Soundcheck mit Mia (Kolumne)
Zwischen Google, ChatGPT und Meinung: Warum wir Wissen nur noch simulieren und echte Erkenntnis immer seltener wird.
Text: Mia Lada-Klein
- Informationsflut erzeugt die Illusion von Wissen, aber kein echtes Verständnis
- Meinung ersetzt zunehmend fundierte Recherche und kritisches Denken
- Die wahre Kompetenz liegt heute im Umgang mit Wissen, nicht im Zugriff darauf
Jeder weiß alles und keiner versteht es: Die gefährliche Illusion von Wissen im Internet
Der Satz „Wissen ist Macht“ wirkt heute fast wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Eine Zeit, in der Bibliotheken schwer zugänglich waren, Experten klar identifizierbar und Informationen knapp. Heute hingegen scheint Wissen allgegenwärtig zu sein: jederzeit abrufbar, in Sekunden verfügbar, scheinbar grenzenlos. Ein paar Klicks, ein paar Suchbegriffe und schon hat man Antworten.
Doch genau hier beginnt das Problem.
Die Illusion des Wissens
Digitale Technologien haben den Zugang zu Informationen radikal demokratisiert. Suchmaschinen, Online-Enzyklopädien und KI-Systeme liefern in Sekunden Antworten auf nahezu jede Frage. Das erzeugt ein Gefühl von Kontrolle und Kompetenz: Wer schnell Antworten findet, glaubt oft, auch wirklich zu verstehen.
Doch Zugriff ist nicht gleich Verständnis.
Studien aus der Kognitionspsychologie zeigen, dass Menschen dazu neigen, ihr eigenes Wissen zu überschätzen, wenn Informationen leicht verfügbar sind. Dieser Effekt wird durch digitale Medien verstärkt. Wer jederzeit „nachschlagen kann“, entwickelt schnell das Gefühl, etwas zu wissen, auch wenn es sich nur um oberflächliche Vertrautheit handelt.
Eine bekannte Untersuchung von Fisher et al. (2015) zeigte, dass Menschen, die Informationen online recherchieren, anschließend ihr eigenes Wissen höher einschätzen, selbst dann, wenn sie die Inhalte nicht tief verstanden haben.
Der Dunning-Kruger-Effekt im digitalen Zeitalter
Der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt beschreibt eine kognitive Verzerrung: Menschen mit geringer Kompetenz in einem Bereich neigen dazu, ihre Fähigkeiten stark zu überschätzen. Gleichzeitig unterschätzen Experten oft die Komplexität ihres Wissens, weil ihnen die Grundlagen selbstverständlich erscheinen.
Im Internet trifft dieser Effekt auf ideale Bedingungen:
- Informationen sind leicht zugänglich
- komplexe Themen werden vereinfacht dargestellt
- Meinungen und Fakten vermischen sich
Das Ergebnis: Viele fühlen sich kompetent genug, um mitzureden, selbst bei Themen, die sie kaum durchdrungen haben.
Gerade soziale Medien verstärken diesen Effekt. Kurze, prägnante Aussagen wirken überzeugend, auch wenn sie inhaltlich verkürzt oder falsch sind. Wer laut und sicher auftritt, wird eher gehört als jemand, der differenziert argumentiert.
Information ist nicht gleich Wissen
Ein zentraler Denkfehler unserer Zeit liegt darin, Information mit Wissen gleichzusetzen.
Information ist:
- verfügbar
- speicherbar
- übertragbar
Wissen hingegen ist:
- verstanden
- eingeordnet
- anwendbar
Der Philosoph Luciano Floridi spricht in diesem Zusammenhang von der „Informationsgesellschaft“, in der Daten zwar im Überfluss vorhanden sind, aber Orientierung fehlt. Ohne Kontext bleibt Information fragmentarisch und kann sogar in die Irre führen.
Ein Beispiel: Jemand kann medizinische Symptome googeln und zahlreiche Treffer finden. Doch ohne Fachwissen ist es schwierig, diese Informationen richtig zu bewerten. Im schlimmsten Fall entstehen falsche Schlussfolgerungen oder unnötige Ängste.
Die Grenzen des Internets
Die Vorstellung, „alles Wissen sei online verfügbar“, ist schlicht falsch. Es gibt mehrere Formen von Wissen, die sich nicht oder nur schwer digitalisieren lassen:
1. Implizites Wissen
Erfahrungswissen, Intuition und praktische Fähigkeiten lassen sich nicht vollständig in Texte oder Videos übersetzen. Ein Handwerk zu beherrschen oder ein Instrument zu spielen erfordert Übung und nicht nur Information.
2. Kontextuelles Wissen
Viele Informationen sind ohne ihren Kontext wertlos oder missverständlich. Fachwissen entsteht oft durch jahrelange Auseinandersetzung mit einem Thema.
3. Nicht öffentliches Wissen
Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Regierungen verfügen über Daten und Erkenntnisse, die nicht frei zugänglich sind.
4. Qualitätsprobleme
Das Internet enthält nicht nur richtige, sondern auch falsche, veraltete oder bewusst manipulierte Informationen. Ohne kritische Prüfung ist es schwer, zwischen verlässlichen und fragwürdigen Quellen zu unterscheiden.
Die neue Macht: Urteilskraft
Wenn Wissen nicht mehr knapp ist, verschiebt sich die eigentliche „Macht“:
Nicht der Besitz von Informationen entscheidet, sondern die Fähigkeit:
- relevante von irrelevanten Informationen zu unterscheiden
- Quellen kritisch zu bewerten
- Zusammenhänge zu erkennen
- Wissen praktisch anzuwenden
Diese Fähigkeit wird oft als „Informationskompetenz“ oder „kritisches Denken“ bezeichnet. Sie ist heute wichtiger denn je.
Eine Metaanalyse von Wineburg und McGrew (2017) zeigt, dass selbst gut ausgebildete Menschen Schwierigkeiten haben, die Glaubwürdigkeit von Online-Quellen korrekt einzuschätzen. Das Problem ist also nicht fehlender Zugang, sondern fehlende Bewertungskompetenz.
Zwischen Selbstüberschätzung und Skepsis
Die aktuelle Situation ist paradox:
- Noch nie war so viel Wissen verfügbar
- Noch nie war es so schwer, echtes Verständnis von bloßer Information zu unterscheiden
Das führt zu zwei Extremen:
- Überconfidence: „Ich habe es gegoogelt, also weiß ich Bescheid.“
- Zynismus: „Man kann sowieso nichts mehr glauben.“
Beide Haltungen sind problematisch. Die Herausforderung besteht darin, einen Mittelweg zu finden: informiert, aber kritisch; offen, aber nicht leichtgläubig.
Fazit: Wissen war nie einfacher und nie schwieriger
Der Satz „Wissen ist Macht“ ist nicht falsch geworden, aber er ist heute unvollständig.
Heute müsste er eher lauten:
„Der kompetente Umgang mit Wissen ist Macht.“
Der Zugang zu Informationen allein macht niemanden klüger. Erst durch Verständnis, Reflexion und Anwendung entsteht echtes Wissen. Und genau daran scheitert es oft, also nicht an der Verfügbarkeit von Daten.
Die eigentliche Herausforderung unserer Zeit ist nicht mehr, an Informationen zu kommen. Das ist längst gelöst. Wir ertrinken ja förmlich darin. Die eigentliche Herausforderung ist, nicht darin unterzugehen und dabei noch den Unterschied zwischen Wissen und Meinung zu erkennen.
Denn eine Meinung hat heute jeder. Wirklich jeder. Sie kommt schnell, sitzt locker und fühlt sich erstaunlich oft wie Wahrheit an. Man tippt ein paar Wörter in Google Search, lässt sich von ChatGPT etwas erklären und zack: fertig ist die Überzeugung.
Was fehlt, ist der unbequeme Teil dazwischen.
Wissen entsteht nämlich nicht durch Abruf, sondern durch Arbeit. Durch Zweifel. Durch das Aushalten von Widersprüchen. Durch Recherche, die länger dauert als eine Kaffeepause und Ergebnisse liefert, die einem eventuell nicht gefallen. Wissen bedeutet, Quellen zu prüfen, Zusammenhänge zu verstehen und sich im schlimmsten Fall einzugestehen: Ich lag falsch.
Meinungen hingegen haben es leichter. Sie brauchen keine Belege, nur Selbstbewusstsein. Und davon gibt es reichlich.
In dieser schönen neuen Informationswelt verschwimmt die Grenze zwischen beidem zunehmend. Meinung wird wie Wissen vorgetragen, Wissen wird wie Meinung relativiert. Alles scheint gleichwertig, solange es gut formuliert und oft genug wiederholt wird. Wer laut genug ist, hat recht, zumindest gefühlt.
Das ist die eigentliche Ironie: Noch nie war Wissen so zugänglich und gleichzeitig so optional.
Man könnte heute mehr wissen als jede Generation zuvor. Stattdessen wissen viele vor allem eines sehr gut: wie man schnell so wirkt, als wüsste man Bescheid. Der Unterschied fällt oft erst auf, wenn es darauf ankommt. Also selten genug, um ignoriert zu werden.
Und so leben wir in einer Zeit, in der die Illusion von Wissen oft genügt. In der „Ich habe dazu eine Meinung“ als Ersatz für „Ich habe mich damit beschäftigt“ dient. In der Recherche auf drei Tabs und ein Bauchgefühl reduziert wird.
Natürlich gibt es sie noch, die, die tiefer gehen. Die lesen, vergleichen, hinterfragen. Aber sie sind leiser. Langsamer. Weniger kompatibel mit der Geschwindigkeit dieser Welt.
Der Rest? Der sendet.
Und vielleicht ist genau das die dunkelste Pointe:
Nicht, dass wir zu wenig wissen.
Sondern dass es uns immer seltener stört.
Mehr Soundchecks mit Mia findet ihr auf der Website.
Authentizität: Die größte Lüge im Musikbusiness
Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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Sehr gut geschrieben über ein wichtiges Thema.
Weil augenscheinlich jedes Wissen nur wenige Klicks entfernt ist, fällt das Hirn aus. Sich Wissen anzueignen bedarf mehr als ein paar Klicks. Es bedarf guter Recherche, Geduld sowie Lern- und Konzentrationsfähigkeit. Gerade die beiden Letztgenannten scheinen in der Zeit von Social Media verloren gegangen zu sein.
Gilt nicht nur für Wissen, sondern insbesondere auch bei der Meinungsbildung.