Doppelbock x Gunnar von Dritte Wahl: „Ein Jahr (Es geht voran)“

Die Band Doppelbock in Anzügen, Screenshot zum neuen Video bei YouTube

Doppelbock und Gunnar von Dritte Wahl liefern mit ihrer Single „Ein Jahr (Es geht voran)“ punkigen Schunkelklang mit politischen Untertönen. (Review)

Text: Mia Lada-Klein

Die langsame Erkenntnis im schnellen Feed

Ich weiß, in der Instagram-Welt bin ich ungefähr so aktuell wie ein Faxgerät im Digitalzeitalter. Ein Glück also, dass mir diese Welt ungefähr so egal ist wie lauwarme Festivalbrühe nach drei Tagen Dauerregen. In meiner kleinen, leicht altmodischen Musikrealität gilt noch immer ein eher ketzerischer Gedanke: Gute Musik braucht Zeit. Und gute Texte erst recht.

Während sich die Timeline weiter mit hastig generierten, KI-glattgebügelten Reviews und Szeneberichten füllt, die klingen, als wären sie von einem Toaster mit Meinungsfreiheit geschrieben worden, komme ich jetzt erst dazu, mich mit Doppelbock zu beschäftigen. 

Doppelbock und das heimliche Staunen

Doppelbock ist so eine Band, die ich nicht wirklich „höre“ im klassischen Sinne. Ich suche sie nicht aktiv. Ich spiele sie nicht nebenbei beim Kochen. Und trotzdem tauchen sie immer wieder auf, wie ein Gedanke, der sich weigert, wegzugehen. Insgeheim sind sie eine meiner Lieblingsbands. Nicht laut ausgesprochen, eher wie ein gut gehüteter Verdacht.

Wie eben angedeutet, ist das keine klassische Liebe auf Dauerrotation. Aber wenn Doppelbock läuft, dann passiert etwas in meinem sonst so zynisch geschützten Musikherz: Ich bin beeindruckt. Und das passiert mir wirklich nicht oft.

Und nein, ich will an dieser Stelle nicht schon wieder erklären, dass es sich um eine Art Schunkelmusik mit doppeltem Boden handelt. Diese Pointe habe ich inzwischen so oft bemüht, dass sie wahrscheinlich bereits einen eigenen Schunkelpass beantragen könnte.

Wer bei Doppelbock allerdings immer noch ausschließlich an gute Laune im Bierzeltrhythmus denkt, hat das Prinzip der Band sowieso nicht verstanden. Dann hat man sich sehr konsequent für die Oberfläche entschieden. Und dann ist es eben so: Euch ist nicht mehr zu helfen. Nicht einmal mit Starkbier.

Neue Single: Zwischen Bierseeligkeit und politischem Schatten

Am 30. April erschien ihre neue Single: Doppelbock x Gunnar von Dritte Wahl mit dem Titel „Ein Jahr (Es geht voran)“. 

Musikalisch fällt sofort auf: Hier ist mehr Punk im Spiel. Weniger Dropkick Murphys, weniger Bierzelthymne auf Dauerlächeln, mehr Alarmsignal. Und das ist in meiner Welt eindeutig ein Kompliment. Alarmsignal sind schließlich eine dieser Bands, die beweisen, dass Haltung und Eingängigkeit sich nicht ausschließen müssen. Spätestens seit ihrer Zusammenarbeit mit Sarah Lesch bei „Kein Vaterland“ haben sie ohnehin einen festen Platz in meinem inneren „Bitte mehr davon“-Archiv.

Eine Kombination aus Doppelbock und Alarmsignal wäre übrigens etwas, das ich hiermit offiziell in den Raum werfe. Manchmal entstehen die besten Ideen schließlich genau dort, wo niemand gefragt hat.

Doppelbock und ihre Politik, die sich nicht entschuldigt

Thematisch wird es auch bei Doppelbock und Gunnar auch wieder politischer. Und das ist bemerkenswert, weil es nicht so wirkt, als würde sich diese politische Ebene bei Doppelbock aufdrängen. Das war bereits bei ihrer Single Späti so. Sie ist einfach da, wie ein Schatten im Raum.

Und genau hier beginnt auch immer mein eigentliches Interesse. Doppelbock sind vermutlich zu clever, um dauerhaft in irgendeiner gemütlichen Schunkel-Nische zu verharren. Das erklärt vielleicht auch ihren Erfolg. Intelligenz ist in der Musik keine Garantie für Reichweite, aber sie ist eine sehr zuverlässige Störung im System der Beliebigkeit.

Ich erwische mich dabei, neugierig zu werden, wohin sich das alles entwickelt. Und Neugier ist in der heutigen Schnellkultur fast das größte Kompliment, das man einer Band machen kann. 

Das Video von Doppelbock als Spiegel der Überforderung

Noch spannender als der Song selbst ist diesmal das dazugehörige Video. Die Band steht zunächst in Anzügen da. Keine Jogginghosen, keine ironische Verkleidung, sondern Anzüge. Und wie das mit Anzügen so ist, sie verleihen sofort eine gewisse Ernsthaftigkeit.

Die Kulisse wirkt reduziert. Proberaum, Kneipe, irgendetwas dazwischen, schwer genau zu benennen. Und während sie dort spielen und singen, passiert im Hintergrund das eigentliche Chaos: Einblendungen von Raketen, Steinewerfern, Massentierhaltung, Explosionen. Es ist aber bewusst eine Bildwelt, die nicht subtil sein möchte.

Später kippt das Ganze. Die Anzüge bleiben, aber die Sakkos verschwinden. Nur noch Hemden, Hosen, Bewegung. Eine kleine Choreografie taucht auf, fast irritierend verspielt in dieser Kulisse aus Gewaltbildern. Und dann werden die Gesichter blutig. Nicht metaphorisch blutig, sondern konsequent visuell überzeichnet.

Dazu Zeilen wie „Es geht voran“ und Bilder einer brennenden amerikanischen Flagge. Ein kleines Kind an einem Brunnen. “Alte weiße Männer, die diese Welt regieren”, als Textzeile. 

Zwischen Oberfläche und Abgrund

Ich neige eigentlich nicht dazu, alles sofort zu überinterpretieren. Gerade bei Musik halte ich mich gerne zurück, zumindest theoretisch. Praktisch passiert bei Doppelbock genau das Gegenteil. Diese Songs und Bilder hören nicht auf zu arbeiten. Sie bleiben hängen, auch wenn man sie längst weggelegt hat.

Das Gemeine daran: Doppelbock wirken zunächst fast harmlos. Zugänglich sogar. Fast so, als hätte man es mit irgendeiner schrägen Feierabendkapelle zu tun, die einem zwischen Bierbank und Dorfkneipenästhetik ein bisschen kauzige Unterhaltung servieren will. Und genau in dem Moment, in dem man sich entspannt zurücklehnen möchte, beginnt unter der Oberfläche etwas zu kriechen.

Ich verabscheue Kunst, die nur Oberfläche ist. Diese glattpolierte Bedeutungslosigkeit. Doppelbock zeigen einem diese Oberfläche kurz, aber nur damit man Sekunden später merkt, dass sie eher einer dünnen Eisschicht gleicht. Darunter wartet kein gemütlicher Grund, sondern kaltes, schwarzes Wasser. Und irgendetwas bewegt sich darin.

Es sind Gedanken, die andere Bands lieber nicht aussprechen. Themen, die selten überhaupt den Weg auf den musikalischen Mittagstisch finden. Da ist eine Beobachtungsgabe, bei der man sich unweigerlich fragt, woher zur Hölle sie das alles nehmen. Diese seltsame Fähigkeit, banale Alltagsbilder plötzlich so in den Raum zu werfen, dass man sie nicht mehr loswird. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern eher mit diesem stillen, unangenehmen Unterton von: Schaut halt hin. Es war die ganze Zeit da. Wir können auch nichts dafür.

Es ist ein verdammt gutes Video und ein Song, der mich wieder deutlich länger beschäftigt, als mir lieb ist. Und diesmal sind es nicht einmal nur der Text, diesmal bleiben auch Bilder hängen. Wie Fieberträume nach zu wenig Schlaf und zu viel Wirklichkeit. 

Doppelbock sind genau die Art Band, für die man sich Zeit nehmen sollte. Was ich hiermit nun getan habe. Und ja: Es lohnt sich tatsächlich jedes Mal wieder.

Mehr zur Band Doppelbock findet ihr in den Socials.

Facebook Instagram Website Spotify 

Mehr zu Doppelbock auf der Website:

Doppelbock: Musikalische Akrobatik mit doppeltem Boden

Doppelbock und der leise Weltuntergang im Späti

Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.


Entdecke mehr von miasraum

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.