Zwischen Poesie und Protest: Marc Ribot zeichnet seine „Map of a Blue City“
Marc Ribot hat nie Musik für den Massengeschmack gemacht – und das ist gut so. Der New Yorker Gitarrist, der seit Jahrzehnten mit Genregrößen wie Tom Waits, Elvis Costello oder Vinicio Capossela arbeitet, veröffentlicht mit Map of a Blue City ein Album, das sich wohltuend jeder Erwartungshaltung entzieht. Es ist sein erstes Soloalbum, auf dem seine Stimme im Zentrum steht. Und sie ist nicht schön – aber sie ist genau richtig.
Marc Ribot mit Gitarre, Gespür und Gefühl
Schon der Einstieg mit Elizabeth lässt spüren: Das hier ist keine Platte, die man nebenbei laufen lässt. Nur Gitarre und Stimme, reduziert bis aufs Skelett, aber trotzdem voller Tiefe. Ein Song für jene Abende, an denen der Kopf zu laut und die Welt zu leise ist. Auch For Celia bewegt sich in dieser introspektiven Atmosphäre. Es wirkt wie ein musikalischer Rohdiamant – unfertig, aber genau deshalb so ehrlich. Ein bisschen wie der Moment, in dem man sich selbst im Schaufenster sieht und nicht weiß, ob man stehen bleiben oder weitergehen soll.
Marc Ribot zwischen Groove und Geheimnis
Mit Say My Name kommt zum ersten Mal ein Hauch Groove ins Spiel. Marc Ribots Gesang ist hier auffallend hoch, beinahe fragil, während seine Gitarre eine magische Basis legt. Plötzlich wird klar: Diese Platte hat viele Gesichter. Daddy’s Trip to Brazil bringt mediterrane Leichtigkeit ins Spiel – ein bisschen Bossa, ein bisschen Melancholie, und ganz viel Raum für Assoziationen. Man hört den Song, und plötzlich ist man in einer lauen Sommernacht, mit nackten Füßen im Sand.
Der titelgebende Meilenstein
Map of a Blue City – der Titeltrack – ist nicht umsonst das Herzstück der Platte. Hier zupft Marc Ribot seine Gitarre mit majestätischer Eleganz, fast schon jazzig, während sich experimentelle Strukturen wie Nebelschwaden über das Arrangement legen. Es ist Musik, die nicht erklärt werden will, sondern erlebt werden muss.
Kritik, Covers und Kontraste
Marc Ribot bleibt auch auf diesem Album ein politischer Mensch. Nach dem Protestalbum Songs of Resistance (2018) äußert er sich weiterhin subtil, aber deutlich kritisch zur gesellschaftlichen Lage. In Death of a Narcissist schwingt eine ordentliche Portion Ironie mit – der Titel ist vielleicht auch ein Seitenhieb auf eine Welt, die sich im Selfie-Spiegel verliert.
Zwischen seinen eigenen Kompositionen streut Ribot auch Covers ein – etwa When the World’s on Fire von der Carter Family oder das düstere Sometime Jailhouse Blues, ein Allen Ginsberg-Gedicht aus dem Jahr 1949. Beide Stücke erweitern den musikalischen Kosmos dieser Platte – mal poetisch, mal politisch, immer tiefgründig.
Zum Schluss: Gänsehaut im Grenzbereich
Das abschließende Optimism of the Spirit beginnt wie ein Soundtrack zu einer mythischen Schlacht. Dunkel, unheimlich, mit über sechs Minuten Spielzeit ein epischer Abschluss. Das Stück pendelt zwischen Licht und Schatten, zwischen Chaos und Klarheit. Eine Achterbahnfahrt, bei der man nicht weiß, wo man landet – aber unbedingt mitfahren möchte.
Marc Ribot: Kunst, keine Kulisse
Map of a Blue City ist kein Album für Spotify-Algorithmen oder Insta-Slideshows. Es ist Kunst mit Haltung, gemacht für Menschen, die zuhören wollen – und können. Erwachsen, vielschichtig, manchmal sperrig, aber immer faszinierend. Marc Ribot serviert hier keine leichte Kost – sondern ein musikalisches Menü, das bleibt. Wer Musik mag, die nicht nur unterhält, sondern bewegt, ist hier genau richtig.
Mehr zu Marc Ribot findet ihr in den Socials.
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