Soundcheck Sessions mit Mia (Interview)
Doodseskader im Interview: Tim De Gieter spricht über das Album „The Change of Me“, Veränderung als Dauerzutand, Selbstoptimierung, KI, Social Media und eine Musikindustrie, die für ihn mehr Maschine als Kunst ist.
Interview: Mia Lada-Klein
Bild: Diana Lungu
Am 3. April hat das belgische Crossover-Duo Doodseskader mit The Change of Me ein Album veröffentlicht, das eigentlich längst ein ganz anderes hätte sein sollen. Year Three war der Plan, logisch gedacht als nächster Schritt nach Year One und Year Two. Nur hat das Leben, wie so oft, keine Lust auf menschliche Pläne. Also wurde das fertige Konzept kurzerhand verworfen, alles auf null gesetzt und innerhalb einer Woche ein komplett neues Album aufgenommen. Weil, warum auch nicht.
Im Interview mit Tim De Gieter geht es genau um diesen Bruch. Um ein Album, das nicht mehr in die eigene Idee passte, um Veränderung, die nicht in Jahreszahlen funktioniert und um Musik, die mehr sein will als nur Content für den nächsten Feed. Tim hat dazu eine Haltung, die wenig Rücksicht auf Nettigkeiten nimmt.
Wir sprechen über eine Musikindustrie, die sich gern als kreative Heimat verkauft, während sie sich immer stärker wie eine Produktionsmaschine verhält, über Social Media als Dauerbühne für Selbstinszenierung, über TikTok Tänze, die niemand bestellt hat und über den leisen Verdacht, dass hier gerade etwas ziemlich grundlegend aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und während alle so tun, als wäre das eben der Lauf der Dinge, stellen wir im Interview die Frage, wie viel Kunst in diesem System überhaupt noch übrig bleibt.
Ihr habt das Album The Change of Me genannt. Warum dieser Titel?
Tim: Weil es im Kern genau darum geht: Veränderung als etwas, das nicht irgendwann passiert, sondern ständig da ist. Wir hatten diese ursprüngliche Idee einer klaren Entwicklung über mehrere Alben hinweg. Aber irgendwann wurde uns bewusst, dass es nicht so linear funktioniert.
Was genau hat diesen Perspektivwechsel ausgelöst?
Tim: Vor allem Year Three. Unsere Musik war immer sehr ehrlich und introspektiv, aber in diesem Album war ich selbst in einem ziemlich schlechten Zustand. Als ich das später gehört habe, war das ein Schockmoment. Ich habe gemerkt, dass ich nicht auf einem Weg bin, der automatisch nach oben führt.
Das klingt nach einem Bruch mit der ursprünglichen Idee.
Tim: Ja, absolut. Ich hatte mir das so vorgestellt, dass man sich Schritt für Schritt verbessert, bis man irgendwann „fertig“ ist mit sich selbst. Aber genau das ist eine Illusion. Es gibt keinen Endpunkt, an dem man plötzlich sagt: Jetzt bin ich angekommen.
Wie seid ihr dann mit diesem Material umgegangen?
Tim: Wir haben entschieden, dieses Album nicht so zu veröffentlichen. Weil mir klar wurde, dass ich mich mit diesen Texten selbst in einem Zustand halte, der nicht gesund ist. Wenn du ständig etwas wiederholst, verfestigt sich das auch in dir.
Und daraus entstand dann das neue Konzept?
Tim: Genau. The Change of Me ist im Grunde die Erkenntnis, dass Veränderung nicht auf dich wartet. Sie ist schon da, ständig. Aber du nimmst sie oft nicht wahr, wenn du dich nur darauf fokussierst, „besser“ werden zu müssen.
Welche Rolle spielen dabei diese ganzen Selbstoptimierungsversprechen, die man überall sieht?
Tim: Die haben natürlich Einfluss. Dieses Narrativ von „mach dies, dann wirst du endlich du selbst“ ist überall. Aber für die meisten Menschen ist das Leben viel widersprüchlicher. Es gibt gute und schlechte Phasen und die lösen sich nicht einfach durch einen Trick auf.
Was bedeutet das für euren Blick auf Veränderung?
Tim: Dass sie nichts ist, was irgendwann abgeschlossen ist. Ich habe mich in den letzten Jahren stark verändert, aber nicht in einem klaren, geraden Verlauf. Eher in Wellen, mit Rückschritten und Fortschritten.
Und genau das wolltet ihr mit dem Album zeigen?
Tim: Ja. Dass Veränderung kein Zielzustand ist, sondern etwas, das permanent passiert. Und dass es wichtig ist, das auch anzuerkennen, statt nur auf das zu schauen, was noch fehlt.
Selbstoptimierung, Beziehungen und der Druck der digitalen Dauerinszenierung
Viele Menschen hören heute ständig diesen Druck von Social Media: Du musst besser werden, deine beste Version sein, um fünf Uhr aufstehen, kalt duschen, alles optimieren. Kann Selbstoptimierung auch gefährlich sein?
Tim: Ja, schon. Aber genau das ist der Punkt: Du musst gar nichts davon machen. Du bist ja erstmal so wie du bist schon okay. Du bist gut, du bist in Ordnung. Wenn jemand um fünf Uhr aufstehen will, soll er das machen. Wenn jemand meint, er muss Rohkost essen oder was auch immer, bitte. Ich werde das nicht für dich entscheiden. Aber ich persönlich will das nicht. Für mich klingt fünf Uhr aufstehen einfach wie ein Albtraum. Ich stehe um sieben auf, gehe ins Gym, und selbst das fühlt sich manchmal schon hart genug an. Warum sollte ich es mir noch schwerer machen? Am Ende musst du selbst entscheiden, was du willst. Aber ich finde wichtig, dass man auch anerkennt, was man schon geschafft hat. Wenn du dich verbessern willst, dann mach das. Aber nicht in diesem übertriebenen, daueranalysierenden Selbstoptimierungswahnsinn, der gerade überall verkauft wird. Dieses ständige „Du musst dich noch besser verstehen, noch mehr reflektieren, noch eine Erkenntnis haben“, das ist einfach nicht die Realität für die meisten Menschen.
In eurem Kontext klingt auch ein Gedanke durch, dass Liebe oder enge Beziehungen immer auch Schmerz enthalten. Ist das für dich eine persönliche Erkenntnis? Und gehört Verletzung für dich automatisch zu echter Verbindung dazu?
Tim: Ich würde nicht sagen, dass es destruktiv ist. Für mich sind die besten Beziehungen, also egal ob Partnerschaft, Freundschaft oder Familie, die, die durch schwierige Phasen gehen. Weil das Leben nun mal nicht konstant leicht ist. Diese ganze Idee, dass alles immer nur schön, leicht und harmonisch sein soll, stimmt einfach nicht. Und viele, die das verkaufen, wissen das auch nicht wirklich oder leben in einer Art Blase. Eine echte Beziehung bedeutet, dass es Unterschiede gibt. Dass jemand mal nicht gut drauf ist, dass es Missverständnisse gibt, dass jemand struggelt und der andere gerade auch nicht die Kapazität hat, alles aufzufangen. Und trotzdem entscheidet man sich füreinander. Nicht weil es immer einfach ist, sondern weil man bereit ist, diese Phasen mitzutragen.
Also würdest du sagen, dass genau in diesen schwierigen Momenten die eigentliche Stärke einer Beziehung liegt?
Tim: Ja, genau da. Wenn beide akzeptieren, dass es schwer sein kann, und trotzdem immer wieder sagen: Ich bleibe da, ich gehe nicht weg, dann entsteht etwas Echtes. Man wächst aus solchen Phasen auch wieder raus und schaut später zurück und denkt: Okay, das war hart, aber wir sind noch hier. Wir sind noch ein Team. Wir haben das überstanden. Das ist für mich viel wertvoller als dieses perfekte Bild von „alles ist immer leicht und harmonisch“. Das ist oft einfach nicht real.
Klingt so, als würdest du bewusst gegen diese idealisierte Darstellung von Beziehungen und Leben schreiben.
Tim: Ja, ich wollte einfach etwas machen, das sich echt anfühlt. Kein Filter, kein „alles ist immer gut“. Sondern so, wie ich es selbst erlebe. Ich habe diese Dinge geschrieben, weil ich sie wirklich so empfunden habe. Weil ich selbst mit genau diesen Gedanken und Konflikten zu tun hatte und teilweise immer noch habe. Es ist nichts Konstruiertes. Es ist eher eine Dokumentation von dem, was gerade da ist.
Du hast vorhin leicht angedeutet, dass du Social Media eher kritisch siehst. Viele Künstler sagen ja, es ist gleichzeitig Fluch und Segen. Wie gehst du persönlich damit um und hast du das Gefühl, dass du heute mehr Content Creator als Musiker sein musst?
Tim: Ehrlich gesagt gehe ich damit sehr schlecht um. Ich hasse Social Media wirklich. Und wenn ich „hasse“ sage, meine ich das auch so. Nicht dieses ironische „ich poste es trotzdem die ganze Zeit“-Hassen, sondern wirklich: Ich würde es am liebsten nicht haben. Ich finde, es ist etwas, das komplett aus dem Ruder gelaufen ist. Am Anfang wurde uns ja gesagt, es geht darum, mehr Verbindung zu schaffen. Du kannst dich zeigen, du kannst mit Menschen kommunizieren, vielleicht sogar direkter als früher. Das klang erstmal sinnvoll. Aber inzwischen ist es eher in so etwas wie ein narzisstisches System gekippt. Und je mehr du dich darin bewegst, desto mehr wirst du dafür belohnt, wenn du dich selbst ins Zentrum stellst. Das ist einfach die Logik der Plattformen. Und ganz ehrlich: Ich mag das nicht an mir selbst. Ich mag es nicht, mich zu fotografieren oder anzuschauen. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich wahrscheinlich einfach verschwinden und niemand würde mich sehen. Aber ich habe mich damit arrangiert, so gut es eben geht. Die Band hat ja auch einen eigenen Account und das ist okay für mich. Aber ich versuche, mich so stark wie möglich davon zu entkoppeln, damit ich nicht in dieses Gefühl komme, ständig etwas posten zu müssen. Wir haben zum Glück auch jemanden im Team, der sehr bewusst mit uns über solche Dinge spricht. Was wir machen wollen, was wir nicht machen wollen, wo unsere Grenzen sind. Und die sind ziemlich klar. Ich werde zum Beispiel keine TikTok-Dances machen oder so etwas. Das bin einfach nicht ich. Ich will Musik machen. Ich will kein Content Creator sein. Ich habe mich nicht dafür entschieden, mich ständig zu inszenieren oder zu posieren. Ich bin kein Model und auch kein Influencer. Und ich habe ehrlich gesagt auch kein Interesse daran, irgendjemanden zu „beeinflussen“. Das ist nicht mein Job.
Doodseskader zwischen KI-Debatte, kreativer Intuition und dem Moment, in dem Musik einfach passiert
Es geht aber nicht nur um Social Media. Auch Künstliche Intelligenz wird immer mehr Teil von Musikproduktion. Siehst du das als kreatives Werkzeug oder eher als Gefahr für echte Kunst?
Tim: Das ist eine gute Frage. Und ich muss sagen: Ich nutze KI nicht und habe auch nicht vor, das zu tun. Für meinen eigenen Prozess ist das einfach nicht relevant. Ich mache Musik eher auf eine sehr unmittelbare Art. Ich setze mich hin, probiere Sachen aus, drücke Knöpfe, bis irgendetwas in mir eine Reaktion auslöst. Wenn ich diesen Moment habe, wenn ein Sound sich richtig anfühlt, dann folge ich dem einfach. Dann entsteht daraus ein Song. Ich brauche dafür keine externe Instanz, die mir sagt, was ich fühlen soll. Ich will selbst herausfinden, was da passiert. Deshalb brauche ich KI in meinem kreativen Prozess nicht. Sie würde eher dazwischenfunken als helfen.
Hast du trotzdem Angst davor, was KI für die Musikindustrie bedeutet?
Tim: Nein, ehrlich gesagt nicht. Eher im Gegenteil: Ich finde die Diskussion darüber teilweise sogar interessant, weil sie etwas offenlegt. Viele sagen ja, KI nimmt uns Jobs weg. Aber ich denke manchmal: Wenn ein Job nur daraus besteht, Dinge zu reproduzieren oder zu imitieren, dann ist die Frage vielleicht eher, ob das überhaupt ein künstlerischer Job war. Was ist der Unterschied zwischen jemandem, der sagt „mach mir einen Song wie Machine Head“ und einer Band, die genau das im Proberaum versucht nachzubauen? Das ist im Kern derselbe Gedanke. Und genau da wird es für mich spannend: Musik ist oft gar nicht mehr Ausdruck. Sie wird zu einer Art Produktionssystem. Du musst in Playlists passen, du musst funktionieren, du musst liefern. Das ist für mich nicht mehr unbedingt Kunst im eigentlichen Sinn, sondern Industrie. Und wenn KI dieses System verändert oder sogar zerstört, dann habe ich ehrlich gesagt keine große Angst davor. Vielleicht trennt es am Ende einfach stärker zwischen denen, die wirklich Musik machen wollen, und denen, die nur Teil eines Systems sind. Für mich sind das sowieso zwei verschiedene Dinge: Musiker und Entertainer. Und die sollte man nicht ständig miteinander verwechseln.
Ihr habt euer Album in nur einer Woche fertiggestellt. Stimmt das? Übrigens, ich mag es unheimlich gerne. Das ist die perfekte Musik für intensives Workout oder wenn man wütend auf die ganze Welt ist. Zwei Mittelfinger hoch. Wie sah diese Zeit im Studio aber aus, eher kontrollierte Arbeit oder völliges Chaos mit der Hoffnung, dass am Ende etwas Gutes entsteht?
Tim: Erstmal danke, wirklich, das freut mich sehr zu hören. Und um ehrlich zu sein, es war beides gleichzeitig: Kontrolle und Chaos. Wir sind da reingegangen und hatten nichts. Wirklich gar nichts. Und irgendwann saßen wir einfach nur da, haben uns angeschaut und wussten: Wenn jetzt nichts passiert, dann passiert gar nichts. Das hat natürlich Druck erzeugt, aber gleichzeitig auch eine sehr klare Struktur. Es gab keinen Raum für endlose Diskussionen oder das Zerdenken von Details. Keine sechs Stunden Gespräche darüber, ob die Basslinie vielleicht ein bisschen anders sein sollte. Es war eher: hinsetzen, Gefühl benennen, spielen, reagieren. Und dann passiert etwas, das ich persönlich liebe. Dieser Moment, in dem sich alles irgendwie verbindet. Einer fängt an, der andere reagiert und plötzlich entsteht so eine Art gemeinsamer Zustand. Fast wie ein gemeinsames Bewusstsein. Für mich ist das ehrlich gesagt das Beste überhaupt an Musikmachen. Für diese kurze Zeit fühlt es sich so an, als wären wir komplett auf derselben Ebene, ohne Missverständnisse, ohne Filter. Einfach reines Verständnis.
Also eher Intuition als Planung?
Tim: Komplett. Und genau das ist auch der Grund, warum ich das so schätze. Man muss in diesem Moment nichts erklären. Ich spiele etwas und der andere versteht nicht nur die Töne, sondern auch das Gefühl dahinter. Wir sind inzwischen so eng miteinander verbunden, dass es oft keine Worte mehr braucht. Ich kann etwas spielen und die andere Person weiß sofort, was ich meine, ohne dass es schon einen Text oder eine konkrete Struktur gibt. Und genau daraus entsteht dann das Material. Nicht aus Planung, sondern aus Reaktion.
Was bedeutet dir diese Art des Arbeitens?
Tim: Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich das überhaupt mache. Diese Mischung aus Ruhe und absoluter Intensität gleichzeitig. Für diese eine Woche war alles sehr klar. Keine äußeren Erwartungen, keine Ablenkung, nur dieses gemeinsame Arbeiten. Und das ist unglaublich wertvoll. Ich glaube, wir werden das in Zukunft noch viel mehr so machen. Weil es sich einfach richtig anfühlt. Und vielleicht kommt jedes Mal etwas anderes dabei raus, je nachdem, mit welcher Haltung wir reingehen. Genau das macht es spannend.
Doodseskader zwischen Musik als Industrie, Streaming-Realität und dem Wunsch nach mehr Ehrlichkeit im System
Wenn wir über die Musikindustrie sprechen: Was nervt dich am meisten daran und was gibt dir trotzdem das Gefühl, dass es sich lohnt weiterzumachen?
Tim: Was mich am meisten stört, ist, dass es sich oft nicht mehr wirklich um Kunst dreht. Es ist eine Industrie. Und ich sehe da ehrlich gesagt kaum noch einen Unterschied zu irgendeiner Produktionskette, die einfach Dinge in Serie herstellt. Es geht darum, etwas zu reproduzieren, das schon funktioniert. Wenn ein bestimmter Sound erfolgreich war, wird er kopiert, nur leicht angepasst und dann wieder verkauft. Das ist ein System, das auf Wiederholung basiert, nicht auf Risiko. Und durch Plattformen, Playlists und Streaming ist das noch stärker geworden. Alles wird in Kategorien gepresst, damit es besser funktioniert. Aber dadurch geht sehr viel verloren. Auch als Hörer merkst du das irgendwann. Du scrollst und hast das Gefühl, alles klingt gleich, obwohl du eigentlich etwas anderes suchst. Etwas, das dich wirklich trifft.
Trotzdem machst du weiter. Warum?
Tim: Weil wir uns bewusst dagegen entschieden haben, Teil dieses Systems zu sein. Wir haben unser eigenes Label, wir entscheiden selbst, was wir tun und wie wir es tun. Das ist nicht immer bequem. Die finanziellen Margen sind ehrlich gesagt schlecht, wir leben nicht davon im klassischen Sinn. Wir müssen nebenbei arbeiten, es ist anstrengend. Aber das, was am Ende entsteht, ist genau das, was wir wollen. Wenn du das Vinyl in der Hand hältst oder die Shirts siehst, dann ist das nichts, das durch eine Maschine gegangen ist, die auf Profit optimiert ist. Es ist genau so gemacht, wie wir es wollten. Und das ist für mich der Punkt. Es ist nicht der einfache Weg, aber es ist der richtige für uns. Ich glaube auch, dass es diesen Weg für andere geben kann. Er ist nicht bequem, aber er ist möglich. Und vielleicht müssen sich einige Teile der Industrie irgendwann fragen, ob das, was sie tun, wirklich noch mit Musik zu tun hat oder nur noch mit Verwertung.
Streaming ist für viele Künstler ein zweischneidiges Schwert. Einerseits Reichweite, andererseits sehr geringe Bezahlung. Wie siehst du das?
Tim: Ja, Streaming ist so eine Sache. Es wurde uns ja lange erzählt: „Keine Sorge, das gleicht sich über Live-Shows aus, das wird schon funktionieren.“ Aber ehrlich gesagt ist auch das mittlerweile schwierig geworden. Und ich will da auch gar nicht so klingen wie jemand, der sich auf ein Podest stellt und sagt: „Ich bin jetzt der große Kritiker der Industrie.“ Das bin ich nicht. Ich bin einfach nur jemand, der darin arbeitet und es erlebt. Aber wenn man sich das nüchtern anschaut, dann ist es schon offensichtlich, dass Plattformen wie Spotify nicht wirklich im Interesse der Künstler handeln. Es geht dort nicht primär um Musik oder um die Leute, die sie machen. Es ist ein System, das für sich selbst optimiert ist. Und ähnliche Entwicklungen sieht man auch im Live-Bereich. Unternehmen wie Live Nation sind extrem gewachsen, auch durch die Arbeit von unzähligen Künstlern, Crews und Menschen, die das überhaupt erst möglich machen. Aber gleichzeitig entsteht ein System, das immer mehr Kosten auf die Leute am Ende der Kette abwälzt, also auf die Fans und auf die Bands. Ticketpreise, Gebühren, alles drumherum wird immer teurer. Und am Ende hat niemand auf der künstlerischen Seite wirklich etwas davon. Das will so eigentlich niemand.
Du klingst dabei ziemlich deutlich kritisch. Sollte man darüber deiner Meinung nach offener sprechen?
Tim: Ja, ich denke schon. Weil es sonst einfach so weiterläuft, als wäre das alles völlig normal. Aber es ist nicht normal, dass Musik mehr und mehr zu einem reinen Geschäftsmodell wird, in dem kreative Aspekte immer weniger zählen. Musik war mal etwas, das mit Entdeckung zu tun hatte, mit Risiko, mit neuen Ideen. Heute ist vieles davon in industriellen Strukturen verschwunden, die auf Sicherheit und Wiedererkennbarkeit setzen. Ich glaube, man müsste viel klarer trennen zwischen zwei Dingen: der Entertainment-Industrie und dem, was Musik eigentlich als Kunstform sein kann. Beides kann existieren. Es gibt nichts dagegen, Unterhaltung zu machen. Das ist völlig okay. Aber es ist etwas anderes als künstlerische Arbeit, die aus einem echten Ausdruck entsteht.
Was würdest du dir konkret wünschen?
Tim: Ehrlich gesagt einfach mehr Ehrlichkeit im System. Dass man anerkennt, was es ist, und nicht so tut, als wäre alles nur „für die Musik da“, wenn es in Wahrheit oft um ganz andere Dinge geht. Und dass Künstler nicht in ein System gedrängt werden, das sie zwingt, sich ständig anzupassen, zu optimieren und zu funktionieren, nur damit es wirtschaftlich aufgeht. Ich glaube, viele Menschen merken das auch. Sie fühlen, dass sich etwas verändert hat. Und vielleicht ist es wichtig, das auch laut auszusprechen, statt es einfach hinzunehmen.
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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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