Julian Knoth: Unsichtbares Meer

Pandemie-Feeling in akustischer Form

Julian Knoth, seines Zeichens Bassist und Sänger von Die Nerven, bekennender Alleskönner im schwäbischen Indie-Underground und Mitglied diverser Nebenschauplätze wie dem Peter Muffin Trio oder Yum Yum Club, hat sich nun ein Herz gefasst – und ein Soloalbum gemacht. Unsichtbares Meer heißt das gute Stück. Veröffentlicht am 23. Mai 2025, entstanden im pandemiegeplagten Jahr 2020, dem Jahr, in dem die Welt stillstand, und auch Julian Knoth zwischen all dem kollektiven Warten, Schweigen und Verdrängen offenbar ein bisschen Leerlauf verspürte.

Und wie füllt man diesen? Mit einem Mikro, einer akustischen Gitarre, ein paar unorthodoxen Ideen – und der klaren Entscheidung: Das hier ist kein klassisches Album. Es ist kein musikalischer Glanzmoment, kein Songwriter-Schwelgen, keine große Geste. Stattdessen liefert Julian Knoth ein Werk, das klingt, als hätte er sich beim Blick aus dem Fenster hinaus ans Ende der Welt gebeamt und sich selbst zugehört.

Julian Knoth zwischen Wiederholung und Stille

Der Opener Der Regen beginnt mit einer fast absurden Mischung aus Melancholie, Minimalismus und Selbstironie. Der Song zerfasert sich in Wiederholungen, plätschert scheinbar ziellos dahin – und plötzlich merkt man: Genau das ist die Aussage. Track zwei heißt passenderweise Kein Lied. Und auch das ist kein Scherz. Es ist ein musikalisches Nichts, durchzogen von ein bisschen Gezupfe, ein paar Gedanken, die vorbeiziehen wie dunkle Wolken – und man ist geneigt zu sagen: Bravo, Julian. Denn das ist Pandemieästhetik in Reinform.

Aber, es gibt Streicher. Einfach so, ganz am Ende. Als wollte Julian Knoth sagen: „Ich weiß auch nicht, was ich hier mache – aber jetzt wird’s kurz dramatisch.“ 

Die Melancholie des Hinterhofs

Der Track Hinterhof der Welt überrascht dann tatsächlich mit Struktur – ein Klavier, eine Gitarre, ein dezentes Schlagzeug – fast wirkt es wie ein „echter“ Song. Zum Ende hin kommen sogar noch Bläser dazu. Mal keine Streicher. 

Julian Knoth dazwischen 

Zwischen all dem finden sich zwei Interludes: der titelgebende Track Unsichtbares Meer und Nimm die Blätter mit. Während Unsichtbares Meer mit seinem klassischen Klang richtig überzeugt, wirkt Nimm die Blätter mit eher überflüssig – ein Stück, das man getrost hätte streichen können. Aber mal ehrlich, so wie ein leerer Tag im Lockdown gehört auch dieses kleine Zwischenspiel irgendwie dazu.

Julian Knoth und Trio Abstrich

Nie wieder allein bildet den Abschluss des Albums. Davor kommt Morgen fängt der Ernst des Lebens an – ein Titel, der kaum ironischer sein könnte. Mit an Bord sind hier außerdem die Musiker von Trio Abstrich, die bereits bei Gestern hatte ich noch einen Traum und Endloser Ozean mitwirken.

Was bleibt? Ein Album, das man nicht wegen seiner Schönheit hört. Sondern weil es genau das festhält, was wir alle erlebt haben: Trostlosigkeit, Endlosschleife, das diffuse Gefühl von Zeitverlust. Unsichtbares Meer ist kein großartiges Album. Aber vielleicht ein ehrliches. Und verdammt nochmal: Das ist so viel mehr, als viele andere mit ihrer Hochglanzproduktion je geschafft haben.

 


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