„In nomine patris et filii et spiritus sancti“

Ich hatte heute einen merkwürdigen Tag. Nicht, dass solche Tage bei mir selten sind. Eigentlich empfinde ich viele meiner Lebenstage als merkwürdig. Das ist aber nicht negativ. Ich sehe das eher positiv. Merkwürdig ist so ein Wort. Man hat bei dem Wort dann irgendwie gleich so eine negative Assoziation. Dabei sehe ich das persönlich keines Falls so, denn merkwürdig heisst im meiner Welt nur: Würdig es sich zu merken! Und daran ist nichts schlimm. Ich weiss nicht, warum man bei diesem Wort oftmals gleich etwas Negatives im Kopf hat?

Ich bin heute mal mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren. Für gewöhnlich tue ich das nicht. Ich bin Frischluftliebhaber und ich mag es zu laufen. Dadurch habe ich auch das Gefühl, dass ich mich zumindest etwas fit halten kann. Meisten stecke ich mir dann meine Kopfhörer in die Ohren und laufe meinen Weg. Die Musik im Ohr, träume ich mich dann irgendwo anders hin und nicht selten kommt es vor, dass ich verträumt dann auch mal irgendwo dagegen laufe. Das ist zwar oft sehr peinlich, aber ich genieße diese gedanklichen Ausflüge sehr. Da gebe ich mich nur der Musik, meiner Traumwelt und dem Laufen hin. Ich kann abschalten und den Kopf freikriegen und meine Schutzengel bibbern dann und zittern vor Angst und sind stets darum bemüht, dass mich kein Auto anfährt. Dafür bin ich sehr dankbar, aber manchmal denke ich selbst wenn, dann sterbe ich zumindest mit guter Musik im Ohr. Nein, die makaberen Scherze mal beiseite gelassen!

Heute wollte ich mal Bus fahren. Die letzten und die nächsten Tage waren und werden stressig und ich wollte Zeit sparen. Das Laufen ist zwar angenehm, aber es kostet eben auch ein paar Minuten mehr. Zudem war das Wetter heute auch so unheimlich unfreundlich, dass ich eine Busfahrt der Regenwanderung vorzog. Übrigens war das für die nahe Zukunft auch die letzte Busfahrt, die ich getätigt habe. Was ist passiert: Natürlich! Da will ich mal Bus fahren und dann hat ausgerechnet mein Bus eine Panne. Eine böse rote Ampel stellte sich der gesamten Busmannschaft in den Weg und der Bus bleib stehen. Soweit, so richtig, aber der Bus konnte daraufhin nicht mehr weiterfahren. Wie auch immer, was auch immer: Der Motor ging aus und da standen wir nun. Ich hatte dann die Wahl, entweder eine halbe Stunde nach Hause laufen oder eine halbe Stunde auf den Ersatzbus warten, der dann noch weitere 15. Minuten gebraucht hätte, um mich nach Hause zu bringen. Ich habe kurz überlegt, aber dann hatte ich auch schon die Finger in der Handtasche, die nach Kopfhörern suchten.

Los ging die Wanderung Richtung zuhause. Ansich war alles wie immer. Ich bin kein Mensch, der sich über Dinge ärgert, die er nicht ändern kann. Ich konnte das nicht vorhersehen und es ändern konnte ich auch nicht. Was dann aber auf dem Heimlauf passiert ist, war eigen. Drei Leichenwagen hintereinander fuhren an mir vorbei. Ich fand das sehr bedrückend und beunruhigend und traurig. Ich neige dazu auch schon bei einem Leichenwagen, der an mir vorbeifährt eine Gänsehaut zu kriegen, aber bei drei Leichenwagen werde ich panisch. Ich weiss nicht, ob mir das etwas sagen sollte, aber ich dachte plötzlich über den Tod nach. Ganz intensiv und auf eine eigene und eben merkwürdige Art und Weise.

Ich dachte darüber nach, wann ich meine erste Erfahrung mit dem Tod gemacht habe. Nicht im speziellen persönlich, sondern eher, wann ich das erstemal über den Tod informiert wurde. Wann ich das erstemal vom Tod gehört hatte. So viele Gedanken schossen mir durch den Kopf und dann war sie da: Die Erinnerung an damals, an das erste Mal! Jahre, Jahrzehnte mittlerweile muss es zurückliegen. Ich war damals noch winzig. Ich weiss gerade sehr genau, dass es 20 Jahre her ist. Die Zeit kann ich so genau eingrenzen, da es zu berechnen ist, wenn ich mir überlege, wie alt eines meiner Familienmitglieder ist.

Meine Tante hat früh geheiratet. Früh, naja sie war 24. Ob das früh ist, ist subjektiv, relativ. Zumindest war sie bei ihrer Hochzeit schon schwanger. Böse, böse:-) Das dachte die Familie damals! Sie war nicht hochschwanger, aber sie war es! Ich sage an dieser Stelle: Die Hochzeit hatte nichts damit zutun, dass sie hätte heiraten müssen. Beide wollten so oder so, aber manche Dinge passieren eben. Nun gut! Ich weiss gar nicht, ob ich bei der Hochzeit war. Ich denke schon, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Ein paar Monate später hatte mein Onkel einen Autounfall. Keinen schlimmen Autounfall, einen leichten. Er ist wohl eingenickt und dann von der Straße abgekommen und in ein Feld hinein gefahren. Der Unfall war nicht das Schlimme, es war die darauffolgende Diagnose.

Ein Gehirntumor, den man bei ihm feststellen musste. Die Chancen auf Genesung standen nicht gut. Man hat ihn trotzdem operiert. Ich habe nur eine Erinnerung darin: Ich war mit meinen Eltern im Krankenhaus. Er trug eine Mütze und er konnte eine Hand nicht mehr richtig bewegen, aber ich weiss heute auch gar nicht mehr ob es die rechte oder die linke Hand war. Das ist das einzige Bild, was ich in meinem Kopf gespeichert habe. Ein paar Wochen später kam mein Cousin zur Welt. Es gibt noch einzelne Bilder: Darauf mein Onkel, der das Baby auf dem Arm hat. Er hält seinen Sohn mit einer Hand fest und strahlt stolz in die Kamera. Er ist ein paar Tage nach der Aufnahme gestorben.

Ich habe das damals nicht verstanden. Ich wusste nicht, was der Tod ist, was Tot-Sein, was Sterben heisst. Ich war auch nicht bei der Beerdigung. Ich weiss nur, dass ich mich komisch fühlte damals als Kind und das Tod, Tot-Sein und das Sterben wohl hießen, dass man weg ist und nicht mehr wieder kommt. Meine Eltern haben mir versucht zu erklären, dass mein Onkel jetzt bei Gott ist, aber damit konnte ich auch nicht viel anfangen. Für mich war mein Onkel weg und nicht mehr da und meine Tante trug nur noch schwarze Sachen und weinte viel. Heute ist mein Cousin Mediziner:-) Wer hätte das gedacht:-) Ich bin echt megastolz auf das helle Köpfchen, denn das ist er! Ein Überflieger!

Tja, damals hieß Tod, Tot-sein, Sterben für mich einfach nur nicht mehr da sein. Ich muss gestehen, bis heute ist das nicht anders. Tod, Tot-Sein, Sterben heisst für mich immer noch einfach nicht mehr da sein. Ob dann ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie im Himmel bei Gott sind oder in der Hölle beim Teufel, von dem hat man mir ja erst später erzählt oder wo auch immer wir dann sein mögen, eins bleibt doch: Wir sind dann einfach nicht mehr da und nicht mehr hier.

15 Gedanken zu “Ein merkwürdiger Tag…

  1. Ja, es stimmt, niemand weiß es mit Sicherheit, was mit einem Menschen nach seinem Ableben geschieht – bis jetzt zumindest noch nicht. Vermutlich wird es aber immer ein Rätsel bleiben. Spirituellen Ansichten zufolge sei der Tod nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang; aber das ist eben eine Sache des Glaubens.

    So, wie du schreibst, dass wir dann einfach nicht mehr da sind, meinen andere, dass wir, die am Leben sind, bloß die toten Seelen nicht mehr sehen können, obwohl sie weiterhin unsichtbar unter uns weilen.
    Es gibt also unterschiedliche Meinungen, aber leider keine dieser Ansichten ist rational zu beweisen. Aber es ist vielleicht eh besser, dass man das nicht kann; vermutlich würde das, was dabei rauskommt, den Rahmen unseres Verständnisses sprengen, vielleicht wäre das für unseren Verstand einfach zu viel – wer weiß…?

    Fest steht, dass es jeder von uns irgendwann selbst erleben wird, was nach seinem allerletzten Atemzug mit ihm geschieht. Entweder geht es mit ihm irgendwo anders weiter oder man wird komplett ausgelöscht und es kommt nichts mehr nach, außer eine große Schwärze.
    Viele möchten daran glauben, dass es irgendwie anders, vielleicht in einer anderen Dimension weitergeht, um die Endgültigkeit ein wenig abzuschwächen. Obwohl die Endgültigkeit ist ja auch nicht bewiesen… Nun ja, wir werden sehen, oder auch nicht…

    Alles Liebe
    Nachtpoetin

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    1. Das ist wohl wahr! Auf der einen Seite ist das ja auch schön und irgendwie spannend, dass wir nicht wissen was kommt, ob überhaupt? Auf der anderen Seite ist es komisch. Wir leben in einer Zeit, in der so viel erklärbar ist, aber der Tod und das Danach, falls da! bleibt ein Geheimnis und die Vorstellungen sind sicher alle richtig und alle falsch! Wir wissen es nicht, werden es wohl auch nur vielleicht!
      LG
      MIA

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  2. Hammer! Man denkt beim Lesen immer: „Ja, wann kommt sie denn jetzt endlich auf den Punkt?“ Und dann geht es weiter mit den Abschweifungen: Links rum, rechts rum, nur nicht geradeaus. Ich will aber wissen, was Sache ist, worauf es ankommt, Aber nichts. Schön immer weiter geschwafelt von einem zum andern. Von der abendfüllenden Erklärung, was „merkwürdig“ sei über die abendfüllende Erklärung, warum sie nicht gern Bus fährt und trotzdem Bus fährt und dann nochmal „Bus“ und „Kopfhörer“, aber zum Glück passiert dann was, aber es kann sie auch nicht abhalten, weiter zu schnacken: Drei Leichenwagen bringen Stimmung ins Gefüge und man erfährt Hochzeitsgeschichte, Autounfall und ein paar private Sachen, auf die ich aus zeitlichen Gründen nicht eingehen kann, aber die Leichenwagen haben zum Nachdenken über den Tod inspiriert über tausend Ecken und wenn es dann kommt, das ersehnte Ende und wir nach den ganzen satirisch angehauchten Reminiszenzen endlich das Ende erwarten, heißt es lapidar zum Leben nach dem Tod: Nun ja, wir werden sehen, oder auch nicht. Das ist doch Bullshit

    Und ich liebe diesen Bullshit, der mich sehr gut unterhalten und oft zum Schmunzeln verführt hat. Das ist eine Art, Spannung zu erzeigen, indem man vom einen aufs andere kommt, den Leser ablenkt, aber nie langweit. Ganz große Prosa. Ich knutsch dich um .. 😎

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  3. Am Anfang dachte ich: Etwas gemein, in der Mitte dachte ich: Naja, wohl mit recht, am Ende dachte ich: Willst du mich heiraten?!
    Ich muss immer erst ausholen, bevor ich mal auf den Punkt komme. Meistens weiss ich doch selber nicht, wo der Punkt ist…Schön, dass du mich verstehst! Das Leben ist oft nicht leicht und auch gerade dann nicht, wenn man ne Trennung durchmacht! Das ist dich nicht langweile, das finde ich gut! Mein Ex meinte: Du und deine Gedanken, das nervt! Vielen lieben dank für das Zulassen meiner blöden Gedanken und für das Verstehen meiner blöden Gedanken.-)

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  4. Tut mir leid! Ich weiss nicht, was war, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass du wenn nervst mit deinem Denken. Das tut doch jeder.Dein Ex ist einfach vielleicht ein Arsch,der nicht denkt und nicht fühlt.Ich habe meiner Freundin ein Gedicht von dir vorgelesen und sie fands gut,also ist der Typ wohl ein depp.Mach dein Handy aus und gehe deinen Weg!

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  5. Ich freue mich auch immer etwas von Dir zu lesen.Deine Art wie Du Deine (sog.blöden;-) Gedanken und Stimmungen rüberbringst!(schade das man hier keine Herzchen verteilen kann:-)
    Meinen ersten Leblosen Körper habe ich von meinem Grundschulbus aus gesehen,es war ein Verkehrstoter und er war abgedeckt.Seit dem habe ich mir schon viele Gedanken um den Tot gemacht und habe auch schon viele gesehen.Meinen Vater habe ich schon mal zurückgeholt,und er meinte das er nichts gespürt hat.
    Oh je ich könnte jetzt auch ausholen.
    Kurz gesagt, bin ich für mich zu dem Schluss gekommen,
    das wir uns im Allgemeinen zu sehr über viele belanglose Dinge aufregen, zu Materialistisch denken (wenn es mal so weit ist kann keiner etwas mitnehmen)das hier und jetzt zählt,aus vergangenem kann man lernen.Was war ist Vergangenheit,was kommt ist die Zukunft.Unsere Zeit ist begrenzt und die sollten wir für uns und andere Sinnvoll nutzen und auch Genießen.

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    1. Vielen lieben dank für deine Zeilen. Schön, dass es dir gefällt, was ich so schreibe:-)
      Ich denke das ist es wahrscheinlich: Wir sollten den Augenblick genießen und uns manchmal weniger Gedanken über Unnötiges machen.

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  6. Mia,

    This is a fascinating blog-post on just how close, how intimate life and death are inextricably married and connected! Well done my thoughtful insightful Lady! 🙂

    I do hope that the power/impact of this quote from Henry David Thoreau is not lost in translation…

    I went to the woods because I wished to live deliberately, to front only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover that I had not lived. I did not wish to live what was not life, living is so dear; nor did I wish to practise resignation, unless it was quite necessary. I wanted to live deep and suck out all the marrow of life, to live so sturdily and Spartan-like as to put to rout all that was not life, to cut a broad swath and shave close, to drive life into a corner, and reduce it to its lowest terms…

    I feel passionately that until we embrace intimately our own mortality, our place in the Cosmos and with our human family, dancing with both life AND death… then we are never really free, never liberated to fulfill completely, wholely our life, our purpose, our pulsing veins!

    Thank you for sharing this. ❤

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