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Schmutzki über ihr neues Album Wunder, Konzerte als Rückzugsort, menschliche Fehler, KI-Ängste und den Alltag als Musiker.
Interview: Mia Lada-Klein
Schmutzki aus Stuttgart spielen seit 2011 Punkrock und Indie-Rock, mit scharfen Texten, treibenden Gitarrenriffs und einer gehörigen Portion Humor. Auf ihrem neuen Album Wunder, das am 12. Dezember erschien, bündeln sie genau diese Energie: Hoffnung, ein bisschen Wahnsinn und die Frage, wie man in einer Welt voller Krisen überhaupt noch lächeln kann.
Im Interview spricht Sänger Beat über ihr neues Album, über Konzerte als Fluchtpunkt, den Charme menschlicher Fehler, KI-Ängste, die ewige Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz und darüber, wie viel Arbeit eigentlich hinter „nur Musik machen“ steckt. Spoiler: ziemlich viel.
- Musiker zu sein gilt heute fast schon als Luxus. Siehst du das auch so? Gibt es für junge Bands überhaupt noch realistische Chancen, von diesem Traum zu leben?
Beat: Möglich ist es schon, es gibt ja auch heute viele Beispiele dafür. Gerade im Rockbereich, vor allem auch in den USA, merkt man sogar, dass das Genre wieder an Relevanz gewinnt. Die entscheidende Frage ist allerdings nicht, ob man sichtbar wird, sondern wie man damit Geld verdient. Über Streaming funktioniert das praktisch gar nicht. Am Ende bleiben Konzerte als Haupteinnahmequelle. Und da sieht man gerade eine starke Verschiebung: Kleine Shows und kleine Tourneen sind extrem schwierig geworden, während große Konzerte und Events sehr gut laufen. Die Leute sind eher bereit, für wenige Veranstaltungen viel Geld auszugeben. Große Festivals oder Acts mit Eventcharakter sind voll, während kleine Festivals zunehmend verschwinden. Das bedeutet: Man braucht heute sehr viel Durchhaltevermögen. Ob es früher leichter war, kann ich ehrlich gesagt nicht sagen. Für uns ist es so, dass wir alle noch andere Jobs haben und die Musik eher auf Teilzeitbasis machen. Das entspannt vieles, weil wir nicht jeden Gig annehmen müssen und nicht permanent unter finanziellem Druck stehen. Jungen Leuten würde ich trotzdem sagen: Macht es, wenn ihr wirklich Bock darauf habt. Aber man sollte wissen, dass es ein anstrengender Weg ist.
Der Spagat zwischen Kunst und Kommerz kommt da ja auch dazu. Musik machen ist das eine, aber das ganze Business gehört eben auch dazu.
Beat: Absolut. Das ist ein Teil, den man nicht ausblenden kann, auch wenn man eigentlich nur Musik machen will. Dieser Konflikt begleitet einen ständig.
Schmutzki zwischen Hoffnung, Angst und Verantwortung
Wenn wir den Blick etwas weiten und auf die aktuelle Weltsituation schauen: Du bist Vater, Musiker, aber vor allem Mensch. Hast du manchmal Angst, wenn du dir anschaust, was gerade auf der Welt passiert?
Beat: Ja, auf jeden Fall. Wenn man beobachtet, was mächtige Menschen sagen und tun, bekommt man Angst. Dinge, von denen man lange dachte, sie würden schon nicht passieren, sind plötzlich Realität geworden. Wo das alles hinführt, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich bin grundsätzlich ein Optimist. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Menschen wirklich so dumm sind, wie es manchmal wirkt. Dass bestimmte politische Entwicklungen Realität werden, kann ich emotional kaum nachvollziehen. Es fühlt sich für mich oft surreal an, fast so, als würde eine dunkle Macht über das Internet oder über wirtschaftliche Interessen vieles steuern. Rational weiß ich, dass das absurd klingt, aber emotional fühlt es sich für mich einfach nicht real an. Deshalb denke ich oft: Das wird schon nicht passieren. Wenn man etwa in die USA schaut und sieht, wie politische Entscheidungen dort getroffen werden, glaube ich trotzdem, dass die Mehrheit der Menschen nicht so blind ist, dass sie die Welt sehenden Auges gegen die Wand fahren lässt. Natürlich gibt es viele dämliche Menschen, aber ich glaube nicht, dass sie die Mehrheit sind. Ich glaube außerdem an technologischen Fortschritt und daran, dass es unglaublich viele gute Ideen gibt. Irgendwann wird hoffentlich akzeptiert, dass bestimmte Lebensweisen nicht mehr tragbar sind, etwa beim Thema Ressourcen und Umwelt. Wenn dieses kollektive Erwachen stärker wird, steckt darin enormes Potenzial. Ich fürchte nur, dass es noch etwas dauern wird, bis dieser Punkt erreicht ist.
Damit kommen wir auch zum Titel eures Albums Wunder. Eigentlich brauchen wir genau das gerade, oder? Ein Wunder. Wie schafft man es in einer so krisengebeutelten Zeit, überhaupt noch über Hoffnung zu schreiben?
Beat: Wenn ich darüber nachdenke, was die Aufgabe von Musik ist, gerade auch in unserer Szene, dann gehört natürlich dazu, politisch zu sein und wachzurütteln. Das war schon immer so. Auf der anderen Seite sehe ich aber genauso die Verantwortung, Menschen aus ihrem Kummer und aus ihrer Angst herauszuholen. Ich glaube, am Ende macht die Mischung den Unterschied. Mit Musik, mit Konzerten, den Leuten ein gutes Gefühl zu geben, Hoffnung zu vermitteln und ihnen vielleicht einfach ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, ist für mich eine der größten Aufgaben überhaupt. Wenn ich mich frage, was meine Aufgabe als Musiker und Sänger von Schmutzki ist, dann ist es genau das. Natürlich schreie ich auch Parolen gegen Rechts raus, und das auch mit voller Überzeugung. Aber mein innerer Antrieb ist oft ein anderer: Ich will sagen, kommt, lasst uns gemeinsam eine gute Zeit haben. Nicht im Sinne von Verdrängen oder „Scheiß auf alles“, während wir dem Abgrund entgegenrasen. Das ist nicht mein Ansatz. Mir geht es vielmehr darum, in dieser dunklen Zeit Freude und Liebe zu schenken, einfach so, ohne große Bedingungen.
Konzerte können dann so etwas wie ein geschützter Raum sein. Zwei Stunden raus aus den Nachrichten, raus aus der Dauerbeschallung von schlechten Meldungen. Da tut es gut, einfach mal auf ein Konzert zu gehen und sich bewusst nicht mit Politik oder Weltuntergangsszenarien zu beschäftigen. Hast du als Künstler aber auch Angst davor, dass Musiker irgendwann durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden? Billy Corgan von Smashing Pumpkins hat ja einmal im “Zeit”-Interview gesagt, dass es in Zukunft immer weniger Bands geben werde, dafür mehr KI-generierte Musik und dass sogar die Live-Szene langsam aussterben könnte. Gibst du ihm da recht?
Beat: Das kann ich ehrlich gesagt nicht so eindeutig beantworten. Wenn man sich zum Beispiel diese ABBA-Show in London anschaut, bei der mit Projektionen gearbeitet wird und keine klassische Band mehr auf der Bühne steht, dann ist das schon irgendwie gruselig. Da geht es ja nicht nur um KI-generierte Musik, sondern auch darum, Menschen zu projizieren und Konzerterlebnisse künstlich zu erschaffen. Für mich persönlich kann ich mir trotzdem nicht vorstellen, dass das ein echtes Konzert ersetzt. Vielleicht liegt das auch an meinem Alter, ich bin jetzt um die 40 und habe meine prägende Konzertzeit zwischen 15 und 25 erlebt. Dieses echte Gefühl, wenn Menschen auf der Bühne stehen, schwitzen, Fehler machen, miteinander reagieren, das gehört für mich untrennbar dazu.
Menschliche Fehler statt perfekter Algorithmen
Also ist es vor allem das Menschliche, das für dich nicht ersetzbar ist?
Beat: Absolut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich geil ist, auf ein Konzert zu gehen, bei dem niemand spielt und alles nur animiert ist. Klar, ich habe auch schon KI-produzierte Musik gehört, bei der man denkt: Wow, das klingt beeindruckend. Aber genau da liegt für mich auch das Problem. Der Reiz von Musik, gerade auch live, liegt doch in der Unvollkommenheit. In den kleinen Fehlern, im Verspielen, darin, dass ein Song vielleicht sogar mal abgebrochen wird, weil etwas schiefläuft. Das ist für mich essenziell. Da lebt Musik. Deshalb werde ich auch nie eine Platte feiern, die perfekt klingt.
Viele Fans sagen heute Ähnliches. Dass ältere Alben oft mehr Charakter haben als neue, technisch perfekte Produktionen.
Beat: Ich liebe viele Bands, aber bei manchen denke ich mir auch: Eure alten Platten mag ich lieber. Da hört man noch, dass Menschen gespielt haben. Dass nicht alles glattgezogen wurde. Und live ist das genauso. Ich liebe Konzerte, bei denen nicht alles nach Plan läuft. Für mich gehört das zum Kern von Musik. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass KI das wirklich ersetzt. Für kommende Generationen will ich da keine Prognose abgeben, aber wenn ich mir meinen Sohn anschaue und ihm Videos von Bands zeige, in denen jemand wirklich Schlagzeug spielt oder Gitarre, dann ist er sofort begeistert. Das fasziniert ihn. Und genau dieses Funkeln kann keine Maschine erzeugen.
Die Entwicklung ist trotzdem rasant. KI war vor einem Jahr noch ein Randthema und ist heute überall präsent, nicht nur in der Musik, sondern auch in ganz anderen, teilweise sehr sensiblen Bereichen. Die Welt verändert sich extrem schnell. Und wenn man über KI spricht, dann reden wir ja nicht nur über Musik, sondern auch über Themen wie Krieg, Macht und Kontrolle. Das ist vielleicht sogar noch viel beängstigender. Aber gerade deshalb halte ich auch an deiner Aussage fest: Musik muss roh bleiben dürfen. Viele aktuelle Produktionen klingen extrem steril, fast so, als wären sie durch eine Schablone gepresst. Als Hörer stelle ich mir Musik immer auch live vor. Wenn ein Album so glatt produziert ist, dass klar wird, dass das auf der Bühne niemals so klingen kann, verliert es für mich an Glaubwürdigkeit. Aber kommen wir zu Kunst und Kommerz und zum Spannungsverhältnis. Wenn ihr auf eure bisherige Laufbahn zurückblickt: Welche Kompromisse musstet ihr als Band eingehen, die euch vielleicht auch selbst wehgetan haben? Gab es Momente, die desillusionierend waren?
Beat: Wir haben eigentlich ziemlich konsequent auf unseren inneren Kompass gehört. Wir sind zu dritt und es war immer so: Wenn einer von uns etwas scheiße fand, dann wurde es nicht gemacht. Das hat uns oft vor größeren Fehlentscheidungen bewahrt. Rückblickend würde ich sagen, dass wir manchmal ein bisschen zu sehr in eine Richtung gegangen sind, die ich heute als leicht plump oder dummbatzig bezeichnen würde. In dem Moment dachten wir, das kommt gut an, das funktioniert so. Heute sieht man das natürlich differenzierter. Aber im Großen und Ganzen glaube ich, dass wir viele Dinge richtig gemacht haben.
Ihr wart ja auch bei einer großen Plattenfirma. Gab es dort Versuche, euch stärker in eine kommerzielle Richtung zu lenken?
Beat: Ja, definitiv. Gerade bei den ersten beiden Platten, als wir bei einem Major-Label waren, gab es viele Versuche, uns zu pushen. Es hieß oft, das sei nicht hittig genug. Man hatte das Gefühl, sie warteten darauf, dass wir die nächsten Kraftklub werden und plötzlich ein paar große Hits raushauen. Das ist aber einfach nicht passiert. Und dann kamen natürlich Vorschläge: andere Produzenten, externe Songwriter, solche Sachen. Das war auf eine Art auch spannend, aber für uns hat es sich nicht richtig angefühlt. Es hätte bedeutet, unsere Komfortzone sehr deutlich zu verlassen.
Was hätte das konkret bedeutet?
Beat: Wahrscheinlich hätten wir unser ganzes Leben stärker auf die Band ausrichten müssen. Vielleicht nach Berlin ziehen, alles dem Projekt unterordnen, auch private Beziehungen und unser Umfeld. Um diese Maschinerie wirklich ernsthaft zu bedienen, hätten wir vieles aufgeben müssen. Das wollten wir nicht. Natürlich denkt man rückblickend manchmal: Hätten wir das gemacht, wären wir vielleicht kommerziell komplett durch die Decke gegangen. Oder eben auch nicht. Das weiß man nicht. Fakt ist: Uns gibt es jetzt seit fast 15 Jahren immer noch. Viele andere Bands, die damals vielleicht einen größeren Hit hatten, gibt es heute nicht mehr. Insofern denke ich oft, dass wir unterm Strich vieles richtig gemacht haben.
Gibt es trotzdem Momente, in denen du denkst: Da hätten wir mehr riskieren können?
Beat: Klar, manchmal denke ich schon: Schade, vielleicht hätte man an der einen oder anderen Stelle noch etwas mehr ausprobieren können. Aber das ist kein schmerzhafter Gedanke. Es fühlt sich eher nach einem normalen Rückblick an, den man nach so vielen Jahren automatisch macht. Einen Moment, in dem ich gedacht habe: Jetzt verstehe ich die Welt nicht mehr oder das hat mich richtig gebrochen, den gab es zum Glück nie.
Gibt es heute Aspekte im Musikbusiness, die sich für dich eher nach einem notwendigen Kompromiss anfühlen?
Beat: Social Media. Wenn ich ehrlich bin, würde ich mich dort deutlich weniger zeigen, wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass man das heute einfach machen muss. Man muss die Leute abholen, man muss sichtbar bleiben, sonst findet man nicht mehr statt. Das ist so ein Punkt, bei dem ich manchmal merke, dass es mich ein bisschen drängt. Ich mache es, weil ich denke, dass es notwendig ist. Und ja, es macht auch teilweise Spaß. Aber es ist nicht der Teil des Musikerlebens, der mir am nächsten ist.
Ja, ein Blick auf den Alltag als Musiker. Es geht ja längst nicht mehr nur um die Musik selbst. Man muss unzählige Plattformen bespielen: Instagram, TikTok, YouTube, jede mit eigenem Algorithmus und eigenen Regeln. Vieles, was hier funktioniert, funktioniert dort gar nicht. Würdest du sagen, dass Musik heute wirklich nur noch einen kleinen Teil eurer Arbeit ausmacht?
Beat: Intern sind wir da ziemlich klar aufgeteilt. Bei uns ist es so, dass Dany der kreative Kopf ist. Er hält sich aus vielen organisatorischen Dingen bewusst raus, will das auch gar nicht alles wissen. Für ihn steht die kreative Arbeit im Vordergrund. Flo wiederum kümmert sich um den ganzen Social-Media- und Verwaltungsbereich. Er postet, beantwortet Nachrichten, hat die Zahlen im Blick und verwaltet auch das Budget, wenn wir Geld investieren. Ich selbst liefere eher den inhaltlichen Input und übernehme viele organisatorische Themen im Hintergrund. Deshalb kann ich pauschal gar nicht sagen, dass Musikmachen nur zehn Prozent unserer Arbeit ausmacht. Das ist sehr unterschiedlich, je nachdem, wen man fragt.
Wie sieht das bei euch konkret aus?
Beat: Bei Dany ist der Musikanteil wahrscheinlich deutlich höher, auch wenn er sich zusätzlich um Grafiken und visuelle Dinge kümmert. Ich würde sagen, bei ihm sind es vielleicht 50 bis 60 Prozent Musik, der Rest sind kreative Nebenbereiche. Bei mir ist es fast umgekehrt. Der Anteil, in dem ich tatsächlich neue Musik kreiere, liegt eher bei etwa zehn Prozent. Natürlich zählt das Spielen von Konzerten auch dazu, das ist ja ebenfalls Musikmachen. Aber wenn man rein von der kreativen Entstehung spricht, ist das bei mir tatsächlich nur ein kleiner Teil meiner Gesamtarbeit.
Das ist spannend, weil viele das gar nicht auf dem Schirm haben. Ähnlich ist es ja auch im Journalismus: Ein Interview zu führen ist das eine, die eigentliche Arbeit beginnt oft danach, mit Ausarbeitung, Feinschliff und Einordnung. Zum Schluss noch eine kurze Klarstellung: Wunder ist seit dem 12. Dezember als Album draußen und verfügbar?
Beat: Genau. Es sind sieben Songs. Bei Streamingdiensten wie Spotify gilt das dann als Album, ansonsten rutscht es in der Diskografie sehr weit nach unten. Deshalb haben wir uns entschieden, es offiziell als Album zu bezeichnen. Faktisch ist es natürlich irgendwo zwischen EP und Album, unsere letzte EP hatte sechs Songs, das war eher ein Mini-Release.
Beat, danke dir für deine Zeit und wir sehen uns wieder.
Beat: Sehr gerne.
Mehr zur Band Schmutzki findet ihr in den Socials.
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Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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