Soundcheck Sessions mit Mia (Interview)
Friends Don’t Lie im Interview: Frontmann Markus Ziesch über ihr Debütalbum “Zenit der Dramaturgie”, ihren Auftritt bei Rock am Ring, Social Media, Hate im Netz und den Unterschied zwischen Fans und Followern.
Interview: Mia Lada-Klein
Foto: Moritz Schleiffelder
Friends Don’t Lie haben etwas geschafft, wovon viele Nachwuchsbands träumen. 2023 standen sie auf der Bühne von Rock am Ring und das zu einem Zeitpunkt, als außerhalb der Szene noch längst nicht jeder wusste, wer da eigentlich spielt. Der große Rockstar-Lifestyle mit automatischer Überholspur blieb trotzdem aus. Stattdessen ging es weiter mit harter Arbeit, Konzerten, Songwriting und dem langsamen Aufbau einer echten Fanbase.
Jetzt erschien am 29. Mai endlich das Debütalbum Zenit der Dramaturgie. Ein Titel, der eher nach Literaturseminar als nach Rockband klingt.
Im Interview mit Frontmann Markus Ziesch spreche ich über das Album, die Geschichten hinter den Songs und die hochkarätigen Features. Dabei wird ziemlich schnell klar, warum Friends Don’t Lie dort stehen, wo sie heute stehen. Es ist nicht nur die Musik. Es ist vor allem die Haltung. Bodenständig, reflektiert, angenehm selbstkritisch und komplett frei von Allüren.
Außerdem räumt Markus mit einem Mythos auf, an den erstaunlich viele Menschen glauben: Ein Auftritt bei Rock am Ring macht noch lange keine Karriere. Warum Reichweite nicht automatisch Erfolg bedeutet, weshalb Fans deutlich mehr wert sind als bloße Follower und worauf es bei einer jungen Band wirklich ankommt , erfahrt ihr im Interview.
Friends Don‘t Lie über den „Zenit der Dramaturgie“, Zukunftsängste und die Kraft der Interpretation
Euer neues Album, also wobei, eigentlich ist es ja gar kein neues Album, sondern euer Debütalbum Zenit der Dramaturgie. Allein dieser Titel klingt schon sehr literarisch. Da denke ich direkt an Dramaturgie, verschiedene Akte, große Wendepunkte und vielleicht sogar ein bisschen Shakespeare. Erzähl doch mal: Worum geht es auf dem Album und wie ist es entstanden?
Markus: Tatsächlich war der Titel das Allererste, was überhaupt existiert hat. Es gab noch keine Songs, keine konkreten Ideen für ein Album, eigentlich noch gar nichts. Ich habe mich an den ersten Text gesetzt, der später Teil des Albums werden sollte. Dabei ging es um einen Gedanken, der mich beschäftigt hat: Wir erreichen im Leben bestimmte Ziele, erleben schöne Momente und können auf Dinge zurückblicken, die wir geschafft haben. Aber was kommt danach? In diesem Moment habe ich den Satz „Sind angekommen, Zenit der Dramaturgie“ aufgeschrieben. Das war tatsächlich die erste Zeile. Irgendetwas daran hat mich sofort gepackt. Ich habe sie den anderen Bandmitgliedern gezeigt und alle fanden den Gedanken sofort stark. Schnell war klar: Das ist nicht nur eine Zeile, sondern der Titel des Albums. Von da an hat dieser Titel wie ein Rahmen über dem gesamten Entstehungsprozess geschwebt. Obwohl auf dem Album viele unterschiedliche Themen vorkommen, hat Zenit der Dramaturgie immer die Richtung vorgegeben. Es geht um Höhepunkte, um besondere Momente, aber eben auch um die Fragen und Ängste, die danach entstehen können. Was passiert, wenn man etwas erreicht hat? Was kommt als Nächstes? Diese Mischung aus Euphorie und Unsicherheit zieht sich durch das gesamte Album.
Das ist spannend, weil mich der Begriff „Zenit“ direkt an etwas erinnert, das seinen Höhepunkt bereits überschritten hat. Neulich habe ich einen Artikel darüber geschrieben, dass wir den Peak von Instagram eigentlich längst hinter uns haben. Das bringt mich zu einem anderen Thema: Wie geht ihr als Band mit den sozialen Medien um? Gerade wenn ein Debütalbum erscheint, beginnt ja auch eine intensive Promo-Phase.
Markus: Unsere Hauptplattform ist tatsächlich nach wie vor Instagram. Wir haben uns bewusst darauf fokussiert. Lange Zeit haben wir uns auch gegen neuere Plattformen wie TikTok entschieden. Mittlerweile probieren wir dort zwar gelegentlich etwas aus, aber Instagram fühlt sich für uns einfach am natürlichsten an. Deshalb konzentrieren wir uns dort auf unsere Inhalte und unsere Kommunikation. Natürlich beobachten wir, wie sich die Landschaft verändert, aber man kann auch nicht überall gleichzeitig aktiv sein. Für uns hat sich Instagram bislang als der Ort erwiesen, an dem wir unsere Community am besten erreichen.
Auf dem Album greift ihr viele Themen auf, darunter auch gesellschaftliche und politische Aspekte. Es geht also nicht nur um positive Gefühle oder schöne Momente. Mir ist dabei ein Satz besonders hängen geblieben: „Jede Zeile ein Schrei.“ Was steckt hinter dieser Aussage?
Markus: Das ist tatsächlich interessant, weil der betreffende Song persönlicher ist als viele andere Stücke auf dem Album. Einige Songs beschäftigen sich stärker mit gesellschaftlichen Entwicklungen oder politischen Themen, während dieser eher aus einer individuellen Perspektive entstanden ist. Grundsätzlich lieben wir aber genau das an Musik und Kunst: Jeder Mensch bringt seine eigenen Erfahrungen mit und interpretiert Dinge anders. Deshalb finde ich es gerade am Anfang einer Albumveröffentlichung schön, Interpretationen offen zu lassen. Ich finde es großartig, wenn Menschen ihre eigenen Bedeutungen darin entdecken. Für mich ist das ein wichtiger Teil von Kunst. Sie gehört irgendwann nicht mehr nur demjenigen, der sie erschaffen hat. Die Menschen machen etwas Eigenes daraus.
Wie ist dieser Song konkret entstanden?
Markus: Das war ein sehr spannender Prozess, weil an dem Song auch die Features GRELL und VINTA beteiligt sind. Ich habe ihnen zunächst einfach das Instrumental geschickt und gesagt: Schaut mal, was euch dazu einfällt. Gleichzeitig habe ich ihnen grob erklärt, in welchem thematischen Rahmen sich das Album bewegt. Daraufhin hat Fabi von GRELL seinen Part geschrieben. Eigentlich entstand das zentrale Thema des Songs erst durch seinen Beitrag. Sein Text hat eine Richtung vorgegeben, an die wir vorher noch gar nicht gedacht hatten. Darauf aufbauend habe ich dann den Refrain geschrieben. In diesem Zusammenhang entstand auch die Zeile „Jede Zeile ein Schrei“. Für mich steckt darin ein persönlicher Befreiungsschlag. Es geht um den Wunsch, laut zu sein, sich auszudrücken und gehört zu werden. Um das Gefühl, dass man etwas zu sagen hat und diesem Bedürfnis Raum geben möchte. Genau deshalb passt diese Zeile so gut zu dem Song und letztlich auch zur Grundstimmung des Albums.
Friends Don‘t Lie über Verantwortung, Haltung und den Umgang mit Hass im Netz
Dürfen wir heute überhaupt noch laut sein? Man hat manchmal das Gefühl, dass man höllisch aufpassen muss, was man sagt. Und selbst wenn man das tut, kann man trotzdem schnell etwas Falsches sagen. Gerade Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, erleben oft, dass jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Sollte man heute trotzdem laut sein? Und sollten sich Künstler politisch positionieren oder ist das mittlerweile fast schon ein Risiko?
Markus: Ich finde, wir müssen sogar laut sein. Das ist für mich keine Frage. Vor allem sollte sich jede Person, die auf einer Bühne steht oder öffentlich wahrgenommen wird, bewusst sein, dass damit auch eine gewisse Verantwortung einhergeht. Wer Reichweite hat, hat auch die Möglichkeit, Dinge anzusprechen und Menschen zu erreichen. Natürlich gab es vielleicht Zeiten, in denen man einfach nur über belanglose Dinge singen konnte und alles war gut. Aber ich habe das Gefühl, dass wir aktuell in einer anderen gesellschaftlichen Situation leben. Es passiert sehr viel, sowohl politisch als auch gesellschaftlich, und deshalb ist es wichtig, aufmerksam zu sein. Trotzdem bedeutet das nicht, dass man zu jedem Thema sofort die perfekte Antwort parat haben muss. Niemand kann zu allem eine abschließende Meinung haben. Was wir jedoch beobachten, ist etwas anderes: Gerade in politischen Bereichen, in denen Menschen eigentlich ähnliche Werte vertreten, wird häufig mehr Energie darauf verwendet, sich gegenseitig auf Fehler hinzuweisen, als gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Das empfinden wir als problematisch. Oft wird innerhalb derselben politischen oder gesellschaftlichen Richtung so lange diskutiert, bis man sich gegenseitig blockiert. Davon profitieren am Ende häufig diejenigen, die ganz andere Interessen verfolgen. Uns ist deshalb wichtig, sowohl in unseren Songs als auch auf der Bühne darauf hinzuweisen, dass wir letztlich oft für dieselben grundlegenden Werte einstehen. Dann ergibt es wenig Sinn, sich permanent gegenseitig anzuschreien.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass die gesellschaftliche Debatte insgesamt sehr viel extremer geworden ist. Nach dem Motto: Bist du nicht auf meiner Seite, dann bist du automatisch gegen mich. Es wirkt oft so, als müssten Menschen in allen Punkten zu hundert Prozent übereinstimmen, um miteinander auszukommen. Beobachtet ihr das auch?
Markus: Ja, diesen Eindruck teilen wir durchaus. Viele Diskussionen wirken heute sehr polarisiert. Die Bereitschaft, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten, scheint teilweise geringer geworden zu sein. Es geht häufig nicht mehr darum, Argumente auszutauschen oder voneinander zu lernen, sondern darum, wer am Ende recht hat. Dabei wäre es oft viel hilfreicher, Gemeinsamkeiten zu suchen. Gerade wenn Menschen ähnliche Ziele verfolgen, sollte man vielleicht stärker darauf schauen, was einen verbindet, statt sich an den Punkten aufzureiben, in denen man unterschiedlicher Meinung ist.
Ihr seid eine junge, aufstrebende Band und steht zunehmend im Fokus der Öffentlichkeit. Menschen beobachten, kommentieren und bewerten alles. Bekommt ihr auch Hate im Internet mit? Oder erlebt ihr diese Entwicklung eher aus der Distanz?
Markus: Wir versuchen tatsächlich, uns aus vielen dieser Kommentarspalten herauszuhalten. Mittlerweile gibt es ja fast schon den Running Gag, dass man bei bestimmten Beiträgen die ersten Kommentare vorhersagen kann. Oft weiß man schon vorher, welche Diskussionen entstehen werden. Gerade in sozialen Netzwerken fällt uns auf, dass bestimmte Stimmen besonders laut auftreten. Deshalb versuchen wir, uns nicht zu sehr von diesen Dynamiken vereinnahmen zu lassen. Zum Glück bleiben wir bislang weitgehend von massivem Hate verschont. Wenn negative Kommentare kommen, dann sind sie häufig politisch motiviert und kommen eher aus rechten Richtungen. Aber oft merkt man schnell, dass dort kein Interesse an einem echten Austausch besteht. In vielen Fällen geht es schlicht darum, Hass zu verbreiten. Darauf reagieren wir grundsätzlich nicht. Deshalb besteht unsere Strategie momentan eher darin, nicht jede Diskussion mitzumachen und uns bewusst etwas von diesen Kommentarwelten zu distanzieren.
Das kann ich nachvollziehen. Ich schalte bei meiner Kolumne mittlerweile oft die Kommentare aus. Allerdings hält das manche Menschen nicht davon ab, ihre Meinung dann direkt per Nachricht zu schicken. Wer unbedingt stänkern möchte, findet meistens einen Weg. Das scheint fast ein Merkmal unserer Zeit geworden zu sein.
Markus: Ja, diesen Eindruck haben wir auch. Manchmal denkt man sich trotzdem: Komm, auf diesen Kommentar antworte ich jetzt. Vor allem dann, wenn die Kritik zunächst sachlich formuliert ist und man das Gefühl hat, dass tatsächlich Interesse an einem Gespräch besteht. Aber häufig merkt man schon nach einer Antwort, wohin die Reise geht. Wenn die Reaktion direkt beleidigend oder sehr emotional wird, weiß man eigentlich sofort, dass eine weitere Diskussion keinen Sinn ergibt. Dann sagen wir auch ganz offen: An dieser Stelle können wir das Gespräch beenden. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Wenn jemand wirklich argumentiert, seine Sicht erklärt und bereit ist, respektvoll zu diskutieren, dann führen wir solche Gespräche durchaus. Auch per Direktnachricht. Das kann interessant und bereichernd sein. Unser Eindruck ist allerdings, dass solche konstruktiven Gespräche deutlich seltener geworden sind. Viele Menschen gehen heute bereits mit einer festen Meinung in Diskussionen und wollen diese nicht mehr hinterfragen. Genau deshalb überlegen wir sehr genau, wann sich ein Austausch lohnt und wann nicht.
Zwischen DIY-Mentalität, professioneller Promo und der Jagd nach Aufmerksamkeit
Ihr seid eine junge Band und veröffentlicht gerade euer Debütalbum. Trotzdem habt ihr euch entschieden, mit professionellen Partnern zusammenzuarbeiten und eure Veröffentlichung nicht komplett allein zu stemmen. Das ist gerade für Nachwuchsbands nicht selbstverständlich. Viele denken sich: Wir machen ein bisschen Social Media, schreiben ein paar Magazine an und dann wird das schon irgendwie laufen. Ihr seid einen anderen Weg gegangen. Habt ihr euch bewusst dafür entschieden, das Album von Anfang an professioneller aufzuziehen?
Markus: Ja, definitiv. Wobei man sagen muss, dass wir ursprünglich komplett DIY unterwegs waren. Bis Anfang des vergangenen Jahres haben wir eigentlich alles selbst gemacht. Obwohl wir schon einiges gespielt haben und auch größere Shows dabei waren, lief damals alles in Eigenregie. Das hatte durchaus Vorteile, weil wir dadurch sehr viel gelernt haben. Man eignet sich zwangsläufig Wissen an, probiert Dinge aus und versteht mit der Zeit, was funktioniert und was eben nicht. Gleichzeitig merkt man aber auch, an welchen Stellen die eigenen Kapazitäten irgendwann an Grenzen stoßen. Deshalb haben wir Anfang des Jahres den Schritt gemacht, mit einem Booking und einem Label zusammenzuarbeiten. Unser Label übernimmt unter anderem auch die Promotion. Im Vorfeld haben wir sehr klar besprochen, wer welche Aufgaben übernimmt und wie die Zusammenarbeit aussehen soll. Für uns war das eine enorme Erleichterung. Wir wissen schließlich aus eigener Erfahrung, wie viel Arbeit hinter all diesen Dingen steckt. Gerade deshalb können wir die Unterstützung jetzt auch sehr wertschätzen. Wir haben das Gefühl, dass die Zusammenarbeit gut funktioniert und sind froh, diesen Schritt passend zum Debütalbum gegangen zu sein.
Wenn man sich in der Musikszene bewegt, fällt einem aber auch etwas anderes auf. Kaum fällt irgendwo das Wort „Support“, stehen sofort unzählige Bands auf der Matte. Manche scheinen jede Gelegenheit nutzen zu wollen, ohne sich vorher überhaupt mit dem jeweiligen Angebot oder der Person zu beschäftigen. Woher kommt das? Warum wirkt es oft so, als würden viele Bands einfach nur auf Zahlen schauen? Und das ganz egal, ob diese echt oder unecht sind.
Markus: Ich sehe das tatsächlich etwas differenziert. Es gibt auf der einen Seite Bands und Künstlerinnen oder Künstler, die sich wirklich mit dem Gegenüber beschäftigen. Die schauen sich an, wer da etwas anbietet, lesen sich Inhalte durch und melden sich gezielt. Da denke ich sofort: Das verstehe ich vollkommen. Wir machen manche Dinge ja selbst immer noch. Und die Realität ist nun einmal, dass es unglaublich viele gute Bands gibt. Gleichzeitig werden die Möglichkeiten, sich live zu präsentieren, eher weniger. Es gibt weniger Kulturstätten, weniger Festivals und insgesamt weniger Gelegenheiten, auf Bühnen zu stehen. Deshalb kann ich nachvollziehen, warum viele Menschen nach Möglichkeiten suchen, sichtbar zu werden. Aus genau diesem Grund haben wir selbst schon Aufrufe gestartet und gefragt, welche Bands man vielleicht noch nicht kennt. Man versucht zwar ständig, die Augen und Ohren offenzuhalten, aber niemand hat die komplette Szene auf dem Schirm.
Und die andere Seite?
Markus: Die gibt es natürlich auch. Da bekommt man dann Kommentare wie: „Wir würden gerne mit euch in Stadt X oder Y spielen.“ Und dabei habe ich in den ersten Sekunden des Videos bereits erklärt, in welchen Städten wir überhaupt auftreten werden. Keine der genannten Städte ist dabei. Dann fragt man sich natürlich: Hast du das Video überhaupt angesehen? Oder wolltest du einfach möglichst schnell irgendwo deinen Namen platzieren? Genau das ist wahrscheinlich der Punkt, den du meinst. Oft entsteht der Eindruck, dass viele Menschen gar nicht mehr wirklich zuhören oder lesen. Sie wollen einfach möglichst schnell ihre Nachricht loswerden.
Woran liegt das deiner Meinung nach?
Markus: Eine genaue Ursache kann ich nicht benennen, aber ich glaube schon, dass Bequemlichkeit eine Rolle spielt. Dieses Verhalten findet man ja nicht nur in der Musikbranche. Es begegnet einem überall im Alltag. Ich versuche deshalb, mich darüber nicht zu sehr aufzuregen. Meistens lächle ich darüber. Wir erleben solche Situationen ebenfalls regelmäßig. Das passiert übrigens auch auf der anderen Seite. Da melden sich dann Produzenten, Studios oder andere Dienstleister mit Nachrichten wie: „Was sind denn eure nächsten Projekte?“ Oder: „Braucht ihr vielleicht irgendwann Unterstützung?“ Wenn man sich unser Profil auch nur kurz angeschaut hätte, würde man sofort sehen, dass wir mitten in einer Albumveröffentlichung stecken und gerade alle Hände voll zu tun haben. In solchen Fällen denke ich mir oft: Wenn du mit uns arbeiten möchtest, dann sag das doch einfach direkt und ehrlich. Das ist völlig in Ordnung. Aber dieses vorgeschobene Interesse wirkt manchmal etwas halbherzig.
Das betrifft also nicht nur Bands, sondern eigentlich alle Beteiligten in der Branche?
Markus: Ja, das Phänomen gibt es überall. Ob bei Bands, Produzenten, Medien oder anderen Akteuren. Viele versuchen einfach, möglichst schnell irgendetwas zu erreichen. Vielleicht ist das auch ein Zeichen unserer Zeit. Wir sind permanent von Informationen umgeben. Alles passiert schnell, ständig kommen neue Inhalte dazu und viele Menschen nehmen sich kaum noch die Zeit, Dinge wirklich aufmerksam zu lesen. Man merkt das sogar bei Förderprogrammen oder Bewerbungen. Es gibt Ausschreibungen, bei denen ganz genau erklärt wird, welche Unterlagen bis wann und in welchem Format eingereicht werden müssen. Trotzdem wird ein großer Teil der Bewerbungen fehlerhaft eingereicht, weil viele einfach möglichst schnell reagieren wollen. Ich glaube, dieses „schnell, schnell, schnell“ ist mittlerweile ein sehr verbreitetes Muster geworden. Dabei würde man sich in vielen Fällen eine Menge Arbeit ersparen, wenn man sich vorher einfach ein paar Minuten Zeit nehmen würde, um die Informationen wirklich zu lesen.
Markus Ziesch von Friends Don‘t Lie über Community, Live-Konzerte und das neue Album
Man hört oft, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen immer kürzer wird. Gleichzeitig beobachte ich aber auch einen Gegentrend. Auf meiner Webseite werden lange Interviews und ausführliche Texte nach wie vor sehr gut gelesen. Vielleicht liegt es auch daran, dass mittlerweile so viele KI-generierte Inhalte kursieren und viele Menschen wieder nach echten Stimmen und authentischen Inhalten suchen. Wie siehst du das?
Markus: Ich glaube, dass sich solche Communities über einen langen Zeitraum entwickeln. Die Menschen sind ja nicht plötzlich von heute auf morgen da. Wenn jemand über Jahre hinweg konstant gute Inhalte liefert, entsteht irgendwann ein Ort, an dem sich genau die Leute sammeln, die dafür Interesse haben. Das ist wahrscheinlich ein wichtiger Unterschied zu vielen sozialen Netzwerken. Dort ist vieles sehr schnelllebig. Eine Webseite, ein Newsletter oder ein Blog schaffen oft eine ganz andere Verbindung.
Das sehe ich ähnlich. Ich habe beispielsweise einen Newsletter, für den sich Leserinnen und Leser ganz bewusst anmelden. Das wirkt heutzutage fast schon oldschool. Trotzdem gibt es diese Menschen noch. Das bringt mich zu einem anderen Punkt: Followerzahlen werden oft als Maßstab für Erfolg gesehen. Aber Follower sind nicht automatisch Fans und nicht automatisch Konzertbesucher. Wie erlebt ihr das als Band?
Markus: Genau diese Erfahrung machen wir auch. Von außen wird manchmal angenommen, dass bestimmte Meilensteine automatisch bedeuten, dass man plötzlich bekannt ist. Viele sagen zum Beispiel: „Ihr habt doch bei Rock am Ring gespielt, ihr müsst jetzt doch riesig sein.“ Natürlich war das eine großartige Erfahrung und dadurch haben uns mehr Menschen gesehen und gehört als bei vielen anderen Konzerten. Aber danach geht der Alltag ganz normal weiter. Man wacht am nächsten Morgen nicht auf und ist plötzlich berühmt. Der Aufbau einer Fanbase funktioniert bei uns genauso wie bei den meisten anderen Bands. Das ist ein langfristiger Prozess. Man spielt Konzerte, veröffentlicht Musik, zeigt Persönlichkeit und bleibt präsent. Schritt für Schritt wächst daraus eine Community.
Also eher ein organischer Prozess als ein plötzlicher Durchbruch?
Markus: Ja, wir haben das Gefühl, dass wir langsam, aber kontinuierlich wachsen. Das Schöne daran ist, dass man die Menschen irgendwann wiedererkennt. Man kommt in eine Stadt und merkt: „Moment, du warst doch beim letzten Konzert auch schon da.“ Diese Wiedererkennung ist unglaublich wertvoll. Das sind die Menschen, die wirklich hinter einer Band stehen. Die kommen nicht nur einmal vorbei, sondern begleiten einen über Jahre hinweg. Genau diese Verbindung macht für uns den Kern einer Fan-Community aus. Ohne diese Menschen würde vieles gar nicht funktionieren.
Was bedeuten euch diese Fans konkret?
Markus: Sehr viel. Das sind die Leute, die als Erstes Konzerttickets kaufen, wenn eine Tour angekündigt wird. Das sind die Menschen, die ein Album vorbestellen, bevor es überhaupt erschienen ist. Sie erzählen Freunden von der Band, kommen zu mehreren Konzerten und unterstützen einen langfristig. Für uns ist das wahrscheinlich die wichtigste Verbindung, die man als Band überhaupt haben kann. Denn letztlich sind genau diese Menschen der Grund, warum man überhaupt weitermachen kann.
Dann ist jetzt der richtige Moment für ein Dankeschön.
Markus: Richtig. An dieser Stelle geht ein großes Dankeschön an alle raus, die uns seit Jahren begleiten und unterstützen. Gerade deshalb haben wir uns rund um die Veröffentlichung des Albums auch einige besondere Aktionen überlegt. Wir veranstalten zum Beispiel kostenlose Release-Shows und verschiedene Promo-Aktionen, für die niemand Eintritt zahlen muss. Uns war wichtig, etwas zurückzugeben. Wir wissen selbst, dass momentan vieles teurer wird und viele Menschen genau überlegen müssen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Deshalb wollten wir Möglichkeiten schaffen, bei denen jeder einfach vorbeikommen und Teil davon sein kann. Das ist für uns ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber den Leuten, die uns unterstützen.
Zum Abschluss darfst du natürlich noch einmal die Werbetrommel für das Album rühren. Warum sollten Menschen Zenit der Dramaturgie hören?
Markus: Was mich an diesem Album besonders freut, ist die Zusammenarbeit mit vielen großartigen Künstlern. Wir konnten Features mit VINTA, GRELL und Zirkel umsetzen, also Musikerinnen und Musiker, die wir selbst sehr schätzen. Für uns stehen diese Künstler stellvertretend für eine neue Generation deutschsprachiger Rockmusik. Die Musik ist modern, vielseitig und lässt sich nicht mehr so einfach in klassische Genres einordnen. Jeder bringt seinen eigenen Stil mit, gleichzeitig verbindet uns eine ähnliche Haltung. Deshalb geht es für uns gar nicht darum, möglichst laut Werbung zu machen. Viel wichtiger ist uns, dass die Menschen, die sich in den Songs wiederfinden, ihren Weg zu uns finden. Wir möchten authentisch bleiben und unseren eigenen Weg gehen. Wer Lust auf moderne deutschsprachige Rockmusik mit unterschiedlichen Einflüssen, persönlichen Geschichten und gesellschaftlichen Themen hat, sollte dem Album eine Chance geben. Und wer am Ende merkt, dass die Musik etwas in ihm auslöst, ist herzlich eingeladen, diesen Weg gemeinsam mit uns weiterzugehen.
Das klingt nach einer sehr entspannten und gleichzeitig sehr bodenständigen Haltung.
Markus: Ich glaube, genau das beschreibt es ganz gut. Wir freuen uns über jeden Menschen, der dabei ist. Und wenn jemand mit unserer Musik nichts anfangen kann, ist das genauso in Ordnung. Wichtig ist für uns, dass wir ehrlich bleiben und die Musik machen, hinter der wir selbst stehen können.
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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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