Soundcheck Sessions mit Mia (Interview)
AVIAN sprechen im Interview über „Schwabenstahl“, Zwillingsklingen und ihre Identität sowie über Social Media, Streaming und die Herausforderungen moderner Bands.
Interview: Mia Lada-Klein
Bild: @cindyfototantewedding
AVIAN schmieden „Schwabenstahl“. Das ist eine ganz eigene Legierung aus der Seele des traditionellen Heavy Metal und der ungebremsten Wucht eines modernen Sounds, wie sie selbst sagen. Angeführt wird das Ganze von den melodischen Zwillingsklingen ihrer Twin-Guitars, die sich mal elegant umspielen und mal kraftvoll zuschlagen.
AVIAN, auch liebevoll „Die Schmiede“ genannt, sind Christian Langhorst an der Gitarre, Johannes Peter ebenfalls an der Gitarre, Christian Kaiser am Schlagzeug und Can Şahin an Gesang und Bass.
Im Gespräch mit Christian “Lange” Langhorst und Johannes “Hanni” Peter klären wir zunächst die vielleicht wichtigste aller Fragen: Was genau ist eigentlich dieser Schwabenstahl und wie klingen diese besagten Zwillingsklingen? Spoiler: ziemlich gut.
Natürlich bleibt es nicht dabei. Wir sprechen auch über die weniger glamourösen Seiten des Bandlebens. Social Media, KI und die ewige Jagd nach Reichweite. In einer Zeit, in der Sichtbarkeit fast schon zur Währung geworden ist, stellt sich unweigerlich die Frage: Fluch oder Segen? Christian und Johannes haben dazu eine ziemlich klare Haltung. Und auch wenn ihre Namen ein wenig nach Wikinger-Epos und großer Arena klingen, bleiben wir fest in der Gegenwart und arbeiten uns Schritt für Schritt durch die Realität einer modernen Band.
AVIAN: Zwischen „Schwabenstahl“ und eigener Identität
Was mich bei euch zunächst gefesselt hat: „Schwabenstahl – Zwillingsklingen“. Das klingt erstmal ein bisschen nach Sabaton, nach Wikinger, nach Arena. Vielleicht könnt ihr selbst erklären, wer ihr seid und warum das so klingt?
Christian: Ja, die Assoziation kommt tatsächlich öfter und die finden wir ehrlich gesagt auch ganz cool. Wenn wir über „Zwillingsklingen“ sprechen, dann ist das bei uns ein sehr zentrales musikalisches Element. Wir sind alle stark geprägt von klassischen Heavy-Metal-Bands wie Iron Maiden oder Judas Priest. Diese Twin-Guitar-Leads sind für uns kein Muss im Sinne von „das muss überall rein“, sondern eher etwas, das sich ganz organisch ergibt. Aus einem Riff entsteht oft automatisch die zweite Stimme, weil wir das einfach alle musikalisch spannend finden. Das ist so ein bisschen ein Kern unserer Identität geworden.
Also ist das mehr als nur ein Stilmittel, sondern fast ein Markenzeichen?
Christian: Genau. Es ist schon ein prägendes Element. Und dazu kommt, dass wir uns bewusst im traditionellen Heavy Metal verorten. Wir wollen nicht irgendwas Beliebiges sein, sondern schon diesen klassischen Sound aufgreifen und gleichzeitig etwas Eigenes daraus machen. Auch der Name „Schwabenstahl“ spielt da mit rein. Wir kommen aus dem Schwabenland, auch wenn nicht alle hier geboren sind, aber wir sind hier verwurzelt oder hergezogen. Das gehört für uns zur Identität dazu.
Der Name wirkt sehr bewusst gewählt. „Schwabenstahl“ klingt nach Region, nach Härte, nach Tradition. Wie ist der entstanden?
Johannes: Der Begriff hat tatsächlich eine ziemlich konkrete Entstehungsgeschichte. In einem Review von Powermetal wurde bei unseren frühen Veröffentlichung einmal von „neuem Schwabenstahl“ gesprochen. Das hat sich bei uns eingebrannt. Als wir dann in einer neuen Besetzung standen und uns ohnehin neu sortieren mussten, war das plötzlich ein sehr stimmiger Gedanke: Wir kommen aus dieser Region, wir sind stolz darauf und wir machen Heavy Metal. Stahl ist dabei einfach eine andere Beschreibung für Heavy Metal.
Das heißt, ein externer Text hat euch im Grunde ein Stück Identität geliefert?
Johannes: Ja, absolut. Solche Zuschreibungen darf man nicht unterschätzen. Gerade wenn man noch nicht riesig ist, liest man das sehr aufmerksam. Und wenn es gut formuliert ist, bleibt das hängen. Bei uns war das genau so ein Moment.
Spielt das Thema Regionalität auch visuell eine Rolle?
Christian: Ja, das zieht sich durch. Wir wollten etwas schaffen, das uns repräsentiert. Deshalb haben wir uns auch intensiv mit dem Logo beschäftigt. Selbst die Schriftart war ein Thema. Du willst ja nicht aussehen wie eine Band, bei der niemand den Namen lesen kann.
Das ist im Black Metal ja manchmal wirklich schwierig.
Christian: Genau, oder im extremen Death Metal Bereich. Da ist der Wiedererkennungswert dann schnell bei null. Wir wollten eher in eine Richtung gehen, die klar und wiedererkennbar ist, ähnlich wie Metallica, die im Prinzip ihre eigene visuelle Sprache entwickelt haben.
Und euer Logo selbst hat auch eine regionale Symbolik?
Christian: Ja, wir haben uns für ein Wappentier aus Baden-Württemberg entschieden. Zur Auswahl standen Hirsch und Greif. Für uns war relativ schnell klar: Der Greif ist einfach der spannendere. Und lustigerweise ist genau das auch ein schönes Symbol für uns als Band, weil wir aus unterschiedlichen Regionen kommen. Baden und Schwaben treffen hier aufeinander. Das ist bei uns nicht nur geografisch so, sondern auch musikalisch und menschlich.
Das klingt fast wie ein bewusstes Zusammenführen von Gegensätzen.
Johannes: Ja, das trifft es gut. Wir verschmelzen Dinge. Traditionellen Heavy Metal mit modernen Einflüssen, unterschiedliche regionale Hintergründe und auch verschiedene musikalische Erfahrungen. Und genau deshalb passt „Schwabenstahl“ für uns so gut. Es klingt hart, es klingt regional, aber es ist gleichzeitig offen genug, um all das zu tragen, was wir musikalisch machen.
Ihr habt gerade sehr spannend beschrieben, wie auch externe Texte geprägt haben. Das gefällt mir.
Johannes: Ja, absolut. Das war für uns tatsächlich etwas sehr Besonderes. Wenn Menschen sich so intensiv mit dir beschäftigen, kreativ werden und dich im besten Fall sogar besser beschreiben, als du dich selbst beschreiben würdest, dann ist das erst mal ein gutes Gefühl. In unserem Fall hat genau das dazu geführt, dass sich vieles entwickelt hat. Aus „Schwabenstahl“ wurde eine Art Leitidee, daraus wiederum die „Zwillingsklingen“ als Bild für unsere Gitarrenarbeit und schließlich auch diese Schmiedemetapher.
Also hat sich aus einem Begriff ein ganzes Konzept entwickelt?
Johanns: Genau. Das war kein Masterplan, sondern eher ein Prozess. „Schwabenstahl“ war der Ausgangspunkt. Daraus hat sich die Idee entwickelt, dass wir als Band so etwas wie eine Schmiede sind. Und diese Metapher hat für uns gut funktioniert, weil sie auch zu einer Phase passte, in der wir uns neu finden mussten. Wir hatten ja nach dem Album auch einen wichtigen Einschnitt in der Bandgeschichte.
Ihr sprecht den Weggang eures letzten Gründungsmitglieds an?
Johannes: Ja, genau. Das war schon ein einschneidender Moment. Unser Sänger Armin war als Frontmann natürlich ein sehr prägender Teil der Band. Wenn so eine Stimme wegbricht, die im Sound und im Auftreten so präsent ist, dann ist das erst einmal ein Rückschlag. Aber gleichzeitig war für uns klar, dass wir damit umgehen müssen. Und genau da hat uns dieses Bild der Schmiede geholfen. Also die Idee: Wir formen uns neu, wir gehen durch diesen Prozess bewusst durch und kommen als etwas Eigenes wieder heraus.
Das klingt nach einem sehr bewussten Umgang mit Veränderung.
Johannes: Ja, das war es auch. Wir wollten nicht einfach weitermachen wie bisher, sondern wirklich sagen: Okay, das ist jetzt die neue Konstellation, das ist die neue Realität. Und daraus entsteht etwas Eigenständiges.
Und wie ist das inhaltlich bei euch? Gibt es Themen, für die ihr steht, oder seid ihr eher frei im Songwriting? Mental Health oder Politik?
Johannes: Wir haben schon solche Themen, aber wir würden uns nicht als explizit politische Band bezeichnen. Das liegt weniger daran, dass wir keine Haltung hätten, sondern daran, dass wir sie nicht in den Vordergrund stellen. Unsere persönlichen Haltungen sind da, aber als Band wollen wir nicht auf eine bestimmte Botschaft reduziert werden. Ein gutes Beispiel ist unsere Single „On the Run“. Da geht es um digitalen Eskapismus, also um jemanden, der sich immer weiter aus der Realität zurückzieht, weil die virtuelle Welt ihm einfacher erscheint.
Das ist ein sehr aktuelles Thema.
Christian: Ja, absolut. Aber wir haben genauso auch andere Songs. Es gibt da auch kein festes System. Manchmal entsteht zuerst ein Riff, manchmal ein Text, manchmal auch nur eine einzelne Idee. Vieles kommt aus dem Alltag, aus Situationen, aus Büchern oder Filmen. In letzter Zeit waren es tatsächlich oft Bücher bei mir. Das kann aber in jede Richtung gehen. Es gibt keine Schablone, die wir immer anwenden.
AVIAN: Social Media, Realität und die heutige Musiklandschaft
Ihr habt gerade die digitale Welt erwähnt. Social Media spielt heute eine riesige Rolle, auch für Bands. Wie geht ihr damit um? Wie seht ihr Social Media grundsätzlich?
Johannes: Social Media ist für uns als Band ein zweischneidiges Schwert. Du kommst schlicht nicht daran vorbei. Es ist mittlerweile ein entscheidender Faktor, wenn es darum geht, überhaupt Konzerte zu bekommen oder wahrgenommen zu werden. Viele Booker schauen zuerst auf Zahlen. Follower, Streams, Reichweite. Das ist die Realität.
Das heißt, es ist weniger eine kreative Entscheidung, sondern eher eine strukturelle Notwendigkeit?
Johannes: Genau. Und das hat Konsequenzen. Du musst Zeit investieren, die dir dann an anderer Stelle fehlt. Bei uns sind die Rollen deshalb klar verteilt: Songwriting, PR, Social Media. Trotzdem bleibt es ein großer Zeitfaktor. Und es verstärkt sich selbst. Wenn du Reichweite hast, bekommst du leichter Gigs. Wenn du keine hast, wird es schwieriger. Das ist ein Kreislauf.
Das klingt nach einer Art System, das sich selbst verstärkt und schwer zu durchbrechen ist.
Johannes: Ja, genau das ist es. Und wir sagen das, ohne in eine Opferrolle zu gehen, aber es macht es für viele Bands schwieriger. Früher war das anders. Da gab es viel mehr kleine Konzerte am Wochenende. Kleine Clubs, faire Preise, einfach Musik erleben. Heute ist das stark auseinandergezogen: ganz kleine Newcomer-Formate oder große, etablierte Acts. Dazwischen ist sehr wenig geblieben.
Das deckt sich mit dem, was viele aus der Szene berichten. Viele Locations schließen, auch durch wirtschaftliche Probleme und die Nachwirkungen von Corona.
Johannes: Und selbst Festivals sind oft nicht mehr so zugänglich wie früher. Ohne Social Media oder Budget bist du da kaum noch sichtbar. Newcomer haben es dadurch extrem schwer.
Das klingt insgesamt nach einer sehr herausfordernden Situation für Bands.
Johannes: Ist es auch. Und eigentlich ist die ursprüngliche Idee ja eine andere. Du arbeitest an deiner Musik, du probst, du entwickelst etwas und willst es live zeigen. Aber dieser Teil wird immer kleiner im Verhältnis zu dem, was du digital leisten musst.
Also verschiebt sich der Schwerpunkt?
Johannes: Ja. Früher war das Ziel: auf die Bühne gehen, spielen, zeigen, was du kannst. Heute musst du vorher im digitalen Raum sichtbar sein, damit du überhaupt die Bühne bekommst. Das bedeutet, du versuchst im Prinzip, permanent Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ein Ausschnitt hier, ein Video da, ein Songfragment dort. In der Hoffnung, dass jemand hängen bleibt.
Das klingt auch ein Stück weit nach permanenter Selbstvermarktung.
Johannes: Ist es. Und genau das ist der Punkt, der sich verändert hat. Die Musik selbst ist nur ein Teil der Arbeit geworden. Der andere Teil ist Sichtbarkeit.
AVIAN: Authentizität und die Grenze des Content-Zeitalters
Bringt der ganze Aufwand, den ihr in Social Media steckt, am Ende überhaupt etwas? Wenn man ehrlich ist: Was ist der Return on Investment?
Johannes: Wenn wir es rein wirtschaftlich betrachten, dann wahrscheinlich nicht im klassischen Sinne. Du bekommst nicht automatisch etwas zurück, das in einem klaren Verhältnis zum Aufwand steht. Aber gleichzeitig kommst du nicht darum herum. Es ist fast eine Art toxische Beziehung. Du brauchst es, auch wenn es dir nicht unbedingt gut tut.
Das klingt ein bisschen nach einem System, das man kritisiert, aber trotzdem mitspielen muss.
Johannes: Genau so ist es. Und es ist auch schwer, sich davon zu lösen, weil es inzwischen eine Voraussetzung geworden ist, um überhaupt wahrgenommen zu werden.
Ich habe tatsächlich aber auch oft das Gefühl, dass wir in einer Phase sind, in der Aufmerksamkeit wichtiger geworden ist als Inhalt. Gerade für Künstler bedeutet das eine Art Entscheidung: entweder man bleibt bei der eigenen Kunst oder man passt sich den Mechanismen an, die funktionieren, auch wenn sie mit der Musik selbst vielleicht wenig zu tun haben.
Johannes: Ja, das ist genau die Spannung. Du kannst dich nicht komplett davon lösen, aber du willst dich auch nicht verbiegen. Diese ganzen TikTok-Trends oder bewusst inszenierten Aktionen sind einfach nicht unser Weg.
Trotzdem braucht es ja Sichtbarkeit.
Johannes: Ja, natürlich. Aber wir versuchen das auf unsere Art zu machen. Oft sind das sehr einfache Videos, manchmal aus dem Proberaum, manchmal von Auftritten. Das ist nichts Hochglanzproduziertes. Und ehrlich gesagt sind genau diese Dinge oft die, die am besten funktionieren. Weil sie vielleicht noch etwas Echtes haben. Menschen merken das.
Das heißt, Authentizität funktioniert am Ende doch besser als perfekte Inszenierung?
Johannes: In vielen Fällen ja.
Gleichzeitig gibt es ja immer wieder Beispiele für extrem überspitzten Content, der viral geht. Teilweise bis an die Grenzen des Geschmacklichen. Wir sind inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem wirklich alles möglich scheint, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen.
Kommentare, Konkurrenz und Spotify zwischen Reichweite und Realität
Wenn man das alles zusammenzieht, wirkt es manchmal so, als wäre das Internet ein Raum ohne echte Grenzen. Ich meine das weniger moralisch, sondern im Sinne von Selbstschutz. Früher hat man negative Dinge eher für sich behalten, heute wird vieles direkt öffentlich gemacht. Gleichzeitig entstehen dadurch aber auch extreme Reaktionen. Wie nehmt ihr das wahr?
Christian: Ich glaube, das mit den Kommentaren hat es schon immer gegeben, nur war es früher stärker in Foren gebunden. Da hast du gezielt nach Hilfe gesucht und trotzdem war immer jemand dabei, der provoziert hat. Heute ist das alles nur viel sichtbarer und schneller geworden.
Johannes: Genau, die Mechanik ist nicht neu, nur die Bühne ist größer geworden. Und durch diese größere Bühne geht auch ein Stück Distanz verloren.
Das heißt, die Hemmschwelle sinkt?
Johannes: Ja. Im echten Leben würde niemand jemandem ins Gesicht sagen, was in Kommentaren teilweise geschrieben wird. Diese Distanz führt dazu, dass Leute Dinge sagen, die sie im echten Leben nie sagen würden. Und das hat auch viel mit Anonymität zu tun. Du kannst alles rauslassen, ohne direkte Konsequenzen zu spüren.
Wie ist es denn in der Szene selbst? Gibt es unter Bands eigentlich Konkurrenz oder eher Zusammenhalt?
Christian: Wir erleben da eigentlich eher Zusammenarbeit. Oft hilft man sich gegenseitig. Wenn ein Slot frei wird, springt jemand ein, oder es wird kurzfristig gefragt, ob eine Band übernehmen kann. Das ist eher kollegial bis freundschaftlich.
Also keine harte Konkurrenz innerhalb der Szene?
Johannes: Zumindest in unserem Umfeld nicht. Ich glaube, das liegt auch an der Szene selbst. Im Metal geht es sehr stark um Leidenschaft für die Musik. Das macht kaum jemand, um reich zu werden. Dadurch ist die Grundhaltung oft eine andere.
Christian: Vielleicht sind wir auch einfach noch zu unbedarft, um da etwas anderes erlebt zu haben.
Johannes: Kann sein. Vielleicht passiert hintenrum mehr, als wir mitbekommen. Aber in unserem direkten Umfeld ist das sehr entspannt.
Dann wechseln wir noch einmal das Thema. Spotify ist für viele Musiker ein Dauerthema. Wie steht ihr dazu? Eher Daumen hoch, Daumen runter oder irgendwo dazwischen?
Johannes: Ich würde sagen eher zur Seite. Es ist weder eindeutig gut noch eindeutig schlecht. Auf der einen Seite ist es eine riesige Möglichkeit. Wir selbst hören dort Musik, wir haben Zugriff auf unendlich viele Songs, mehr als wir je konsumieren könnten. Und für uns als Band ist es eine Chance, überhaupt weltweit gehört zu werden.
Also eine Art globale Sichtbarkeit?
Johannes: Genau. Wir haben Hörer in Südamerika, in Griechenland, überall. Das wäre ohne Plattformen wie Spotify kaum möglich. Ich glaube nicht, dass jemand physisch ein Album von uns nach Mexiko bestellt hätte.
Gleichzeitig gibt es ja viel Kritik an den finanziellen Strukturen.
Johannes: Ja, absolut. Das ist die andere Seite. Die Vergütung pro Stream ist sehr gering und nicht wirklich vergleichbar mit früheren Einnahmequellen. Früher waren CDs der Hauptfaktor. Heute sind es eher Konzerte und Merchandising. Und auch das verändert sich ständig.
Das heißt, das gesamte System der Musikverwertung hat sich verschoben?
Johannes: Ja, massiv. Und es betrifft nicht nur Einnahmen, sondern auch die Art, wie Musik wahrgenommen wird.
Ihr seid dadurch ja auch ständig in einer Art Vergleichssituation. Früher hat man eine Platte veröffentlicht und die hatte eine gewisse Lebensdauer. Heute ist alles gleichzeitig verfügbar. Früher war ein Release präsent und danach ist es langsam nach hinten gerutscht. Heute steht alles nebeneinander. Eine kleine Band konkurriert theoretisch mit Metallica, Taylor Swift oder jeder anderen Veröffentlichung, die gleichzeitig existiert. Das erzeugt einen permanenten Druck, sichtbar zu bleiben. Das macht die Situation für kleinere und mittlere Bands natürlich nicht einfacher.
Christian: Ein Stück weit führt das ja auch zu einer Überflutung. Klar, man erreicht theoretisch die ganze Welt, aber gleichzeitig verteilt sich alles in einer riesigen Masse. Und dadurch steigen auch die Standards enorm, weil nicht nur der lokale Künstler nebenan sichtbar ist, sondern eben, wie du sagst, auch Metallica oder andere Größen. Es ist zwar nominell eine riesige Plattform mit einer potenziell globalen Zuhörerschaft, aber diese Aufmerksamkeit verteilt sich eben auf unfassbar viele Inhalte. Und dadurch wird der Maßstab automatisch höher. Du konkurrierst nicht nur mit dem, der neben dir im Proberaum sitzt, sondern mit allem, was weltweit existiert.
Gleichzeitig macht es Musik aber auch jederzeit verfügbar.
Christian: Absolut. Es hat auch Vorteile. Du bist überall abrufbar. Egal ob im Skiurlaub, auf der Weihnachtsfeier oder im Alltag, jemand kann sein Handy zücken und deine Musik direkt vorspielen. Das wäre früher so nicht möglich gewesen.
Das heißt, Reichweite und Überforderung liegen nah beieinander?
Christian: Ja, genau. Und trotzdem hat man als Band auch die Möglichkeit, gezielt zu unterstützen. Wenn einem etwas gefällt, kauft man eben trotzdem noch eine Platte oder ein Album. Ich mache das selbst auch noch so. Ich bin da wahrscheinlich ein bisschen oldschool, aber wenn mich eine Band wirklich abholt, dann unterstütze ich sie bewusst.
Support ist kein Mord, wie man gerne sagt, auch unter Bands. Vielen Dank euch für die Einblicke in euren Schwabenstahl-Kosmos.
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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

