Soundcheck Sessions mit Mia (Interview)
RockZoneTV: Mitch Rowa erzählt, wie aus Musiker-Leidenschaft ein Format für echte Musik-Momente auf YouTube und Twitch wurde.
Interview: Mia Lada-Klein
Foto: Pressebild Mitch Rowa
RockZoneTV ist ein Musikformat, aber eben ein anderes. Hier geht es um Musik, um Gespräche über Musik, um Musiker, die sich austauschen und Einblicke geben. Also von Musikern für Musikliebhaber. Dabei fing alles ganz anders an. Mastermind hinter RockZoneTV ist Mitch, selbst Musiker, der eigentlich nur eine Doku über seine eigene Band drehen wollte. Doch im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus eine ganz eigene Idee. Warum nicht auch anderen Musikern über die Schulter schauen? Warum nicht gemeinsam über Skills sprechen und vielleicht den Schlüssel zum Erfolg entdecken?
Ich habe Mitch zum Talk geladen, weil ich mehr über RockZoneTV erfahren wollte, über ihn und Alex, die gemeinsam das Format rocken. Dabei kamen natürlich allerlei Themen auf den Tisch. KI, Social Media und Bands, die Undankbarkeit auf ein völlig neues Niveau heben, und zwar nicht im positiven Sinne. Wir sprachen aber auch ehrlich über Selbstzweifel, Druck und Fehler, die im Leben nun mal passieren. Ein Blick hinter die Kulissen von RockZoneTV und auf den Mann, der diese Zone im TV wirklich rockt.
Mitch Rowa: Vom Musiker zum Kameramann
Mitch, lass uns ganz vorne anfangen. Erzähl doch erst einmal, wer du bist und was hinter deinem Projekt RockZoneTV steckt.
MITCH: RockZoneTV ist während der Corona-Zeit entstanden. Ursprünglich kam die Idee aus dem Wunsch heraus, eine Dokumentation zu machen. Ich habe damals selbst noch in einer Band gespielt und es hat mich schon sehr früh genervt, wie wenig viele Bands ihr Band-Dasein ernst nehmen. Dadurch kennt man auch das Klischee, dass Bands am Wochenende im Proberaum sitzen, sich betrinken und ein bisschen Krach machen. So war das bei uns überhaupt nicht. Wir waren von Anfang an sehr diszipliniert, obwohl wir noch jung waren. Freitags und samstags ging es von 18 bis 22 Uhr in den Proberaum, volle Konzentration, kein Bier, keine Ablenkung. Erst nach zwei Stunden gab es überhaupt eine Pause. Und wenn man danach noch fit war, ist man vielleicht noch in die Stammkneipe gegangen.
Dieses Bild vom “unernsten Musiker” scheint dich bis heute zu beschäftigen.
MITCH: Total. Mich hat das damals schon wahnsinnig gemacht, weil eine Band einfach unglaublich viel Arbeit ist. Da steckt Energie drin, Zeit, Organisation, Emotionen. Klar, nicht jedes Bandmitglied ist immer gleich engagiert, das habe ich später auch bei RockZoneTV gemerkt. Aber es gibt fast immer ein oder zwei Anker in einer Band. Leute, die die anderen mitziehen, pushen, zusammenhalten. Das habe ich selbst erlebt. Und genau das wollte ich zeigen. Ich wollte einen ehrlichen Einblick geben. 2018 habe ich angefangen, meine damalige Band zu filmen. Anfangs hat das Alex übernommen, der heute auch noch immer mit mir unterwegs ist. Ich konnte ja schlecht gleichzeitig Gitarre spielen und filmen. Also habe ich ihn gefragt, ob er das machen würde.
Irgendwann hast du dich dann aber bewusst von der Bandarbeit gelöst?
MITCH: Ich habe gemerkt, dass mich dieses Ungleichgewicht extrem stresst. Ich arbeite sieben Tage die Woche, und dann hast du in einer Band Leute, die viel mehr Zeit haben oder vielleicht gar keinen Job. Und trotzdem wartest du darauf, dass sie irgendwas liefern oder sich kümmern. Irgendwann habe ich gesagt: Leute, einen besseren Zeitpunkt gibt es nicht. Corona war da, alles stand sowieso still. Ich habe beschlossen, mit der Band aufzuhören und mich zu Hause hingesetzt. Ich habe mir beigebracht, wie man sich zu Hause ein kleines Studio aufbaut, habe angefangen, meine eigene Musik zu machen. Einfach, weil ich mich da auf mich selbst verlassen konnte. Ich musste nicht mehr warten, bis jemand aufwacht oder Zeit hat.
War das auch der Moment, in dem RockZoneTV konkreter wurde?
MITCH: Ja, auf jeden Fall. Ich habe mich gefragt, ob es vielleicht nicht nur diesen einen Weg gibt, den man mit der eigenen Band geht. Ob man nicht auch bei anderen Bands hinschauen kann. Ob es vielleicht Muster gibt, Dinge, die funktionieren. Ob es eine Art Erfolgsformel gibt, weiß ich bis heute nicht. Aber mich hat das interessiert. Ich habe schon immer gern mit Leuten über Musik gesprochen, besonders mit Menschen aus derselben Szene. Und ich hatte ja sowieso dieses Faible fürs Filmen, für Aufnahmen, für Videos. Also habe ich gesagt: Ich besorge mir eine Kamera und probiere das einfach aus.
Und dann bist du einfach losgezogen?
MITCH: Genau. Als die Festivalsaison losging, habe ich die erste Band gefragt, ob ich vorbeikommen darf. Einfach quatschen, über Musik reden. Ohne Vorkenntnisse, ohne journalistische Ausbildung, ohne Anspruch auf Professionalität. Ich bin absolut kein Profi. Das sind keine klassischen Interviews mit ausgefeilten Fragen. Es sind Gespräche über Musik.
RockZoneTV: Gespräche statt Interviews
Aber genau das ist vielleicht der Punkt. Professionalität ist immer wichtig, aber bei deinem Format zählt vor allem das Know-how. Es geht um Musik, also darum, Wissen zu vermitteln, weniger darum, dass die Fragen knifflig, tricky oder besonders tiefgründig sind. Das ist der Unterschied. Wenn ein Journalist oder Möchtegern-Journalist ein schlechtes Interview führt, ist das traurig und sowas lese ich leider oft. Bei dir geht es dagegen eher um Gespräche über ein Thema, da ist eigentlich schon genug Professionalität drin.
MITCH: Sehe ich genauso. Die spannendsten Sachen passieren sowieso oft nach dem eigentlichen Interview. Das sieht nur kaum jemand. Ich habe zum Beispiel mit dem Gitarristen von Butterwegge drei Stunden Gitarre gespielt. Wir haben das mitgefilmt, einfach nebenbei. Mir ging es an dem Tag extrem schlecht. Ich hatte kurz vorher noch zwanzig Minuten geschlafen, damit ich überhaupt durchkomme. Ich sehe das heute noch in dem Video, wie fertig ich war. Aber wir haben durchgezogen. Und genau diese Momente sind es. Dieses echte Zusammensitzen, das gemeinsame Spielen, das Reden ohne Plan. Oft läuft die Kamera einfach irgendwann, weil man längst mittendrin ist. Drei Stunden am Stück. Das sind die Gespräche, die hängen bleiben.
Aber das ist natürlich auch sehr nischig, was jedoch keine Kritik ist. Ich bin auch nischig. Heute ist alles nischig, wo niemand extrem um Aufmerksamkeit buhlt, sich nicht auszieht, um gesehen zu werden oder sich nicht komplett zum Affen macht. Alles, was gefühlt drei Zentimeter unter die Oberfläche geht, ist schon nischig.
MITCH: Ja. Wenn man über Gitarren redet, interessiert das natürlich erstmal nur Gitarristen. Aber nicht unbedingt Menschen, die sich für die Musik einer Band im größeren Kontext interessieren. Trotzdem passieren genau dort oft die ehrlichsten Dinge. Manchmal gibt es auch Themen, die Bands rausschneiden wollen. Dann sitzen wir da dreißig Minuten und reden genau darüber, warum das eigentlich wichtig wäre. Zum Beispiel bei jungen Punkbands. Dass Punk bedeutet, eine eigene Haltung zu haben. Texte für sich selbst zu schreiben. Nicht für Instagram, nicht für irgendeinen Promoter, der sagt, wie man sein soll. Solange eine Band klein ist, funktioniert das oft noch. Aber sobald der Druck größer wird, sieht das plötzlich ganz anders aus.
Na klar. Je erfolgreicher und renommierter eine Band ist, desto vorsichtiger muss sie heutzutage eigentlich sein, in dem, was sie sagen, wie sie es sagen, was sie zeigen und wie sie sich präsentieren. Klingt aber so, als wäre RockZoneTV weniger ein Format als ein kreativer Raum.
MITCH: Genau. Ein Raum für ehrliche Gespräche. Für Musik, für Haltung, für das, was zwischen den Zeilen passiert. Nicht perfekt, nicht geschniegelt, aber echt.
Das klingt gut. Was mir in Interviews nämlich öfters fehlt, ist eine klare Meinung. Viele Künstler wirken glatt, fast ausweichend. Das fällt mir als Redakteurin extrem auf. Geht es dir da ähnlich?
MITCH: Absolut. Ich kenne ja viele auch abseits der Kamera, backstage. Da sieht man manchmal Dinge, die schon eher spannend sind. Wenn die Kamera aber angeht, merkt man sofort einen Unterschied. Auch bei mir. Man muss sich anpassen, und wie gesagt, ich bin kein gelernter Journalist, also reagiere ich auf das, was kommt, und steuere es nicht.
Es ist ja auch eine Art Sicherheitsmodus, sowohl für die Bands als auch für dich. Manche Aussagen könnten der Band oder dir auf die Füße fallen. Ich erlebe das auch bei Interviews, da muss ich manchmal überlegen, ob ich etwas veröffentliche oder nicht. Bei den ganz großen Acts ist es mir egal, wenn sie Blödsinn reden, das ist nicht mein Bier. Aber bei kleineren Bands fühle ich mich verantwortlich, weil sie oft noch wenig Interview-Erfahrung haben und sich nicht bewusst sind, wie eine Aussage negativ ausgelegt werden oder welche Reichweite sie haben könnte.
MITCH: Ja. Bei mir ist es vielleicht auch so, dass mein Kanal noch klein genug ist, dass sich die Leute auch eher trauen, sich “auszukotzen”. Das klingt hart, aber ich meine das gar nicht negativ. Wir haben uns zum Beispiel im September mit Musikern gequatscht. Wir waren früher an der Location, haben zusammen Fußball geschaut, danach gab es noch ein Konzert. Und während des Fußballspiels haben wir mit einigen die ganze Zeit über Politik geredet. Das ist eine ganz andere Ebene. Vor der Kamera ist die Stimmung dann anders.
Ihr habt ja auch über eine Namensänderung eures Format nachgedacht. Steht das noch im Raum? Ich persönlich finde RockZoneTV nämlich eigentlich ganz nice.
MITCH: Ja, genau. Es gibt bei YouTube einen Kanal, der heißt ähnlich. Der ist aber uralt, da passiert nichts mehr. Auf Facebook ist der Name inzwischen von irgendeiner indischen Seite gekapert worden, da laufen nur noch komische Videos. (lacht) Ich wollte eigentlich Kontakt aufnehmen, aber die Betreiber sind komplett verschwunden. Und dann kam noch dazu, dass ich bei RockZoneTV einen Punkt im Namen hatte, was das Verlinken total schwierig gemacht hat. Alex hat immer gesagt: “Mach diesen Punkt da raus.”
Und dann kam der Gedanke: Nein, ein Punkt reicht nicht, wir drehen jetzt alles komplett auf den Kopf und nennen es komplett anders?
MITCH: Genau. (lacht) Ich habe überlegt, den Kanal in etwas wie “Musik ehrlich und laut” umzubenennen oder “Der Musikkanal”. Irgendwas, das klar zeigt, dass es etwas Eigenes ist. Wir hatten auch Ideen wie “Rock on TV” oder “Rock im Fernsehen”, aber gefühlt gibt es alles schon. Irgendwo auf der Welt existiert jeder Name bereits.
Das ist wie bei Instagram-Nicknames. Alles ist belegt.
MITCH: Eben. Du musst extrem kreativ werden oder Glück haben.
Ich hatte damals tatsächlich extremes Glück. Ich bin erst seit 2016 bei Instagram und konnte meinen Namen übernehmen, weil mein Blog damals schon so hieß. Ich wollte den Namen unbedingt behalten. Ich habe ihn dann auch nie geändert. Instagram ist für mich aber auch eher eine Spielwiese. Meine eigentliche Arbeit findet ja woanders statt. Meine Website ist mein Baby und die Redaktionen, für die ich arbeite, die ich aber namentlich nie öffentlich bei Instagram genannt habe und das bis heute. Instagram ist bewusst nicht der Ort, an dem ich meine gesamte berufliche Identität ausbreite.
MITCH: Das wusste ich zum Beispiel gar nicht.
Ich glaube einfach, die Menschen denken immer, sie kennen einen, aber sie tun es nicht. Und hier kommen wir zum Punkt, auch Bands schützen sich eben, indem sie nicht alles preisgeben. Aber mal eine andere Frage: Sichtbarkeit ist heute fast schon Grundvoraussetzung. Bist du denn mega aktiv, was Instagram etc. angeht oder auf welche Plattform konzentrierst du dich, wenn es um dein Format geht? Und natürlich stellt sich die Frage: Ist dir die Außendarstellung wichtig?
MITCH: Klar bin ich bei Social Media, bei Instagram, habe eine Website. Ich bin aber kein Profi. Ich versuche, die Sachen, die ich mache, mit Disziplin anzugehen. Wenn ich etwas mache, dann richtig. Und ich lerne viel. Vor allem aus Fehlern. Davon gab es einige. Interviews, bei denen die Mikrofone nicht an waren. Stummfilm also. Kameras, die kaputtgehen. Sänger, die bei Sturm fast von der Bühne geweht werden, weil irgendein Scheinwerfer ungünstig steht. Das gehört dann eben auch dazu. Das ist alles Teil des Weges.
RockZoneTV lernt laufen
Es gab also auch viele Pleiten, Pech und Pannen?
MITCH: Auf jeden Fall. Am Anfang waren wir zum Beispiel gar nicht sichtbar. Irgendwann habe ich dann immer öfter gehört: Du musst präsent sein, du musst Gesicht zeigen, gerade wenn du willst, dass das Format wächst. Und ich wollte das Ding natürlich größer machen. Also habe ich gesagt, gut, ich beiße jetzt in den sauren Apfel und setze mich öfter selbst vor die Kamera. Es gab nämlich auch viele Videos, da war ich überhaupt nicht zu sehen.
War das eine bewusste Entscheidung oder eher der Situation geschuldet?
MITCH: Der Situation geschuldet eher. Einmal lag es schlicht daran, dass ich keinen richtigen Sitzplatz hatte. Wir waren in einem Proberaum, die Band saß, ich stand. Das sah aus, als wäre ich der Lehrer. Aber irgendwann habe ich dann eben verstanden, dass es wichtig ist, dass man mich sieht. Dann kam der Moment, an dem sich etwas verändert hat. Beziehungsweise, es gab mehrere Knackpunkte. Einer war im Mai, als ich mich mit dem Projekt “Mucke sprengt soziale Grenzen” getroffen habe. Das ist ein Musikformat, bei dem Bands spielen und über Merch Spenden gesammelt werden. Ich fand das Konzept spannend. Wir haben gesagt, wir fahren hin, sprechen mit denen, filmen ein bisschen, machen einen Beitrag für YouTube. Und relativ schnell stellte sich heraus: Die haben auch richtig Bock auf uns. Auf dem Weg dorthin sehen wir einen Post von denen: “Gleich kommt RockZoneTV vorbei und führt mit uns ein Interview. Wir sind live.” Ich stand auf einem Rastplatz und dachte nur: Ach du Scheiße, was geht denn jetzt ab? Live-Interview. Wir schneiden sonst alles. Wenn da etwas schiefläuft, kannst du nichts mehr retten.
Das ist eine andere Form von Druck.
MITCH: Total. Und dann saß ich da live, es waren Leute dabei, die zugeschaut haben. Und überraschenderweise lief es gut. Das war der erste große Knackpunkt. Man musste erst warm werden. Sogar Alex, mein Kameramann, hat irgendwann das Mikrofon genommen und selbst etwas gesagt. Wir sind da gemeinsam reingewachsen. Am Abend wurden wir vom Betreiber des “Rock im Garten”- Festivals im Münsterland eingeladen. Er meinte: Kommt vorbei, macht einen Film über unser Festival. Ihr bekommt Tickets, Backstage-Pässe, ihr könnt mit den Bands sprechen. Das war dann nochmal eine ganz andere Dimension. So bekommt man aber mehr Sicherheit, lernt dazu, worauf es ankommt, was wichtig ist.
Aber damit steigt automatisch auch der Anspruch, oder? Wenn du plötzlich einen Backstage-Pass in der Hand hast, einen eigenen Platz, dir Raum gegeben wird, dann will man natürlich auch professionell abliefern.
MITCH: Genau. Ab da war klar: Jetzt müssen wir liefern. Und wenn wir es machen, dann zu hundert Prozent, mit Disziplin. Die Schüchternheit musste an dem Tag komplett ausgeschaltet werden. Wir mussten aktiv auf die Bands zugehen, sie herholen, Interviews führen. Am Anfang war das noch ungewohnt, aber dann lief es. Der Film kam dann glücklierweise auch gut an, aber dann kam der nächste Punkt: Wir hatten einen einstündigen Film. So wurde mir klar, dass wir eine Klammer brauchen.
Also Struktur?
MITCH: Genau. Wir haben dann gesagt: Wir setzen uns selbst vor die Kamera und machen Themenanker. Wir erklären, was passiert ist, was als Nächstes kommt. Dieser Drehtag und dieses Festival haben unglaublich viel verändert. Die Schüchternheit kommt heute höchstens noch fünf Minuten vorher. Früher war sie tagelang da.
Wie sieht es mit Feedback aus? Bekommt ihr regelmäßig welches? Ich frage, weil man gerade bei jungen Bands oft beobachtet, dass sie zwar überall dabei sein wollen, am Ende aber nur Reichweite für sich selbst suchen und sich einen feuchten Dreck für den Rest interessieren. Ich hatte das schon öfter bei meinen Soundcheck Sessions gehört: Die Leute haben richtig viel Arbeit reingesteckt und am Ende hat die Band nicht mal die Collab angenommen und sich danach nie wieder gemeldet.
MITCH: Ja. Man weiß oft nicht, ob man alles richtig gemacht hat. Manche Bands geben tatsächlich gar kein Feedback. Ich weiß nicht, ob sie sich dazu einfach nicht verpflichtet fühlen oder ob es sie einfach nicht interessiert. Das hat sich bei uns aber auch ein bisschen geändert mittlerweile. Entweder ist unsere Arbeit besser geworden oder irgendetwas hat sich verschoben oder wir suchen uns die Kooperationspartner einfach mittlerweile besser aus. Heute hören wir glücklicherweise öfter: Das ist richtig gut geworden.
Dein allererster Drehtag war aber nochmal eine ganz andere Nummer, wie du im Vorgespräch erzählt hast, oder?
MITCH: (lacht) Ja, das war zwei Tage nachdem ich die Kamera bekommen hatte. Ich hatte kein externes Mikrofon, nur das Kameramikro. Ich habe gesagt: Das ist der Startschuss. Wir ziehen das jetzt durch. Und dann kam natürlich alles auf einmal. Stau und vieles mehr. Als wir ankamen, stand die Band schon auf der Bühne. Wir mussten irgendwie rein, das war schwieriger als gedacht. Die Security meinte: Das könnt ihr ja jedem erzählen, dass das abgeklärt ist. Am Ende haben sie uns reingelassen, weil wir fünf Stunden gefahren waren. Sie haben zwar jemanden neben uns gestellt, der die ganze Zeit aufgepasst hat, dass wir uns keinen Zentimeter bewegen, aber wir haben es geschafft.
Kein entspannter Einstieg.
MITCH: Überhaupt nicht. Wir standen da zu zweit, mein bester Freund war dabei, aber der ist an der Kamera einfach ungeübt gewesen. Wir wussten nicht mal, wie das Stativ richtig aufgeht. Die Kamera war wackelig, der Ton schwierig, überall Musik von anderen Bühnen. Ich habe vier Wochen an diesem Video geschnitten. Es war am Ende viel zu lang, 30 Minuten.
Tatsächlich laufen lange Formate aber wieder. Bei meinen Interviews hatte ich anfangs auch Angst, dass das keiner liest. Aber es sind genau diese Texte, die am besten funktionieren. Wir leben in einer Welt voller KI, voller Perfektion, voller steriler Inhalte. Und die Menschen sehnen sich wieder nach Ecken, Kanten, nach Menschlichkeit.
MITCH: Ja, auch wenn YouTube inzwischen selbst stark auf KI setzt. Ich nutze KI auch, als Unterstützung. Wie ein Mitarbeiter. Wenn du alleine bist und dir alles selbst beibringen musst, fragst du natürlich auch mal nach: Wie funktioniert ein Interview? Wie löst man dieses Kameraproblem?
Aber der Kern bleibt menschlich.
MITCH: Genau. Ich habe vieles durch KI gelernt, aber sie ersetzt nicht das Gefühl, nicht das echte Gespräch. Und genau das ist es, was wir versuchen festzuhalten.
Maschine vs. Mensch – Kreativität lässt sich nicht kopieren
Es gibt inzwischen musikalische Inhalte, bei denen man kaum noch unterscheiden kann, ob sie echt sind oder von einer KI stammen. Ähnlich ist es bei Bildern, mit KI-Influencern, die aussehen wie reale Menschen. Wie blickst du auf diese Entwicklung?
MITCH: Das ist extrem gefährlich. Wirklich. Diese Grenze verschwimmt immer mehr und genau das macht mir Sorgen. Ich sehe das ja auch aus einer sehr persönlichen Perspektive. In unseren Live-Shows nutze ich zum Beispiel ein Lied von mir als Intro, das erste, das ich selbst geschrieben habe, 2007. Ich habe die Noten mal genommen, den Text, das Tempo und habe gesagt: Ich will jetzt mal wissen, was eine KI daraus macht. Einfach aus Neugier. Das Ergebnis habe ich dann tatsächlich als Intro für die Live-Shows genutzt. Das fand ich spannend und auch irgendwie cool.
Also kein Verteufeln, sondern ein Experiment?
MITCH: Genau. Aber man hört trotzdem noch, woher es kommt. Es steckt ja etwas Echtes dahinter. Das Original stammt von mir, von vor fast 20 Jahren. Und genau da liegt für mich der Unterschied. Ich mache seit ein paar Jahren auch Twitch und arbeite dort mit anderen zusammen. Und dann gibt es diese Momente, wo jemand sagt: “Ich habe euch ein Lied gemacht.” Und dann ist das ein reines KI-Lied. Und da kriege ich wirklich zu viel.
Was stört dich daran konkret?
MITCH: Du hörst einfach, dass da null Talent dahinter steckt. Null Gedanken. Die Texte reimen sich nicht, haben keinen Bezug zur Musik, keine Dramaturgie. Das wird einfach runtergesungen. Da passt vorne und hinten nichts zusammen. Mit sowas will ich nichts zu tun haben.
Für dich ist also nicht die KI das Problem, sondern der fehlende kreative Kern?
MITCH: Genau. Wenn eine Kombination entsteht, kann ich das eher nachvollziehen. Wenn jemand Können mitbringt, Talent oder zumindest Erfahrung, die er sich über Jahre aufgebaut hat, und die KI dann als Werkzeug nutzt, okay. Wenn du dann zum Beispiel nicht singen kannst, dann kannst du nicht singen. Punkt. Aber wenn du trotzdem eine musikalische Idee hast, kannst du KI vielleicht nutzen, um einen Schritt weiterzukommen. Als Hilfsmittel. Bitte aber nicht als Ersatz.
Da bin ich komplett bei dir. Ich will KI auch gar nicht verteufeln. Mir ist es sogar lieber, wenn Leute sie bewusst einsetzen, als dass sie absoluten Mist abliefern. Aber es gibt eben diese Fälle, wo Menschen etwas einfach nicht können und dann glauben, KI gleicht das vollständig aus. Und dann liest du Reviews, halb KI, halb Pressemitteilung, Copy-Paste, am Ende 9 von 10 Punkten. Da denke ich: Meine Fresse. Das ist eine Beleidigung für meinen Berufszweig. Ich frage mich dann auch, ob die Musiker echt so dämlich sind und das nicht sehen, was da passiert ist.
MITCH: Ich habe deinen Post dazu gesehen. Wirklich. Und ich dachte kurz: Oh Gott, meint sie mich?
Nein, überhaupt nicht. Um Gottes Willen. Dein Format ist ein völlig anderes.
MITCH: Ich habe trotzdem direkt bei mir geschaut, ob ich irgendwo etwas stehen habe, das da nicht hingehört. (lacht)
KI für Captions, für Struktur, für Hilfestellung, alles das ist okay. Aber es gibt Punkte, da sollte man Fachleute ranlassen. Spätestens bei Reviews, Kolumnen, bei Dingen, wo es um Meinung und echte Quellen geht, mit denen man arbeiten muss, wenn man einen Artikel oder eine Kolumne schreibt. Wenn ich als Band ein offensichtlich KI-generiertes Review bekommen würde, würde ich nie wieder mit diesem Medium arbeiten wollen. Weil klar ist: Da beschäftigt sich niemand ernsthaft mit meiner Kunst. Das, was du machst, würde ich gar nicht hinkriegen. Nicht mal mit Hilfe einer KI. Kameraführung, Kammerschnitt, Videos schneiden, das ist einfach nicht meine Welt. Deswegen sage ich ja, Schuster bleibe bei deinen Leisten. Jeder hat Talente, aber durch KI denken viele Leute, sie könnten alles.
MITCH: Genau. Und das ist vielleicht der wichtigste Punkt in dieser ganzen KI-Debatte. Am Ende zählt immer noch, ob jemand wirklich etwas zu sagen hat und etwas kann. KI kann helfen, aber sie ersetzt nicht oder sollte es eben nicht tun. Vor allem im kreativen Bereich.
Es ist aber schon auch sehr zeitaufwendig, was du machst. Vor allem machst du das ja momentan noch eher nebenbei, neben Job und Familie. Wie anstrengend ist das? Du hast ja auch nur 24 Stunden.
MITCH: Ja. Irgendwann ist dann auch eine Grenze erreicht. Gerade auch dann, wenn eben nicht alles reibungslos funktioniert. Vor allem auch bei Leuten, denen man gefühlt auch hinterherrennen muss. Das kostet eben auch Energie. Selbst meine Frau hat irgendwann gesagt: Frag die doch jetzt nicht ein viertes Mal. Das nervt dann und kostet eben zusätzlich Zeit. Ich wollte im Dezember etwas weniger machen, aber das war dann auch nur ein schöner Plan gewesen.
Du sprichst eine Art Desinteresse bzw. Undankbarkeit an. Wie vorhin mit den Collabs erwähnt. Ja, es ist immer wieder ein Thema. Diese Undankbarkeit kennt man leider. “Undank ist der Welten Lohn” ist nicht ohne Grund ein Sprichwort.
MITCH: Genau. Ich finde das einfach unschön. Zum Glück passiert das nicht ständig. Es gab auch positive Überraschungen. Aber es ist oft da, dass manche Menschen sich für extrem wichtig halten und auch kleine Creator gar nicht wahrnehmen, weil man zum Beispiel zu wenig Reichweite mitbringt. Butterwegge kann ich da aber als sehr positives Beispiel nennen. Das war vorletztes Jahr im September. Wir hatten damals, glaube ich, noch nicht mal 100 Abonnenten auf YouTube. Ich habe angefragt, es wurde sofort zugesagt. Ein paar Tage später haben wir uns getroffen. Das war für mich total surreal. Ich bin ja kein Profi. Aber es wurde alles ernst genommen. Wir saßen dann da, er hatte sogar noch die Bassistin dabei. Und ich sitze da und denke: Wie bin ich hier eigentlich gelandet? Ein paar Monate vorher hätte ich mir nie vorstellen können, mit solchen Leuten über Musik und Texte zu sprechen.
Das sind dann die positiven Erlebnisse, oder? Genau die, die einen weitermachen lassen.
MITCH: Total. Da merkt man: Man kann im Grunde alles erreichen. Manche Dinge hebt man sich aber auch bewusst auf.
Du wartest also bei bestimmten Anfragen bewusst noch ab?
MITCH: Ja. Es gibt Leute, die habe ich noch nicht angefragt, weil ich denke: Da warte ich lieber noch ein bisschen, bis das Projekt größer ist. Es wird wachsen, da bin ich mir sicher. Aber ich will nicht zu früh an ein Kaliber ran, bei dem ich mir direkt eine Absage abhole.
Gab es trotzdem schon solche Versuche?
MITCH: Ja, Feine Sahne Fischfilet habe ich mal angefragt, ziemlich genau vor einem Jahr. Die wollten im Mai ihr Album rausbringen und ich dachte: Frag doch einfach mal. Da habe ich aber selbst schon gedacht, dass das vielleicht noch eine Nummer zu groß ist.
Ich glaube, das hängt weniger an der Größe, als viele denken. Gerade große Acts verstehen das Prinzip oft besser als kleine Bands. Ich führe beruflich Interviews mit sehr großen Namen und die haben irgendwann verstanden, dass Qualität immer wichtiger ist. Wer sich zu schade für etwas ist, der hat Ruhm und Erfolg eigentlich auch gar nicht verdient und wird sich auf Dauer auch nicht halten können. Aber manche Möchtegerns lassen sich eben noch von Zahlen blenden. Ich habe darüber auch mal eine Kolumne geschrieben. 33 K Follower, 100 Likes. Wenn Bands das nicht hinterfragen, ist das ihr Pech. Aber die intelligenten Bands prüfen das.
MITCH: Das sehe ich genauso. Wir haben keine gekauften Follower. Bei uns ist zum Glück alles organisch. Aber ich sehe das auch bei Bands. Es gibt auch Bands, die gekaufte Follower haben und ich denke mir: Ich weiß gar nicht, warum. Ich höre dann ins Album rein und schaue bei YouTube und sehe: Keine Likes. Nicht mal von den eigenen Bandmitgliedern. Und in so einem Moment kommt dann die nächste Frage, ich frage mich dann: Wie kann das sein? Du musst deine eigene Kunst doch wenigstens so gut finden, dass du sie selbst pushst.
Das wäre eigentlich das Mindeste.
MITCH: Es ist frustrierend. Auch bei Instagram. Du musst heute präsent sein auf Social Media, regelmäßig, sichtbar. Sonst bringt das alles nichts. Aber Präsenz allein reicht ja nicht. Du musst die Leute binden. Viele Bands sind extrem aktiv auf Social Media, aber sie fesseln niemanden. Bei uns sind die Followerzahlen dieses Jahr zwar deutlich gestiegen, aber ich habe irgendwann ein Video gemacht und gesagt: Das ist eigentlich gar nicht der Content, den ich machen will. Der eigentliche Content ist auf YouTube. Auf Instagram kannst du wenigstens noch ein bisschen connecten. Nachrichten, Austausch, Bands kennenlernen. YouTube hat diese Funktion aber leider nicht. Wenn man dort vernünftig kommunizieren könnte, bräuchte ich Instagram kaum noch.
YouTube ist also dein Herzstück?
MITCH: Absolut. Ich muss aber natürlich auch sagen: Ohne meinen Job könnte ich das hier alles gar nicht machen. Was ich hier an Geld investiert habe, das darf man niemandem verraten. Aber dann sage ich: Ich brauche dieses Licht. Ich brauche das hier. Und so ist das eben.
Mitch, danke dir für den ehrlichen Einblick hinter die Kulissen. Du hast nichts beschönigt und bist komplett offen gebliebe. Vielen Dank für diese Transparenz. Diese Echtheit bedeutet mir wirklich sehr viel.
Mehr zu Mitch Rowa und RockZoneTV findet ihr in den Socials.
- YouTube: RockZoneTV
- Twitch: RockZoneTV_Live
- Instagram: @RockZoneTV
- TikTok: RockZoneTV
- Website: RockZoneTV
Mehr Soundcheck Sessions mit Mia findet ihr auf der Website.
LXNUS: Künstleridentität als Prozess jenseits formaler Zuschreibungen
Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

