Zwischen den Buchstaben: Ein Blick in die Welt der Lektorin Lucia Barreto Cabrera

Heute nehmen wir eine kurze Pause von den Gitarrenriffs und werfen einen Blick auf eine entscheidende Rolle in der Autorenwelt – die Lektoren. Ihr wisst schon, die Leute, die unsere Texte auseinandernehmen und uns zeigen, was wir alles falsch machen. Aber im Ernst, wir Autoren wissen, wie wichtig ein gutes Lektorat ist. Doch was genau steckt hinter der Arbeit eines Lektors? 

Im Interview mit der Lektorin Lucia Barreto Cabrera erfahren wir mehr darüber. Sie verrät uns, welche Ausbildung und Erfahrung man benötigt, um als Lektorin zu arbeiten und welche Hauptaufgaben damit verbunden sind. Außerdem gewährt sie uns einen Einblick in ihren typischen Arbeitsalltag, berichtet von den Herausforderungen, denen sie begegnet und erzählt, welche Arten von Texten sie besonders gerne lektoriert. Und zum Schluss gibt sie angehenden Autoren ein paar Tipps, um ihre Texte lektoratsfertig zu machen und benennt die wichtigsten Eigenschaften, die eine gute Lektorin mitbringen sollte.

 

Was hat dich dazu inspiriert, Lektorin zu werden?

Ich war zuvor Juristin, habe für einen Strafverteidiger und für eine Familien- und Erbrechtsanwältin gearbeitet. Pünktlich zu meinem 30. Geburtstag habe ich mein Leben und meine Zukunft komplett hinterfragt und dann alles an den Nagel gehängt. Ziemlich klischeehaft, ich weiß. Aber es war das Beste, was mir passieren konnte. Das war 2019 und ich weiß noch, wie befreiend alles war. Ich habe 30 Jahre lang die Erwartungen anderer Menschen erfüllt, um dann zu merken: Hey, das bin nicht ich. Ich pass da nicht rein. Ich wollte Unabhängigkeit, Freiheit und Flexibilität. Diese Privilegien der Freiberuflichkeit haben mich motiviert und inspiriert, an meinem Traum festzuhalten und auch mit den Unannehmlichkeiten der Selbstständigkeit Freundschaft zu schließen. Denn die gibt es auch. Aber mein Wille war größer.

 

Welche Ausbildung oder Erfahrung benötigt man, um Lektorin zu werden?

An erster Stelle sollte man ein sehr gutes Textverständnis und einen gesunden, kritischen Blick für das geschriebene Wort haben. Das kommt meiner Meinung nach zustande, wenn man selbst viel liest und schreibt. Ich tue beides. Außerdem hat es mir geholfen, mit erweitertem Testlesen für andere Autoren zu beginnen. So sammelt man auch erste Erfahrungen im Kundenumgang und in der Textarbeit. Man bekommt selbst auch Feedback und Kritik. Daran kann man wachsen und man kann daraus viel lernen. Zudem erhält man einen ersten Überblick, was persönliches Zeitmanagement, Deadlines und Routinen angeht. Alles wichtige Elemente für die spätere Freiberuflichkeit. Man muss lernen, sich zu organisieren. Für die Theorie empfinde ich es dann als unabdingbar, Weiterbildungen, Seminare und Zertifikatskurse zu besuchen. Das Lektorieren ist kein geschützter Beruf. Dementsprechend tummeln sich viele naive Anfänger und auch Betrüger auf diesem Gebiet. Autoren bezahlen viel Geld für meine Dienstleistungen. Es ist also meine Pflicht, ihnen im Umkehrschluss auch seriöse Expertise zu bieten und ihnen zu zeigen, dass ich auch Geld in die Hand nehme und mich fachkundig aus- und weiterbilden lasse.

 

Was sind die Hauptaufgaben eines Lektors bzw. einer Lektorin?

Meine Hauptaufgabe im Lektorat ist es, Texte auf Inhalt und Stil zu prüfen. Wenn ich zum Beispiel von belletristischen bzw. fiktiven Texten ausgehe, prüfe ich, ob sie inhaltlich Sinn ergeben. Sind Logikfehler enthalten? Baut sich eine vernünftige Spannungskurve auf? Ist eine Entwicklung der Buchfiguren erkennbar? Ist ein roter Faden, also ein nachvollziehbarer Plot enthalten? Gibt es einen zentralen Konflikt, der logisch aufgelöst wird? Passen das gewählte Setting und gewisse Eckdaten (zB Jahreszahlen) zusammen? Ist der Text angemessen für die von den Autoren angegebene Zielgruppe? Auf stilistischer Ebene achte ich zB darauf, ob der Schreibstil Emotionen rüberbringt. Ich schaue auch auf Satzstrukturen. Sind da viele Bandwurmsätze oder zu kurze, abgehackte Sätze? Ist der Lesefluss in Ordnung? Gibt es viele Wiederholungen oder unnötige Beschreibungen (Stichwort: „Show, don’t Tell!“)? Das alles markiere ich an entsprechenden Textstellen und erläutere meine Bedenken, Änderungsvorschläge usw. in Randkommentaren. Dazu nutze ich, wie viele andere Kollegen auch, den „Überprüfen“-Modus meines Textprogramms. Aufgabe eines Lektorats ist es nämlich nicht, wahllos im Text der Autoren herumzupfuschen, zu löschen oder etwas eigenmächtig umzuschreiben.

 

Wie gestaltet sich dein typischer Arbeitsalltag als Lektorin?

Mein erster Blick geht meist in mein Instagram DM-Postfach und in meine Mails. Gab es neue Anfragen? Haben Autoren, mit denen ich bereits arbeite, Rückfragen o.ä.? Gibt es Zu- oder Absagen, wenn eine Zusammenarbeit im Raum steht? Gibt es andere wichtige Nachrichten (Terminverschiebungen etc.)? Nachdem ich das abgearbeitet habe, schaue ich in meine Buchhaltung und meine Orga. Haben Autoren pünktlich bezahlt? Ist ihr Geld eingegangen? Muss ich eine Zahlungserinnerung verschicken? Muss ich anderweitig Rechnungen schreiben? Denn ja, reine Nettigkeit und Spaß am Job füllen keinen Kühlschrank. Ich bin eben auch Unternehmerin. Da ich absolut keinen Spaß an Zahlen habe, erledige ich all das immer vor der eigentlichen Lektoratsarbeit. Die unangenehmsten Aufgaben immer zuerst! Erst danach wird das jeweilige Manuskript geöffnet, an dem ich gerade arbeite. Dann darf ich in tolle Geschichten abtauchen und Autoren bei der Veröffentlichung ihrer Bücher eine wertvolle Hilfe sein.

 

Welche Herausforderungen begegnen dir bei der Arbeit als Lektorin?

Autoren, die absolut kritikunfähig sind. Zum Glück kann ich diese in meinen fast 5 Jahren Freiberuflichkeit an einer Hand abzählen, aber sie sind eine riesige Herausforderung. Ich frage mich dann immer, warum man eine Dienstleistung bucht und so viel Geld ausgibt, wenn man offenbar noch gar nicht bereit ist für Feedback. Eine weitere Hürde ist auch das Trennen von Beruflichem und Privatem. Ich bin nur noch in Ausnahmefällen an den Wochenenden aktiv, beantworte Nachrichten oder arbeite. Das mache ich auch nur für meine „Bookies“, wie ich meine liebsten Autoren und Stammkunden oft nenne. Weil wir schon ein eingespieltes Team sind, welches sich respektiert und wertschätzt. Anfangs ist mir das Trennen und Setzen von eigenen Grenzen schwergefallen, weil ich mich auf dem hart umkämpften Markt etablieren wollte und musste. Jetzt werde ich immer besser darin.

 

Gibt es bestimmte Arten von Texten, an denen du besonders gerne arbeitest?

Oh ja. Ich habe dafür mein eigenes Wort kreiert: dunkelschön. Es ist zu meinem Markenzeichen geworden. Ich liebe düstere Liebesgeschichten, Geschichten, die mit der menschlichen Psyche spielen, die Angst machen und schockieren. Ich mag aber auch einen Hauch von Fantasy. Hexen, Vampire und Werwölfe habe ich da ganz besonders ins Herz geschlossen. Generell mag ich belletristische und fiktive Texte als Lektorin am liebsten. Die Korrektorin in mir mag aber auch Sachtexte, die sich mit Themen beschäftigen, die berühren und zum Nachdenken anregen. Texte, mit denen ich mich identifizieren kann.

 

Wie gehst du bei der Korrektur von Texten vor?

Mein oberstes Gebot: Ich ignoriere grundsätzlich die Korrekturvorschläge, die das Textprogramm mir von sich aus vor die Füße wirft. Die sind nämlich wenig bis gar nicht hilfreich. Ich habe bei der Korrekturarbeit auch immer den Duden griffbereit. Korrektoren sind auch nur Menschen. Und der Mensch kann nicht alles wissen. Meine Korrektur umfasst immer die Prüfung von Rechtschreibung und Grammatik. Dabei arbeite ich ebenfalls in dem sogenannten „Überprüfen“-Modus meines Textprogramms, damit meine Korrekturen für die Autoren auch jederzeit nachvollziehbar und ersichtlich sind. Ich arbeite hier nämlich direkt im Text, streiche und korrigiere. Das darf ich in dem Fall tun, denn es gibt bezüglich der Rechtschreibung feste Regeln. Da sind Vorschläge oder Empfehlungen, wie im Lektorat, nicht nötig.

 

Welche Tipps hast du für angehende Autoren, um ihre Texte lektoratsfertig zu machen?

Da ich selbst auch schreibe, lautet mein erster Tipp: Lies dir deinen Text laut vor. Klingt erstmal seltsam. Man kann auch die Vorlesefunktion nutzen. Aber viele Probleme, wie zB Wortwiederholungen, überflüssige Füllwörter oder Rechtschreibfehler lassen sich so leichter erkennen. Auch komisch klingende Dialoge oder holprige Szenewechsel kann man so entlarven. Dann lautet ein weiterer Tipp: Such dir Testleser. Und damit meine ich nicht Eltern, Geschwister, Freunde oder Partner. Du brauchst Leute, die gnadenlos ehrlich sind. Die können dir nämlich schon mal erste Rückmeldungen zur Lesbarkeit, zum allgemeinen „Vibe“ deiner Geschichte und zum Spannungsbogen geben. Ganz findigen Testlesern fallen auch grobe Logikfehler, sogenannte „Plotholes“, auf. Ob du dein gesamtes Manuskript oder erstmal nur für dich wichtige Kapitel herausgibst, entscheidest du. Das ist ja auch eine Vertrauenssache. Nimm auch nicht zu viele Testleser. Meiner Meinung nach reichen drei bis fünf Leute aus, wenn es die richtigen und wenn sie vertrauenswürdig sind. Bist du noch neu, erkundige dich bei anderen Autoren in deinem Genre, welche Testleser sie empfehlen können.

 

Was sind die wichtigsten Eigenschaften, die eine gute Lektorin mitbringen sollte?

Eine gute Mischung aus Professionalität, Expertise und Empathie. Viele unterschätzen die menschliche Komponente. Natürlich sind Zertifikate und Nachweise wichtig, um zu zeigen, dass ich eine seriöse Dienstleisterin und Unternehmerin bin. Aber man darf nicht vergessen, dass es auch auf menschlicher Ebene „passen“ muss. Das heißt nicht, dass ich mit allen Kunden gleich Freundschaft schließen muss, aber idealerweise arbeiten wir mit- und nicht gegeneinander. Außerdem habe ich sowohl Anfänger als auch fortgeschrittene Autoren auf dem Schreibtisch. Ich bin selbst ein sehr sensibler, feinfühliger Mensch. Und gerade Anfänger benötigen dieses Fingerspitzengefühl mehr als die Erfahrenen. Natürlich bin ich auf der einen Seite die knallharte Kritikerin. Das ist nun mal Hauptbestandteil in meinem Job. Allerdings bin ich kein Fan der „Hau drauf!“-Methode. Ich finde daher, man sollte auch eine gute Balance zwischen konstruktiver Kritik und Wertschätzung in die Lektoratsarbeit einfließen lassen. Kritisieren, wo es notwendig ist, auch mal loben, wo es angebracht ist. Und wenn wir ehrlich sind, ist es für uns alle motivierender, wenn man uns nicht bloß unsere Fehler aufzeigt, sondern uns auch mal sagt, wenn wir etwas richtig gut gemacht haben.

 

Mehr zu Lucia Barreto Cabrera findet ihr in den sozialen Medien.

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Autorin & Lektorin für dunkelschöne Literatur
Freie Lektorin (ADM)
Mitglied im Verband der freien Lektorinnen und Lektoren e.V. (VfLL)

 


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