Warum mag ich Festivals und Konzerte nicht

Menschenmenge vor der Bühne und viele Hände und Arme in der Luft

Soundcheck mit Mia (Kolumne)

Konzerte gelten als Höhepunkt von Musik. Für andere sind sie Lärm, Gedränge und Selbstdarstellung. Ein persönlicher Blick auf Festivals, Konzertkritik und die Frage, warum man freiwillig hingeht.

Text: Mia Lada-Klein

  • Konzerte zwischen Erlebnisversprechen und Realität im Gedränge
  • Ein kritischer Blick auf moderne Konzertberichterstattung und Social Media
  • Warum Live-Musik nicht automatisch ein gutes Erlebnis bedeutet

Es gibt in meinem Leben eine bemerkenswerte Zeitspanne. Eine Zeit, in der ich auf Konzerten und Festivals unterwegs war. Nicht, weil ich unbedingt wollte, sondern weil ich musste. Beruflich eben. Zu Konzerten gehen, auf Festivals fahren und darüber schreiben! Das gehörte zum Job. Für viele klingt das vermutlich nach einem Traumleben. Als würde man dafür bezahlt werden, Spaß zu haben. Als würde ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gehen. Ich habe es gemacht. Jahrelang. Und ich hasse es bis heute.

Ja, ich gehe nicht gerne auf Konzerte. Ich fahre nicht gerne auf Festivals. Und seit ich beruflich aufgestiegen bin, muss ich das glücklicherweise auch nicht mehr. Selbst wenn das Ticket einen VIP-Backstage-Pass für Taylor Swift und Yungblud gleichzeitig beinhalten würde, wäre meine erste Reaktion dieselbe:

„Muss ich wirklich hin?“

Nicht, weil ich krank bin.

Nicht, weil ich verhindert bin.

Sondern weil für mich buchstäblich alles attraktiver klingt.

Ein Schokoladeneis in der Badewanne.

Die Steuererklärung.

Eine Wurzelbehandlung.

Ein vierzigseitiger Essay über die kulturhistorische Bedeutung von Post-its.

Alles.

Nur nicht die Fahrt zu einem Konzert.

Konzertkritik: Warum viele Konzertberichte heute nur noch Selbstdarstellung sind 

Vielleicht bin ich einfach satt.

Vielleicht liegt es daran, dass ich Konzerte und Festivals jahrelang nicht als Freizeitvergnügen erlebt habe, sondern als Arbeit. Vielleicht habe ich deshalb einen Blick hinter die Kulissen geworfen, den viele Besucher nie bekommen. Denn als jemand, der bis heute auch noch für einige privat betriebene Musikmagazine schreibt, habe ich gerade dort oft den Eindruck, dass es längst nicht mehr um die Musik geht. Es geht um Akkreditierungen. Um den Zugang. Um das nächste Konzert, das man kostenlos mitnehmen kann. Um das Foto aus dem Fotograben. Um den Nachweis, dass man dabei war. Manchmal steht der Künstler noch auf der Bühne, hat gerade einmal die ersten Songs gespielt, und schon tauchen die ersten Bilder auf Instagram auf. Die Show läuft noch, aber die Selbstdarstellung hat längst begonnen.

Schaut mal, wo ich bin.

Schaut mal, wen ich fotografiert habe.

Schaut mal, wie nah ich an der Bühne stehe.

Und da frage ich mich schon: Mögen diese Menschen eigentlich Konzerte? Oder mögen sie die Likes auf ihre Konzertfotos?

Noch absurder wird es bei den Konzertberichten.

Ein guter Konzertbericht ist mehr als eine chronologische Aufzählung von Songs. Er beschreibt den Künstler, das Bühnenlicht, die Show. Er ordnet ein. Er vergleicht. Er analysiert die Performance, die Publikumsreaktionen, die Wirkung eines Abends. Er versucht zu erklären, warum ein Konzert funktioniert hat oder eben nicht. Genau das habe ich gelernt. Genau das wurde von mir verlangt. Und genau das ist Arbeit. Richtige Arbeit. Arbeit, die Zeit kostet. Arbeit, die Recherche verlangt. Arbeit, die voraussetzt, dass man mehr mitbringt als einen Instagram-Account und eine Kamera. Doch diese Art von Konzertkritik findet man heute fast nur noch in professionellen Redaktionen. In vielen privat betriebenen Musikmagazinen besteht der Konzertbericht inzwischen aus einer Inhaltsangabe des Abends.

Yungblud war da.

Er hat gespielt.

Die Leute haben gefeiert.

Ende.

Zwei Stunden später ist der Text bereits online. Verfasst mit Unterstützung von ChatGPT, garniert mit einer Bildergalerie aus siebzig Fotos und vorbereitet für die nächste Social-Media-Verwertung. Dann werden zwei Wochen lang dieselben Bilder gepostet, geteilt, recycelt und neu verpackt. Nicht weil sie besonders interessant wären, sondern weil jeder Klick, jedes Herzchen und jeder Kommentar noch ein wenig Aufmerksamkeit verspricht. Das Problem ist nicht einmal, dass solche Inhalte existieren. Das Problem ist, dass sie weder Spaß machen zu lesen noch anzuschauen. Sie erzählen nichts. Sie analysieren nichts. Sie hinterlassen nichts. Am Ende dokumentieren sie lediglich, dass jemand anwesend war. Und Anwesenheit allein ist noch lange kein Journalismus und definitiv keine qualitative Arbeit. Vielleicht klinge ich damit altmodisch. Vielleicht sogar verbittert. Aber wer gelernt hat, Konzerte zu beobachten, statt sie nur zu dokumentieren, kann viele dieser Beiträge irgendwann nicht mehr ernst nehmen.

Aber warum hasse ich Konzerte und Festivals eigentlich so sehr?

Die ehrliche Antwort lautet: Ich weiß es nicht genau. Es ist aber kein neuer Zustand ist. Ich war nie der Mensch, der wochenlang auf ein Konzert hinfiebert oder Monate im Voraus Festival-Tickets kauft. Wenn mir heute jemand erzählt, dass er zu Yungblud, Taylor Swift oder Metallica geht, dann stehe ich daneben und denke mir meistens nur: „Okay.“

Nicht aus Arroganz oder weil ich sie schon live gesehen habe. Nicht, weil ich die Künstler schlecht finde. Sondern weil ich Konzerte und Festivals nicht als Spaß betrachte.  Ich bin ehrlich zu euch: Das hier ist nur meine Meinung. Nicht die Wahrheit. Nicht die einzig richtige Sichtweise. Aber für mich bestehen Konzerte oft aus einer erstaunlichen Sammlung von Dingen, die ich eigentlich vermeiden möchte.

Man trinkt fragwürdigen Alkohol.

Man friert oder schwitzt.

Man verliert Freunde im Gedränge.

Man macht zwei verwackelte Fotos von einer Band, die man sich später nie wieder anschaut.

Konzerte werden gerne als magische Musikerlebnisse verkauft. In Wahrheit bestehen sie vor allem aus Warteschlangen.

Zunächst wartet man vor der Halle.

Dann wartet man an der Sicherheitskontrolle.

Danach wartet man an der Garderobe.

Dann an der Bar.

Dann auf die Vorband.

Dann auf den Hauptact.

Und irgendwann wartet man nur noch darauf, endlich wieder nach Hause zu dürfen.

Das alles ist im Grunde deutsche Bürokratie mit musikalischer Begleitung.

Man steht außerdem zwischen hunderten oder tausenden Menschen, die alle denselben Gedanken haben: möglichst weit nach vorne.

Plötzlich entwickelt sich eine friedliche Menschenmenge zu einer Mischung aus Viehtrieb, Survival-Training und Sommerschlussverkauf.

Jeder schiebt.

Jeder drängelt.

Jeder will noch einen Meter näher an die Bühne.

Für einen Künstler, den man am Ende trotzdem nur als winzigen Schatten zwischen Lichtstrahlen und Smartphone-Bildschirmen erkennt.

Vielleicht bin ich einfach nicht für diese Art von Gemeinschaftserlebnis gemacht.

Oder vielleicht habe ich irgendwann festgestellt, dass ich Musik liebe, aber Menschenmassen, Warteschlangen und überteuerte Getränke eben nicht.

Festivals und Alkohol: Der wahre Headliner

Und dann ist da noch der Alkohol. Nicht der eine Becher Bier, den man sich zum Konzert gönnt. Nicht das Feierabendgetränk. Sondern dieser Punkt, an dem aus lockerer Stimmung langsam kollektive Verblödung wird. Je später der Abend wird, desto flacher werden die Gespräche. Das Niveau sinkt zuverlässig mit jedem weiteren Getränk. Besonders auf Festivals, wo manche Besucher offenbar anreisen, als hätten sie den eigentlichen Zweck der Veranstaltung vergessen und würden stattdessen an einem mehrtägigen Selbstversuch zur Alkoholresistenz teilnehmen.

Irgendwann reden alle nur noch lauter, nicht klüger!

Dieselbe Geschichte wird zum dritten Mal erzählt. Dieselbe Pointe wird zum fünften Mal gefeiert. Irgendjemand verliert sein Zelt. Irgendjemand verliert seine Schuhe. Irgendjemand verliert jegliche Kontrolle über Sprache und Motorik. Und ich stehe daneben und frage mich, warum genau das als erstrebenswerte Freizeitgestaltung gilt. Vielleicht klingt das unfreundlich. Aber ich habe irgendwann beschlossen, dass meine Lebenszeit zu wertvoll ist, um stundenlang betrunkenen Menschen beim Lallen, Stolpern und Umfallen zuzusehen. Denn diese Spezies existiert auf jedem Festival. Immer.

Der Typ, der dir zum vierten Mal erklärt, dass ihr jetzt beste Freunde seid.

Die Frau, die seit drei Stunden versucht, denselben Satz zu Ende zu bringen.

Die Gruppe, die mitten in der Nacht vor deinem Zelt lautstark eine philosophische Diskussion darüber führt, ob Ravioli eigentlich eine Suppe ist.

Ab einem gewissen Punkt wird Alkohol auf Festivals nicht mehr zum Begleiter der Veranstaltung. Er wird zur Hauptattraktion. Und während andere das offenbar als Befreiung empfinden, empfinde ich es vor allem als anstrengend. Wenn ich Menschen beim Kontrollverlust beobachten möchte, kann ich auch samstags um 23 Uhr durch die Innenstadt laufen. Dafür brauche ich weder ein Festivalbändchen noch einen Campingplatz voller Dosenbier.

Das Publikum: Die eigentliche Vorband des Grauens

Wer übrigens auch glaubt, ein Konzert beginne auf der Bühne, hat sich noch nie intensiv mit dem Publikum beschäftigt. Denn das Publikum ist die eigentliche Show. Die Band spielt nur den Soundtrack dazu.

Direkt vor einem stehen Dennis und Carina, ihr wisst schon. Beide halten sich seit dem Einlass ununterbrochen an den Händen und blicken sich mit jener Intensität an, die normalerweise nur in schlecht geschriebenen Netflix-Produktionen vorkommt. Das Konzert dient hier weniger der Musik als dem Beweis, dass ihre Liebe sämtliche Naturgesetze überwinden kann.

Daneben steht Patrick. Patrick hält einen Platz frei. Für Nina. Nina ist allerdings seit ungefähr 45 Minuten verschwunden. Vermutlich befindet sie sich irgendwo zwischen Getränkestand, Toilettenschlange und den letzten Resten ihrer Geduld. Trotzdem verteidigt Patrick den freigehaltenen Quadratmeter Bodenfläche mit der Entschlossenheit eines mittelalterlichen Burgherrn.

Rechts befindet sich Jonas. Jonas hat natürlich Bier. Noch. Denn Jonas wird dieses fünfte Bier in den nächsten Minuten vollständig verlieren. Nicht durch Durst. Nicht durch ein Missgeschick. Sondern über deine Jacke. Dein T-Shirt. Deine Schuhe. Und vermutlich auch über dein seelisches Wohlbefinden. Natürlich entschuldigt sich Jonas danach. Mehrmals sogar. Jonas ist kein schlechter Mensch. Jonas ist lediglich betrunken. Jetzt schon, dabei steht noch nicht mal jemand auf der Bühne.

Und dann das: Vor dir steht ein Zwei-Meter-Zwanzig-Mann, der zufällig genau in deinem Sichtfeld platziert wurde. Hinter dir befindet sich die Person, die jeden einzelnen Song mit ihrem Smartphone filmt, als hätte sie einen exklusiven Übertragungsvertrag mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk abgeschlossen. Daneben tanzt jemand mit geschlossenen Augen so ekstatisch, als würde er gerade Kontakt zu einer höheren Macht aufnehmen. Und irgendwo in der Nähe gibt es immer diesen einen Menschen, der jede Songzeile lauter singt als die Band selbst. Nicht besonders gut. Aber laut. Sehr laut.

Das Publikum eines Konzerts ist ein faszinierendes Biotop. Eine Mischung aus Liebesdrama, Survival-Training, Alkoholstudie und Sozialexperiment. Und manchmal frage ich mich, ob die Menschen überhaupt wegen der Musik dort sind oder ob sie einfach Teil dieser wandernden Massenveranstaltung sein wollen, die sich Konzert nennt.

Gleichgesinnte auf Konzerten? Warum gemeinsamer Musikgeschmack wenig über Menschen verrät 

Einer der größten Irrtümer, wie ich finde, lautete: „Auf Konzerten treffe ich Menschen wie mich.“

Was für eine spektakuläre Fehleinschätzung!

Viele glauben tatsächlich, ein gemeinsamer Musikgeschmack müsse zwangsläufig bedeuten, dass man auch menschlich auf einer Wellenlänge liegt. Dass hinter jeder Lieblingsband automatisch ein Publikum aus interessanten, klugen und inspirierenden Menschen steht. Ich weiß als Journalistin: Musikgeschmack sagt über den Charakter eines Menschen ungefähr so viel aus wie die Tatsache, dass wir beide Sauerstoff atmen. Gar nichts. Zwei Menschen können dieselbe Platte lieben, dieselben Songs feiern und dieselben Künstler verehren und sich trotzdem nach fünf Minuten Gespräch wünschen, der jeweils andere möge bitte in ein anderes Sonnensystem umziehen.

Viele Menschen halten Konzerte für eine Art Sammelpunkt Gleichgesinnter. In Wahrheit sind sie ein Sammelpunkt von Menschen, die zufällig dieselbe Playlist mögen. Mehr nicht. Die romantische Vorstellung, man würde dort automatisch seine geistigen Geschwister treffen, hält meistens genau bis zum ersten Gespräch am Bierstand. Dann merkt man schnell, dass gemeinsamer Musikgeschmack keine Persönlichkeit ersetzt.

Manche Menschen definieren sich so sehr über ihre Lieblingsbands, dass nach deren Aufzählung nicht mehr viel übrig bleibt. Als hätte jemand einen Charakter aus Merchandise-Artikeln, Festivalbändchen und Spotify-Playlists zusammengebaut.

Und natürlich gibt es sie immer: die selbsternannten Musikexperten. Die Menschen, die jede Band schon kannten, bevor sie berühmt wurde. Die schon auf Konzerten waren, als noch niemand die Band kannte. Die die erste EP auf Kassette besitzen. Signiert. Von Hand. Im Dunkeln. In einer Neumond-Nacht. Noch vor der offiziellen Bandgründung. Als sich die Mitglieder noch nicht mal kannten. Sie erklären dir ungefragt, warum das neue Album schlechter ist als das alte, das alte schlechter als die frühen Demos und die Demos schlechter als die Proberaumaufnahme von 1990, die nur noch für echte Fans existieren, also genau drei Menschen auf der Welt.  Wer auch immer diese drei Menschen sein mögen?! Und während sie reden, blickst du langsam in dein Getränk und fragst dich, ob nicht vielleicht doch die Toilettenschlange die interessantere Unterhaltung bietet.

Die Wahrheit ist: Die meisten Menschen auf Konzerten sind völlig normale Menschen. Und genau das ist das Problem. Oder eben auch nicht.

Man erwartet irgendwie leidenschaftliche Diskussionen über Kunst, Kultur und Musik. Stattdessen bekam ich immer nur Smalltalk über Zugverbindungen, Bierpreise und die Frage, wo man nach dem Konzert noch etwas essen kann. Das ist nicht schlimm. Aber es ist eben auch nicht die erleuchtete Gemeinschaft von Musikliebhabern, die ich mir einst ausgemalt hatte. Am Ende begegnete ich erstaunlich vielen Menschen, die exakt dieselbe Musik hörten und trotzdem die emotionale Tiefe eines Parkplatzautomaten besaßen. Und das war vielleicht die größte Enttäuschung von allen.

Live-Musik? Warum viele Konzerte heute mehr Show als Auftritt sind 

Noch schlimmer wird es allerdings, wenn die Künstler schließlich die Bühne betreten. Oder zumindest das, was heutzutage vielerorts als Konzert durchgeht. Denn immer häufiger habe ich das Gefühl, gar kein Konzert zu besuchen, sondern eine aufwendig produzierte Motivationsveranstaltung mit musikalischer Begleitung.

Der Künstler singt zwei Zeilen.

Dann zeigt er ins Publikum.

Dann sollen alle die Hände hochnehmen.

Dann sollen alle springen.

Dann sollen alle klatschen.

Dann sollen alle schreien.

Dann soll die linke Seite lauter sein.

Dann die rechte.

Dann alle zusammen.

Dann spielt im Hintergrund die Aufnahme weiter.

Und irgendwo dazwischen findet gelegentlich sogar noch Musik statt.

Früher ging ich auf Konzerte, um Musiker live zu erleben. Heute habe ich manchmal den Eindruck, die Musiker kommen hauptsächlich vorbei, um zu überprüfen, ob das Publikum seine Fitnessübungen korrekt ausführt.

„Seid ihr gut drauf?“

„Kann ich euch hören?“

„Noch lauter!“

„Ich kann euch nicht hören!“

Natürlich kannst du uns hören.

Du stehst keine zehn Meter entfernt und trägst In-Ear-Monitoring für mehrere tausend Euro.

Aber das Ritual gehört inzwischen offenbar genauso zum Konzert wie die überteuerten Getränke und die Toilettenschlange. Besonders absurd wird es, wenn die eigentliche Performance immer weiter in den Hintergrund rückt. Da laufen Backing Tracks, Playback-Spuren und vorproduzierte Gesangslinien in einer Lautstärke, bei der man sich irgendwann fragt, ob der Mensch auf der Bühne überhaupt noch notwendig ist oder lediglich als eine Art menschlicher Bildschirmschoner fungiert. Man könnte in manchen Fällen auch einen Bluetooth-Lautsprecher auf die Bühne stellen und jemanden engagieren, der alle drei Minuten „Macht mal Lärm!“ ruft. Der Effekt wäre nahezu identisch. Versteht mich nicht falsch: Ich erwarte keine Perfektion. Ich will keine klinisch sauberen Töne. Im Gegenteil. Wenn jemand einen Ton verhaut, außer Atem gerät oder einen Einsatz verpasst, dann merke ich wenigstens, dass dort tatsächlich ein Mensch arbeitet.

Das ist live.

Das ist echt.

Das ist der Grund, warum man überhaupt ein Konzert besucht.

Doch stattdessen wird heute oft jede Ecke und Kante glattpoliert, bis von der eigentlichen Live-Erfahrung nur noch eine perfekt durchgeplante Show übrig bleibt.

Eine Show, die an jedem Abend exakt gleich aussieht.

Dieselben Ansagen.

Dieselben Gesten.

Dieselben Publikumsreaktionen.

Dieselben Instagram-Momente.

Manchmal habe ich das Gefühl, die Tournee könnte von einer KI gesteuert werden und niemand würde einen Unterschied bemerken. Das Tragische daran ist: Viele Zuschauer scheinen genau das zu wollen. Sie wollen keine Überraschungen. Keine Experimente. Keine Risiken. Sie wollen exakt die Version des Künstlers erleben, die sie bereits von TikTok, Instagram und YouTube kennen.

Möglichst identisch.

Möglichst vorhersehbar.

Möglichst störungsfrei.

Genau hier liegt mein Problem. Ich liebe Musik. Aber ich habe zunehmend Schwierigkeiten mit der Eventindustrie, die rund um sie entstanden ist. Denn ein Konzert sollte kein betreutes Mitmachprogramm mit Merchandise-Stand am Ausgang sein.

Tanzen auf Konzerten: Warum ich mit Moshpits und Menschenmengen nichts anfangen kann 

Es gibt Menschen, die behaupten, Tanzen sei befreiend. Ja, das ist es. Ich tanze selbst Ballet seit ich fünf Jahre alt bin und liebe es.  Aber während andere bei den ersten Takten eines Songs plötzlich eine innere Freiheit entdecken, entdecke ich vor allem die Notwendigkeit, ausreichend Sicherheitsabstand zu halten. Denn Tanzen auf Konzerten und Festivals hat mit dem, was man gemeinhin als Tanzen bezeichnet, oft nur noch wenig zu tun.

Es ist eher eine Form kontrollierten Kontrollverlusts.

Oder unkontrollierten Kontrollverlusts.

Je nach Alkoholpegel.

Besonders faszinierend finde ich dabei die völlige Selbstverständlichkeit, mit der fremde Menschen ihren Körper plötzlich als öffentliches Verkehrsmittel betrachten.

Da wird geschubst.

Da wird gesprungen.

Da werden Arme durch die Luft geschleudert, als versuche jemand, einen Schwarm unsichtbarer Wespen zu vertreiben.

Und alle scheinen sich darauf geeinigt zu haben, dass das vollkommen normal ist.

Ich habe diese Übereinkunft nie unterschrieben.

Für viele gilt das als Ausdruck purer Lebensfreude.

Für mich fühlt es sich eher an wie eine Mischung aus Verkehrsunfall, Gruppentherapie und einem schlecht organisierten Rugbyspiel.

Fremde Menschen rennen mit voller Geschwindigkeit ineinander.

Jemand verliert einen Schuh.

Jemand verliert seine Brille.

Jemand verliert kurzzeitig das Bewusstsein.

Und alle behaupten anschließend begeistert, wie großartig die Stimmung gewesen sei.

Ich habe nie verstanden, warum man Musik hören möchte, während man körperlich behandelt wird wie eine Bowlingkugel. Noch weniger verstehe ich die romantische Verklärung dieses Spektakels. Wenn dieselben Menschen am Montagmorgen im Supermarkt von einem Fremden angerempelt werden, sind sie empört. Passiert exakt dasselbe auf einem Konzert, gilt es plötzlich als Ausdruck von Gemeinschaft und Leidenschaft.

Für mich war und ist diese Art von Tanzen deshalb nie Befreiung.

Es war und ist Arbeit.

Arbeit, ständig auszuweichen.

Arbeit, darauf zu achten, dass niemand auf meinen Füßen landet.

Arbeit, mein Getränk vor den wilden Bewegungen meiner Mitmenschen zu schützen.

Vielleicht bin ich einfach nicht für diese Form der körperlichen Selbstentfaltung geschaffen.

Vielleicht fehlt mir ein Gen.

Vielleicht habe ich nur ein Ballett-Gen in mir. 

Vielleicht wurde bei meiner Herstellung versehentlich die Funktion „Freude an unkontrollierten Bewegungen in Menschenmengen“ deaktiviert.

Jedenfalls stehe ich auf Konzerten meist dort, wo Menschen mich in Ruhe lassen.

Und wenn ich mich bewege, dann höchstens Richtung Ausgang.

Dort ist meistens auch deutlich mehr Platz.

Warum sind Getränke auf Konzerten und Festivals so teuer?

Dann wären da noch die Getränke. Ein Konzertbesuch ist einer dieser seltenen Orte, an denen Flüssigkeit plötzlich wie ein Luxusgut behandelt wird, das irgendwo zwischen Importwein und Schwarzmarktware eingeordnet wurde. Für ein kleines Getränk bezahlt man Beträge, bei denen man draußen längst eine komplette Mahlzeit inklusive Dessert bekommen hätte. Die Veranstalter nennen das Wirtschaftlichkeit. Die Besucher nicken irgendwann nur noch müde und nennen es „halt so“. Ich nenne es ein System, das davon lebt, dass Durst keine Verhandlungsposition kennt. Denn genau da liegt der eigentliche Trick: Man regt sich vielleicht kurz auf, aber nicht lange genug, um wirklich darauf zu verzichten. Irgendwann kauft man es trotzdem. Nicht aus Zustimmung. Sondern weil der Körper in solchen Momenten jede Form von Prinzipien kurzerhand aus dem Sortiment nimmt. Und während man den Preis bezahlt, hat man bereits akzeptiert, dass man Teil eines sehr einfachen Geschäftsmodells geworden ist:
Wenig Alternativen, viel Lautstärke, null Ausweg ohne Dehydrierung.

Live-Konzert oder Großbildschirm? Wenn die Sicht auf die Bühne fehlt 

Die eigentliche Pointe ist allerdings: Man sieht die Band sowieso nicht. Man sieht Köpfe. Man sieht Smartphones. Man sieht den Hinterkopf eines Mannes, der zufällig genau zwei Meter vier groß ist und offenbar keinerlei Interesse daran hat, jemals wieder wegzugehen. Vielleicht erkennt man gelegentlich eine Silhouette. Vielleicht einen Arm. Vielleicht ein diffuses Bühnenlicht, das irgendwo zwischen Nebelmaschine und Lichtshow verloren geht. Aber die Musiker selbst? Eher theoretisch.

Man bezahlt hunderte Euro, um jemanden „live“ zu sehen und verbringt den Abend damit, ihn auf Bildschirmen neben der Bühne zu betrachten. Es ist eine Art moderne Paradoxie: Man ist physisch anwesend, um digital zu schauen. Man fährt quer durch die Republik, steht stundenlang in Warteschlangen, kämpft sich durch Menschenmengen und das nur um am Ende genau das Gleiche zu tun wie zuhause auf dem Sofa, nur schlechter, enger und teurer.

Und während man dort steht, denkt man sich irgendwann still: Vielleicht hätte auch die YouTube-Aufzeichnung gereicht.

Musikjournalismus statt Konzertbesuch: Warum ich lieber Interviews führe 

Ich hatte eigentlich noch nie wirklich Spaß an Konzerten. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich mich irgendwann auf Interviews spezialisiert habe. Reden statt Drängen. Fragen statt Gedränge. Abstand statt Menschenmassen. Und trotzdem führt das Leben einen manchmal genau dorthin zurück, wo man eigentlich nie freiwillig hingewollt hätte: in die Nähe der Bühne.

Meistens läuft es so: Ich gehe zum Interview, treffe die Künstlerinnen und Künstler vorher in einem ruhigen Raum, spreche mit ihnen über Musik, Arbeit, Tourleben. Alles kontrollierbar. Alles in einem Rahmen, der Sinn ergibt. Und dann kommt dieser Moment nach dem Gespräch. „Bleibst du noch fürs Konzert?“ Die Antwort könnt ihr euch denken. Zumindest die ehrliche. Denn ich bleibe selten. In diesem Moment habe ich nämlich einen entscheidenden Vorteil: Ich besitze die ultimative Fluchtkarte. Das Interview muss noch geschrieben werden. Die Deadline wartet. Der Artikel macht sich nicht von allein. Ich muss leider los. Eine Ausrede, die nicht einmal direkt gelogen ist.

Während andere sich Richtung Bühne bewegen, bewege ich mich Richtung Ausgang und fühle mich dabei ungefähr so erleichtert wie jemand, dessen Flug in letzter Sekunde doch nicht gestrichen wurde.

Wer mich wirklich quälen möchte, sollte mich deshalb gar nicht erst spontan zu einem Konzert einladen. Nein, die wahre Gemeinheit besteht darin, mich Wochen vorher zu fragen.

In zwei Wochen.

In drei Wochen.

Vielleicht sogar in einem Monat.

Dann funktioniert die Sache mit der Deadline nämlich nicht mehr. Dann gibt es keinen Interviewtext, hinter dem ich mich verstecken kann. Dann muss ich selbst eine Entscheidung treffen. Und genau dort beginnt mein persönlicher Endgegner. Denn ich bin höflich. Viel zu höflich.

Deshalb sage ich häufig schon zu, bevor mein Gehirn überhaupt Gelegenheit hatte, Einspruch einzulegen.

„Ja, klingt gut.“

„Klar, machen wir.“

„Da bin ich dabei.“

Sätze, die in meinem Mund oft schneller entstehen als Gedanken.

Sekunden später setzt die Verarbeitung ein. Dann sitze ich da und starre auf den Termin im Kalender. Und denke: „Warum genau habe ich zugesagt?“ Von diesem Moment an beginnt ein mehrwöchiger innerer Verhandlungsprozess zwischen Höflichkeit und Ehrlichkeit.

Die Höflichkeit sagt:

„Du hast zugesagt.“

Die Ehrlichkeit sagt:

„Du willst da nicht hin.“

Mittlerweile arbeite ich ernsthaft an meiner Nein-Sagen-Kompetenz. Ein sehr unterschätzter Bereich der Persönlichkeitsentwicklung. Und ich bin zuversichtlich, dass dieser Text hier seinen Teil dazu beiträgt, dass mich künftig deutlich weniger Menschen zu Konzerten einladen werden.

Ich würde ja hingehen.

Ich würde wirklich.

Aber ich will nicht.

Nicht, weil ich die Musik nicht mag.

Nicht, weil ich die Bands nicht schätze.

Sondern weil ich, wie bereits ausführlich beschrieben, in einer sehr speziellen, sehr konstanten Beziehung zu genau dieser Art von Veranstaltungen stehe:

Sie funktioniert besser in der Vorstellung als in der Realität.

Konzertberichte heute: Zwischen Setlist, Floskeln und Instagram-Galerien  

Und Konzertberichte? Die lese ich tatsächlich nur noch, wenn sie redaktionell verfasst wurden. Nicht, weil Redaktionen automatisch bessere Arbeit leisten. Sondern weil dort zumindest noch die Chance besteht, dass jemand versucht hat, mehr zu erzählen als die bloße Tatsache, dass ein Konzert stattgefunden hat. Denn leider besteht ein erschreckend großer Teil der heutigen Konzertberichterstattung aus einer Mischung aus Setlist, Inhaltsangabe und ChatGPT-Floskelsammlung.

Dann liest man Sätze wie:

„Die Stimmung war großartig.“

„Die Fans feierten jede Sekunde.“

„Die Band lieferte eine energiegeladene Performance.“

„Das Publikum sang lautstark mit.“

Vielen Dank für diese bahnbrechenden Erkenntnisse.

Das Problem ist nicht einmal, dass diese Aussagen falsch wären. Das Problem ist, dass sie nahezu alles und gleichzeitig nichts beschreiben. Ein guter Konzertbericht erklärt, ordnet ein, vergleicht, analysiert und beobachtet. Er erzählt eine Geschichte. Er vermittelt Atmosphäre, ohne ständig das Wort Atmosphäre zu benutzen. Heute hingegen habe ich oft das Gefühl, dass manche Texte bereits geschrieben werden könnten, bevor das Konzert überhaupt begonnen hat.

Ein paar Songtitel.

Ein paar Standardformulierungen.

Ein bisschen Begeisterung aus dem Textbausteinkasten.

Fertig.

Vielleicht macht mich das altmodisch. Vielleicht bin ich beruflich verdorben. Aber Songaufzählungen, austauschbare „Die-Stimmung-war-toll“-Absätze und offensichtlich KI-generierte Floskeln lösen bei mir inzwischen eine Form journalistischer Reisekrankheit aus. Körperlich messbar.

Bei Konzertfotos verhält es sich ähnlich.

Denn Konzertfotografie ist Kunst.

Echte Konzertfotografie verlangt Können, Timing, Technik, Erfahrung und oft eine bemerkenswerte Leidensfähigkeit. Gute Konzertfotografen schaffen es, aus wenigen Sekunden im Fotograben Bilder zu machen, die mehr über einen Auftritt erzählen als mancher Bericht auf drei Seiten. Davor habe ich großen Respekt. Die endlosen Bilderstrecken und Instagram-Posts, die heute rund um Konzerte entstehen, sind wiederum ein eigenes Thema.

Und ein Thema, zu dem ich ebenfalls eine Menge zu sagen hätte. Aber das heben wir uns für ein anderes Mal auf.

Man muss ja noch Stoff für die nächste Kolumne haben.

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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

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4 Gedanken zu „Warum mag ich Festivals und Konzerte nicht

  1. Hi,
    Herzlichen Dank für diesen Artikel und ich fühle zu 100% was Du meinst.
    Ich besuche Regelmäßig Bands und oder die Crew da sie Produkte von mir testen wollen oder Abformungen benötigen. Oder ein Notfalleinsatz notwendig ist.
    Auch da kommt dann oft die Frage ob ich noch zum Konzert bleibe. Sehr häufig sage ich auch nein weil ich persönlich lieber wieder heim fahre. Selbst bin ich keine Partymaus und als Lieferant fährt man sozusagen zu einem Hausbesuch.
    Ausnahmen gibt es natürlich dann auch. Bands bzw. Menschen mit denen eine Freundschaft aufgebaut wurde. Da zählt dann das Miteinander und die Zeit die man zusammen, vor dem Auftritt, verbringt.
    Nur von vorne habe ich schon seit einigen Jahren kein Konzert mehr gesehen. Zu eng, zu laut, zu heiß und zu viele Menschen.
    Ich tummel mich dann lieber bei der Konsole rum und analysieren den IEM Sound. Düse dann aber passend ab, um noch vor allen Anderen vom Parkplatz zu kommen.
    Danke für Deine Artikel, ich lese sie immer sehr gern.

    1. Vielen Dank fürs Lesen und dafür, dass du dir die Zeit genommen hast, hier zu kommentieren und deine Sichtweise zu teilen. Ich hatte schon etwas Sorge, dass mich niemand versteht, aber offensichtlich geht es nicht nur mir so. Ja, du bringst es auf den Punkt: Ich sitze auch lieber ganz entspannt in meinen Chill-Klamotten auf dem Sofa, als mich in eine Menschenmenge zu begeben. 🙂

  2. Ja, Wahnsinn Mia. Diese Mischung aus Erleuchtung, Heiterkeit, Belustigung und Mitgefühl übermannt mich gerade total. Und damit meine ich nach den gelesenen Zeilen nur mich selbst und nicht dich. Alles was du schreibst ist so herrlich auf den Punkt gebracht, dass es beinahe gleichzeitig heilt und wehtut. Denn ja, ich bin Konzertgänger und alle deine auf das Papier gebrachten Bilder reflektieren mittlerweile mein eigenes Denken. Und ja, man wird wählerischer und man taktiert tatsächlich mehr. Ein Konzertbesuch ist mittlerweile eine durchgeklügelte taktische …Operation. Der Spaß ist eine optionale Leistung und leider nicht mehr immer gewährleistet.
    Vielen Dank für deine Zeilen. Das war zumindest auch eine spaßige Lehrstunde.

    1. Ich habe hier lediglich ein paar Gedanken zu Papier gebracht. Es ist jetzt bekannt, dass Festivals und Konzerte nicht wirklich mein Fall sind. Gleichzeitig habe ich überhaupt kein Problem damit, wenn andere Menschen gerne auf Konzerte oder Festivals gehen und dort eine schöne Zeit verbringen. Das ist schließlich eine sehr persönliche Vorliebe. Meine Zeilen spiegeln daher ausschließlich meine eigene Sichtweise und meine Erfahrungen wider, genauso, wie es auch im Text bereits beschrieben ist. Jeder darf das natürlich anders empfinden und das ist vollkommen in Ordnung. ❤️

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