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Über die Inflation eines Berufs

Soundcheck Sessions mit Mia

Satirische Abrechnung mit selbsternannten „Redakteuren“ auf Instagram. Über Titelmissbrauch, Verantwortung und echten Journalismus.

Text: Mia Lada-Klein

Wenn „Kollegin“ nur digital gilt

Es gibt da etwas, das mich zunehmend amüsiert, oder wahlweise irritiert: Menschen, die für privat betriebene Online-Magazine schreiben und mich „Kollegin“ nennen. Nein, sind wir nicht direkt.

Wir bewegen uns vielleicht in der gleichen digitalen Atmosphäre, atmen denselben Algorithmus und tippen beide auf Tastaturen, aber das allein macht noch keine Verwandtschaft. Zwischen Journalismus und Content liegt ein Graben, so tief wie der Mariannengraben, und nein, ein Canva-Account ist keine Brücke.

Ich weiß, „Kollegin“ klingt nett, fast wie Teamgeist, aber Team sind wir erst, wenn du auch mal um drei Uhr morgens die Rechtschreibung in einer Eilmeldung überprüfst oder ein Zitat dreifach gegenprüfst, statt einfach Copy-Paste aus der Presseinfo zu machen.

Also, nennen wir die Dinge doch beim Namen: Du machst Content. Ich mach Journalismus. Beides hat seine Daseinsberechtigung, aber bitte, verwechsle Berufung nicht mit Beschäftigung.

Der Unterschied zwischen Beruf und Beschäftigung

Journalismus ist kein Hobby. Kein Freizeitprojekt, kein digitales Tagebuch. Wer Journalist oder Redakteur ist, hat gelernt, wie Verantwortung, Ethik und Handwerk ineinandergreifen. Da steckt ein Studium, ein Volontariat, redaktionelle Erfahrung, Druck, noch mehr Druck und Leidenschaft dahinter.

Ein privat betriebenes Magazin ist etwas anderes. Es kann kreativ, engagiert, meinungsstark sein, aber es ersetzt keine Redaktion. Das ist keine Herabwürdigung, sondern eine notwendige Klarstellung. Denn wenn jeder Journalist ist, ist am Ende niemand mehr Journalist.

Redakteur sein heißt: Verantwortung tragen

Ein Redakteur arbeitet nicht nur mit Worten, sondern mit Wahrheit. Er prüft, filtert, recherchiert, wägt ab. Er weiß, dass jedes Wort Gewicht hat, dass ein Text Haltung bedeutet. Das unterscheidet journalistisches Arbeiten von bloßem Schreiben.

Viele wissen gar nicht, was es heißt, eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit zu haben. Wer im redaktionellen Alltag steht, weiß, dass ein Text nicht endet, wenn er geschrieben ist, sondern wenn er standhält.

ChatGPT macht niemanden zum Journalisten

Und nein, Texte mit KI zu generieren, macht dich nicht zu einem Redakteur. Es macht dich zu einem Anwender. ChatGPT hat kein Gespür für Wahrheit, keine ethische Verantwortung, kein journalistisches Urteilsvermögen. Es kann Worte kombinieren, aber keine Wirklichkeit einordnen.

Journalismus ist kein Algorithmus. Er ist Denken, Recherchieren, Zweifeln, Korrigieren. Und genau das fehlt, wenn man glaubt, ein paar Klicks ersetzten jahrelange Berufserfahrung.

Klar, klingt natürlich mega wichtig, wenn man sich „Redakteur“ in die Insta-Bio schreibt. Hat was Seriöses, klingt so nach Kaffee, Deadline und Weltschmerz. Blöd nur, wenn’s gar nicht stimmt. Also, ihr merkt schon selbst, dass das offenbar ein cooler Job ist? Nur den echten Weg gehen, mit Volontariat, Nachtschichten, Lektoratshölle, das wollt ihr dann lieber nicht. Hauptsache Applaus und ein paar bewundernde DMs für etwas, das ihr nicht seid. Ganz ehrlich: Könnt ihr eigentlich noch in den Spiegel schauen, oder ist da der Zug auch schon längst abgefahren, direkt Richtung Selbsttäuschung oder Größenwahn?

Presseausweis ist kein Accessoire

Ich bin Redakteurin. Das ist keine Selbstzuschreibung, sondern ein Beruf, den ich gelernt habe und für den ich bezahlt werde. Ich trage Verantwortung, Tag für Tag. In meiner Arbeitsvertrag steht die Berufsbezeichnung “Redakteur” drin und dafür bekomme ich am Ende des Monats Geld. Ich habe einen Presseausweis, weil ich journalistisch arbeite und nicht, weil ich mich dafür halte.

Ein Presseausweis ist kein Requisit, sondern eine Verpflichtung. Wer sich selbst als Journalist bezeichnet, ohne je in einer Redaktion gearbeitet zu haben, missbraucht einen Beruf, der auf Glaubwürdigkeit beruht.

Illegal ist das nicht, zumindest noch nicht. Aber wer sich mit einer erfundenen Berufsbezeichnung auf Presseevents schleicht oder damit sonstige Vorteile erschleichen will, balanciert gefährlich nah am Abgrund zwischen Größenwahn und §263 StGB (Betrug). Also, liebe Bio-Redakteure: Wenn ihr schon Journalisten spielt, dann wenigstens ohne Fälschungstatbestand. Sonst macht ihr wirklich Schlagzeilen, nur leider in der Kriminalrubrik.

Journalismus braucht wieder Rückgrat

Ich wünsche mir Ehrlichkeit. Keine Etikettenschwindel, keine selbstverliehenen Titel. Du kannst Autor sein, Blogger, Texter, Content Creator und das ist alles wunderbar. Aber du bist kein Journalist, nur weil du einen Konzertbericht geschrieben hast.

Denn Journalismus ist kein Label, das man sich anheftet. Es ist ein Beruf, der Haltung verlangt, Demut und Rückgrat.

Und hier die unbequeme Wahrheit

Echter Journalismus kostet etwas, das viele nicht mehr aufbringen wollen: Zeit, Mühe, Verantwortung. Es ist einfacher, Texte zu tippen, als Wahrheit zu suchen.
Aber genau deshalb braucht es heute mehr echte Journalistinnen und Journalisten und weniger Selbstdarsteller, die glauben, ein Presseausweis sei ein Filtereffekt.

Denn Worte sind mächtig. Und wer sie ohne Bewusstsein für ihre Wirkung benutzt, ist kein Kollege, sondern Teil des Problems.

@miasraum

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Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

 

 

 

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