Montagslyriker 7-Die Leichtigkeit des Unvergesslichen

Dieser Beitrag enthält Werbung, unbezahlt*


Hallo an euch:-)
Die Reise geht weiter, denn es ist Montag und ihr wisst, was das bedeutet:-)
Die Montagslyriker sind wieder am Start und heute Abend mit geballter Frauenpower. Mein werter Kollege Matthias Breimann und ich stehen schon bereit und sie ebenfalls:-)
Ich freue mich wahnsinnig, dass sie den Weg auf unsere Bühne gefunden hat, denn ich bin ein großer Fan ihrer Schreibe. Sie hat das Herz am rechten Fleck und trifft mit ihren Worte immer den richtigen Ton. Sie kleidet die Erinnerung in Worte, gibt ihr Ton und Farbe. Die Vergangenheit schmückt sie in kleidsame Worte, sodass wir nicht vergessen, nicht vergessen können.
Sie fasst ihre Gedanken in Worte, baut Türme aus Wortgebilden und hinterlässt es für das Morgen.
Heute Abend gibt es hier Wortsprache, die die Wirklichkeit einfängt, festhält und sie unvergesslich macht.
Sie zeigt sich von zwei Seiten, lyrisch und in einer epischen Kurzform und macht als dritte im Bunde den heutigen Abend zu einem unvergesslichen.
Nun lassen wir sie allerdings selbst zu Wort kommen und danken ihr für die Gestaltung des Abends.
Heute Abend für uns:
Barbara Ohl

75790565.jpg
1. Nenne den Schmerz beim Namen. Wer ist der Dämon, der dich zum Schreiben verführte?
Das Wissen um die Spuren der Vergänglichkeit, das Wissen um Versäumtes und eigene
Schicksalsschläge. Gedanken in Lyrik umgesetzt. Lyrik ist eine der schönsten Sprachen, die Sprache der Gefühle, die die Wirklichkeit verwandelt, ohne die Wahrheit zu unterschlagen.
2. Wer dich kennenlernen will, muss wissen, dass du …
Wer mich kennenlernen will, muss wissen, dass ich sehr menschenscheu bin, Oberflächlichkeit, Unzuverlässigkeit, Arroganz und Intoleranz nicht mag. Meine Geheimnisse verrate ich nicht, sonst wären es ja keine mehr;-)
3. Welche Götter verehrst du?
Früher las ich alles, was mir unter die Augen kam, weil ich vielseitig interessiert bin. Heute wähle ich besonnen aus, weil auch die Zeit zum Lesen weniger ist. Beeindruckt haben mich immer die Gedichte der Nelly Sachs.
4. Was tust du, um dein Werk bekannt zu machen?
Während meiner Tätigkeit als Redakteurin bei einem lokalen Magazin veröffentlichte erste Gedichte und Geschichten. Zur Zeit fasziniert mich der Poetry-Slam-Clip. Für mich eine wunderbare Möglichkeit, Lesungen zu veranstalten, ohne in die Öffentlichkeit treten zu müssen. Einige meiner Clips sind auf YouTube zu finden.
Ich veröffentliche meine Bücher als Self Publisher und nutze das Internet: Barbara Ohl und Hinter dieser Welt
5. Und nun, zeige dich! 

75790582.jpg

1.
Mit fünfundzwanzig lief ich barfuß
durch das Gras
sammelte Tautropfenträume
im Sonnenschein
lebte in diesen Träumen
und vergaß die Wirklichkeit
Mit fünfundvierzig lief ich barfuß
über Scherben
sammelte tote Vögel
log und betrog
krallte mich an der blutüberströmten
untergehenden Sonne
Mit fünfundsechzig laufe ich barfuß
im Schnee
spüre nicht, wie ich friere
sammele seufzend Zeit
und warte auf den Sonnenaufgang …
jeden verdammten Tag …
©Barbara Ohl

75790579.jpg

2. Die Närrin
Der Frust sitzt so tief,
direkt neben dem Alltagsmief.
Alles schön untern Teppich kehren,
Probleme von allein sich mehren.
Ertrinke in deiner Worte Flut,
verberge meine Wut,
die sich in die Seele frisst,
die nichts vergisst.
Kann nicht atmen in deiner Näh,
die Luft ist stickig und zäh.
Meine Stimme zu Staub zerfiel.
Dein lautes Geschrei infantil.
Oft knirsche ich mit den Zähnen,
und manchmal fließen Tränen.
Dann hilft nur Flucht nach innen,
um mich zu besinnen.
Ich Närrin, ich dummes Ding,
du bist der Irrtum, den ich beging.
©Barbara Ohl

75790574.jpg
Immer das Gleiche
Ein Tag wie jeder andere, denkst du. Ja, jeder Tag ist irgendwie gleich. Und du bist auch gleich. Immer die Gleiche an jedem gottverdammten Tag. Wann hört das auf, fragst du dich, während du dir eine Zigarette anzündest. Die Antwort bleibst du dir schuldig. Der Qualm schnörkelt sich durch den Raum, setzt sich in den Vorhängen fest. Aber das interessiert dich nicht, weil es immer das Gleiche ist. Du gehst zu deinem Schreibtisch. Ein Chaos aus Papieren, vollgekritzelten Notizzettel und ein Aschenbecher, der überquillt. Du schielst zur Rotweinflasche, die mitten in diesem Durcheinander steht. Nein, denkst du dir, es ist noch zu früh, nicht bevor es dunkel wird. Es ist immer das Gleiche, jeden Abend. Gedankenverloren benetzt die Zunge deine ausgetrockneten Lippen. Die Dämmerung schleicht vor dein Fenster und du denkst an deine Mutter, der die Falten lachend ins Gesicht sprangen und das Herz aus dem rot gemalten Mund. Sie war so wunderschön und strahlend. Und dann hat sie die Nabelschnur gekappt, ist einfach gestorben. Sie hat dich in der Dunkelheit zurückgelassen. Diese Dunkelheit, die du so fürchtest, auch noch mit Fünfundvierzig Jahren. Der Krebs hatte sie von innen aufgefressen, nur ihrem Herz und ihrem Kopf konnte er nichts anhaben. Ihre Gedanken waren so klar, sie konnte selbst dem Tod noch etwas Positives abgewinnen. Das Herz, das so groß war wie ein Haus, hörte nicht auf zu lieben aber an einem großen Herzen ist noch niemand gestorben, denkst du. Die Rotweinflasche blinzelt dir rubinrot zu und du steckst dir, du weißt nicht die wievielte, Zigarette an. Die Glut zischt im Halbdunkel.
Du denkst an deine Kinder. Der Himmel hatte ihnen Sterne in die müden Augen gelegt und dann wurden sie selbst zu kleinen Sternen. Früher hast du deinen Sternen Gutenachtgeschichten erzählt und Schlaflieder gesungen. Heute versagt dir die Stimme, brüchig geworden von lauter Schweigen. Sie waren so klein und so zerbrechlich als du sie aus deinem Schoß heraus gepresst hast, in eine Welt die viel zu kalt, zu laut und zu grell für sie war. So viel Liebe war in dir, selbst als sie nur so groß wie Pflaumenkerne waren. Sie wuchsen in dir, deine Liebe wuchs mit und dann waren sie nicht mehr da und du wusstest nicht wohin mit all der Liebe. Tief ziehst du an der Zigarette, der Rauch staut sich in deiner Lunge und hörbar bläst du ihn wieder hinaus. Dein Mund giert nach einem Schluck, nur ein Schluck um das leise Zittern in deinem Herzen zu beruhigen. Ein Abend wie jeder anderer und jeder Abend ist gleich. Die Dunkelheit senkt sich über die Stadt und du gießt das Glas voll. Ein würziger Duft steigt dir in die Nase, ein Duft wie Herbst mit Nebelschwaden in den Tälern am frühen Morgen, knorrigen Ästen, buntem Laub und roten Sonnenuntergänge. Du nimmst einen kräftigen Schluck. Dann atmest du und schluckst, atmest und schluckst, bis das Glas geleert ist. Eine wohlige Wärme breitet sich in deinem Körper aus und deine Gedanken können eine Weile ausruhen. Es ist immer das Gleiche. Du bist immer die Gleiche. Nach dem zweiten Glas Wein versuchst du, ein Lied zu summen. Deine Stimmbänder sind eingerostet und es kommt nur ein Krächzen aus deinem Mund, also lässt du es.
Du denkst an ihn, der dich fast zu Tode geliebt hat. Der deine Träume in einen Käfig sperrte. Du spürst noch die unsichtbaren Fesseln, die tief in deine Seele drangen, die dir einen Bewegungsfreiraum zwischen Herd und Ehebett gestatteten. Wie befreit man sich aus dem Zwang, bleiben zu müssen? Jede Faser in dir schrie nach Freiheit. Dieses unfrei sein hast du gehasst und am Ende hast du auch ihn gehasst. Hass ist, wie Gift trinken und hoffen, dass der andere stirbt. Die Flasche war leer und du entkorkst eine neue. Wein ist wie Medizin, denkst du oder doch eher wie Gift? Gleichgültig! Mit fahrigen Händen schenkst du das Glas voll, nicht zu voll sonst verschüttest du die Hälfte. Langsam werden die Augen müde, die Augenlider schwer aber nicht deine Gedanken, die wirr in deinem Kopf tanzen. Mit schwankenden Schritten gehst du zum Fenster, starrst in die Dunkelheit, dieses endlose Dunkel, vor dem du dich so fürchtest. Du denkst an Türen, große schwere Türen, aus Eichenholz mit Schnitzereien, die knarrend Menschen verschlingen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Menschen tot oder lebendig sind. Sie werden einfach von diesen Türen verschlungen. Die Menschen gehen hindurch und sind dann spurlos verschwunden. Der Alkohol zeigt seine Wirkung, die Gedanken schweigen. Das Schweigen beginnt immer dann, wenn du genug hast vom Weiterleben.
Und dann denkst du doch wieder. Du denkst, es ist immer das Gleiche und ich bin immer die Gleiche in jeder dunklen Nacht.

———————————
Einige meiner veröffentlichten Bücher:

—————-
Hinter dieser Welt
Lyrik
ISBN 9783739219981
BoD Verlag

Entzauberte Welt
Lyrik
ISBN 9783741275791
BoD Verlag

Die Verlorenen dieser Welt
Kurzgeschichten, Prosa
ISBN 9783743151109
BoD Verlag

Eine Reise zwischen Licht und Schatten
Lyrik, Gedichte, Kurzgeschichten
ISBN 9783744890052
BoD Verlag

Einhundertundelf Elfchen
Gedichte
ISBN 9783746036328
BoD Verlag

Frostgrenze
Gedichte, Kurzgeschichten
ISBN 9783746056579
BoD Verlag

Das Schmetterlingsmädchen Hannah
Kurzgeschichte, Teil 1
E-Book
ISBN-13: 9783752811018
BoD Verlag

Gedanken am Rande
Gedichte, Geschichten
ISBN 9783752855005
BoD Verlag

E Stick vum Glick
Pfälzer Mundart
ISBN 9783748191254
BoD Verlag

Von Freundschaften und anderen Träumen
Geschichten für Kinder und Erwachsene
ISBN 9783748102519
BoD Verlag

9 Gedanken zu „Montagslyriker 7-Die Leichtigkeit des Unvergesslichen

    1. Liebsten Dank 🙏
      Ein herzliches Dankeschön aber an dich für deine Teilnahme und auch für deine Geduld 🙏
      Wenn und dein Beitrag gelungen ist, dann freuen wir uns natürlich und herzlich Willkommen bei den Montagslyrikern ❤️

  1. Ein sehr wortgewandter kluger Montagslyriker Auftritt, Barbara Ohl.
    Dazu noch ein so umfangreiches Werk in Buchform, Glückwunsch und Respekt.
    Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg und Spaß!

  2. Ich bin schwer beeindruckt und tief berührt, Barbara Ohl!
    Wunderbare Texte und Gedanken.

    Schade, dass man der Homepage nicht „folgen“ kann bzw. kein Newsletter möglich, aber ich werde sie unter meine Favoriten ablegen und ganz oft rein schauen, damit ich nichts versäume!
    Grüße aus Österreich.
    Manuela

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.