Soundcheck Sessions mit Mia (Interview)
Metalkeller Podcast: Daniel “Otti” Ott über Metal, Spiele, Gäste & Einblicke hinter die Kulissen seines einzigartigen Metal-Formats.
Foto: Stefan Schreier
Interview: Mia Lada-Klein
Wenn Metal auf Wahnsinn trifft, entsteht der METALKELLER, der etwas andere deutsche Metal-Podcast. Hier wird nicht nur getalked, sondern gespielt, gelacht und manchmal auch ein bisschen nachgedacht. In abgefahrenen Quizspielen treten fünf Teams gegeneinander an, dabei sind Crematory, Cypecore, Dymytry Paradox, Hammer King und Vanden Plas, und die kämpfen um Punkte. Dazu kommen regelmäßig Gäste aus der Metal-Szene, die spannende Geschichten erzählen, Insiderwissen teilen oder einfach für Chaos und gute Laune sorgen. Am Ende der Season wartet die legendäre Trophäe “Die Goldene Pommesgabel” auf das Team mit den meisten Punkten.
Host, Erfinder, Gastgeber und Mastermind ist Daniel “Otti” Ott, besser bekannt als “Der Metal-Ott”. Er sorgt dafür, dass Metal, Wahnsinn und Humor in perfekter Mischung serviert werden.
Ich habe Otti zum Interview eingeladen, um einen Blick hinter die Kulissen des METALKELLERS zu werfen und mehr über den Mann hinter dem Podcast zu erfahren. Wie tickt er wirklich, was treibt ihn an, wie geht er mit Chaos und Krisen um? Wir sprechen über die Vorbereitung jeder Show, die No Gos, die Must Haves und alles, was sonst noch passiert, wenn Metal auf die Pommesgabel trifft.
Daniel “Otti” Ott: Vom Radio zum Metalkeller
Hallo Otti, ich freue mich sehr, dass wir heute die Möglichkeit haben, mal die andere Seite zu betrachten. Lass uns gleich mit deinem Podcast anfangen. Er ist ja kein gewöhnlicher Podcast. Wann kam dir die Idee, dass es genau das werden soll?
Otti: Es ist ziemlich genau vier Jahre her, im Dezember 2022. Ich lag damals auf der Couch und habe ein bisschen überlegt. Vorher habe ich 14 Jahre lang Morning Shows im Radio gemacht. Da hat man für nichts anderes wirklich Zeit. Nach all den Jahren war ich einfach ausgelaugt, das frühe Aufstehen um drei Uhr morgens, der ganze Rhythmus… Ich wollte plötzlich wieder mehr Lebensqualität und einfach mehr Zeit für mich haben.
Und wie kam dann die Idee zum Podcast?
Otti: Meine damalige Chefin hat mir vorgeschlagen, dass sie sich vorstellen könnte, dass ich einen Podcast mache. Ich hatte bis dahin überhaupt keine Ahnung davon, habe keinen einzigen Podcast gehört. Anfangs habe ich das einfach mal hinten im Kopf abgespeichert. Dann, an einem Abend, kam die Idee plötzlich wie ein Blitz: “Jetzt mach ich das!” Ich konnte kaum schlafen, bin nachts noch aufgestanden, habe alles notiert, geskriptet und meine Ideen aufgeschrieben.
Das klingt, als hättest du richtig Feuer gefangen.
Otti: Ich habe bis halb drei nachts am PC gesessen. Ich war so begeistert von der Idee, dass ich kaum abwarten konnte, wieder an die Arbeit zu gehen und alles umzusetzen. Meine Chefin war auch total begeistert, sie kannte so ein Format überhaupt nicht und fand die Idee super.
Sowas gab es ja bis dahin noch gar nicht auf dem Markt?
Otti: Ich dachte erst, dass so ein Konzept, also Heavy Metal Quizshow, Late Night Style mit Showband und Publikum, dass sowas sicher schon irgendwo existiert. Aber es gab tatsächlich nichts Vergleichbares. Das hat mich total überrascht und motiviert. Dann ging alles sehr schnell: Ich habe Spiele für die erste Staffel entwickelt und dann einfach alte Kontakte in der Szene reaktiviert.
Welche Leute hast du ins Boot geholt?
Otti: Ich habe Freunde aus meiner alten Musikzeit gefragt, fünf Leute waren sofort dabei. Zum Beispiel Andy Kuntz von Vanden Plas. Ich dachte erst, der ist eher zurückhaltend, aber er war Feuer und Flamme. Titan Fox, Sänger von Hammer King, auch sofort dabei, und Wolfgang Sing, damals Gitarrist von Desperadoz. Ich wollte eine Band zusammenstellen, die verschiedene Metal-Genres abbildet: Power Metal, Western Metal, härtere Schienen, Gothic und auch modernere Sachen.
Gab es auch Leute, mit denen du vorher gar keinen Kontakt hattest?
Otti: Ja, zum Beispiel Cybecore. Ich hatte die vorher gar nicht gekannt, nur zufällig entdeckt. Ich habe sie angeschrieben, nichts erwartet und zwei Stunden später hatten wir schon telefoniert und sie waren sofort begeistert. Innerhalb weniger Tage stand das Team für die erste Staffel.
Gab es noch andere, die du gern dabei gehabt hättest?
Otti: Ja, ich habe kurz bei Alea von Saltatio Mortis angefragt und er hätte gern mitgemacht, aber zeitlich hat es nicht gepasst. Auch Jennifer Haben von Beyond the Black, aber das hat leider auch nicht geklappt.
Und wie läuft es jetzt, fast vier Jahre später?
Otti: Bis auf Desperadoz sind alle noch dabei und wir feiern 2026 unser fünfjähriges Jubiläum. Es ist unglaublich, wie schnell alles angefangen hat und wie gut sich das Team zusammengefunden hat.
Late Night Show und Metal, das klingt erstmal nach zwei Welten, die eigentlich kaum zusammenpassen. Aber es geht ja nicht nur um die Musik, sondern auch um Humor. Du wolltest also bewusst etwas anderes machen als den klassischen Podcast?
Otti: Genau. Ich habe mir angeschaut, was andere machen und mir war klar, dass der klassische Labercast, also zwei Leute philosophieren über ein Thema, das war nicht so meins. Und das ist keine Kritik. Andere machen das einfach viel besser als ich. Warum sollte ich also das gleiche Format übernehmen? Stattdessen wollte ich eine Entertainment-Komponente einbringen. Durch Spiele oder Quiz-Formate versuche ich, den Gästen Geschichten zu entlocken, die sie sonst vielleicht nie erzählen würden.
Kannst du ein Beispiel geben, wo das besonders gut funktioniert hat?
Otti: Vor wenigen Tagen hatte ich mit Andy Kuntz von Vanden Plas einen absoluten Goldmoment. Er hat im Metalkeller eine Geschichte erzählt, die vorher niemand kannte, nicht einmal seine Mutter oder Bandkollegen. (lacht) Das war unglaublich, diese Vertrautheit und der Moment, dass er das Publikum so einbindet. Für mich persönlich ein ganz besonderer Moment, weil man merkt, dass die Gäste sich wohlfühlen.
Du arbeitest also mit Freunden zusammen. Ist das nicht manchmal schwierig?
Otti: Mit Freunden zu arbeiten hat Vor- und Nachteile. Beim Metalkeller mache ich jedoch grundsätzlich alles allein. Inzwischen habe ich eine kleine Redaktion, die mich bei Ideen, Spielen und Themen unterstützt, aber das Kernprojekt bereite ich selbst vor. Die Show wird immer individuell auf die Gäste zugeschnitten. Auch wenn Freunde teilnehmen, läuft alles professionell ab. Sie treten an, es gibt eine Trophäe zu gewinnen, die “Goldene Pommesgabel”, und alle werden gleich behandelt. Jede Ausgabe bereite ich gezielt für den jeweiligen Gast vor. Wir planen die Inhalte so, dass sie im Idealfall auch einen positiven Effekt für Tourneen oder Plattenverkäufe haben. Dabei versuche ich, allen gerecht zu werden, auch wenn die Zeit manchmal knapp ist. Ich bin sehr dankbar für das Engagement der Beteiligten und möchte das zurückgeben. Es freut mich, wenn alle mit Herzblut dabei sind, und ich bemühe mich, dieses Engagement entsprechend zu würdigen.
Daniel “Otti” Ott: So tickt der Metal-Ott
Otti, lass uns mal ein bisschen mehr über dich persönlich sprechen. Wie sieht eigentlich ein typischer Tag bei dir aus? Ist das so ein Job wie andere Jobs, oder sitzt du den ganzen Tag entspannt herum, bis dir nachts die Ideen kommen und du bis drei Uhr morgens am Laptop sitzt?
Otti: Nein, so ist es überhaupt nicht. Ich bin ein ganz normaler Familienpapa mit einem normalen Job, auch wenn er nicht alltäglich ist. Morgens stehe ich auf, frühstücke, meine Familie ist schon früher aus dem Haus, weil ich später anfange. Gegen kurz nach acht steige ich in den Zug, bin gegen neun im Radiosender, bereite meine Sendung vor, habe dann von 14 bis 18 Uhr meine Nachmittagsshow und fahre anschließend zurück. Um 19 Uhr bin ich dann zu Hause.
Also ein straff getakteter Tag. Aber wie passt da der Metalkeller rein?
Otti: Ich nutze die Zeit im Zug konsequent für den Metalkeller. Laptop immer dabei, keine Fahrt vergeht, ohne dass ich daran arbeite. Ich bereite Shows vor, recherchiere für Gäste, konzipiere neue Spiele, telefoniere mit meiner Redaktion, schneide Shows und organisiere Termine. Zusätzlich habe ich regelmäßig meine eigenen Shows, die ich am liebsten live vor Ort auf Festivals oder Konzerten mache.
Das klingt nach einem hohen organisatorischen Aufwand. Wie erleben die Bands das, wenn sie bei dir zu Gast sind? Für viele ist es ja ein ganz neues Format.
Otti: Bisher haben wirklich ausnahmslos alle Bands gesagt, dass es ihnen extrem gut gefallen hat. Gerade vor den Shows haben die Bands ja oft eine gewisse Wartezeit, die sie sich dann vertreiben können. Mein liebster Moment ist es auch, wenn ich die Shows vor Ort durchführen kann, also live mit den Bands. Zweitliebster Moment ist, wenn wir uns mit meinen Teams zusammensetzen, zwei oder mehr vor Ort sind und die dritte Variante ist die Fernschaltung.
Du sitzt also quasi nie still, immer aktiv zwischen Radio und Metal. Und im Zug. Ich bin ja auch viel unterwegs und versuche tatsächlich ebenfalls, die Zeit im Zug zum Arbeiten zu nutzen. Was einem durch die ständigen Verspätungen ja immerhin ausreichend Gelegenheit dazu gibt.
Otti: (lacht) Genau, manchmal sitze ich so vertieft im Zug, dass ich die Zeit gar nicht merke. Verspätungen von Zügen bringen dann noch zusätzliche Minuten, die ich direkt auch nutze.
Das kann ich sehr gut nachempfinden. Ich transkribiere oft Interviews im Zug. Das ist so mein Ding. Aber ich würde dir jetzt mal eine etwas direktere Frage stellen: Wie viele Leute schleimen sich denn bei dir ein, die vorher gar nicht an das Projekt geglaubt haben?
Otti: Niemand. Ich habe nur einen kleinen, ausgewählten Kreis angesprochen, und die haben sofort zugesagt, also bis auf zwei oder drei, die zeitlich verhindert waren. Das war nie ein Problem. Sie haben nicht gezweifelt, sondern konnten einfach nicht teilnehmen.
Und trotzdem bekommst du sicher auch immer wieder Anfragen von Bands?
Otti: Ja, in den letzten drei Tagen kamen ein paar neue Mails. Vor allem von kleineren Bands, die ich gerne fördern würde, aber die Zeit fehlt mir schlichtweg. Und dann fällt mir auch auf, dass viele Bands sich nicht einmal mit dem Medium beschäftigen, bevor sie mich anschreiben. Sie wissen nicht, was der Metalkeller eigentlich ist. Früher habe ich noch zurückgeschrieben und Hinweise gegeben, inzwischen mache ich das nicht mehr, auch einfach aus Zeitgründen.
Also wenn jemand sich nicht vorbereitet, hast du keine Lust mehr zu antworten?
Otti: Genau. Ich möchte mir die Zeit für Leute nehmen, die sich mit dem Projekt beschäftigen. Grundprinzipien eines Kontaktaufbaus sollten schon stimmen. Wenn das nicht klappt, frage ich mich auch schon, wie ernst sie dann ihre Musik nehmen.
Ganz ehrlich, Otti, da sitzen wir wohl im selben Boot. Ich kenne das nur zu gut: Man schreibt mich an und will ein Review, ein Interview oder sonst irgendetwas, nur weil man irgendwo etwas von mir gesehen hat, ohne überhaupt zu wissen, wer ich bin oder was ich genau mache. Ich glaube, viele Bands sind nicht unbedingt die hellsten Kerzen auf der Torte. Talent, Kreativität und Fähigkeiten sind nicht dasselbe wie Intelligenz. Viele melden sich für Podcasts oder Shows, ohne sich auch nur das Konzept anzusehen. Sie denken, alles cool, ich bin dabei. Ohne zu hinterfragen, worum es eigentlich geht.
Otti: Genau. Und das ist etwas, was ich bei vielen Künstlern beobachte: Sie stecken in ihrem eigenen Künstlerdasein fest. Sie sehen den mittlerweile extrem wichtigen Aspekt von Marketing überhaupt nicht. Es reicht nicht, nur ein guter Musiker zu sein. Man muss sichtbar sein, sich positionieren und bewusst auftreten. Sonst wird es schwierig.
Du meinst, allein gute Musik reicht heute nicht mehr aus?
Otti: Auftreten, Sichtbarkeit und das Einhalten grundlegender Marketingprinzipien sind entscheidende Faktoren. Viele Künstler posten hier und da etwas auf Instagram oder Facebook, verstehen aber nicht, dass das längst ein essenzieller Teil ihres Erfolgs ist. Das gehört genauso dazu wie das Einmaleins eines respektvollen Miteinanders. Ich habe auch mit meinem Kollegen Christian aus Frankfurt, der meine Showband betreut und Bands coacht, schon Sonderfolgen zu diesem Thema gemacht. Gerade im modernen Metal und Metalcore ist Sichtbarkeit essenziell. Bands wie Saltatio Mortis oder Hämatom zeigen, wie es funktioniert: Sie sind sichtbar, haben ein klares Standing und können Erfolge wie Headliner auf Wacken feiern.
Viele Nachwuchsbands haben dagegen kaum Wiedererkennungswert. Man merkt das besonders bei jüngeren Bands. Sie sind austauschbar, ohne Haltung, ohne wirkliches Thema. Es geht oft nur darum, Trends mitzumachen, ohne eigene Tiefe. Ein Song über Depression, dann der nächste über irgendwas anderes, alles aber eher oberflächlich.
Otti: Vieles ist sehr generisch geworden. Es gibt tolle Musikerinnen und Musiker, aber vieles folgt inzwischen auch oft standardisierten Strukturen. Nach zwei Hochs kommt der Breakdown, dann ein Refrain mit Effekten, dann geht es weiter und das kann mittlerweile sogar KI so generieren.
Du sprichst die KI direkt an, wo siehst du da die Herausforderungen für Bands?
Otti: KI ist mittlerweile unglaublich gut darin, Riffs, Hooks und Songs zu schreiben, die ins Ohr gehen. Das Problem: Viele Nachwuchsbands klingen dadurch austauschbar. Die große Chance liegt darin, etwas Einzigartiges zu schaffen, was die KI nicht kann, sei es ein überraschender Gesang, ein eigener Stil oder intelligente, pfiffige Texte.
Kannst du ein positives Beispiel nennen?
Otti: Ja, zum Beispiel Hammer King. Die mischen Deutsch und Englisch im Refrain, haben kleine stilistische Twists, die die KI so noch nicht hinbekommen würde. Genau solche Elemente machen den USP der Band aus. Bands müssen erkennen: Ich muss besser sein als die KI, sonst verschwinde ich im generischen Strom.
Also Kreativität und Persönlichkeit werden noch entscheidender?
Otti: Absolut. Es geht darum, sich abzuheben, etwas Einzigartiges zu liefern und zu überraschen. Wer das schafft, wird im Gedächtnis bleiben, das ist heute wichtiger denn je.
Vor allem, ich glaube, viele unterschätzen es ein bisschen, gerade wenn man an etwas wie Bohemian Rhapsody denkt. Damals hat man den Queen-Mitgliedern ja auch gesagt, das wird nichts, das könnt ihr so nicht rausbringen.
Otti: Genau. Und sie haben einfach etwas anders gemacht. Auch die Texte waren anders, haben eine Geschichte erzählt, die über den Mainstream hinausging.
Daniel “Otti” Ott persönlich: Alltag, Familie und Reflexion
Otti, kommen wir mal zu etwas Persönlicherem. Du hast ja schon erwähnt, dass du Papa und Ehemann bist. Machst du dir in Zeiten wie diesen Gedanken, dass alles, was wir hier machen, ganz schnell vorbei sein könnte?
Otti: Ja. Eigentlich fast täglich, weil ich durch meinen Beruf ständig mit diesen Situationen konfrontiert werde. Ich muss up to date sein, sonst geht es nicht. Das macht etwas mit einem, das kann ich nicht verleugnen. Es macht einen sehr bewusst, aber auch sehr betroffen. Ich hatte emotional ein schweres Jahr, und diese unbewussten Ängste spielen da stark mit. Du denkst an Kinder, an Familien, an die eigene Situation und die Spirale dreht sich automatisch. Es passiert unbewusst, aber es ist da.
Du beschreibst es fast als diese unterschwellige Angst, die nicht greifbar ist. Dieses Gefühl kenne ich auch sehr gut.
Otti: Genau. Man weiß nie, wo das “Monster” sitzt, es kann überall sein, auf der einen Seite, auf der anderen, in Nordkorea, China … Das macht die ganze Sache noch intensiver. Ich bin in meiner Wahrnehmung nie komplett sicher.
Wie kommt man damit klar? Und gibt es solche Themen auch im Metalkeller?
Otti: Ich versuche mir klarzumachen, dass ich nichts tun kann. Ich kann meine Meinung äußern, sagen, dass alles schlimm ist, aber letztlich kann ich nur das tun, was in meinem Einflussbereich liegt. Im Metalkeller gehen wir selten ins Politische rein, aber manchmal, wie in einer Finalfolge mit Al Paradox, war das Thema unvermeidlich. Dann versuchen wir eben, auf Augenhöhe zu sprechen, Vernunft zu zeigen und einen Schritt zurückzugehen.
Und trotzdem leben wir in sehr “heißen” Zeiten. Nicht nur Krisen belasten, teilweise sieht man auch in den sozialen Medien viel Hass unter den Menschen.
Otti: Absolut. Die Menschen sind oft egoistisch, Ellenbogen raus, Hauptsache ich. Politikverdrossenheit ist nachvollziehbar. Aber man kann nicht mit einem Haufen Scheiße versuchen, einen anderen Haufen Scheiße wegzuwischen, das vergrößert nur das Problem.
Das ist ein Zitat, das ich mir direkt notiere.
Otti: (lacht) Gerne. Ein schöneres Bild fällt mir gerade nicht ein. Es ist natürlich ein unfassbar emotionales Thema. Jeder denkt sich “Das stinkt mir alles.” Ja, klar, aber tretet einen Schritt zurück und denkt nach, was kann man wirklich tun, um es nicht noch schlimmer zu machen? Das fällt uns allen schwer, auch mir. Am liebsten würde ich direkt handeln, aber oft ist das gar nicht vernünftig. Also versuche ich, den Pfad der Vernunft wiederzufinden, einen Schritt zurückzutreten und nachzudenken. So finde ich für mich den Weg des kleinsten Übels.
Guter Reminder, auch wenn es sehr schwer ist, mal einen Schritt zurückzutreten. Dennoch sollte man sich nicht immer nur auf das Negative konzentrieren. Da geb ich dir recht.
Otti: Nein, das ist überhaupt nicht leicht. Ich bin aber grundsätzlich ein positiver Mensch. Ich stehe morgens mit einem Lächeln auf, sehe das Glas eher halb voll als halb leer und versuche, das Positive in den Menschen zu sehen. Freundlich sein lohnt sich einfach, weil am Ende oft Positives zurückkommt.
Auch wenn man manchmal ausgenutzt wird?
Otti: Manchmal wird man verarscht oder enttäuscht. Das passiert, das gehört zum Leben dazu. Klar könnte man dann sagen: “Nie wieder so freundlich sein.” Aber ich versuche, das nicht zu verallgemeinern. Wenn ich negative Erfahrungen gemacht habe, heißt das nicht, dass ich allen anderen misstraue. Ein Beispiel: Heute wieder bei eBay Kleinanzeigen, jemand war super nett, und ich konnte der Person helfen. Das sind Momente, die man genießen sollte.
Du sprichst viel über Reflektion und Achtsamkeit. Wie siehst du das in Bezug auf die heutige Medienwelt, besonders Social Media? Unsere Eltern hatten nur Zeitung oder die Tagesschau, da war alles sehr überschaubar. Heute bekommst du alles sofort aufs Handy: Explosionen, Krisen, Kriege. Wir sind so nah dran, dass es fast erdrückend ist. Ich erinnere mich an Gespräche mit Joshi von ZSK. Er hat gesagt, Gespräche sind heute kaum noch möglich. Kommentarspalten schlagen um sich, Menschen reagieren über, sind sofort verletzt. Ich sehe auch viel Dummheit, Leute, die sich einmischen, obwohl sie keine Ahnung haben. Man driftet schnell in Extreme, links oder rechts, Schwarz oder Weiß. Mittleres Denken, Nuancen, Vielfalt, das wird kaum noch wahrgenommen. Ich denke da manchmal an den Film Idiocracy. Denkst du, wir driften in diese Richtung?
Otti: Wir sind schon mittendrin. (lacht) Man schaut nach Westen über den großen Teich und sieht, was passiert. Trump und Musk zum Beispiel, manche Szenen wirken wie direkt aus Idiocracy kopiert. Ich schmunzle darüber, das ist der geringste positive Effekt.
Ich schreibe ja auch nicht nur über Musik, sondern auch über Politik. Für mich ist Trump mittlerweile tatsächlich auch eher Entertainment.
Otti: Ja. Er baut Nebel auf, lenkt ab, sorgt dafür, dass sich alle über Skurriles unterhalten, während echte Probleme unbeachtet bleiben. Als Medienmensch ist das ambivalent. Ich kann mich darüber ärgern, oder ich nehme den Unterhaltungswert mit. Ich versuche, das Positive mitzunehmen, ein kleiner Lacher, ein Moment Erheiterung, auch wenn alles andere schrecklich ist.
Und wie gehst du persönlich mit diesem Extremdenken auf Social Media um?
Otti: Ich versuche, Distanz zu halten. Ich frage mich: “Ist es vernünftig, jetzt sofort zu urteilen?” Oft nicht. Ich habe das auch erlebt: Alte Bekannte posten etwas, was mich ärgert. Anstatt zu blockieren oder die Beziehung zu beenden, habe ich kürzlich einfach ein Gespräch geführt, über Dinge, die uns beide interessieren. Kein Drama, keine Diskussion über Meinungen. Wir hatten einen schönen Abend, haben uns gut unterhalten, sind beide mit einem positiven Gefühl nach Hause.
Das klingt nach einer bewussten Entscheidung, das Positive zu wählen, selbst in schwierigen Zeiten.
Otti: Reflektion, Vernunft und die Entscheidung, freundlich zu bleiben, machen oft den Unterschied. Nicht immer einfach, aber es lohnt sich.
Daniel “Otti” Ott über Bands, Metalkeller-Highlights und persönliche Musikentdeckungen
Kommen wir noch einmal zurück zum Metalkeller. Wir haben bereits darüber gesprochen, dass dich Bands anschreiben, wenn auch nicht immer in angemessener Form. Wie sähe es denn aus, wenn eine Anfrage wirklich durchdacht und professionell formuliert wäre? Besteht dann die Chance, dass du sagst: “Klar, ihr seid dabei”? Oder wählst du deine Gäste grundsätzlich selbst aus?
Otti: Schwierig. In den letzten vier Jahren lief mein Konzept so, dass die Bands fast ausschließlich auf Einladung meiner Teambands kamen. Ich arbeite mit fünf festen Teams: Crematory, Cypecore, Dymytry Paradox, Hammer King und Vanden Plas. Die haben dann oft gesagt: “Hey, wir wollen Band X als Spielpartner dabei haben.” Wir organisieren das dann. Das hat super funktioniert.
Und jetzt ist es schwieriger geworden?
Otti: Ja, dieses Jahr ist alles anders. Damals war Corona gerade am Ausklingen, als wir damit angefangen haben. Alle Bands hatten Zeit. Jetzt sind die Bands wieder unterwegs, kaum greifbar. Deshalb werde ich für nächstes Jahr das Konzept ändern: mehr auf Zuruf arbeiten, enger mit Labels zusammenarbeiten, die sagen: “Hey, in zwei Wochen kommt XY mit neuem Album, hast du einen Slot?” Ich muss das tun, sonst würde es mich als Hobby kaputtmachen.
Es ist dein Hobby, aber es hat dich an Grenzen gebracht? Das musst du näher erläutern.
Otti: Ich hatte dieses Jahr mehrmals den Punkt, an dem ich dachte: “Ich schmeiße es hin.” Das wäre unfair gegenüber der Fangemeinde, aber ich muss auf mich achten. Metalkeller soll Spaß machen, also für mich und die anderen. Wenn ich nur hinterher renne und ständig Pleiten erlebe, raubt es mir die Energie.
Also ist das Bewerben von Bands eher eine Ausnahme?
Otti: Ja, schwer zugänglich. Labels oder meine Teamfreunde bringen mir Bands vorbei. Direktbewerbungen sind möglich, aber Chancen sehr gering. Ich kann nicht alles beantworten. Mein Tag hat nur 24 Stunden. Wenn jemand mir schreibt, antworte ich vielleicht später oder vergesse es. Ärgerlich, aber unvermeidlich.
Kommen wir mal zu etwas Positiverem: Musik pur! Was sind deine aktuellen Top-Acts und Highlights für Metalkeller 2025 gewesen?
Otti: Ach, da könnte ich ewig reden. Ganz vorne in meiner Playlist momentan: Persefone. Eine progressive Death-Metal-Band aus Andorra. Sie haben zu ihrem Jubiläum eine Best-of-Show mit einem Symphonieorchester gespielt. Ich war vollkommen baff. Die Musik ist anspruchsvoll, komplex, faszinierend.
Das klingt spannend, das könnte mir auch gefallen. Kannst du da etwas besonders empfehlen?
Otti: Ganz besonders die meditativen Stücke. Titel wie Katabasis, Metanoia, Merkabah, die instrumentalen Abschnitte, die vorher ein Gewitter aufbauen, dann absolute Ruhe. Du fragst dich: Wie schaffen die das? Texte verstehe ich oft nicht, aber die Musik trifft mich voll. Für mich ist das eine Herbstband, wo man sich Tage und Wochen reinvertiefen kann, die komplette Diskografie hören und immer wieder Neues entdecken.
Gibt es darüber hinaus noch Musik oder Bands, die dich aktuell begleiten?
Otti: Ja. Ich merke immer wieder, dass ich stark von Stimmungen und Jahreszeiten beeinflusst bin. Gerade jetzt liebe ich Bands wie Insomnium. Diese finnischen melodischen Death-Metal-Sachen mit viel Atmosphäre und Melodie holen mich im Herbst und Winter total ab. Auch das neue Album von Paradise Lost hat mich komplett gepackt. Das sind alte Gothic-Metal-Götter aus England und die schaffen es immer noch, mich emotional zu berühren.
Im Sommer klingt das bei dir vermutlich ganz anders?
Otti: Total. Im Sommer kommt bei mir die gute Laune zurück. Dann laufen Bands wie Motorjesus oder Mustache, also eher rock’n’rollige Sachen, die dieses Lebensgefühl transportieren. Bierchen auf, Sonne im Gesicht, alles ist ein bisschen leichter. Ich bin definitiv ein “Season-Hörer”. Meine Playlist verändert sich mit den Jahreszeiten.
Hast du durch den Metalkeller auch neue Musik für dich entdeckt oder ist dir das meiste, was dort passiert, ohnehin schon bekannt?
Otti: Ja, und das ist wirklich eines der schönsten Dinge an dem Projekt. Obwohl ich seit über 30 Jahren im Metal unterwegs bin, lerne ich ständig Neues kennen. Bands, bei denen ich früher gedacht habe “Ach nee, das ist nicht mein Ding”, sind heute feste Bestandteile meiner Playlist. Oft, weil ich sie eingeladen habe, mich intensiver mit ihnen beschäftigen musste und plötzlich hat sich da etwas geöffnet.
Hast du dafür ein konkretes Beispiel?
Otti: Zum Beispiel Lacrimas Profundere. Ich gebe es offen zu: Der Bandname hat mich früher total abgeschreckt. Ich dachte einfach, das ist nichts für mich. Aber Markus von Crematory hat darauf bestanden, dass wir Olly einladen. Also habe ich mich in die Diskografie reingehört und dachte nur: “Mein Gott, wie viele Hits sind da bitte drin?” Heute habe ich unzählige Songs von ihnen auf meiner Playlist. Ähnlich ging es dir auch mit April Art. Optisch hatte ich erst so meine Vorbehalte, aber dann habe ich reingehört und war schockverliebt. Das ist für mich eine klassische Sommerband. Und menschlich sind die einfach großartig. Als sie im Metalkeller waren, hat sofort alles gepasst. Wir haben uns später auf Festivals wiedergetroffen, Backstage umarmt, es war sofort vertraut. Das sind einfach feine Menschen und eine starke Band.
Gab es 2025 Gespräche, die dich besonders überrascht oder bewegt haben?
Otti: Definitiv. Soulbound war so ein Fall. Die bewegen sich stark im Themenfeld Depression und mentale Gesundheit und das nimmt man ihnen sofort ab. Ich habe sie spontan auf einem Festival angesprochen, ohne große Vorbereitung. Am Ende hatten wir ein dreiviertelstündiges Gespräch, das ich nicht schneiden musste, weil es einfach perfekt war. Humor, Leichtigkeit, Deep Talk, alles war da. Für mich eines der absoluten Highlights des Jahres. Aber auch Chris Boltendahl von Grave Digger, ein echtes Kindheitsidol. Jean Bormann von Rage, oder auch Feuerschwanz, Hämatom, die mich menschlich extrem positiv überrascht haben. Oder Udo Dirkschneider mit seinem Sohn Sven, ein sehr intensiver Vater-Sohn-Talk mit tiefen Momenten. Auch Steffi Stuber von Mission in Black war ein ganz, ganz tolles Gespräch. Und ich hab jetzt wahrscheinlich noch zig vergessen.
Das sind sehr schöne und vor allem wertschätzende Schlussworte. Vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke hinter die Kulissen des Metalkellers sowie in deine Person.
Mehr zu Daniel “Otti” Ott und zum Metalkeller findet ihr in den Socials.
Mehr Soundcheck Sessions mit Mia findet ihr auf der Website.
Zwischen Alarmruf und Aufklärung: ZSK im politischen Jetzt
Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

