Ist die Lyrik tot?

Lyrik: In oder out?

Heinrich Heine, William Shakespeare, Johann Wolfgang von Goethe, Rainer Maria Rilke und Franz Grillparzer. Alles Namen von Autoren, mit denen wir Lyrik verbinden. Und obwohl wir alle mit diesen Dichtern etwas anfangen können, so finden nur wenige wirklich Zugang zu den lyrischen Worten und zur Sprache der Poesie.

In der Schule wurden wir damit gequält Gedichte zu lernen. Deutsche Lyrik wurde auswendig gelernt. Das Verständnis für den Sinn der Worte und für die Sprache fehlte. Noch schlimmer war es, dass es uns nicht einmal erklärt wurde. Was man nicht versteht, sollte man auswendig lernen. Spaß hat es keinen gemacht und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass man der Lyrik den Rücken zuwandte und sie für abgehackt erklärte. 

 

Was ist Lyrik?

Um ganz klein zu starten, sollte zunächst die Frage geklärt werden, was Lyrik überhaupt ist?

Neben der Epik und der Dramatik ist Lyrik die dritte literarische Gattung. Aus der Schule kennt man sie nur als Gedicht. Oft denkt man auch an den Reim, aber tatsächlich ist der Reim keine Voraussetzung für Lyrik. 

Ganz grob gesagt umfasst Lyrik alles, was in Gedichtform geschrieben oder überliefert wird. Das bedeutet, dass ein Gedicht Strophen und Verse haben kann, aber nicht muss. Zudem kann es lang oder kurz sein. In modernen lyrischen Texten findet man auch freie Verse mit freien Rhythmen. Also auch ohne klare Struktur kann Lyrik existieren. 

 

Lyrik aktuell

Die Lyrik hat lange ein Schattendasein gelebt und letztlich tut sie das auch heute noch. Die Lyrik hat es schwer. Lyriker sind ihre eigenen und letzten Endes auch ihre einzigen Leser von Lyrik. Das ist eine weitverbreitete Meinung und so falsch und abwegig ist sie nicht. Immer mehr Verlage sind nicht mehr gewillt Lyrik zu publizieren und zu drucken. Die Nachfrage ist schlicht sehr gering oder gar nicht erst vorhanden. Große Verlagshäuser stehen unter einem enormen Kostendruck. Da verwundert es kaum, wenn die Wahl beim Druck nicht auf der Lyrik liegt. Die Lyrik scheint in den Verlagen und somit auch in den Buchhandlungen zu schwinden. Selbst vergriffene Gedichtbände von bekannten und hochberühmten Autoren wie Elfriede Jelinek werden nicht mehr neu aufgelegt. 

 

Lyrik auf dem absteigendem Ast?

Gerade in den letzten Jahren hat die Lyrik eine vermeintliche Wiederbelebung erfahren. Jedoch nicht in der Verlagswelt, sondern online, in den sozialen Medien. Insta-Poeten veröffentlichen täglich ihre Gedichte auf der Plattform und die selbst verfassten Gedichte erfreuen sich höchster Beliebtheit. Nicht nur das, es gibt sogar ein paar selbsternannte Dichter und Autoren, die damit wirklich erfolgreich in der Lyrik- und Literaturwelt durchstarten. Es kommt bei den Lesern an. Tatsächlich werden auch neue Lyrikbände gedruckt und sogar ein paar davon verkauft. Alles gut, könnte man meinen. Die Lyrik erlebt einen Aufschwung! Zumindest online.

Den einen oder anderen Haken gibt es allerdings schon. Denn Instagram gehört nicht den Lyrikern selbst. Nehmen wir an, dass Mark Zuckerberg morgen beschließt, Instagram von seiner To-do-Liste zu streichen? Die Wahrscheinlichkeit ist gering, aber es ist nicht unmöglich. Alles könnte weg sein und die Insta-Poeten verschwinden mit ihren Gedichten vom Display. Wie sagt man so schön: Baue nicht auf fremden Boden! Aus diesem Grund entschließen sich viele Insta-Poeten dazu, ihre Gedichte zu drucken. Am schnellsten und besten funktioniert dies durch das Selfpublishing. Man investiert Geld in den Druck und hält am Ende ein Buch mit seinem Namen in der Hand. Auch das E-Book erfreut sich höchster Beliebtheit. Dank der Onlinewelt braucht man nicht einmal einen Verlag. Und als Marketingmaßnahme dient natürlich wieder Instagram. Und hier wird es wieder brenzlig, denn Insta-Poeten folgen Insta-Poeten. Die meisten von ihnen wollen ihre Werke unter die Leute bringen und nicht fremde Werke kaufen. So beißt sich die Katze selbst in den Schwanz. Hinzu kommt noch, dass Follower zwar potenziell Käufer sein könnten, aber viele es eben dann doch nicht sind. Nur die wenigsten kaufen sich am Ende wirklich das angepriesene Werk. Die meisten Gedichte hat man ja schon im Vorfeld lesen dürfen. Irgendwann werden sie aus dem Feed gelöscht und in den Lyrikband gepackt. 

Poeten und Moneten

Wie sieht es eigentlich mit der finanziellen Situation der Lyriker aus? 

Es gibt einige Ausnahmen, aber sonst sagen die Ergebnisse einer Umfrage durch das Haus für Poesie nichts Gutes. 

Kennzahlen: 

  • 75 % der Dichter sind mit ihrem Gehalt unzufrieden
  • 83 % gaben an, sehr schlecht über die Runden zu kommen
  • 77 % liegen mit ihren jährlichen Einnahmen aus der schriftstellerischen Tätigkeit bei unter 10.000 Euro oder weniger 
  • 45 % derer, die neben dem Schreiben keiner weiteren Tätigkeit nachgehen, liegen mit ihrem Einkommen unter der Armutsgrenze
  • Und viele Insta-Poeten verdienen mit ihren Werken keinen Cent. 

Natürlich könnte man nun sagen, dass Geld nicht alles ist und es nur an der Kunst selbst liegt, aber dann muss man auch fragen, wieso man die Werke auf Instagram veröffentlicht? Würde es da nicht auch ausreichen, sie in einer Schublade zu verstauen, wenn es denn nur um die Kunst selbst geht?

Selbstverständlich will man gelesen werden, sonst würde man es nicht posten.

Fazit: 

Die Lyrik lebt weiter. In ihrer eigenen Form und auf ihre eigene Weise. Selbst wenn viele Insta-Poeten es nicht bis zum Welterfolg bringen werden, so haben sie die Lyrik zumindest ein klein wenig zum Aufglühen gebracht. Die Lyrik lebt, wenn auch nach wie vor ein wenig mehr im Schatten. Aber wer weiß, ob aus dem Glutfunken nicht doch eines Tages noch ein wahres Lyrik-Feuer entsteht? Und am Ende geht es doch beim Lesen und Schreiben doch immer um den Spaß daran, nicht wahr?

@miasraum

 

 

4 Gedanken zu „Ist die Lyrik tot?

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