Montagslyriker 9: Judith Barro_die Vergänglichkeit des Schauspiels

Hallo an euch:-)


Nach einer kleinen Pause, stehen die Montagslyriker wieder am Start. Mein werter Kollege Matthias Breimann und ich begrüßen euch herzlich, aber um uns geht es nicht:-)
Heute Abend rockt sie unsere Bühne und heute hat sie sich in ihre schönsten Worte gekleidet und führt uns ihr lyrisches Stück vor.
Seit Anbeginn schon zwang sie ihr Dämon zum Schreiben. Schreibend entflieht sie dem Schauspiel des Alltags. Ganz maskenlos ist sie ihr eigenes Ich, wenn sie ihre Worte zu Papier bringt.
Schwäche, Ängste und Schmerz versteckt sie gerne unter Masken, die sie beim Schreiben ablegt, um ihr Gesicht zu zeigen. In ihren Worten steckt ihr Ich, steckt die Wahrheit, die Reinheit ihrer Seele.
Das Wort hält sie fest, während der Rest der Vergänglichkeit geweiht ist.
Doch möchten wir nicht mehr Worte verlieren, sondern lasse sie zu Wort kommen, lassen ihre Worte sprechen.
Herzliche Dank und herzlich Willkommen
Judith Barro

Judith Barro Instagram

1. Nenne den Schmerz beim Namen/ Welcher Dämon hat mich zum Schreiben verführt?

Ehrlich gesagt, weiß ich das gar nicht mehr genau. Ich habe schon immer geschrieben, seit ich denken bzw. schreiben kann. Ich würde sagen, es war ein Teil von mir – mein innerer Dämon sozusagen, der gesehen werden wollte, der immerzu rief: „Schreibe! Lass all deinen Seelenmüll, deinen Schmerz, deine Träume und Sehnsüchte aufs Papier wandern!“
Und genau das tat ich.

2. Wer mich kennenlernen will muss wissen, dass ich…

…oft Masken trage und Rollen spiele. Ich versuche dadurch meine vielen Alltagsängste, meine Schwächen, meinen Schmerz, all die Dinge, die mir zusetzen zu verbergen. Leider passiert es oft, dass ich mich dann selbst nicht mehr finde unter all den Verkleidungen.
Vielleicht ist das aber auch mit ein Grund weshalb ich schreibe. Beim Schreiben kann ich ICH sein. Ich brauche mich nicht zu verstellen. Beim Schreiben bin ich ehrlich. Und Ehrlichkeit ist eine Tugend, die ich sehr schätze, obwohl ich es im Alltag oft nicht bin.
Ein weiteres Handycap ist meine Ungeduld und die Tatsache, dass ich zu viele Reize von außen nicht aushalten kann. Hier finde ich Ausgleich in der Natur. Bei der Gartenarbeit oder bei Streifzügen durch unsere heimischen Wälder kann ich gut zu mir finden. Dann werde ich weich und offen, alle Rollenspiele fallen von mir ab und ich fühle mich verbunden mit allem was Leben ist.

3. Welche Götter verehre ich?

Wie schon gesagt, finde ich viel Inspiration in der Natur.
Eine Göttin aber, die ich tatsächlich verehre, ist die hinduistische Göttin Kali. Sie repräsentiert die Vergänglichkeit. Sie will uns zeigen, dass nichts bleibt wie es ist, dass alles aus dem schwarzen Nichts kommt und dort wieder zurückkehrt.
Eine Künstlerin, die mich in meiner frühesten Jugendzeit stark geprägt hat, ist die britische Sängerin, Songwriterin und Poetin Anne Clark.
Ein weiterer Mensch, den ich sehr feiere, ist der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl, ein großartiger Geschichtenerzähler, der mich mit seinem tiefen Wissen um die Ursprünge des Seins immer wieder beeindruckt und inspiriert.

4. Was tue ich um mein Werk bekannt zu machen?

Eigentlich hatte ich nie die Absicht meine Werke bekannt zu machen. Ich habe immer nur für mich selbst geschrieben, einfach weil es mir gut tat.
Irgendwann allerdings dachte ich mir: „Judith, jetzt wirst du langsam alt! Du steuerst allmählich auf die Fünfzig zu! Es wäre doch schade, wenn du irgendwann diese Welt verlässt und kein Mensch je etwas von dir gelesen hat.“
Und so begann ich meine Gedichte auf Instagram @judith.barro zu veröffentlichen.
Für die nahe Zukunft ist die Veröffentlichung meines Gedichtbands „Zwischenzeitlich leben“ geplant, den ich bereits für Freunde und Verwandte habe drucken lassen.

5. Und nun zeige dich!

Sie war immer auf der Suche
nach Vollkommenheit
und Perfektion,
nach dem perfekten Leben,
und der perfekten Form,
nach der idealen Beziehung,
und dem einzigartigen Job.
Doch ihr Supermann entpuppte sich als
Blödmann
und von den Kollegen wurd` sie nur gemobbt.
Dennoch gab sie nicht auf zu suchen,
nach dem Abbild ihrer Welt.
Und hat dabei vergessen,
dass ihr das Wichtigste im Leben fehlt.
So zogen mit all der Suche
die Jahre in das Land,
die Falten wurden weg gespritzt,
doch sie hatte immer noch nicht erkannt,
dass die Vollkommenheit in ihr selbst liegt,
und nicht im äußeren Schein,
dass Liebe viel, viel mehr ist,
als Karriere, Geld und teurer Wein.
So ward` sie frustriert und einsam,
kam einfach nicht ins Lot,
nahm sich enttäuscht das Leben,
und starb ´nen bitteren Tod.

 

 

 

ALLTAGSKRAM

Vergessen
Wäsche waschen
Windeln wechseln
Haushaltspläne erstellen
einkaufen
putzen
kranke Kinder pflegen
Termine wahrnehmen
seichte Gespräche und Routinesex
Vorhänge des Vergessens aufhängen
Vergessen woher wir kamen
was wir wollten
wer wir sind

 

LEBEN

Leben,
konserviert und eingesperrt,
gepudert, überschminkt, verkleidet.
Leben,
festgehalten mit einem Lachsmiley
auf Facebook.
Leben,
Anhäufung verschiedenster
Status Symbole,
Theaterspiel im Außen,
krampfhaftes Unterdrücken und Verstecken
von Ängsten und Bedürfnissen.

– Leben im Einmachglas –

 

Der ganz normale Wahnsinn

Um 6 Uhr schrillt der Wecker,
der Manne der steht auf.
Der Kaffeeautomat mahlt und brüht die Bohnen
und wirft noch Milchschaum oben drauf.
Im Stehen liest er die Zeitung,
schon wieder mal gibt’s Krieg,
Massenmorde, Korruption,
und weit und breit kein Sieg.
So hetzt er los mit seinem Auto
durch die Straßen dieser Welt,
fährt von einem Meeting zum andern,
und spürt dass irgendetwas fehlt.
Schnell was essen im Vorbeigehen,
und ´nen Kaffee rein geschüttet.
Das Handy piept und klingelt.
Ein Kollege ihn um etwas bittet:
„Ach könntest du heut` wohl länger machen?
Ich muss dringend heim zu meiner Frau.“
„Ja klar Mann, ist doch selbstverständlich.
Tu ich sowieso und ganz genau.“
Sein Herz, das rast,
der Schweiß, der läuft,
der Manne der rotiert.
Die Tretmühle des Lebens hält ihn fest im Griff.
Der Manne fühlt sich angeschmiert.
Ist das denn Leben?

denkt er sich,
das kann doch wohl nicht sein?
Da fehlt doch was, ich will noch mehr,
nicht nur Arbeit, Stress und hohlen Schein.
Dabei hat er doch wirklich alles,
´nen angesehenen Beruf
und sehr viel Geld,
ein riesen Haus,
ein schickes Auto,
´ne geile Frau,
das ist es doch, was zählt.
Doch irgendwann lief das Fass dann über,
der Manne sah nur noch rot.
Er tobte, schrie und kippte um.
Drei Tage später war er tot.

 

Judith Barro Instagram

 

3 Gedanken zu „Montagslyriker 9: Judith Barro_die Vergänglichkeit des Schauspiels

  1. Die Werkauswahl der heutigen Montagslyrikerin, Judith Barro, könnte man gut und gerne unter das Motto – Lebensbeschreibung – stellen.
    Es kommt halt viel Alltag, der auch mal in den bekannten Trott mündet, aber auch komödiantische Seiten aufzeigt; siehe vor allem die letzten Zeien von: „Der ganz normale Wahnsinn“.
    Mögen ihr noch viele – lebendige Worte – einfallen und zahlreiche Leser zum Nachdenken wie Schmunzeln bringen. Viel Erfolg und Freude beim Schreiben weiterhin.

  2. Die Texte erinnern einen daran, wie Hektik, Stress und Anerkennung unser Leben bestimmen und daran, dass wir falsche Prioritäten setzen und so unser Leben nicht wirklich ausleben können.
    Danke für diese Erinnerung.
    Mit lieben Grüßen
    Olga

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.