Soundcheck Sessions mit Mia (Interview)
Tiger Lilly Marleen ist die Frontfrau der Berliner Punk-Rock/Killbilly-Band Bonsai Kitten. Im Interview spricht sie über Sexismus, Musikbusiness, Spotify und KI sowie strukturelle Ungleichheiten.
Interview: Mia Lada-Klein
Bild: Bonnie Bones
Tiger Lilly Marleen ist die Frontfrau der Berliner Punk Rock und Killbilly Band Bonsai Kitten sowie Gründerin der Gemeinnützige Organisation von „Artists for Peace“. Bekannt für eine markante Stimme, auffällige Outfits und vor allem eine Haltung, die klarer nicht sein könnte.
Auch im Interview bleibt davon nichts auf der Strecke. Marleen nimmt kein Blatt vor den Mund, was in ihrem Fall weniger wie eine Redewendung klingt, sondern eine Tatsache ist. Frauenquote, fehlende Lobby im Kreativbereich, der feine, oft sehr deutsche Unterschied zwischen Hobbymusik und Berufsalltag oder die ganz eigenen Dynamiken von Konkurrenz innerhalb und zwischen den Geschlechtern. Alles landet auf dem Tisch, nichts wird hübsch verpackt.
Dazu kommen Anekdoten, die irgendwo zwischen Kopfschütteln und trockenem Lachen liegen, je nachdem, wie nah man selbst an der Materie steht. Marleen sortiert nicht nach Wohlfühlfaktor, sondern nach Erfahrung. Das kann unbequem sein, ist aber selten belanglos.
Wer sich darauf einlässt, bekommt keine vorsichtige Annäherung, sondern klare Kante mit Nachdruck. Keine Umwege, kein diplomatisches Warmhalten, sondern eine Stimme, die sagt, was sie denkt und genau weiß, dass das nicht jedem gefallen wird.
Buddyism und die unsichtbaren Netzwerke der Musikbranche
Du bist eine Frau, die Musik macht. Was regt dich momentan an der Musikbranche am allermeisten auf, aus Frauensicht und auch allgemein aus Künstlersicht?
Marleen: Was mich wirklich aufregt, ist etwas, das ich „Buddyism“ nennen würde. Das Wort gibt es vielleicht schon, aber ich würde es gern so etablieren. Ich habe den Eindruck, dass sich viele Dinge in der Branche über Beziehungen, Kumpelschaften und informelle Netzwerke entscheiden. Also dass sich Typen, Veranstalter und Künstler gegenseitig Jobs, Auftritte, Slots und Möglichkeiten zuschustern. Als wäre es so etwas wie: Wir teilen uns eine Zigarette oder trinken zusammen ein Bier, also bekommst du jetzt auch einen Slot auf meinem Festival.
Hast du da eine gute Geschichte für mich?
Marleen: Ich hatte letztes Jahr eine Situation, die das für mich sehr klar gemacht hat. Ich stand mit einem Kumpel aus Berlin zusammen, der gerade erst hergezogen war. Er wollte wieder Musik machen, hatte aber noch keine Band, keine Songs, eigentlich noch nichts Konkretes. In dem Moment kommt ein Veranstalter dazu, den er schon aus der Szene kannte. Wahrscheinlich hat man schon mal zusammen etwas getrunken oder sich auf Events gesehen. Mein Kumpel erzählt ihm, dass er gerade dabei ist, eine Band zu suchen. Und der Veranstalter bucht ihn einfach direkt auf sein Festival, ein halbes Jahr später, obwohl es diese Band noch gar nicht gibt. Ungehört, ungesehen, ohne Material. Einfach aus dem Bauch heraus, aus der Beziehung heraus. Und ich stehe daneben. Mit 20 Jahren Band-Erfahrung, DIY, alles selbst aufgebaut und werde in solchen Kontexten nie gefragt oder eingeladen. Und das ist für mich genau dieser Mechanismus. Es geht nicht um Qualität oder Erfahrung, sondern um Nähe, Sympathie, Trinkfestigkeit, was auch immer. Ich will gar nicht sagen, dass das nur ein Männerproblem ist, aber es ist ein strukturelles Problem in der Branche. Und das frustriert mich.
Das klingt nach einem ziemlich klaren Bild von Ungleichverteilung und auch von Netzwerken, die sehr geschlossen funktionieren. Du hast eben schon dieses Wort „Buddyism“ eingeführt. Was wäre denn die Alternative aus deiner Sicht?
Marleen: Ich glaube nicht, dass die Lösung ist, einfach nur dagegen zu sein oder das System zu kritisieren. Mir geht es eher darum, etwas Eigenes dagegenzusetzen. Ich finde, wir brauchen so etwas wie einen „Sisterism“. Also dass Frauen in der Musikbranche anfangen, ähnlich konsequent Netzwerke zu bilden, sich gegenseitig zu unterstützen, sich Sichtbarkeit zu geben und nicht in diesen Konkurrenzmodus zu verfallen. Es geht mir dabei nicht um ein Gegeneinander zu Männern, sondern um ein bewusstes Miteinander unter Frauen. Egos runterfahren, wirklich teilen, Reichweite weitergeben, Empfehlungen aussprechen, sich gegenseitig auf Bühnen bringen.
Tiger Lilly Marleen: Sisterism als Gegenentwurf
Das ist ein spannender Gedanke. Klingt auch sehr aktiv und nicht nur nach Kritik, sondern nach einem konkreten Ansatz. Du hast ja auch eben schon angedeutet, dass du da etwas aufbauen willst. Magst du darüber ein bisschen erzählen?
Marleen: Ja, genau. Ich bin gerade dabei, so etwas wie einen kleinen Club oder ein Netzwerk aufzubauen. Die Idee ist, dass wir uns real treffen, nicht nur online. Bei mir zu Hause, am großen Tisch, in regelmäßigen Abständen. Zu bestimmten Momenten, vielleicht an Vollmond- oder Neumondphasen, oder auch zu symbolischen Nächten wie Walpurgis. Und dort soll es darum gehen, dass Frauen aus der Musikbranche zusammenkommen, die sich teilweise noch gar nicht kennen. Dass man sich austauscht, erzählt, was man gerade macht, wo man steht, was man braucht. Und dann geht es ganz konkret darum, Verbindungen zu schaffen. Wer kann wen supporten, wer kann wen auf ein Line-up holen, wer kann wen empfehlen, wer kann Reichweite teilen. Also wirklich ein Netzwerk im praktischen Sinn, nicht nur ein Gefühl von Gemeinschaft. Sondern etwas, das im Alltag der Branche tatsächlich Wirkung entfaltet.
Ich finde die Idee ehrlich gesagt ziemlich stark. Und ich merke auch, dass sie aus einer echten Beobachtung heraus kommt, nicht aus einer Theorie. Wenn ich mal in Berlin bin, sage ich dir übrigens Bescheid.
Marleen: Sehr gerne. Genau darum geht es ja auch, dass es real wird und nicht nur eine Idee bleibt.
Nichtsdestotrotz, die Welt wird ja nicht unbedingt netter. Oder? Frauenquote hin oder her. Was mein Gehalt angeht, da fehlen mir auch ein paar Zentimeter, um mehr zu bekommen. Dabei geht es mir gar nicht ums Geld im Speziellen, aber da läuft was ziemlich schief.
Marleen: Ja, ich verstehe den Punkt total. Und ich glaube, das ist auch genau der Schmerz daran. Wir sind alle in einer Kultur aufgewachsen, die sich über sehr lange Zeit entwickelt hat. Und in dieser Struktur sind Frauen in vielen Bereichen, ob Musikbusiness, Journalismus oder andere kreative Felder, immer noch oft abhängig von Männern, die in entscheidenden Positionen sitzen. Das heißt, irgendwo muss immer noch jemand über uns eine Art Legitimation aussprechen, damit wir weiterkommen. Und das ist das Grundproblem. Dadurch entsteht natürlich auch dieser Druck, sich attraktiv zu präsentieren, im weitesten Sinne, um überhaupt Zugang zu bekommen. Und genau daraus entstehen dann diese Dynamiken von Konkurrenz, Eifersucht oder Neid unter Frauen. Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein erlerntes System. Aber wir müssen davon wegkommen.
Attraktiv präsentieren? Warum muss ich da an Social Media denken? Glaubst du denn gar nicht an diesen Gedanken „Ich schminke mich nur für mich“?
Marleen: Ehrlich gesagt nein. Ich glaube nicht, dass das die ganze Wahrheit ist. Natürlich kann jemand sagen, dass er sich für sich selbst schminkt und subjektiv fühlt sich das vielleicht auch so an. Aber wenn man es ganz ehrlich betrachtet, lebt das alles in einem sozialen Kontext. Man geht ja nicht nur geschminkt durch die eigene Wohnung oder in eine Art Vakuum. Es gibt immer einen Blick von außen, der mitgedacht wird. Selbst wenn er nicht bewusst ist. Und das ist auch nichts, was ich moralisch verurteile, das ist einfach die Realität sozialer Prägung.
Tiger Lilly Marleen: Augenhöhe als Ausnahmezustand
Sind das Themen, die dich auch künstlerisch beschäftigen? Also fließen Feminismus oder Sexismus auch in deine Songs ein? Und hast du solche Erfahrungen selbst gemacht, vielleicht in Form von Übergriffen oder blöden Sprüchen?
Marleen: In meine Songs fließen solche Themen auf jeden Fall ein, ja. Aber ich würde sagen, weniger als konkrete Schlagworte, eher als Erfahrungen oder Beobachtungen, die sich insgesamt in meiner Arbeit spiegeln. Was Übergriffe betrifft, muss ich sagen, dass ich persönlich relativ wenig in dieser extremen Form erlebt habe. Also keine körperlichen Übergriffe und auch auf der Bühne eher selten etwas in dieser Richtung. Aber Sexismus zeigt sich oft viel subtiler, eher in diesen Business-Kontexten.
Wie meinst du das konkret?
Marleen: Es sind oft diese Situationen, in denen man eigentlich denkt, man begegnet sich auf Augenhöhe. Zum Beispiel nach Shows oder in Gesprächen mit anderen Musikern. Man redet über Songwriting, über Prozesse, über Arbeit. Und es fühlt sich erstmal wirklich gleichwertig an. Und dann kippt es plötzlich in etwas anderes. Da kommt dann irgendwann so ein Satz wie: „Du kannst ja noch mit ins Hotel kommen.“ Und in dem Moment denkt man sich nur, was ist das gerade? Wir hatten gerade ein Gespräch auf einer völlig anderen Ebene. Das war kein Flirt, kein Signal in diese Richtung, sondern ein Austausch über Musik. Und genau diese Brüche sind es, die irritieren. Dieses plötzliche Zurückfallen in ein Muster, in dem man als Frau wieder anders gelesen wird.
Das kennt leider jede Frau, ja. Das heißt, es geht weniger um einzelne extreme Situationen, sondern eher um dieses ständige unterschwellige Verschieben von Rollen?
Marleen: Genau. Und das zieht sich auch durch andere Bereiche, vor allem wenn ich meine Band selbst manage oder booke. Da habe ich oft das Gefühl, es gibt zwei Reaktionen. Entweder dieses „Ach, wir helfen dem kleinen Mädchen jetzt mal“, obwohl ich seit 20 Jahren in der Szene bin. Oder es wird sofort eine andere Ebene aufgemacht, etwas in Richtung persönlicher Nähe oder unterschwelliger Erwartungen. Selten ist es einfach nur: „Ich finde eure Musik gut, lass uns professionell arbeiten.“ Dieser ganz normale, klare, respektvolle Rahmen ist erstaunlich oft mit einem Beigeschmack versehen. Und genau das ist das eigentlich Anstrengende daran.
Was hältst du von der Frauenquote? Ist das sinnvoll oder eher problematisch?
Marleen: Ja, das ist absolut sinnvoll. Weil niemand macht irgendetwas freiwillig in dem Sinne. Also es passiert nicht einfach so, dass sich Strukturen von selbst verändern. Und ich hasse ehrlich gesagt dieses typische Geschwafel, das dann meistens von Männern kommt. Nach dem Motto: „Ja, aber wenn die Frau dann gar nicht so gut ist…“ Aber die Realität ist doch: Viele Männer sind auch nicht automatisch „so gut“. Es geht ja nicht um ein Naturgesetz von Kompetenz. Man muss es einfach ausprobieren. Und dann soll die Realität entscheiden. Aber dafür muss man Frauen überhaupt erstmal in diese Positionen bringen, damit sie zeigen können, was sie können. Ohne Zugang keine Entwicklung. So einfach ist das. Deshalb: Ja, ich bin klar für eine Quote, in jedem Bereich. Ob Führungskräfte oder Bands, überall da, wo Strukturen festgefahren sind.
Was wäre denn aus deiner Sicht ein sinnvoller Ansatz, um das konkret umzusetzen? Gerade im Musikbereich, zum Beispiel beim Booking von Festivals. Sollte man da gesetzlich eingreifen und sagen: Bei zehn Acts müssen fünf davon weiblich sein?
Marleen: Ich verstehe den Gedanken dahinter, aber ich glaube, so einfach ist es in der Praxis nicht durchsetzbar. Festivals haben ja nicht diese absolute Machtposition, wie man vielleicht von außen denkt. Das ist ein wirtschaftliches System, das sehr stark von den großen Zugpferden abhängt. Die angesagten Bands verkaufen Tickets, die bestimmen mit, wie viele Menschen kommen. Und am Ende geht es vielen Veranstaltern schlicht darum, dass das Festival ausverkauft ist. Ob da eine Frauenband spielt oder nicht, ist in vielen Fällen leider nicht der erste Gedanke. Nicht unbedingt aus bösem Willen, sondern eher aus Gewohnheit und aus dem Weg des geringsten Widerstands. Dann passiert genau das, was wir überall sehen: Es stehen am Ende vor allem Männerbands auf den großen Line-ups. Einfach weil sie sichtbarer sind, weil sie früher etabliert wurden, weil sie präsenter sind.
Wo müsste man dann ansetzen, wenn nicht über harte Quoten auf großen Festivals?
Marleen: Ich glaube, man muss viel früher anfangen. Weiter unten in der Struktur. Denn das Problem ist ja nicht nur die Sichtbarkeit oben, sondern die Entwicklung darunter. Frauen hatten historisch viel weniger Möglichkeiten, sich in diese Rollen reinzuentwickeln. Weniger Role Models, weniger Unterstützung, weniger Selbstverständlichkeit. Ein ganz banales Beispiel: Jungs bekommen oft früher eine Gitarre geschenkt. Mädchen eher etwas anderes. Das klingt klein, aber das summiert sich über Jahre. Dadurch entsteht eine Ungleichheit in Erfahrung. Und wenn dann später eine Band bewertet wird, heißt es schnell: „Die sind noch nicht so gut.“ Ja, aber sie hatten auch weniger Zeit und weniger Zugang, das überhaupt zu werden.
Das heißt, es ist nicht nur eine Frage von Sichtbarkeit, sondern auch von Entwicklungsmöglichkeiten über Jahre hinweg?
Marleen: Genau. Und deshalb ist eine Quote im ganz großen Businessbereich allein schwierig, weil sie nur das Ergebnis betrachtet, nicht den Weg dahin. Vielleicht müsste man eher bei kleineren Festivals anfangen, bei Förderstrukturen, bei Nachwuchs, bei Line-ups im Aufbau. Und gleichzeitig muss sich auch kulturell etwas ändern. Im Punk zum Beispiel gab es ja diesen Gedanken: Wir konnten unsere Instrumente noch nicht perfekt spielen, aber wir haben es trotzdem gemacht. Das wurde als Energie gefeiert, als Haltung. Und genau das ist der Punkt, der mir wichtig ist: Wenn Männer das machen, ist es oft „roh, authentisch, aufregend“. Wenn Frauen das machen, heißt es schnell: „nicht gut genug“. Und das ist der eigentliche Widerspruch.
Bewusstsein im Dauerbetrieb
Du hast vorhin gesagt, du bist jetzt schon seit 20 Jahren im Business. Findest du, es hat sich in dieser Zeit etwas zum Positiven verändert oder sind wir immer noch ziemlich hinterher?
Marleen: Es hat sich definitiv etwas verändert, ja. Aber ehrlich gesagt ist das meiste davon erst in den letzten zehn Jahren wirklich ins Rollen gekommen. Und noch mal stärker in den letzten fünf Jahren. Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass wir als Gesellschaft langsam reifer werden. Wir finden überhaupt erst Worte für Dinge, die vorher einfach da waren, aber nicht benannt wurden. Zum Beispiel psychologische Strukturen, Narzissmus, Empathie, Traumata. Das ist alles erst in den letzten Jahren wirklich gesellschaftsfähig geworden. Dass Menschen anfangen, darüber zu sprechen, sich darin wiederzufinden, sich selbst zu reflektieren. Und genau da beginnt eigentlich erst die eigentliche Auseinandersetzung.
Gleichzeitig gibt es ja auch sehr viel Content dazu, gerade auf Plattformen wie TikTok oder Instagram. Da muss man ja auch stark filtern.
Marleen: Absolut. Und ich finde es wichtig, da sehr vorsichtig zu sein. Es gibt dort viel Wertvolles, keine Frage. Aber auch sehr viel Unsinn. Und nicht alles, was gut klingt oder gut verpackt ist, ist auch wirklich hilfreich. Deshalb braucht es immer einen Filter im Kopf. Sonst übernimmt man Dinge, die vielleicht gar nicht zu einem gehören.
Du beschäftigst dich aber auch viel mit psychologischen Themen, also mit Trauma, innerem Kind und solchen Dingen, oder?
Marleen: Ich beschäftige mich damit schon sehr lange, einfach aus Interesse, aber auch aus persönlicher Erfahrung. Und ich habe das Gefühl, dass viele dieser Themen eigentlich sehr tief in uns allen sitzen. Dieses Bedürfnis, gesehen zu werden, geliebt zu werden, akzeptiert zu sein. Dieses „Guck mich an, bestätige mich“-Prinzip zieht sich durch sehr viele Lebensbereiche. Auch in ganz unterschiedlichen Kulturen. Und ich glaube, ein Teil davon ist eine Art Kompensation. Für innere Leere, für fehlende Verbindung, für Dinge aus der Kindheit. Wir lenken uns extrem viel ab. Wir halten kaum noch Langeweile aus. Kaum noch Stille. Kaum noch wirkliches Alleinsein.
Gleichzeitig klingt das auch nach einem Gegenentwurf, den du beschreibst. Mehr Natur, mehr bei sich sein, weniger Vergleich.
Marleen: Ja, ich glaube, das kommt auch gerade wieder mehr zurück. Vielleicht weil viele merken, dass diese Dauerablenkung nicht wirklich erfüllt. Dass es irgendwann nicht mehr reicht. Mehr in die Natur gehen, mehr mit sich selbst sein, Frust aushalten lernen, nicht sofort ausweichen. Und dadurch vielleicht auch diesen inneren Wert nicht mehr so stark von außen abhängig machen.
Viele Menschen wollen heute einfach nur unterhalten werden. Dieter Lange meinte kürzlich in einem Podcast, dass Menschen sich selbst dadurch unten halten. Und das ist der schwierige Teil daran. Erkenntnis, Entwicklung, innere Arbeit, das geht immer nach oben, im übertragenen Sinn. Aber der Weg dahin kostet etwas. Und viele wollen das Ziel, aber nicht den Preis dafür zahlen. Woran liegt das deiner Meinung nach?
Marleen: Ich glaube, das hängt sehr stark mit dem System zusammen, das wir uns aufgebaut haben. Also mit der Kultur, aber auch mit dem Kapitalismus insgesamt. Das Ganze funktioniert ja im Grunde so, dass eine innere Leere permanent gefüllt werden soll. Dass Mangel überdeckt wird, dass Verletzlichkeit nicht gezeigt wird, sondern eher kaschiert. Und dadurch entsteht eine Struktur, in der wir alle irgendwie funktionieren müssen. Wir sind in dieses System hineingeboren worden. Wir müssen Geld verdienen, wir müssen uns präsentieren, wir müssen uns verkaufen. Und immer wenn man sich selbst vermarkten muss, wird es schnell unangenehm und auch ein Stück weit unecht.
Zwischen Haltung und Plattformlogik
Gerade für Künstlerinnen und Künstler ist das ja ein permanenter Teil der Arbeit. Man muss sich ja auch sichtbar machen. Du findest das trotzdem schwierig?
Marleen: Ja, total. Ich finde diesen Teil ehrlich gesagt oft unangenehm, manchmal sogar lächerlich. Dieses klassische „Unsere neue Single, hört mal rein“ oder „Kauft das bitte“. Das fühlt sich für mich oft nicht gut an, wenn es so aus dem Mangel heraus kommt. So nach dem Motto: „Bitte bestätigt mich jetzt, bitte hört mich jetzt, bitte gebt mir Wert.“ Das ist eine Energie, die ich schwer aushalten kann.
Aber es ist ja trotzdem Teil des Jobs. Gerade als Band oder Act kommt man ja nicht drum herum.
Marleen: Ja, absolut. Das ist auch der Widerspruch darin. Es geht weniger darum, dass man es nicht machen darf, sondern eher darum, wie man es macht. Es gibt da einen großen Unterschied in der Energie. Man kann etwas aus einem Mangel heraus kommunizieren. Also aus einem Gefühl von „Ich brauche das jetzt, sonst bin ich nichts“. Oder man kann etwas teilen, weil man wirklich begeistert ist. Weil man etwas erschaffen hat und das mit Menschen teilen möchte. Das ist eine komplett andere Haltung.
Das heißt, es ist eher eine Frage der inneren Haltung als der reinen Handlung?
Marleen: Genau. Aber es ist trotzdem ein schmaler Grat, weil der Mangel ja oft trotzdem da ist. Selbst wenn man etwas liebt, schwingt diese Ebene manchmal mit. Dieses Bedürfnis, gesehen zu werden, bleibt ja trotzdem menschlich.
Würdest du sagen, dass Menschen da unterschiedliche „Stufen“ haben?
Marleen: Ja, auf jeden Fall. Es gibt Menschen, die brauchen kaum Bestätigung und sind sehr stabil in sich. Und es gibt andere, die extrem stark auf Aufmerksamkeit reagieren. Das ist eine riesige Spannbreite. Von sehr unabhängig bis hin zu sehr abhängig von äußerer Reaktion.
Du bist ja nicht nur Solo unterwegs, sondern auch in einer Band. Wie würdest du dein aktuelles Setup beschreiben?
Marleen: Eigentlich bin ich historisch gesehen eher aus einer Bandstruktur gekommen. Ich habe vor über 20 Jahren eine Band gegründet mit dem Gedanken, eine Art Gemeinschaft zu haben. Kein klassisches „Ich bin die Chefin und ihr macht, was ich sage“, sondern eher ein Kollektiv. Freunde, die zusammen Musik machen, zusammen sitzen, essen, Ideen entwickeln, Songs bauen. Dieses Gefühl von Team.
Und das hat sich über die Jahre verändert?
Marleen: Ja, stark. Über die Jahre hat sich das Line-up immer wieder verändert, bis irgendwann niemand aus der ursprünglichen Besetzung mehr da war. Dadurch wurde es von außen teilweise als Soloprojekt wahrgenommen. Für mich selbst war das aber nie ganz korrekt beschrieben, weil es immer noch ein gemeinsamer Prozess ist. Ich schreibe zum Beispiel viele Songs gemeinsam mit meinem Gitarristen. Es ist also sehr kollaborativ.
Und trotzdem gibt es auch den Gedanken eines Soloprojekts?
Marleen: Ja, der entsteht gerade parallel. Ich habe die Idee, ein eigenes Soloprojekt zu machen, das dann auch klar in eine andere Richtung geht, unter anderem auf Deutsch. Aber gleichzeitig bleibe ich in dieser Bandstruktur, weil mir dieses gemeinsame Arbeiten wichtig ist. Ich will kein System, in dem einer vorne steht und alle anderen nur funktionieren. Das war nie der Gedanke dahinter.
Dann komme ich vielleicht zu einer Frage, die die Musikbranche ja schon lange beschäftigt. Von Taylor Swift über Harry Styles bis hin zur lokalen Band aus dem Nachbarort: Spotify! Fluch oder Segen?
Marleen: Ich würde sagen: eher ein Fluch, der sich als Segen verkleidet.
Das ist eine ziemlich pointierte Formulierung. Like it.
Marleen: Ja, aber ich glaube, das trifft es ganz gut. Das Perfide an diesen Plattformen ist, dass sie extrem clever aufgebaut sind. Spotify und auch andere Social Media Strukturen haben uns erstmal etwas sehr Attraktives gegeben: Reichweite, Sichtbarkeit, die Idee, dass plötzlich alle alles hören können. Und natürlich gewöhnt man sich daran. Man baut sich Communitys auf, man wird sichtbar, man fühlt sich gehört.
Und dann kippt es?
Marleen: Genau. Und das ist der Punkt. Wenn du einmal darauf aufgebaut hast, wenn du dir eine Existenz oder zumindest eine künstlerische Sichtbarkeit darüber geschaffen hast, dann ändern sich plötzlich die Bedingungen. Dann wird weniger ausgezahlt, die Mechanismen verschieben sich und gleichzeitig bleibt man aber abhängig davon. Es ist ein System, das dir zuerst etwas gibt, dich daran gewöhnen lässt und es dann wieder reduziert. Und du kannst in vielen Fällen nicht einfach raus.
Weil es keine echte Alternative gibt?
Marleen: Genau. Zumindest keine, die in der Realität funktioniert. Ich könnte theoretisch sagen, ich ziehe meinen Content komplett runter. Aber dann schneide ich mir selbst die Aufmerksamkeit ab, die ich heute brauche, um überhaupt gehört zu werden. Das ist dieser Widerspruch.
Du bleibst also drin, obwohl du kritisch bist?
Marleen: Ja, weil ich muss. Oder besser gesagt: weil es aktuell kaum anders geht. Es ist ein großer Teil davon, wie Aufmerksamkeit entsteht. Und Aufmerksamkeit ist in der heutigen Zeit leider eine Art Währung geworden.
Ich denke, es geht nicht nur um Spotify. Ich finde, Kreativität sollte grundsätzlich besser bezahlt werden.
Marleen: Ja, absolut. Wenn jemand etwas erschafft, etwas produziert, etwas künstlerisch leistet, dann sollte das auch entsprechend honoriert werden. Ich finde, das gilt für Musik genauso wie für Journalismus oder andere kreative Arbeit.
Zwischen Regulierung, Realität und einem System, das niemand richtig greift
Reicht es deiner Meinung nach, das über Plattformen zu regeln, oder bräuchte es da auch politische Lösungen?
Marleen: Ich glaube tatsächlich, dass das irgendwann auch eine politische Frage ist. Aktuell wirkt es so, als würden diese Systeme außerhalb von Regulierung funktionieren. Und gleichzeitig basiert sehr viel künstlerische Existenz genau darauf. Das passt eigentlich nicht zusammen.
Dazu kommt auch, dass Politik Künstler auch eigentlich gar nicht versteht.
Marleen: Ja, das hat man besonders in der Corona-Zeit gesehen. Da wurde plötzlich deutlich, dass viele Entscheidungsträger überhaupt keine Vorstellung davon haben, wie selbstständige oder künstlerische Existenzen funktionieren. Viele Begriffe wie „Solo-Selbstständigkeit“ sind dort erst richtig angekommen, als es akut wurde. Und genau daraus entsteht auch dieses Gefühl, dass unsere Realität oft nicht wirklich mitgedacht wird.
Es gibt ja immer wieder Stimmen wie die von Frank Briegmann von Universal, die sagen: Es gibt Hobbymusiker und Berufsmusiker und nicht jeder sollte gleich bezahlt werden. Wie siehst du das?
Marleen: Also ich verstehe, was er meint, aber ich finde, man muss da sehr genau hinschauen. Natürlich gibt es Unterschiede in Professionalität, Reichweite, Qualität und auch in der Konsequenz, mit der jemand arbeitet. Aber genau deshalb bräuchte es eigentlich klare Strukturen oder zumindest eine ehrliche gesellschaftliche Diskussion darüber, wie man das bewertet und vergütet. Das Problem ist nur: Das wird nicht wirklich systematisch gemacht. Und viele der Verantwortlichen haben daran auch kein großes Interesse, das sauber zu sortieren. Und wir haben als Kreativbranche im Vergleich zu anderen Bereichen einfach keine starke Lobby. Es gibt keinen richtigen kollektiven Druck. Kein gemeinsames Auftreten. Kein echtes Streiken, keine breite Bewegung, die sagt: So geht es nicht weiter. Und das hat viel mit der Struktur der Szene zu tun. Auch mit Individualismus, mit Konkurrenz, mit Neid. Viele denken erstmal an sich selbst. Und dann gibt es natürlich auch diesen Effekt, dass manche Musiker für sehr wenig Geld spielen und damit den Markt zusätzlich verzerren.
Kommen wir mal auf Konkurrenz zurück. Die Konkurrenz ist im Musikbereich ohnehin schon groß. Und jetzt kommt noch eine technologische Ebene dazu, die vieles noch mal verschiebt. KI verändert gerade sehr stark, wie Inhalte produziert, reproduziert und bewertet werden. Und das wird die Frage nach Wert, Originalität und Leistung noch mal neu stellen. Und ehrlich gesagt stehen wir da erst am Anfang. Werden Musiker ersetzt? Werden Texte ersetzt durch KI und Tools wie ChatGPT?
Marleen: Also immer mehr, ja. Das ist schon eine Entwicklung, die wir gerade sehen. Man muss sich ja nur anschauen, wie Plattformen inzwischen funktionieren. Es gibt ja teilweise schon KI-generierte Bands oder Projekte, die komplett künstlich erstellt werden, aber trotzdem Streams generieren und damit Geld verdienen. Das System füttert sich dann im Grunde selbst. Eine künstliche Band, die über Abos Einnahmen erzeugt, ohne dass klassische menschliche Kreativität dahintersteht. Das ist schon eine neue Realität.
Ja, ist es. Ich denke, viele Musiker, die bei mir im Interview sitzen, reden sich das ein wenig schön. Die KI ist nicht emotional, sie ist nicht kreativ. Fünf Minuten Kommentarspalte bei Instagram und KI wirkt plötzlich sehr emotional und wenn man sich manches Review von dem einen oder anderen privat betriebenen Musikmagazin anschaut, dann merkt man, dass ChatGPt da durchaus mehr Kreativität beisteuert als so mancher Möchtegerntexter. Und hier beginnt auch eine Form von Doppelmoral, dass die Leute sich das eine schönreden, denn es passt in ihre Welt. Ein ChatGPT-Review ist schnell fertig und bei KI-Musik wird sich echauffiert. Hast du auch schon KI-Musik gehört?
Marleen: Das ist genau das Gefährliche daran. Ich bin auch schon drauf reingefallen, ja. Ich habe einen Song gehört, den ich über ein Streaming-Radio vorgeschlagen bekommen habe. Ich fand den richtig gut und habe den zwei Tage lang auf Repeat gehört. Und ich habe mir gar keine großen Gedanken gemacht, weil er einfach funktioniert hat.
Was ist dann passiert?
Marleen: Irgendwann wollte ich mir das Video dazu anschauen, weil ich dachte: Das ist bestimmt eine tolle Künstlerin, vielleicht entdecke ich mehr. Und dann habe ich gemerkt, dass es gar kein Video gab. Keine echte Präsenz, nichts. Und dann habe ich recherchiert und festgestellt: Der Song war KI-generiert. Da war ich wirklich kurz wütend, weil ich gemerkt habe, wie leicht man darauf reinfällt.
Also ist das Problem weniger die Qualität, sondern eher die Täuschung?
Marleen: Genau. Die KI ist inzwischen so gut, dass sie emotional funktioniert. Der Song hat mich ja trotzdem erreicht. Aber der Kontext fehlt. Die Person dahinter fehlt. Die Geschichte fehlt. Und das verändert den ganzen Umgang damit.
Gleichzeitig hast du auch gesagt, dass dich das emotional sogar anspricht, obwohl du weißt, dass es künstlich ist.
Marleen: Ja, das ist das Verrückte.
Ich kenne das Gefühl auch selbst, dass ich Songs auf Repeat höre, weil sie etwas in mir auslösen. Ein bestimmtes Gefühl, das ich eigentlich gar nicht richtig benennen kann. Und genau da wird es spannend, weil Musik ja immer auch emotional funktioniert, unabhängig davon, wer sie gemacht hat.
Marleen, vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke in deine Welt.
Mehr zu Tiger Lilly Marleen und Bonsai Kitten findet ihr in den Socials.
Mehr Soundcheck Sessions mit Mia findet ihr auf der Website.
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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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