das Ganze langsam auf, werden ruhiger, fügen mehr Erzählstruktur hinzu und integrieren neuere Songs. Man kann sagen, das Album startet so, wie man es von uns gewohnt ist, und entwickelt sich dann weiter, auch musikalisch wird es experimenteller. Zum Beispiel gibt es Passagen, in denen zwei Strophen komplett ohne Drums sind. Das gab es bisher so noch nicht. Live lässt sich das nicht eins zu eins umsetzen, aber für das Album war es wichtig, diesen Spannungsbogen zu schaffen.
Versus Goliath: Experiment, Sound und Atmosphäre
Ihr habt ja auch dieses Mal tatsächlich viel experimentiert, oder? Naturgeräusche, Klavier, verschiedene Effekte…
Florian Mäteling: Da könnte Andi sicher noch viel mehr dazu sagen. Er war fast ausschließlich für die Soundproduktion verantwortlich. Er hat da unglaublich viel Liebe zum Detail reingesteckt, besonders in die ganzen kleinen Soundeffekte. Ich finde, das ist total modern, durch Klangwelten Atmosphäre zu schaffen und sich damit abzuheben. Denn wie eine harte Band im Metalbereich klingt, wissen wir alle. Der Unterschied entsteht heute durch die Vocals, die Texte und eben die Sounds, die dazwischen passieren. Uns war wichtig, dass das Album, passend zum Konzept, sphärischer und atmosphärischer klingt als unsere bisherigen Songs. Das hört man zum Beispiel bei „Mann mit dem Feuer“ im C-Part, der schon fast cinematisch wirkt. Solche Momente hätten wir ehrlich gesagt noch viel häufiger einbauen können. Klar, man hält sich am Ende trotzdem an gewisse Spielregeln, aber wir wollten bewusst auch Grenzen sprengen. Es gibt diesmal sogar einen Song, der über fünf Minuten geht, ein echter Killer für Spotify, aber musikalisch war uns das einfach wichtig. Und Andi hatte da völlig recht, als er sagte: ‘Warum sollen wir ein Album machen, wenn wir nur zwölf Songs schreiben, die alle klingen, als wären sie für Spotify-Singles gedacht? Dann könnten wir gleich zwölf Singles veröffentlichen.’ Aber wir wollten experimentieren, verschiedene Seiten von uns zeigen und auch die Komfortzone verlassen.
Apropos Komfortzone: Dann hätte ich noch eine letzte Frage. Es geht um den Song „Stille“. Wie klingt die Melodie aus deiner Kindheit? Konntest du dich daran erinnern?
Florian Mäteling: Das fällt mir schwer. Es ist natürlich eher metaphorisch gemeint. Aber wenn ich von meinem kindlichen Ich spreche, dann meine ich damit dieses unverzerrte, reine Gefühl. Dieses unschuldig-glückliche Sein, das man als Kind noch hat. Und genau das finde ich heute nicht mehr. Es ist, als wäre es nur noch ein Fragment, eine Erinnerung, von der ich weiß, dass sie mal existiert hat, aber ich kann sie nicht mehr wirklich greifen. Trotzdem weiß ich, dass sie da ist. Und vielleicht genau deshalb gebe ich die Suche danach nicht auf.
Eine ehrliche Antwort. Manchmal reicht es aber vielleicht auch schon zu wissen, dass etwas irgendwo existiert.
Florian Mäteling: Ja, das ist so banal wie dieser alte Spruch: Wo Schatten ist, ist auch Licht. Ich weiß, den kann wirklich keiner mehr hören, aber er stimmt einfach. So abgedroschen das klingt, es ist wahr. Egal, wie tief man in der Dunkelheit steckt, irgendwo gibt es immer ein Licht, das überhaupt erst diesen Schatten wirft.
Ich danke dir herzlich für deine Zeit.
Mehr zur Band Versus Goliath findet ihr in den Socials.
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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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